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Rauhfaseln?
Hier gibt es Worte auf Worte, dem geneigten Leser präsentiert in mehreren Versuchsanordnungen.
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Eine konfabulierteKonfabulation ist »die Produktion von objektiv falschen Aussagen« bzw. von Märchen (lat. fabula), wobei der Konfabulierende von der Gültigkeit seiner Aussagen mehr oder weniger fest überzeugt ist. Es kann eine hirnorganische Störung zugrundeliegen oder auch der bei Gesunden gelegentlich vorkommende Drang, sich an mehr zu erinnern, als tatsächlich der Fall ist (z.B. bei Kindheitserinnerungen oder bei der Befragung eines Zeugen vor Gericht; es sind sog. provozierte K.).
Die spontane K. liegt vor, wenn die Fähigkeit gestört ist, eigene Einfälle von realen Sachverhalten zu unterscheiden. (»Patients with Korsakoff's syndrome characteristically confabulate by guessing an answer or imagining an event and then mistaking their guess or imagination for an actual memory. [Wikipedia]« Realienkunde, ein Thesaurus, bar jeder Notwendigkeit assoziiert, eine Sammlung von Marginalien, über die im Unklaren zu bleiben, ich nicht auf mich nehmen wollte. Dem geneigten Leser im jeweiligen Kontext unterbreitet, in alphabetischer Ordnung. Anregungen für weitere Stichworte werden gerne entgegengenommen.
Hier gibt es Worte auf Worte, dem geneigten Leser präsentiert in mehreren Versuchsanordnungen.
¶ »...durch dein Gnade hilf mir, das in mir mein Name abgehe und ich zu nichte werde.« (Luther) (9. 5. / 14 Uhr)
¶ »Die meisten Luxusgüter und viele der sogenannten Bedürfnisse des täglichen Lebens sind nicht nur entbehrlich, sondern sogar Hindernisse für die Entwicklung des Menschen. Ein Mensch ist so reich wie die Anzahl der Dinge, auf die er verzichten kann.« (Henry David Thoreau) (6. 5. / 16 Uhr)
¶ »Gebärden und äußerer Anstand verkündigen einen Mann, den die Welt ausgebildet hat.« (Schiller) (2. 5. / 14 Uhr)
¶ »One’s destination is never a place, but a new way of seeing things.« (Henry Miller) → (10. 4. / 17 Uhr)
¶ da seh ich wundernd das erschrockne thier
zu einer nonne füszen zitternd liegen [...]
sie aber blickt mit groszen augen flehend
mich an. so stehn wir schweigend gegen einander → (10. 4. / 15 Uhr)
¶ »Tissot erzählt von einem Kranken, der im Anfang der Krankheit schwarze Galle brach, und noch einige Stunden vor seinem Tode faselnd und mit Heftigkeit eine Aderläß verlangte, → (4. 4. / 15 Uhr)
¶ »der hungir wart also gross dar czu,
das sy frossin er aldin schu,
spru, trebir, unde waz sy mochtin gehan.« → (3. 4. / 13 Uhr)
¶ »wer sein selbst kan seyn, der diene kaim.« Aber die Sprichwortsphäre scheint sich dieser Unbeugsamkeit nicht ganz sicher zu sein, denn: »wer sein selbst ist, der ist des teufels knecht.« → (3. 4. / 13 Uhr)
¶ »...dass der Mensch an sich als universell kriminelles Wesen auf die Welt kommt, aber durch die Erziehung sozialisiert wird und dann sich in der Regel normal verhält. « (Reinhard Haller) → (2. 4. / 19 Uhr)
¶ »Es ist eine Zeit für die Muße,
es ist eine Zeit für den Streit,
es ist eine Zeit für die Buße,
für alles die richtige Zeit. → (24. 3. / 15 Uhr)
¶ 自動思考 (Jidō shikō) bedeutet »Gedankenautomat« oder »automatische Gedanken«. (23. 3. / 10 Uhr)
¶ Die Wasseraffen-Theorie (oder die »Litoraltheorie der Hominisation«), die evolutionäre Psychologie (die »Modularität des Geistes«) und daß die Angst vor Krokodilen vielleicht die älteste ist. (22. 3. / 23 Uhr)
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Identitätsmanagement, die Work-Life-Balance, rollende Soundpanzer, Finanzvehikel und die »Hydra-Logik« (21. 3. / 15 Uhr)
¶ Das eigentliche sind nie die Einzelheiten sondern das, wie sich alles Einzelne zu einer großen Gestimmtheit verwebt. → (21. 3. / 14 Uhr)
¶ »Klötßze« scheint mir, auch wenn es lediglich das homunkulöse Ergebnis eines Computerlesefehlers ist, ein urteutonisches Wort zu sein. (29. 2. / 20 Uhr)
¶ »I wanted to amplify that quite explicit but often entirely invisible friction that's constantly surrounding us between things that we do and the consequences of our actions...« → (3. 2. / 17 Uhr)
¶ »Was heißt es anders als der Vernunft entsagen, wenn iemand ein höchstes Wesen läugnet, das alle Dinge erhält, regirt, und was ewig im Begrif ist, aus einander zu fallen...« → (24. 1. / 12 Uhr)
¶ »Was ist für ein fixer Punkt meines unveränderlichen Daseyns in mir, vermöge dessen ich trotz alles Abreibens und Wegdünstens der Materie doch immer der Nämliche bin? [...] → (18. 1. / 12 Uhr)
¶ »Im Schlaf empfand er Schmerz. Gern und oft, u. geschickt bringt die Phantasirende Seele im Traum ihr bilderreiches Spiel mit der Disposition u. den Empfindungen des Körpers in Verbindung. → (17. 1. / 13 Uhr)
¶ »Je befriedigender die Gegenwart ist, desto zufridener Ruht auf ihr das Auge; wozu alsdann der Blick in die Zukunft, der mehr zehrt als sättigt?« (J.P. Hebel, Notiz zu Ps. 45) (17. 1. / 12 Uhr)



Auspicium (2)
>> zum ersten Teil >>
Die Brücke lag hinter ihm und er bog wahllos in eine Straße ein. Lagerhallen standen hier aufgereiht, graue Mauern und fensterlose Wellblechwände auch hier. Weiter hinten offenbar Verwaltungsgebäude, mit zahllosen, unbeleuchteten Fenstern und je einem Firmenschild, dies allerdings hell erleuchtet, und das Licht spiegelte sich in den Regenfäden und Pfützen, die auf der Straße anschwollen. Ein abgestellter Sattelschlepper und ein zerbeulter Container für Bauschutt — sonst nichts. Das war die richtige Straße.
Er tauchte hinein in die Dunkelheit, die sich allmählich zwischen den Laternen sammelte. Er stellte sich vor, wie es wäre, hier erschlagen zu werden. Wie sich sein Blut mit den Bächen aus Regenwasser vermischen, sich an gelbbraunen Blättern stauen würde, um dann in die Kanalisation gespült zu werden. Wie würde es wohl sein, hier auf dem Pflaster zu liegen, niedergeschlagen und blutend, wie würde wohl ein Bordstein aussehen, wenn er bei ihm läge wie zum Schlaf? Er ging weiter und berauschte sich an sich selbst. Dahinter aber war ein Lauern.
Er war hundert Meter weit vorgedrungen. Da sah er im Schatten hinter einem abgestellten Container eine Bewegung. Was war das? Da stand jemand am Straßenrand! Er zog sich einen Augenblick furchtsam zusammen, bis er schließlich erkannte: Die Gestalt trug ja einen Regenschirm. Das Vorhandensein eines Schirms ließ, er wußte nicht recht, warum, seine Furcht grundlos erscheinen. Wie sollte jemand, der einen anderen erschlagen wollte, einen Regenschirm tragen? Es waren noch drei, vier zögerliche Schritte nötig, bis er sehen konnte, daß die Figur im Mantel nicht besonders groß war. Er konnte Stiefel glänzen sehen — das war anscheinend eine Frau.
Sie blickte unverwandt auf den Boden, sie starrte etwas an, das offenbar im Rinnstein lag. Er blieb in einiger Entfernung stehen. Die Frau hatte ihn nicht bemerkt. Er konnte aber nicht einfach weiter, sie war ein unüberwindbares Hindernis, wie sie da mit auf den Boden gehefteten Blick stand. Er würde auf dieser einsamen Straße, an diesem für einen Spaziergang ganz abwegigen Ort, nicht an ihr vorübergehen können, ohne eine Erklärung zu geben und eine Erklärung zu fordern.
Sie war im Zwielicht kaum zu erkennen, bloß ein eigenschaftsloser dunkler Mantel, Stiefel und eine Hand am Schirmgriff, von einem Lederhandschuh verhüllt. Der Schirm war offenbar dunkelrot und die Hand war schmal. Der Schirm verdeckte ihren Kopf. Was hielt sie so sehr im Bann, daß diese Frau in Dunkelheit und Regen stehenblieb, leicht vorgebeugt und ohne Regungen? Aber was hatte denn ihn bis hierher getrieben, weit weg von allen Orten, auf die er ein Recht hatte?
Der Schirm kippte jetzt ein wenig, er konnte eine Wange aufblitzen sehen und Spitzen von blondem Haar. Dann, nach einer weiteren geringfügigen Bewegung, verschwand ihr Kopf wieder unter dem Schirm. Er rang mit den Händen, das Gewicht auf einem Bein, das er schon für den nächsten Schritt vor sich gestellt hatte.
Er suchte den Boden ab und fand einen daumennagelgroßen Stein im struppigen Gras neben dem Gehweg. Den hob er auf, er mußte endlich freikommen. Sie mußte ihn bemerken, sich bewegen, ihm den Weg freigeben. Er wollte den Stein gegen ihren Schirm werfen oder an die Wand hinter ihr, damit sie aufblickte und ihn sah oder erschreckt davonlief. — Er ließ den Stein aus seiner Hand gleiten. Er hörte zwischen den Regentropfen das kleine Geräusch, das der Stein auf einer Gehwegplatte verursachte. So ging es nicht. Wer war er denn?
Die Frau bewegte sich endlich. Sie richtete sich um das wenige auf, das sie bislang vorgebeugt gewesen war. Sie hob die freie Hand an ihr Gesicht und ließ den Schirm sinken. Er konnte ihr Gesicht sehen, auf dem ein besorgter Ausdruck lag. Ihr blondes Haar war zu einem Pagenkopf geschnitten und wurde jetzt vom Regen naß. Sie hatte den Schirm so auf eine Schulter gestützt, daß er in der Luft hing, ohne sie vom Regen zu trennen. Sie blickte auf und wischte sich in einer leichten Geste über die Stirn.
Sie hatte ihn wohl aus dem Augenwinkel bemerkt. Sie drehte ruckartig den Kopf und starrte ihn an. Sie war erschreckt, wie sollte es auch anders sein. Sie machte einen schnellen Schritt rückwärts und der Schirm fiel zu Boden. Sie faßte sich schnell und die Furcht, die kurz aufgeflackert war, verschwand wieder. Jetzt starrte sie ihn an, unwillig, abweisend und wortlos. Das Licht der Straßenlaterne warf harte Schatten in ihr Gesicht. Sie war schön.
Er mußte etwas sagen. Jetzt war er zum Hindernis, zur Störung geworden, er mußte sich erklären. Er räusperte sich, seine Kehle war zugeschnürt.
»Was?«, brachte er schließlich hervor und wußte nicht weiter.
Sie zog die Brauen zusammen. Dann streckte sie eine Hand aus und wies auf die Straße. Er konnte dort, wo ihr Finger hinwies, nichts erkennen.
Langsam und unsicher machte er ein paar Schritte forwärts. Seine Beine waren wie aus feuchtem Ton.
Da lag etwas auf dem nassen Asphalt, ein Klumpen, nicht viel Größer als eine Faust. Er kam langsam heran und beugte sich ein wenig herab, er stand jetzt da wie die Frau gestanden hatte. Da lag ein Vogel. Das Gefieder war mit breiten Strichen gezeichnet, die Flügel ausgebreitet, die Schwanzfedern aufgefächert. Ein Reifen war über den Vogel hinweggegangen und hatte ihn in den Asphalt gepresst. Nur der Kopf war unversehrt. Der Kadaver sah aus, als wäre er mitten im Flug. Der Vogel blickte zur Seite, den Schnabel vorgestreckt, er sah sich um, die Straße hinab in die Richtung, aus der er gekommen war.
Die Frau stand jetzt neben ihm. Sie sagte mit regenkalter Stimme: »Ich verstehe das nicht.« Es klang wie eine Frage.
Ihm wollte keine Antwort einfallen. Die Frage ging ja wohl auch nicht an ihn. »Ja«, sagte er bloß und nach einer Weile wiederum: »Ja.«
Und da erkannte er, was ihn bei seiner schleichenden Flucht belauert hatte und sich unter seinem Trotz verborgen hatte.
Er hob den Blick und forschte im Gesicht der blonden Frau. Sie hob, als wäre sie selbst der Vogel geworden bei ihrem langen Grübeln, ebenfalls in einer schnellen, fliegenden Bewegung den Kopf.
Sie sahen sich an. Er rutschte ab und glitt in ihren Blick wie man auf einer Geröllhalde abrutscht. Es verursachte ihm Schwindel. Es war vielleicht Zärtlichkeit im Gesicht der Frau. Er konnte es nicht sicher erkennen wegen der Schatten, die über allem lagen. Es war vielleicht Zärtlichkeit.
Sie stellte noch eine Frage, ohne eigentlich etwas zu sagen. Er strich ihr über das nasse Haar, kurz, unsicher, ohne sie wirklich zu berühren. Dann drehte er um und ging. Er sah sich nicht um, ging schnell und ungeduldig. Die Ahnung, die ihm bis hierher nachgeschlichen war, hatte ihn fast erreicht, fast gestellt hatte sie ihn. Hier gab es keine Deckung, er mußte schnell zurück.
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