Eine konfabulierteKonfabulation ist »die Produktion von objektiv falschen Aussagen« bzw. von Märchen (lat. fabula), wobei der Konfabulierende von der Gültigkeit seiner Aussagen mehr oder weniger fest überzeugt ist. Es kann eine hirn­organische Störung zugrunde­liegen oder auch der bei Gesunden gelegentlich vorkommende Drang, sich an mehr zu erinnern, als tatsächlich der Fall ist (z.B. bei Kindheits­erinnerungen oder bei der Befragung eines Zeugen vor Gericht; es sind sog. provozierte K.).
  Die spontane K. liegt vor, wenn die Fähigkeit gestört ist, eigene Einfälle von realen Sach­verhalten zu unterscheiden. (»Patients with Korsakoff's syndrome characteristically confabulate by guessing an answer or imagining an event and then mistaking their guess or imagination for an actual memory. [Wikipedia]«
Realienkunde, ein Thesaurus, bar jeder Notwendigkeit assoziiert, eine Sammlung von Marginalien, über die im Unklaren zu bleiben, ich nicht auf mich nehmen wollte. Dem geneigten Leser im jeweiligen Kontext unterbreitet, in alphabetischer Ordnung. Anregungen für weitere Stichworte werden gerne entgegengenommen.

Das Vegetative

Ich liege mit hochgestütztem Rücken auf dem Sofa und denke nach. Dabei trinke ich Kaffee aus einem Becher, den meine linke Hand hält. Der Becher ist zwischen Daumen und Zeigefinger geklemmt, die zu diesem Zweck weit auseinandergespreizt sind. Der Ellenbogen ist in ein Kissen gestemmt und die Knochen und Sehnen des linken Arms offenbar so geschickt verkantet, daß kaum Muskelspannung notwendig ist, um Becher und Hand in ihrer Position, freischwebend halbwegs vor meinem Gesicht, zu halten.

Von alldem bemerke ich zunächst aber gar nichts, ich denke über ein bestimmtes, nicht zufälliges Thema nach. Meine Gedanken sind weit entfernt von diesem Sofa und dem Becher in meiner Hand und alles ist so, wie es sein sollte. Bis eine Stockung im Gedankenfluß eintritt. Als wäre die Filmrolle gerissen und der Film wäre einseitig aus dem Projektor herausgezogen worden, ist für einen Moment mein Kopf völlig leer. In diese Leere dringt unvermittelt und wohl allein aus dem Grund, daß gerade nichts anderes da ist, um mir den leeren Kopf zu füllen, das Bild vor meinen Augen: Eine Hand mit ungewöhnlich weit auseinandergespreiztem Daumen und Zeigefinger, die einen Becher hält. Mir fällt auf, daß es ja meine Hand ist, die so sonderbar in die Luft gepflanzt wurde. Wie diese Hand, unbestreitbar meine, weil ich sie nicht nur von außen sehe, sondern auch von innen her fühle, wie diese Hand wohl in ihre exzentrische Haltung gekommen ist? Von einer bewußten Handlung, einem zielgerichteten Bewegungsablauf, wird man kaum sprechen können: denn es hätte dann ja mein Bewußtsein daran beteiligt sein müssen, aber daran kann ich mich nicht erinnern. Sicherlich: Ich habe mich auf dieses Sofa gelegt, wollte es auch, und wollte auch aus diesem Becher Kaffee trinken. Aber daß sich nun meine Glieder in genau diese Haltung begeben haben, daß sich Knochen, Muskeln, Sehnen so zueinander gefügt haben, daß jetzt diese Hand dort vor meinem Gesicht steht – davon wußte ich bis zu diesem Augenblick nichts.

Meine Hand wird vom winterlichen Mittagslicht schräg beleuchtet, so daß die sonderbare Landschaft auf dem Handrücken deutlich hervortritt, unterstrichen durch klar gezeichnete Schatten. Ich betrachte dieses knotiges Relief, den Verlauf der Adern, die Anordnung der Haare und den Schnitt der Knöchel als hätte ich es mit einer expressionistischen Skulptur zu tun.

Aber da sehe ich, wie sich etwas bewegt, zwischen Daumen und Zeigefinger, da, wo die Haut wie ein Segel aufgespannt ist, da pulsiert es. Wie ein Wurm schlängelt sich dort etwas entlang, ohne recht von der Stelle zu kommen, langestreckt, doppelt gekrümmt, und der Länge nach durchzogen von einer rythmischen Kontraktion. Der Rhythmus kommt mir vertraut vor, von innen her, aus der Mitte meiner Brust: so schlägt auch mein Herz. Und dieser sonderbare Wurm unter meiner Haut ist offenbar eines meiner Blutgefäße. Mit jedem Puls vollzieht der Gefäßwurm eine doppelte Bewegung: Die beiden Bögen, die das Gefäß beschreibt, werden zuckend zueinandergedrängt, so, als würde der Gefäßwurm immer wieder mit einer Nadel gestochen und krümmte sich zusammen; gleichzeitig durchläuft seinen Körper der Länge nach wellenförmig der Puls. Ich lege den Zeigefinger der anderen Hand auf den Wurm und bin erstaunt, wie muskulös er sich anfühlt. Beinahe wie ein Regenwurm, der einem zwischen den Fingern durchgleiten will, fühlt sich das Pulsen dieses Muskelschlauches an, und dazu rollt die Ader unter meinem Finger hin und her und krümmt sich, als würde sie sich verkriechen wollen, weg von der exponierten Stelle, tiefer hinein in mein Fleisch.

Wie viele andere Regungen, wie viel Zucken und sich Winden wohl noch in meinem Körper sitzt in diesem Augenblick und sein Wesen treibt ohne mein Zutun, ohne meine Einwilligung oder auch nur mein Wissen? Jene flüsternde Stimme hinter meiner Stirn, etwas oberhalb der Augenbrauen und mitten zwischen den Ohren, die Stimme aus der Tiefe meines Hirns, mein Bewußtsein, das alles in allem ich bin, diese Stimme scheint nur ein Bewohner meines Körpers unter vielen zu sein, vielleicht nicht einmal der höchstgestellte, dort oben, in der zugigen Dachkammer. Die Adern vollziehen ihre Kriechbewegungen, die Lunge hebt und senkt ihre Flügel, das Herz schluckt und spuckt ohne daß der Mieter in der Dachkammer dazu etwas zu sagen hätte. Und wenn der Körper etwas haben will, dann nimmt er es sich, ohne Rücksicht auf die Verrenkungen des Bewußtseins.

833
Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Bewußtseinssturz und getagged , , , , , . Bookmarken: Permanent-Link. Kommentieren oder ein Trackback hinterlassen: Trackback-URL. |drucken

Ihr Kommentar

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder verteilt. Benötigte Felder sind mit * markiert

*
*

Du kannst diese HTML Tags und Attribute verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Bild einfügen

Um ein Bild (im jpg-Format) in Ihren Kommentar einzufügen, wählen Sie bitte die entsprechende Datei auf Ihrem Computer aus. Das Bild wird dann automatisch eingesetzt. Sie können die Position nachträglich verändern. Es können auch mehrere Bilder hochgeladen werden.

  • Kurzum


    »I wanted to amplify that quite explicit but often entirely invisible friction that's constantly surrounding us between things that we do and the consequences of our actions...« (3. 2. / 17 Uhr)

    »Was heißt es anders als der Vernunft entsagen, wenn iemand ein höchstes Wesen läugnet, das alle Dinge erhält, regirt, und was ewig im Begrif ist, aus einander zu fallen...« (24. 1. / 12 Uhr)

    »Was ist für ein fixer Punkt meines unveränderlichen Daseyns in mir, vermöge dessen ich trotz alles Abreibens und Wegdünstens der Materie doch immer der Nämliche bin? [...] (18. 1. / 12 Uhr)

    »Im Schlaf empfand er Schmerz. Gern und oft, u. geschickt bringt die Phantasirende Seele im Traum ihr bilderreiches Spiel mit der Disposition u. den Empfindungen des Körpers in Verbindung. (17. 1. / 13 Uhr)

    »Je befriedigender die Gegenwart ist, desto zufridener Ruht auf ihr das Auge; wozu alsdann der Blick in die Zukunft, der mehr zehrt als sättigt?« (J.P. Hebel, Notiz zu Ps. 45) (17. 1. / 12 Uhr)

    Und weiterhin der Ichneumon, von dem Plinius zu berichten wusste, daß er schlafenden Krokodilen in den Leib kriecht, um deren Herz an Ort und Stelle zu fressen. (13. 12. / 14 Uhr)

    Philander von Sittewalt — ein Name, der ohne alles weitere auskommt; ohne seinen Träger wüssten wir nicht, daß das Dunkle notwendige Zutat für gutes Munkeln ist. (13. 12. / 14 Uhr)

    Der deutliche, gutturale Widerwille beim Gedanken an wirkliche Spezialisierung(7. 12. / 13 Uhr)

    die flöte an den mund, den topf ans feuer, den stul an die wand, (15. 11. / 22 Uhr)

    »Everyone is beautiful, traffic like a funeral
    And everybody tries to keep in touch«(24. 10. / 8 Uhr)

    Das merkwürdige Erscheinungsbild der Auflösung, die den Mond befallen hat, an einem Abend, der den Herbst mit wenig letztem Licht auf die Häuser streicht, (10. 9. / 20 Uhr)

    »... — nur ein Weiser, der die Sehnen und Fasern des menschlichen Herzens oft und mit Glück entwickelt, und die Einbildungskraft bis in ihre feinsten Blutgänge zergliedert hat — ... « (6. 9. / 12 Uhr)

    »Von dem hochgelegenen französischen Viertel schob sich langsam wie ein Lavastrom eine Masse von Schmutz, Abfall, geronnenem Blut, Gedärmen, Tier- und Menschenkadavern. (2. 9. / 22 Uhr)

    Protohorror: Und der Mensch, in dem der böse Geist war, stürzte sich auf sie und überwältigte sie alle und richtete sie so zu, daß sie nackt und verwundet aus dem Haus flohen. (Apg. 19,16) (2. 9. / 21 Uhr)

    »A snake can shed its skin but never change. « (I Like Trains) (2. 9. / 21 Uhr)

    Incensol ist ein Anxiolytikum und zwar der Wirkstoff im Harz der Boswellia sacra. Das sollte man nicht außer Acht lassen. (31. 8. / 14 Uhr)

    Man könnte einiges daraus ableiten, daß wir heute nicht mehr wie früher vom »Lüfteplan«, sondern vom »Luftraum« sprechen.(30. 8. / 12 Uhr)

    »I don't think the human race will survive the next thousand years, unless we spread into space. There are too many accidents that can befall life on a single planet.« (Stephen Hawking) (29. 8. / 13 Uhr)

    »In diseme versinket de geluterte verklerte geist in daz götteliche vinsternisse, in ein stille swigen(25. 8. / 11 Uhr)

    »Übergroße Lichtmengen (Blitz) oder überraschende Schatten im Gesichtsfeld, (20. 8. / 20 Uhr)

  • Tags

  • Pressalbum

    Bild vom Tumblr-Photoblog
    Bild vom Tumblr-Photoblog
    Bild vom Tumblr-Photoblog
    Bild vom Tumblr-Photoblog
    Bild vom Tumblr-Photoblog

  • Rubriken

  • Energiestand

    Das Geräusch des Lastenaufzugs

  • Alles in allem…

    • Texte 1.628
    • Wörter 360.369
    • Rubriken 39
  • Statistischer Schlußstrich

    • in 35 Jahre, 7 Monaten, 17 Tagen, 22 Stunden, 52 Minuten, 18 Sekunden