Eine konfabulierteKonfabulation ist »die Produktion von objektiv falschen Aussagen« bzw. von Märchen (lat. fabula), wobei der Konfabulierende von der Gültigkeit seiner Aussagen mehr oder weniger fest überzeugt ist. Es kann eine hirn­organische Störung zugrunde­liegen oder auch der bei Gesunden gelegentlich vorkommende Drang, sich an mehr zu erinnern, als tatsächlich der Fall ist (z.B. bei Kindheits­erinnerungen oder bei der Befragung eines Zeugen vor Gericht; es sind sog. provozierte K.).
  Die spontane K. liegt vor, wenn die Fähigkeit gestört ist, eigene Einfälle von realen Sach­verhalten zu unterscheiden. (»Patients with Korsakoff's syndrome characteristically confabulate by guessing an answer or imagining an event and then mistaking their guess or imagination for an actual memory. [Wikipedia]«
Realienkunde, ein Thesaurus, bar jeder Notwendigkeit assoziiert, eine Sammlung von Marginalien, über die im Unklaren zu bleiben, ich nicht auf mich nehmen wollte. Dem geneigten Leser im jeweiligen Kontext unterbreitet, in alphabetischer Ordnung. Anregungen für weitere Stichworte werden gerne entgegengenommen.

Das Wiedererkennen

Es steht plötzlich jemand vor mir, mit dem ich zur Schule gegangen bin. Diese merkwürde Fähigkeit des Wiedererkennens: Ein Gesicht, das mir seit vielen Jahren nicht begegnet ist und dann auf Anhieb wiedererkannt wird, wiederkannt wohl von mir, das ist nicht zu leugnen, aber eigentlich ohne meine Beteiligung; meine Augen, meine Erinnerung arbeiten, ohne Rücksicht auf mich zu nehmen. Mein Schulfreund sagt mir, er habe inzwischen eine Drogenkarriere hinter sich. Eine sonderbare Karriere, er zählt zu einem kleinen Kreis von Pionieren. Diese Karriere hat er nun abgeschlossen und er fängt etwas neues an. Allerdings ist er über das Alter für Neuanfänge schon fast hinaus.
Die Begegnung ist kurz – auch wenn ich auf das Wiedererkennen keinen Einfluß habe, darauf doch. Aber noch lange denkt es in mir nach dem unverbindlichen Abschied, auf eine wortlose, hinterhältige Weise denkt es in mir.
Ich habe von einem anderen gehört, der überhaupt auf eine Karriere verzichtet hat; er ist einfach dort geblieben, wo ihn die staatliche Zentralverwaltung für seinen Zivildienst hingestellt hat und schließt auch heute noch Dialysepatienten an die Geräte an. Dann beeilt er sich, nach Hause zu kommen, und schließt sich selbst an die Gegenrealitätsmaschine eines computergestützten Rollenspieles an und ist dort eine wichtige Führungsgestalt, der Chef einer einflussreichen Bande von Metzlern.
Und dann sind da noch: Ein Polizist, ein Pastor, mehrere Ärzte, ein internationaler Biologe – Menschen, auf die der Begriff Karriere im engeren Sinne zutrifft.
Der Gedanke, mit dem mich mein Schulfreund infiziert hat, ist vielleicht: daß das Leben gefährlich ist. Man kann sich verpassen, während man der Zeit beim Vergehen zusieht. Als gäbe es einen Lebenslauf, redet man unbedachterweise. Aber da ist doch keine ebene, abgesteckte Laufbahn – Tartan oder auch nur Asche. Vielmehr ein tückisches Gefahrengebiet mit Untiefen, Stömungen, Ansteckungsgefahr, Parasitenbefall, Schlingpflanzen und plötzlicher Wetteränderung.
Wie kommt es, daß der eine Arzt, der andere Drogenabhängig wird, der eine zu Tagungen eingeladen wird und der andere zu digitalen Megaschlachten, nach denen nichts anders ist als vorher, bis auf den Umstand, daß wieder ein Tag abgelaufen ist? Wer verteilt die Geschicke? Könnte der, der sie verteilt, sagen, ob ein Geschick ein gutes oder ein schlechtes ist, Glück oder Unglück?
Aber das sind eigentlich auch noch nicht die Gedanken, die sich in mir weiterdenken, seit dieses Gesicht in mein Blickfeld getreten ist und von mir erkannt wurde, ohne daß ich es wollte. Denn eigentlich müßte in ihnen auch das Groteske vorkommen, enthalten in der Verschrobenheit, sich einen Arzt oder einen Polizisten zu nennen, einen Musiker oder einen Rechtsanwalt oder was immer. Wie kann man eine solche Figur sein, die doch eigentlich nur für Kinderbücher taugt oder drittklassige Geschichten?
Ich hätte gerne das Baggerfahren gelernt, das wäre etwas gewesen. Eine ehrbare Tätigkeit, Kellergeschosse auszuheben und Hügel zu begradigen, in der Pause Kaffee aus einer verbeulten Thermoskanne zu trinken und nach Feierabend nicht auf den Gedanken zu kommen, sich einen »Baggerfahrer« zu nennen. Und Geschützt zu sein davor, von sich selbst zu meinen, man habe etwas erreicht – wo doch nichts zu erreichen ist, nichts als: sich selbst zu meinen, wenn man von sich redet.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Wegkreuzungen und getagged , , , . Bookmarken: Permanent-Link. Kommentieren oder ein Trackback hinterlassen: Trackback-URL. |drucken

Ihr Kommentar

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder verteilt. Benötigte Felder sind mit * markiert

*
*

Du kannst diese HTML Tags und Attribute verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

  • Rauhfaseln?

    Zum Beispiel so:

    Der einzige Drogentrip, auf den ich wirklich nicht verzichten möchte, sind Nächte, in denen ich aus Angst nicht schlafen kann.

    Hier gibt es mehr davon, Worte auf Worte, dem geneigten Leser präsentiert in mehreren Versuchsanordnungen.

  • Zufällig…

  • Kurzum

    Durch Nägelkürzen, Zähneputzen, die Reinigung der Duschwanne vom eklen mumifizierten Belag, das zusammenfegen von Krumen und Stäuben, vor allem durch den Abwasch, (6. 9. / 21 Uhr)

    Ein Wohnungsgesuch an einer Laterne: Ruhig, seriös, alleinstehend. Das sind anscheinend die drei Kardinaltugenden der Biederkeit, das non plus ultra der Bonität. (6. 9. / 21 Uhr)

    »Durch Theilhaben an der Idee, behaupten wir, ist das diesseitige schön. (2. 9. / 20 Uhr)

    In eimnem Lexikon, in der Lebensbeschreibung einer bedeutenden antiken Persönlichkeit, lese ich vom »Aberwillen« jenes Menschen gegen die Schule. (2. 9. / 14 Uhr)

    »In Bibliotheken ist Makulierung die finale Form der Deakzession. (1. 9. / 13 Uhr)

    Höllischer Morpheus Welcher kund wird Durch Die geschehene Erscheinungen Derer Gespenster und Polter=Geister So bishero zum theil von keinen eintzigen Scribenten angeführet und bemercket worden sind. (1. 9. / 12 Uhr)

    »…solle im Prinzip immer die Staatsanwaltschaft eingeschaltet werden — nur wenn das Opfer dies wünsche.« (31. 8. / 22 Uhr)

    Eine Utopie ist eine Erwartung, die stichhaltig bleibt, auch wenn alle Wahrscheinlichkeit gegen sie spricht. Sie ist durch Hoffnung bewiesen. Und der eine Ort, frei von allen Utopien, ist — die Wüste. (31. 8. / 21 Uhr)

    »Das Unwahre überführt sich seiner selbst im Geschwollenen.« (29. 8. / 19 Uhr)

    »Wenn wir mit irgendeinem Gefühl von Zufriedenheit sterben wollen, (29. 8. / 19 Uhr)

    Groß das Leben
    Schön die Tiefe (29. 8. / 18 Uhr)

    An den Außengrenzen des Wohlstands, wie beispielsweise an den Grenzen der Europäischen Union, materialisiert sich das Unrecht, das die Weltwirtschaft antreibt, in Form offenbarer, unmittebarer Menschenschinderei. (28. 8. / 11 Uhr)

    »Unsre Zukunft wird davon abhängen, ob (26. 8. / 12 Uhr)

    »du abgott niederträchtger sinnen, (25. 8. / 19 Uhr)

    »…man muß darüber reden, wie jemand bei einem Diebstahl seine Identiät sperren kann« (25. 8. / 10 Uhr)

    Es gibt ja eigentlich keinen Unterschied zwischen einer zutreffenden Annahme und einer Annahme, von der einer nicht anders denken kann, als daß sie zutreffend sei (24. 8. / 19 Uhr)

    »Sogar in seinen Schlußsätzen wahrt er die majestätisch-verkopfte Pose.« (Im Radio über die Musik von Bach) (24. 8. / 19 Uhr)

    Bin auf den Begriff der »theoretischen Farben« gestoßen. (22. 8. / 10 Uhr)

    »…da dich das Wetter überfiel, und versuchte dich am Haderwasser.« (20. 8. / 20 Uhr)

    »Mein blinde Seele komt zum Liecht,
    bey dir sie suchet ihr Gesicht: (18. 8. / 12 Uhr)

  • Jüngst kommentiert

  • Tags

  • Rubriken

  • Alles in allem…

    • Texte 982
    • Wörter 247.963
    • Rubriken 24