Eine konfabulierteKonfabulation ist »die Produktion von objektiv falschen Aussagen« bzw. von Märchen (lat. fabula), wobei der Konfabulierende von der Gültigkeit seiner Aussagen mehr oder weniger fest überzeugt ist. Es kann eine hirn­organische Störung zugrunde­liegen oder auch der bei Gesunden gelegentlich vorkommende Drang, sich an mehr zu erinnern, als tatsächlich der Fall ist (z.B. bei Kindheits­erinnerungen oder bei der Befragung eines Zeugen vor Gericht; es sind sog. provozierte K.).
  Die spontane K. liegt vor, wenn die Fähigkeit gestört ist, eigene Einfälle von realen Sach­verhalten zu unterscheiden. (»Patients with Korsakoff's syndrome characteristically confabulate by guessing an answer or imagining an event and then mistaking their guess or imagination for an actual memory. [Wikipedia]«
Realienkunde, ein Thesaurus, bar jeder Notwendigkeit assoziiert, eine Sammlung von Marginalien, über die im Unklaren zu bleiben, ich nicht auf mich nehmen wollte. Dem geneigten Leser im jeweiligen Kontext unterbreitet, in alphabetischer Ordnung. Anregungen für weitere Stichworte werden gerne entgegengenommen.

Cum femina

In der Reihe: »Stilübung (a)«

Was war mit Cornelius geschehen? In den ersten Wochen war ihr diese Frage häufig durch den Kopf gegangen. Aber dann, als immer mehr Zeit verstrichen war, hatte die Unklarheit über Cornelius′ Geschick ihre drängende, grelle Färbung nach und nach verloren. Sie stellte überrascht fest, daß sie nun schon seit vielen Wochen gar nicht mehr an ihn gedacht hatte. Und sie wunderte sich darüber, wie leicht der Alltag alles außergewöhnliche rundschleifen konnte, bis keine Spitze mehr daran blieb, an der man sich stach.

Dabei hatte sie ihn am Anfang fast schon schmerzlich vermißt. Sie hatte viel Spaß an ihm gehabt. Sie hatte freude gehabt an seinem ausufernden Humor, seinem immer komplizierten Verhältnis zu den Konventionen und seiner etwas plumpen Galanterie. Sie hatte sich sehr für ihn gefreut, als er angekündigt hatte, für ein Jahr aus seinem Beruf Aussteigen zu wollen. Zusammen hatten sie Ideen gesammelt für die viele freie Zeit. Und dann, in den ersten Tagen dieses Jahres, war er aufgeblüht, war immer lebhafter geworden, indem er nichts tat. Er hatte sich vorgenommen, in den ersten Wochen bloß in Cafes zu sitzen, hatte ihr angekündigt, nun allen aufgeschobenen Unsinn anzustellen, er hatte sie gebeten, dabei Komplizin zu sein. Sie lächelte bei dieser Erinnerung und dabei geschah es tatsächlich, das sich eine Messerspitze Schmerz hineinmischte. Sie vermisste ihn.

Dann ereignete sich jener sonderbare Abend. Er hatte sie eingeladen, sie war pünktlich, drückte beschwingt auf den Klingelknopf und erwartete, gleich einen gelösten Cornelius vor sich zu sehen. Doch als er die Tür öffnete. Sie erschrak gleich nach dem ersten »Hallo«, erschrak so heftig, daß ihr der Mund offenstand und ihre Arme mitten in der Begrüßungsgeste erstarrt in der Luft hingen. Cornelius stand vor ihr in der Tür seiner Wohnung – und er war kalt und grau und sah uralt aus. Wie einer, der nach jahrelanger Haft vom Wärter durch das Stahltor des Gefängnisses in eine unbekannte Welt hinausgestoßen wird. Er stand vor ihr, mit harter Miene, mit verdunkeltem Blick – und etwas zuckte durch ihn hindurch. Sie bekam Angst.

Für wenige Sekunden, die in dem dunklen Treppenhaus langsam verstrichen wie fallender Staub, standen sie sich so gegenüber, wortlos und jeder für sich erstarrt. Dann schloß er die Tür, so heftig, daß sie einen Schritt zurückspringen mußte. Sie hatte nicht versucht, zu Klopfen, zu rufen, ihn wieder herauszunötigen, sie hatte es nicht gewagt. Sie war langsam,  mit steifen Beinen, die Treppen heruntergegangen und ihr nachgeschlichen war Kälte, die sie im Nacken spüren konnte.

Cornelius war wie leergefegt gewesen, als hätte man ihn ausgenommen, tiefgekühlt und dann, als sie klingelte, aufrecht in die Tür gestellt. Sie spürte jetzt wieder diese sonderbare, leise Angst, die von ihm ausgeströmt war. Jetzt, als alles das wieder aufgetaucht war, wurde ihr klar, wie gut es war, zu vergessen. Wie gut es war, auch einen guten Freund zu vergessen, besser, als sich auf diese Weise an ihn zu erinnern. Was war, was in aller Welt war mit Cornelius geschehen?

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2 Kommentare

  1. Erstellt am 18. September 2008 um 16:13 | Permanent-Link

    Die ”Stilübung“ nimmt konkrete Formen an. Alle vier Texte wirken, als hätten Sie keinen Bezug zu einander. Aber bei genauerer Betrachtung sieht man die zwischen ihnen gespannten Fäden. Du sammelst wirklich kräftig Punkte für den „Hardest Working Man in Schreib-Blog-Business Award“!!!

    VA:F [1.9.13_1145]
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  2. Janus
    Erstellt am 19. September 2008 um 15:04 | Permanent-Link

    Ich danke für die Preisverleihung! Und freue mich, daß die Texte so funktionieren, wie ich es beabsichtigt hatte. Zum schreiben braucht man gute Leser.

    VN:F [1.9.13_1145]
    Wertung: + 0 | - 0

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  • Kurzum


    »I wanted to amplify that quite explicit but often entirely invisible friction that's constantly surrounding us between things that we do and the consequences of our actions...« (3. 2. / 17 Uhr)

    »Was heißt es anders als der Vernunft entsagen, wenn iemand ein höchstes Wesen läugnet, das alle Dinge erhält, regirt, und was ewig im Begrif ist, aus einander zu fallen...« (24. 1. / 12 Uhr)

    »Was ist für ein fixer Punkt meines unveränderlichen Daseyns in mir, vermöge dessen ich trotz alles Abreibens und Wegdünstens der Materie doch immer der Nämliche bin? [...] (18. 1. / 12 Uhr)

    »Im Schlaf empfand er Schmerz. Gern und oft, u. geschickt bringt die Phantasirende Seele im Traum ihr bilderreiches Spiel mit der Disposition u. den Empfindungen des Körpers in Verbindung. (17. 1. / 13 Uhr)

    »Je befriedigender die Gegenwart ist, desto zufridener Ruht auf ihr das Auge; wozu alsdann der Blick in die Zukunft, der mehr zehrt als sättigt?« (J.P. Hebel, Notiz zu Ps. 45) (17. 1. / 12 Uhr)

    Und weiterhin der Ichneumon, von dem Plinius zu berichten wusste, daß er schlafenden Krokodilen in den Leib kriecht, um deren Herz an Ort und Stelle zu fressen. (13. 12. / 14 Uhr)

    Philander von Sittewalt — ein Name, der ohne alles weitere auskommt; ohne seinen Träger wüssten wir nicht, daß das Dunkle notwendige Zutat für gutes Munkeln ist. (13. 12. / 14 Uhr)

    Der deutliche, gutturale Widerwille beim Gedanken an wirkliche Spezialisierung(7. 12. / 13 Uhr)

    die flöte an den mund, den topf ans feuer, den stul an die wand, (15. 11. / 22 Uhr)

    »Everyone is beautiful, traffic like a funeral
    And everybody tries to keep in touch«(24. 10. / 8 Uhr)

    Das merkwürdige Erscheinungsbild der Auflösung, die den Mond befallen hat, an einem Abend, der den Herbst mit wenig letztem Licht auf die Häuser streicht, (10. 9. / 20 Uhr)

    »... — nur ein Weiser, der die Sehnen und Fasern des menschlichen Herzens oft und mit Glück entwickelt, und die Einbildungskraft bis in ihre feinsten Blutgänge zergliedert hat — ... « (6. 9. / 12 Uhr)

    »Von dem hochgelegenen französischen Viertel schob sich langsam wie ein Lavastrom eine Masse von Schmutz, Abfall, geronnenem Blut, Gedärmen, Tier- und Menschenkadavern. (2. 9. / 22 Uhr)

    Protohorror: Und der Mensch, in dem der böse Geist war, stürzte sich auf sie und überwältigte sie alle und richtete sie so zu, daß sie nackt und verwundet aus dem Haus flohen. (Apg. 19,16) (2. 9. / 21 Uhr)

    »A snake can shed its skin but never change. « (I Like Trains) (2. 9. / 21 Uhr)

    Incensol ist ein Anxiolytikum und zwar der Wirkstoff im Harz der Boswellia sacra. Das sollte man nicht außer Acht lassen. (31. 8. / 14 Uhr)

    Man könnte einiges daraus ableiten, daß wir heute nicht mehr wie früher vom »Lüfteplan«, sondern vom »Luftraum« sprechen.(30. 8. / 12 Uhr)

    »I don't think the human race will survive the next thousand years, unless we spread into space. There are too many accidents that can befall life on a single planet.« (Stephen Hawking) (29. 8. / 13 Uhr)

    »In diseme versinket de geluterte verklerte geist in daz götteliche vinsternisse, in ein stille swigen(25. 8. / 11 Uhr)

    »Übergroße Lichtmengen (Blitz) oder überraschende Schatten im Gesichtsfeld, (20. 8. / 20 Uhr)

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