Im Dämmer

Ich sitze auf der Toilette, es fällt nur wenig morgendliches Zwielicht aus dem grauen Himmel durch ein schmales Fenster in den Raum. Ich bin eben erst aufgestanden und noch umfangen von den Träumen dieser Nacht. Klebrig und böswillig hängen sie an mir, haben sich so in mein Hirn gedrängt, daß es auch nach dem Erwachen noch an ihnen weitergedacht hat, von der Selbsterniedrigung berauscht.

Während ich sitze und warte, das Hirn und meine Glieder frei werden von dem Blei, das sich in ihnen gesammelt hat, lese ich. Zu Zerschlagen, um Papier in die Hand zu nehmen, lese ich in den kraftlosen Schatten, die in den Falten und im Flor eines Handtuchs liegen. Auf diesem Handtuch malt das Morgenlicht geschwungene Linien, sinnlose Figuren, die ihr Aussehen ständig wandeln, sobald ich nur meine Augen bewege.

Aber da ist eine Figur, die unverändert bleibt. Zuerst fällt mir nur wenig auf: Ein klar hervortretender Bereich in dem Geflirre auf dem Handtuch. Vorsichtig, um das Bild nicht zerstieben zu lassen, blicke ich es an. Ein schreiendes Gesicht malen die zufälligen Schatten mir vor die Nase. Ein schreiendes Gesicht, Augen weit aufgerissen, mächtig hervortretende Backenknochen, schmales, langes Kinn. Ein leerer, weit aufsteheder Mund. Alles ein stummer Schrei. Irgendwie passt dieser nackte Schädel zu meinen Träumen, das fällt mir noch ein. Aber wie, daß bleibt verborgen hinter einer flirrenden Formlosigkeit, die nun auch in meinen Kopf geraten ist. Dieses graue, unklare Licht, das diesen Schädel da vor mir – immer noch – erscheinen läßt, der mich stumm, peinvoll anschreit. Dises graue, bleierne Licht überspült jetzt auch mich, spült die Konturen des Traumes fort. Aber nicht, daß sich dadurch endlich klare Wachheit einstellen könnte. Ich bleibe in einem leeren Zwischenbereich, in dem nur schattenhafte Umrisse wach und träumend, wirkliches und eingebildetes voneinander trennen.

Ich und dieser unablässig brüllende Schädel, der mir vielleicht in dieser Nacht schon begegnet ist, wir teilen uns dieses Zwischenreich, diese Toilette mit kalten Fliesen und schmutzigem Licht. Wenn wir miteinander sprechen könnten. Aber er ist dort auf dem Flor eines Handtuchs und ich bin hier, auf den Fliesen, und beide sind wir füreinander stumm.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Blendungen und getagged , , , , , . Bookmarken: Permanent-Link. Kommentieren oder ein Trackback hinterlassen: Trackback-URL.

Ihr Kommentar

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder verteilt. Benötigte Felder sind mit * markiert

*
*

Du kannst diese HTML Tags und Attribute verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

  • Rauhfaseln?

    Zum Beispiel so:

    Der einzige Drogentrip, auf den ich wirklich nicht verzichten möchte, sind Nächte, in denen ich aus Angst nicht schlafen kann.

    Hier gibt es mehr davon, Worte auf Worte, dem geneigten Leser präsentiert in mehreren Versuchsanordnungen.

  • Zufällig…