Die Welt ist aus Stille geformt. Auf den ersten Blick ist das eine nicht besonders einleuchtende Behauptung, insbesondere für Städter, um die es kaum je still ist. Aber es verhält sich doch so. Ebenso, wie der Satz wahr ist, daß wir und alles Leben aus Wasser geformt sind.
Selbtverständlich kommt es bei der Beziehung des Lebens zum Wasser gerade auf die Stoffe an, die zum Wasser hinzutreten und es in eine bestimmte Form bringen: die Form eines Menschen beispielsweise. Wir brauchen uns meistens nicht darum zu kümmern, daß wir eigentlich nur ein System von chemischen Reaktionen in wässriger Lösung sind, nur selten wird unsere Herkunft aus dem Wasser augenscheinlich, bei einer Geburt zum Beispiel oder wenn einer Schnupfen hat. Aber wir können sogar auf Nahrung für eine lange Zeit verzichten, nur auf Wasser nicht, weil das Wasser in hinsicht auf den Körper eben unser Grundstoff ist.
Mit der Stille, dem Baustoff der Welt, verhält es sich nun aber gerade umgekehrt wie beim Wasser: Die Stille steht außerhalb des Menschen, ist nicht sein Element, sie liegt nicht in ihm. Für den Menschen kommt es vielmehr darauf an, daß er nicht zuviel von der Stille aufnimmt, so wie bei anderen befremdlichen Dingen auch.
In kosmisch-physikalischer Größenordnung ist die Stille das Nichts. Unsere Welt, die Sonne, der Mond und alles andere konnte nur entstehen, weil es sich aus diesem Nichts heraus zusammengeballt hat. Man stelle sich vor, die verbindenden Kräfte würden über Nacht aufhören: dann flösse alles auseinander, wie ein Tropfen in der Pfütze zerfließt – und übrig bliebe nurnoch nichts.
Ebenso ist die Stille. In einem dunklen, absolut stillen Raum würden wir, nachdem die erste Beklommenheit abgeklungen ist, unseren Herzschlag hören, das Rauschen des Blutes in unseren Ohren, den Atem, das unruhige Scharren unserer Füße. Damit würde unser Körper uns vergewissern, daß wir noch da sind – aber wir wären allein, ohne Welt. Alsbald würde dann die Angst kommen, über die das Atmen und Herzschlagen uns nur für kurze Zeit hinwegtäuschen könnte, wir könnten es nicht mehr aushalten in jenem Raum – wir dürfen nicht zulange der Stille ausgesetzt sein, sonst müssen wir die Auflösung befürchten, wie sie beim Tropfen in der Pfütze geschieht.
Wenn es in unserer Wohnung still ist, dann kommen uns immerhin Geräusche zur Hilfe, die für uns die Welt erhalten: Das Ticken einer Uhr, Flüstern in den Heizungsrohren, Knarren von Dielen. Auch die Welt vor den Fenstern dringt herein: mit den Stimmen spielender Kinder, durch Vogelgesang vielleicht und immerzu getragen von jener allgegenwärtigen Brandung, dem Geräusch von Motoren. Zum Glück ist das so! Wenn wir nichts hörten, wir müssten immerzu Ausschau halten, um uns zu vergewissern, das da noch etwas ist.
Die Welt ist aus Stille geformt, weil die Stille den Klang der Welt trägt. Ein Baustoff, gegen den alles sich zur Wehr setzen muß, indem es Klang aus sich hervorbringt. So ist ja ein Gedanke erst wirklich, wenn ich ihn ausspreche, ein Mensch erst bei mir, wenn er mit mir spricht, ein Raum verliert seine Ödigkeit durch Gespräch und Musik. Jedoch: alles dies ist getragen von der Stille, herausgebildet aus ihr. Möglich und auch notwendig wird aller Klang durch die Stille, die überall der Hintergrund ist. Durch die Stille, die augefüllt werden kann – und aufgefüllt werden muß.




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Ein Kommentar
Still, sei still, sei nur ja still! Hörst du es denn nicht? Die Stille ruft dich zu sich, sie fleht so laut, dass du endlich aufhörst, ihr zu widersprechen. Ach, schweige doch, ach, schweige doch mit mir, Bruder. Ist doch nichts, was der Rede wert. NIcht mal dies.