»Nein, am Donnerstag geht es nicht, das weiß ich jetzt schon. Wir können gerne einen anderen Termin absprechen, aber dann sollten wir noch einmal telefonieren, ich habe nämlich meinen Kalender nicht dabei.«
Der Kalender ist dem modernen Menschen ein Überlebenswerkzeug, unverzichtbar wie dem Sumpfbewohner das Fliegengitter oder dem Wanderer ein Klappspaten. Und, womöglich, der Kalender ist noch elementarer.
Schon durch seine Herkunft ist dem Wort unaufschiebbare Dringlichkeit eingeschrieben. Es kommt nämlich vom lateinischen Wort für rufen. An den Kalendae eines Monats ging ein Rufen durch die Stadt, das Schuldner daran gemahnte, daß sie Schulden hatten und sie begleichen mußten. Die Kalenden waren Tage des schlechten Gewissens, der Sorge und Nervosität.
Ein Kalendarium ist ein Verzeichnis solch unangenehmer Tage. Und es ist ein uraltes Bedürfnis der Menschen, einen Maßstab zu haben für die Zeit, für die Drehbewegung der Erde, das Kälter- und Wärmerwerden, das Zugrundegehen und Wiederaufleben der Natur. Das ist: Einen Kalender zu besitzen. Man nehme nur die Knochen von Ishango, mindestens 18.000 Jahre alt und womöglich ein Kalender. Oder man betrachte die gewaltigen anhäufungen von Stein, die Menschen gebaut haben, um von den Sternen einen Kalender ablesen zu können.
Schließlich ist es auch nicht von der Hand zu weisen, daß die Zeit ein gefahrenreiches Gelände ist, durch das man ohne verläßliche Karte nicht sicher hindurchkommt. Wann soll man ein Kind zeugen, ohne befürchten zu müssen, daß es mitten in der kalten Zeit zur Welt kommt? Wann muß das Korn in die Erde gelegt werden, damit es nicht ein Fraß der Würmer wird, sondern aufgeht und sich vermehrt? Dies und vieles mehr, die Fundamente des Überlebens, sind abhängig davon, daß der Mensch sich nicht gegen die Zeit sträubt, daß er ihr gehorcht, auf ihre Befehle aufmerksam lauscht. Ein Kalender ist wichtig, das Überleben zu sichern.
Solange wir Bauern waren, konnten wir uns auf Kalender verlassen, konnte man einen Kalender als Karte nutzen, den Kurs festzumachen, der durchs Jahr zu steuern war. Und dann wurde die Uhr erfunden. Ein Vorbote mit dem Herz eines Vogels. Uhren wurden auf den Kirchtürmen postiert und hielten von dort Ausschau nach dem Anbruch einer neuen Zeit. Die kam unweigerlich, als der Mechanismus, der in Uhren tickte, in Dampfmaschinen zu schnaufen begann. Um die Dampfmaschinen wurden Fabriken errichtet und die Maschinen kauerten in ihrem Schatten und bedurften der Pflege, wie die Termitenkönigin tief im Bau, durch Arbeiter. Und die Arbeiter wurden Hörige, Leibeigene von Uhren. Denn als Bauteil einer Fabrik, als Rädchen im Maschinenkörper, muß der Mensch pünktlich sein. Winter oder Sommer kommt nicht in Betracht, solange der Mensch nur pünktlich ist.
Was nun ist für uns, die der Natur Abgeschlagenen, der Kalender? Er dient uns nicht zum Sähen, zum Vermehren und nicht als geduldige Karte, einen Weg nach ihr zu bemessen. In unseren Kalendern sind die Zeitpunkte festgelegt mit der Präzision einer tickenden Uhr und gemessen nach ihrer immer schwankenden Unruh. Darüber mag es kalt oder warm werden, was geht uns das an, denn darüber noch steht der Termin, der einzuhalten ist.



drucken







Ein Kommentar
Wenn ich morgen zur Arbeit komme, werde ich direkt meinen Kalender mit den folgenden, deinem Text entliehenen Worten versehen:
„Die gesammelten Tage des schlechten Gewissens, der Sorge und Nervosität“