Eine konfabulierteKonfabulation ist »die Produktion von objektiv falschen Aussagen« bzw. von Märchen (lat. fabula), wobei der Konfabulierende von der Gültigkeit seiner Aussagen mehr oder weniger fest überzeugt ist. Es kann eine hirn­organische Störung zugrunde­liegen oder auch der bei Gesunden gelegentlich vorkommende Drang, sich an mehr zu erinnern, als tatsächlich der Fall ist (z.B. bei Kindheits­erinnerungen oder bei der Befragung eines Zeugen vor Gericht; es sind sog. provozierte K.).
  Die spontane K. liegt vor, wenn die Fähigkeit gestört ist, eigene Einfälle von realen Sach­verhalten zu unterscheiden. (»Patients with Korsakoff's syndrome characteristically confabulate by guessing an answer or imagining an event and then mistaking their guess or imagination for an actual memory. [Wikipedia]«
Realienkunde, ein Thesaurus, bar jeder Notwendigkeit assoziiert, eine Sammlung von Marginalien, über die im Unklaren zu bleiben, ich nicht auf mich nehmen wollte. Dem geneigten Leser im jeweiligen Kontext unterbreitet, in alphabetischer Ordnung. Anregungen für weitere Stichworte werden gerne entgegengenommen.

Kalenderknechte

»Nein, am Donnerstag geht es nicht, das weiß ich jetzt schon. Wir können gerne einen anderen Termin absprechen, aber dann sollten wir noch einmal telefonieren, ich habe nämlich meinen Kalender nicht dabei.«

Der Kalender ist dem modernen Menschen ein Überlebenswerkzeug, unverzichtbar wie dem Sumpfbewohner das Fliegengitter oder dem Wanderer ein Klappspaten. Und, womöglich, der Kalender ist noch elementarer.

Schon durch seine Herkunft ist dem Wort unaufschiebbare Dringlichkeit eingeschrieben. Es kommt nämlich vom lateinischen Wort für rufen. An den Kalendae eines Monats ging ein Rufen durch die Stadt, das Schuldner daran gemahnte, daß sie Schulden hatten und sie begleichen mußten. Die Kalenden waren Tage des schlechten Gewissens, der Sorge und Nervosität.

Ein Kalendarium ist ein Verzeichnis solch unangenehmer Tage. Und es ist ein uraltes Bedürfnis der Menschen, einen Maßstab zu haben für die Zeit, für die Drehbewegung der Erde, das Kälter- und Wärmerwerden, das Zugrundegehen und Wiederaufleben der Natur. Das ist: Einen Kalender zu besitzen. Man nehme nur die Knochen von Ishango, mindestens 18.000 Jahre alt und womöglich ein Kalender. Oder man betrachte die gewaltigen anhäufungen von Stein, die Menschen gebaut haben, um von den Sternen einen Kalender ablesen zu können.

Schließlich ist es auch nicht von der Hand zu weisen, daß die Zeit ein gefahrenreiches Gelände ist, durch das man ohne verläßliche Karte nicht sicher hindurchkommt. Wann soll man ein Kind zeugen, ohne befürchten zu müssen, daß es mitten in der kalten Zeit zur Welt kommt? Wann muß das Korn in die Erde gelegt werden, damit es nicht ein Fraß der Würmer wird, sondern aufgeht und sich vermehrt? Dies und vieles mehr, die Fundamente des Überlebens, sind abhängig davon, daß der Mensch sich nicht gegen die Zeit sträubt, daß er ihr gehorcht, auf ihre Befehle aufmerksam lauscht. Ein Kalender ist wichtig, das Überleben zu sichern.

Solange wir Bauern waren, konnten wir uns auf Kalender verlassen, konnte man einen Kalender als Karte nutzen, den Kurs festzumachen, der durchs Jahr zu steuern war. Und dann wurde die Uhr erfunden. Ein Vorbote mit dem Herz eines Vogels. Uhren wurden auf den Kirchtürmen postiert und hielten von dort Ausschau nach dem Anbruch einer neuen Zeit. Die kam unweigerlich, als der Mechanismus, der in Uhren tickte, in Dampfmaschinen zu schnaufen begann. Um die Dampfmaschinen wurden Fabriken errichtet und die Maschinen kauerten in ihrem Schatten und bedurften der Pflege, wie die Termitenkönigin tief im Bau, durch Arbeiter. Und die Arbeiter wurden Hörige, Leibeigene von Uhren. Denn als Bauteil einer Fabrik, als Rädchen im Maschinenkörper, muß der Mensch pünktlich sein. Winter oder Sommer kommt nicht in Betracht, solange der Mensch nur pünktlich ist.

Was nun ist für uns, die der Natur Abgeschlagenen, der Kalender? Er dient uns nicht zum Sähen, zum Vermehren und nicht als geduldige Karte, einen Weg nach ihr zu bemessen. In unseren Kalendern sind die Zeitpunkte festgelegt mit der Präzision einer tickenden Uhr und gemessen nach ihrer immer schwankenden Unruh. Darüber mag es kalt oder warm werden, was geht uns das an, denn darüber noch steht der Termin, der einzuhalten ist.

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Ein Kommentar

  1. Erstellt am 21. September 2008 um 16:58 | Permanent-Link

    Wenn ich morgen zur Arbeit komme, werde ich direkt meinen Kalender mit den folgenden, deinem Text entliehenen Worten versehen:
    „Die gesammelten Tage des schlechten Gewissens, der Sorge und Nervosität“

    VA:F [1.9.13_1145]
    Wertung: + 0 | - 0

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    »I wanted to amplify that quite explicit but often entirely invisible friction that's constantly surrounding us between things that we do and the consequences of our actions...« (3. 2. / 17 Uhr)

    »Was heißt es anders als der Vernunft entsagen, wenn iemand ein höchstes Wesen läugnet, das alle Dinge erhält, regirt, und was ewig im Begrif ist, aus einander zu fallen...« (24. 1. / 12 Uhr)

    »Was ist für ein fixer Punkt meines unveränderlichen Daseyns in mir, vermöge dessen ich trotz alles Abreibens und Wegdünstens der Materie doch immer der Nämliche bin? [...] (18. 1. / 12 Uhr)

    »Im Schlaf empfand er Schmerz. Gern und oft, u. geschickt bringt die Phantasirende Seele im Traum ihr bilderreiches Spiel mit der Disposition u. den Empfindungen des Körpers in Verbindung. (17. 1. / 13 Uhr)

    »Je befriedigender die Gegenwart ist, desto zufridener Ruht auf ihr das Auge; wozu alsdann der Blick in die Zukunft, der mehr zehrt als sättigt?« (J.P. Hebel, Notiz zu Ps. 45) (17. 1. / 12 Uhr)

    Und weiterhin der Ichneumon, von dem Plinius zu berichten wusste, daß er schlafenden Krokodilen in den Leib kriecht, um deren Herz an Ort und Stelle zu fressen. (13. 12. / 14 Uhr)

    Philander von Sittewalt — ein Name, der ohne alles weitere auskommt; ohne seinen Träger wüssten wir nicht, daß das Dunkle notwendige Zutat für gutes Munkeln ist. (13. 12. / 14 Uhr)

    Der deutliche, gutturale Widerwille beim Gedanken an wirkliche Spezialisierung(7. 12. / 13 Uhr)

    die flöte an den mund, den topf ans feuer, den stul an die wand, (15. 11. / 22 Uhr)

    »Everyone is beautiful, traffic like a funeral
    And everybody tries to keep in touch«(24. 10. / 8 Uhr)

    Das merkwürdige Erscheinungsbild der Auflösung, die den Mond befallen hat, an einem Abend, der den Herbst mit wenig letztem Licht auf die Häuser streicht, (10. 9. / 20 Uhr)

    »... — nur ein Weiser, der die Sehnen und Fasern des menschlichen Herzens oft und mit Glück entwickelt, und die Einbildungskraft bis in ihre feinsten Blutgänge zergliedert hat — ... « (6. 9. / 12 Uhr)

    »Von dem hochgelegenen französischen Viertel schob sich langsam wie ein Lavastrom eine Masse von Schmutz, Abfall, geronnenem Blut, Gedärmen, Tier- und Menschenkadavern. (2. 9. / 22 Uhr)

    Protohorror: Und der Mensch, in dem der böse Geist war, stürzte sich auf sie und überwältigte sie alle und richtete sie so zu, daß sie nackt und verwundet aus dem Haus flohen. (Apg. 19,16) (2. 9. / 21 Uhr)

    »A snake can shed its skin but never change. « (I Like Trains) (2. 9. / 21 Uhr)

    Incensol ist ein Anxiolytikum und zwar der Wirkstoff im Harz der Boswellia sacra. Das sollte man nicht außer Acht lassen. (31. 8. / 14 Uhr)

    Man könnte einiges daraus ableiten, daß wir heute nicht mehr wie früher vom »Lüfteplan«, sondern vom »Luftraum« sprechen.(30. 8. / 12 Uhr)

    »I don't think the human race will survive the next thousand years, unless we spread into space. There are too many accidents that can befall life on a single planet.« (Stephen Hawking) (29. 8. / 13 Uhr)

    »In diseme versinket de geluterte verklerte geist in daz götteliche vinsternisse, in ein stille swigen(25. 8. / 11 Uhr)

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