Was war mit Cornelius geschehen? In den ersten Wochen war ihr diese Frage häufig durch den Kopf gegangen. Aber dann, als immer mehr Zeit verstrichen war, hatte die Unklarheit über Cornelius′ Geschick ihre drängende, grelle Färbung nach und nach verloren. Sie stellte überrascht fest, daß sie nun schon seit vielen Wochen gar nicht mehr an ihn gedacht hatte. Und sie wunderte sich darüber, wie leicht der Alltag alles außergewöhnliche rundschleifen konnte, bis keine Spitze mehr daran blieb, an der man sich stach.
Dabei hatte sie ihn am Anfang fast schon schmerzlich vermißt. Sie hatte viel Spaß an ihm gehabt. Sie hatte freude gehabt an seinem ausufernden Humor, seinem immer komplizierten Verhältnis zu den Konventionen und seiner etwas plumpen Galanterie. Sie hatte sich sehr für ihn gefreut, als er angekündigt hatte, für ein Jahr aus seinem Beruf Aussteigen zu wollen. Zusammen hatten sie Ideen gesammelt für die viele freie Zeit. Und dann, in den ersten Tagen dieses Jahres, war er aufgeblüht, war immer lebhafter geworden, indem er nichts tat. Er hatte sich vorgenommen, in den ersten Wochen bloß in Cafes zu sitzen, hatte ihr angekündigt, nun allen aufgeschobenen Unsinn anzustellen, er hatte sie gebeten, dabei Komplizin zu sein. Sie lächelte bei dieser Erinnerung und dabei geschah es tatsächlich, das sich eine Messerspitze Schmerz hineinmischte. Sie vermisste ihn.
Dann ereignete sich jener sonderbare Abend. Er hatte sie eingeladen, sie war pünktlich, drückte beschwingt auf den Klingelknopf und erwartete, gleich einen gelösten Cornelius vor sich zu sehen. Doch als er die Tür öffnete. Sie erschrak gleich nach dem ersten »Hallo«, erschrak so heftig, daß ihr der Mund offenstand und ihre Arme mitten in der Begrüßungsgeste erstarrt in der Luft hingen. Cornelius stand vor ihr in der Tür seiner Wohnung – und er war kalt und grau und sah uralt aus. Wie einer, der nach jahrelanger Haft vom Wärter durch das Stahltor des Gefängnisses in eine unbekannte Welt hinausgestoßen wird. Er stand vor ihr, mit harter Miene, mit verdunkeltem Blick – und etwas zuckte durch ihn hindurch. Sie bekam Angst.
Für wenige Sekunden, die in dem dunklen Treppenhaus langsam verstrichen wie fallender Staub, standen sie sich so gegenüber, wortlos und jeder für sich erstarrt. Dann schloß er die Tür, so heftig, daß sie einen Schritt zurückspringen mußte. Sie hatte nicht versucht, zu Klopfen, zu rufen, ihn wieder herauszunötigen, sie hatte es nicht gewagt. Sie war langsam, mit steifen Beinen, die Treppen heruntergegangen und ihr nachgeschlichen war Kälte, die sie im Nacken spüren konnte.
Cornelius war wie leergefegt gewesen, als hätte man ihn ausgenommen, tiefgekühlt und dann, als sie klingelte, aufrecht in die Tür gestellt. Sie spürte jetzt wieder diese sonderbare, leise Angst, die von ihm ausgeströmt war. Jetzt, als alles das wieder aufgetaucht war, wurde ihr klar, wie gut es war, zu vergessen. Wie gut es war, auch einen guten Freund zu vergessen, besser, als sich auf diese Weise an ihn zu erinnern. Was war, was in aller Welt war mit Cornelius geschehen?



drucken







2 Kommentare
Die ”Stilübung“ nimmt konkrete Formen an. Alle vier Texte wirken, als hätten Sie keinen Bezug zu einander. Aber bei genauerer Betrachtung sieht man die zwischen ihnen gespannten Fäden. Du sammelst wirklich kräftig Punkte für den „Hardest Working Man in Schreib-Blog-Business Award“!!!
Ich danke für die Preisverleihung! Und freue mich, daß die Texte so funktionieren, wie ich es beabsichtigt hatte. Zum schreiben braucht man gute Leser.