Eine konfabulierteKonfabulation ist »die Produktion von objektiv falschen Aussagen« bzw. von Märchen (lat. fabula), wobei der Konfabulierende von der Gültigkeit seiner Aussagen mehr oder weniger fest überzeugt ist. Es kann eine hirn­organische Störung zugrunde­liegen oder auch der bei Gesunden gelegentlich vorkommende Drang, sich an mehr zu erinnern, als tatsächlich der Fall ist (z.B. bei Kindheits­erinnerungen oder bei der Befragung eines Zeugen vor Gericht; es sind sog. provozierte K.).
  Die spontane K. liegt vor, wenn die Fähigkeit gestört ist, eigene Einfälle von realen Sach­verhalten zu unterscheiden. (»Patients with Korsakoff's syndrome characteristically confabulate by guessing an answer or imagining an event and then mistaking their guess or imagination for an actual memory. [Wikipedia]«
Realienkunde, ein Thesaurus, bar jeder Notwendigkeit assoziiert, eine Sammlung von Marginalien, über die im Unklaren zu bleiben, ich nicht auf mich nehmen wollte. Dem geneigten Leser im jeweiligen Kontext unterbreitet, in alphabetischer Ordnung. Anregungen für weitere Stichworte werden gerne entgegengenommen.

Den Brunnen herunter

Der Blick in einen Brunnenschacht kann Schwindel verursachen. Besonders dann, wenn der Schacht nicht mit einer Mauer eingefasst ist. Wenn man am Rand eines Abgrundes stehen muß, um seinen Eimer bis zum Wasser herunterzulassen, kann einem leicht schwindelig werden. Oder wenn man auf einem Turm steht und um sich die Landschaft sieht, weit unten, die Menschen wie Käfer auf den Straßen, wenn man sich dann über die Brüstung herablehnt und für einen Moment vergisst, daß man sicheren Boden unter den Füßen hat, wenn man sich fühlt, als müßte man fallen, wenn ein Sturz nur folgerichtig erscheint.

Es gibt solche Abgründe auch in einem anderen Sinn. Abgründe im Denken zum Beispiel, vor denen man auch mit Schwindel im Magen stehen kann. Oder jener Abgrund, aus dem wir alle hervorgegangen sind: Ein umgekehrter Sturz, der sich in den 9 Monaten vollzieht, die wir in der Dunkelheit des Mutterleibs liegen. Ein Sturz durch die Zeit, die es gebraucht hat, bis Lebewesen aus der Schale unseres Planeten gebildet worden waren und zum Schluß, nach einem langen Weg, auch wir. Ein Sturz, bis aus einer einzelnen Zelle ein aufrecht gehendes Landlebewesen entstanden war.

Man hat auf der Krim, am Südlichen Hang des Berges Kabasi, eine Stätte aus der Erde gegraben, an der unsere Vorgänger, die Neanderthal-Menschen, während 80.000 Jahren immer dasselbe gemacht haben.

Ein erstaunlicher Gegensatz besteht zwischen jener Abgründigkeit unserer Herkunft und der planierten Tiefebene, in der wir unsere Tage verbringen. Unsere Geschichte beschränkt sich in unserer alltäglichen Wahrnehmung auf eine Handvoll von Jahrzehnten. Davor liegen jene Zeiten, die mit dem Leben heute kaum noch etwas zu tun haben. Eine mechanische Registrierkasse mit Kurbel zum Beispiel ist ein erstaunliches Artefakt. Oder eine verrostete Futtermühle, die im letzten Winkel einer Scheune zum Vorschein kommt. Unvorstellbar die Zeiten, in denen die uralte, fast schon zu Staub zerfallene Familienbibel gedruckt wurde, als in den Städten noch Pferdekutschen fuhren und es eine nicht unerhebliche Investition bedeutete, einen Brief zu verschicken. Unser Alltagsleben hat nichts mit der Geschichte zu tun, die hinter uns liegt. Von dem, was vor den modernen Zeiten war, haben wir uns mit einer Geschwindigkeit entfernt, die unser Erinnerungsvermögen übersteigt und die mit jedem Jahr noch größer wird.

Man hat auf der Krim, am Südlichen Hang des Berges Kabasi, eine Stätte aus der Erde gegraben, an der unsere Vorgänger, die Neanderthal-Menschen, während 80.000 Jahren immer dasselbe gemacht haben. Achtzigtausend Jahre ohne nenneswerten Wandel. Im Jungpleistozän haben sie an einer Stelle, die durch einen großen Steinbrocken geschützt war, ihre Jagdbeute zerlegt. Die Beute, vor allem Wildesel, wurde am unweit gelegenen Flußlauf gestellt und getötet. Dann schleppten die Neanderthaler ihre Beute zum Schlachtplatz. Sie hatten von ihren Wohnstätten die Werkzeuge zum Zerlegen der Tiere mitgebracht und hockten nun hinter dem Stein, um den getöteten Tieren ihre Eingeweide zu entnehmen, das Fell abzuziehen, die Fleischstücke zuzuschneiden. Sie haben dabei über 80.000 Jahre dieselben Werkezuge verwendet und hielten bei ihren Beutezügen, vom Aufbruch bis zur fleischbeladenen Rückkehr zu den Wohnhöhlen wohl auch denselben Ablauf ein.

In dieser Zeit hätte die Zeitspanne von der Einführung des Buchdrucks in Europa bis zum Internet 156mal durchschritten werden können. Die Neanderthaler aber taten währenddessen nichts anderes, als das, was in unvordenklichen Zeiten ihre Vorfahren genauso getan hatten: Tiere zu jagen und an einer bestimmten Stelle mit Faustkeilen zu zerschneiden. Das ist erstaunlich. Gemessen an der Lebensweise unserer robusten Vorfahren rasen wir durch die Zeit. – Man könnte nie so schnell in einen Brunnen hinabfallen, wie wir aus dem Brunnen herausschießen, an dessen Boden unsere Körper entstanden sind.

Vor 17 Minuten und 30 Sekunden ist die einzige heute noch rezente Art der Gattung Homo, der Homo sapiens sapiens, sind also wir aus unserem Vorläufer, dem Homo erectus entstanden.

Die Erde und auch Leben auf der Erde gibt es schon seit unvorstellbaren Zeiten. Vergleiche sind, wenn wir eine Vorstellung der Vergangenheit gewinnen wollen, bei der Vermessung unseres Brunnens, hilfreich. Man stelle sich vor, die Zeit, seitdem sich die Erde aus kosmischen Gasen gebildet hat, würde in ein Jahr hineingepresst. Ein solches in stark geraffter Zeit ablaufendes Erdenjahr ist ein guter Vergleichsrahmen.

Ein Menschenleben, das heute vielleicht 80 Jahre dauern mag, würde am Ende dieses Jahres innerhalb von einer halben Sekunde vorübergehen. Gute anderthalb Sekunden liegt die Erfindung der Dampfmaschine zurück. Gutenberg wurde vor 4 Sekunden geboren. Vor rund 6 Sekunden entstanden die meisten Städte in Deutschland, innerhalb einer Zeitspanne von 1,6 Sekunden. Julius Cäsar versetzte vor 13,8 Sekunden die Welt in Angst und Schrecken.

Steigen wir mit unseren Vergleichen noch tiefer in den Brunnen hinab. Vor 17 Minuten und 30 Sekunden ist die einzige heute noch rezente Art der Gattung Homo, der Homo sapiens sapiens, sind also wir aus unserem Vorläufer, dem Homo erectus entstanden. Gleichzeitig gab es noch die Neanderthaler, die erste Art, die der Homo sapiens sapiens zum Verschwinden brachte. Auf der Krim blieben die Schlachter vom Kabasi aber vorerst unbehelligt und gingen für 8,8 Minuten ihrer gleichbleibenden Arbeit nach.

Und damit haben wir nicht einmal den letzten Tag des Erdmonats durchschritten. Noch schneller hinab in den Brunnen! Vor 5 Tagen ist der sagenumwobene Tyrannosaurus ausgestorben. Vor etwas mehr als 15 Tagen übernahmen die Dinosaurier überhaupt die Herrschaft über die Landmassen des Planeten. 4 Tage zuvor hatte sich am Ende des Perm ein gewaltiges Massenaussterben ereignet, in dem mit vielen anderen die Trilobiten verschwanden. Vor 26 Tagen, knapp 11 Monate nachdem die Erde sich aus einer Wolke Staubes gebildet hatte, setzten ersten Lebewesen ihre Gliedmaßen auf trockenen Boden. 6 Tage zuvor gab es die ersten Gliederfüßler in Küstennähe.

Noch schneller hinab. Die ersten Vielzeller entstanden vor 65 Tagen.1 Etwas mehr als 5 Monate im Erdenjahr zurück liegt die Entstehung der ersten Grünalgen. Erste Bakterien gibt es seit mehr als 9 Monaten. Und irgendwann, nicht lange vorher, ist das Leben auf dem noch recht jungen Planeten Erde entstanden, der kaum länger als 3 Monate ohne Leben war – wenn wir, der Vorstellbarkeit halber, die ganze Erdgeschichte in ein einziges Jahr pressen.

Von einer einzelnen Zelle bis zu den Formen, in die sich das Leben in unserer Zeit begeben hat, dauerte die Entwicklung 9 Monate des Erdenjahrs. Und, wie schön fügt es sich, diese Entwicklung durchstürzen wir in einem 9 Monate dauernden Wachstum in der Leibeshöhle unserer Mutter. Diese 9 Monate machen im Erdenjahr fast 5 Millisekunden aus. In unseren Zeitverhältnissen wäre das ein Flügelschlag einer Biene. Die 80 Jahre, die wir leben können, vergehen in einer halben Sekunde am Ende des Erdjahres. Menschenleben wechseln mit 120 Beats per Minute. Die Neanderthaler verbrachten immerhin fast 9 Minuten am gleichen Ort. Der Brunnen reicht tief.

  1. Mehr dazu, woher wir den Zellen nach kommen und die völlig unzweifelhafte Antwort auf die Frage »Was ist ein Mensch?« auch hier, beim Rauhfasler, erhältlich.
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  • Kurzum


    »I wanted to amplify that quite explicit but often entirely invisible friction that's constantly surrounding us between things that we do and the consequences of our actions...« (3. 2. / 17 Uhr)

    »Was heißt es anders als der Vernunft entsagen, wenn iemand ein höchstes Wesen läugnet, das alle Dinge erhält, regirt, und was ewig im Begrif ist, aus einander zu fallen...« (24. 1. / 12 Uhr)

    »Was ist für ein fixer Punkt meines unveränderlichen Daseyns in mir, vermöge dessen ich trotz alles Abreibens und Wegdünstens der Materie doch immer der Nämliche bin? [...] (18. 1. / 12 Uhr)

    »Im Schlaf empfand er Schmerz. Gern und oft, u. geschickt bringt die Phantasirende Seele im Traum ihr bilderreiches Spiel mit der Disposition u. den Empfindungen des Körpers in Verbindung. (17. 1. / 13 Uhr)

    »Je befriedigender die Gegenwart ist, desto zufridener Ruht auf ihr das Auge; wozu alsdann der Blick in die Zukunft, der mehr zehrt als sättigt?« (J.P. Hebel, Notiz zu Ps. 45) (17. 1. / 12 Uhr)

    Und weiterhin der Ichneumon, von dem Plinius zu berichten wusste, daß er schlafenden Krokodilen in den Leib kriecht, um deren Herz an Ort und Stelle zu fressen. (13. 12. / 14 Uhr)

    Philander von Sittewalt — ein Name, der ohne alles weitere auskommt; ohne seinen Träger wüssten wir nicht, daß das Dunkle notwendige Zutat für gutes Munkeln ist. (13. 12. / 14 Uhr)

    Der deutliche, gutturale Widerwille beim Gedanken an wirkliche Spezialisierung(7. 12. / 13 Uhr)

    die flöte an den mund, den topf ans feuer, den stul an die wand, (15. 11. / 22 Uhr)

    »Everyone is beautiful, traffic like a funeral
    And everybody tries to keep in touch«(24. 10. / 8 Uhr)

    Das merkwürdige Erscheinungsbild der Auflösung, die den Mond befallen hat, an einem Abend, der den Herbst mit wenig letztem Licht auf die Häuser streicht, (10. 9. / 20 Uhr)

    »... — nur ein Weiser, der die Sehnen und Fasern des menschlichen Herzens oft und mit Glück entwickelt, und die Einbildungskraft bis in ihre feinsten Blutgänge zergliedert hat — ... « (6. 9. / 12 Uhr)

    »Von dem hochgelegenen französischen Viertel schob sich langsam wie ein Lavastrom eine Masse von Schmutz, Abfall, geronnenem Blut, Gedärmen, Tier- und Menschenkadavern. (2. 9. / 22 Uhr)

    Protohorror: Und der Mensch, in dem der böse Geist war, stürzte sich auf sie und überwältigte sie alle und richtete sie so zu, daß sie nackt und verwundet aus dem Haus flohen. (Apg. 19,16) (2. 9. / 21 Uhr)

    »A snake can shed its skin but never change. « (I Like Trains) (2. 9. / 21 Uhr)

    Incensol ist ein Anxiolytikum und zwar der Wirkstoff im Harz der Boswellia sacra. Das sollte man nicht außer Acht lassen. (31. 8. / 14 Uhr)

    Man könnte einiges daraus ableiten, daß wir heute nicht mehr wie früher vom »Lüfteplan«, sondern vom »Luftraum« sprechen.(30. 8. / 12 Uhr)

    »I don't think the human race will survive the next thousand years, unless we spread into space. There are too many accidents that can befall life on a single planet.« (Stephen Hawking) (29. 8. / 13 Uhr)

    »In diseme versinket de geluterte verklerte geist in daz götteliche vinsternisse, in ein stille swigen(25. 8. / 11 Uhr)

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