Eine konfabulierteKonfabulation ist »die Produktion von objektiv falschen Aussagen« bzw. von Märchen (lat. fabula), wobei der Konfabulierende von der Gültigkeit seiner Aussagen mehr oder weniger fest überzeugt ist. Es kann eine hirn­organische Störung zugrunde­liegen oder auch der bei Gesunden gelegentlich vorkommende Drang, sich an mehr zu erinnern, als tatsächlich der Fall ist (z.B. bei Kindheits­erinnerungen oder bei der Befragung eines Zeugen vor Gericht; es sind sog. provozierte K.).
  Die spontane K. liegt vor, wenn die Fähigkeit gestört ist, eigene Einfälle von realen Sach­verhalten zu unterscheiden. (»Patients with Korsakoff's syndrome characteristically confabulate by guessing an answer or imagining an event and then mistaking their guess or imagination for an actual memory. [Wikipedia]«
Realienkunde, ein Thesaurus, bar jeder Notwendigkeit assoziiert, eine Sammlung von Marginalien, über die im Unklaren zu bleiben, ich nicht auf mich nehmen wollte. Dem geneigten Leser im jeweiligen Kontext unterbreitet, in alphabetischer Ordnung. Anregungen für weitere Stichworte werden gerne entgegengenommen.

Literaturpornographie

Die Währung des Internets ist Aufmerksamkeit. Gelegentlich werden auch Kreditkarten akzeptiert, aber gerade das Marktsegment, in dem der Rauhfasler mit vielen anderen konkurriert, ist völlig losgelöst von den Niederungen des Materiellen (abgesehen davon vielleicht, daß die Rechnungen der Provider bezahlt werden müssen). Das, was einzig zählt, ist Aufmerksamkeit.

Aber wie kann Aufmerksamkeit bemessen werden? 2,50 € sind, was sie sind, aber was ist ein Maß für mehr oder weniger Aufmerksamkeit. Oder für qualitativ hoch- oder minderwertige Aufmerksamkeit? Man könnte als Arbeitshypothese formulieren: Aufmerksamkeit, Interesse, Anteilnahme – das sind Äußerungen des menschlichen Geistes und deshalb nicht fest und eindeutig zu bestimmen. Man könnte – aber das hält dem harten Geschäft nicht stand.

Page Impressions (Seitenaufrufe) sind eine einigermaßen feste Währung, und vor allem etwas, das man zählen kann. Wichtiger noch vielleicht die Kennzahl »Unique visitors« (also sowas wie »echte Besuche« oder »eindeutige Besuche«). Sie, falls Sie diesen Text gerade lesen, bedeuten »Unique visitors plus 1″ und wenn Sie rechts auf einen Link klicken und weiterlesen, steigt PI gleich nochmal um eins. So ist das. Das ist Aufmerksamkeit, die Währung, mit in der im Internet die Lohntüte gefüllt wird.

Immer, wenn Zählbares im Spiel ist, lassen sich Menschen zu sonderbaren Handlungen bewegen. Ich bin ein gutes Beispiel. Ich habe vor einigen Tagen diesen Button auf meine Seite gestellt:

Die Top 100 Literatur-Seiten im NetzWer wollte auch nicht zu den »Literatur Top 100″ gehören? Also stehe ich mit meinen Texten jetzt in einer Liste.

Ich kannte solche Listen bislang nur von jenen prekären Augenblicken, wenn mich ein unvorsichtiger Mausklick in die schäbigeren und zwielichtigen Ecken des Internets getragen hatte. Wenn der geneigte Leser den Selbstversuch wagen will: hier entlang.

Sonderbarerweise funktionieren Listen, die sich »Porno Top 100″ oder ähnlich nennen, ganz genau so, wie die unverdächtig schöngeistige Einrichtung, der ich vor einigen Tagen beigetreten bin. Es geht hier und dort um das Rein und Raus. Und wer am meisten Rein und Raus erzeugt (die genaue Formel ist mir unklar), der steigt immer weiter auf der Bestenliste. Der Beste kann momentan ein Rein/Raus-Verhältnis von 484 zu 1080 aufweisen. Er garantiert nicht für angenehme Träume; dafür kann man bei ihm eine Ratte Namens »Max« kennenlernen. (Ratten Übrigens sind auch Meister des hier in Frage stehenden Metiers: Sechs bis acht Würfe à 5-18 Jungtiere im Jahr. Ein Weibchen, das Bereitschaft signalisiert, kann im Rattenrudel, so geht das Gerücht, zweihundert- bis fünfhundertmal gedeckt werden. Max hat also auch viel Konkurrenz zu verkraften, aber das nur am Rande.)

Ich fühle mich, muß ich skrupulöserweise gestehen, leicht angeschmutzt dadurch, daß ich in so einem Rein-Raus-Club Mitglied bin, um Aufmerksamkeits-Profit zu haben. Aber es ist doch auch erhellend. Ich stehe zum Beispiel im Moment zwischen der Wallander-Fanpage (ich habe in meinem Leben noch keinen Krimi zuendelesen können) und einer Seite mit Reiseberichten (warum nicht?). Der Blick nach unten ist erbaulich für das Selbstbewußtsein: Ich habe eine Seite mit »plakativen Wortmalereien« hinter mir gelassen1. Weit unter mir, schon auf der nächsten Seite, liegt das gesamte »Autorenforum Bremen«. Ha! niemand wird mich aufhalten können, eine ganze Stadt liegt schon unter meinen Füßen!

Ich hatte mir vorgenommen, die Position 126 (die nehme ich paradoxerweise momentan in den »Literatur Top 100″ ein), meinen Nachbarn aus dem Pornogeschäft also, zu Wort kommen zu lassen. Aber der Titel ist mir zu brachial. Aus der klebrigen Beschreibung des Angebots von Nr. 126 kann ich eigentlich nur das Wort »schüchtern« guten Gewissens zitieren. Da sind mir »Solarias eigene naturhafte Werke der Lyrik« am Ende doch lieber. Für’s Pornogeschäft wäre ich wohl, da beißt die Maus keinen Faden ab, doch nicht geeignet.

  1. Die es inzwischen (Januar 2010) nicht mehr gibt.
1366
Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Ceterum censeo, Reiseberichte und getagged , . Bookmarken: Permanent-Link. Kommentieren oder ein Trackback hinterlassen: Trackback-URL. |drucken

Ihr Kommentar

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder verteilt. Benötigte Felder sind mit * markiert

*
*

Du kannst diese HTML Tags und Attribute verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Bild einfügen

Um ein Bild (im jpg-Format) in Ihren Kommentar einzufügen, wählen Sie bitte die entsprechende Datei auf Ihrem Computer aus. Das Bild wird dann automatisch eingesetzt. Sie können die Position nachträglich verändern. Es können auch mehrere Bilder hochgeladen werden.

  • Kurzum


    »I wanted to amplify that quite explicit but often entirely invisible friction that's constantly surrounding us between things that we do and the consequences of our actions...« (3. 2. / 17 Uhr)

    »Was heißt es anders als der Vernunft entsagen, wenn iemand ein höchstes Wesen läugnet, das alle Dinge erhält, regirt, und was ewig im Begrif ist, aus einander zu fallen...« (24. 1. / 12 Uhr)

    »Was ist für ein fixer Punkt meines unveränderlichen Daseyns in mir, vermöge dessen ich trotz alles Abreibens und Wegdünstens der Materie doch immer der Nämliche bin? [...] (18. 1. / 12 Uhr)

    »Im Schlaf empfand er Schmerz. Gern und oft, u. geschickt bringt die Phantasirende Seele im Traum ihr bilderreiches Spiel mit der Disposition u. den Empfindungen des Körpers in Verbindung. (17. 1. / 13 Uhr)

    »Je befriedigender die Gegenwart ist, desto zufridener Ruht auf ihr das Auge; wozu alsdann der Blick in die Zukunft, der mehr zehrt als sättigt?« (J.P. Hebel, Notiz zu Ps. 45) (17. 1. / 12 Uhr)

    Und weiterhin der Ichneumon, von dem Plinius zu berichten wusste, daß er schlafenden Krokodilen in den Leib kriecht, um deren Herz an Ort und Stelle zu fressen. (13. 12. / 14 Uhr)

    Philander von Sittewalt — ein Name, der ohne alles weitere auskommt; ohne seinen Träger wüssten wir nicht, daß das Dunkle notwendige Zutat für gutes Munkeln ist. (13. 12. / 14 Uhr)

    Der deutliche, gutturale Widerwille beim Gedanken an wirkliche Spezialisierung(7. 12. / 13 Uhr)

    die flöte an den mund, den topf ans feuer, den stul an die wand, (15. 11. / 22 Uhr)

    »Everyone is beautiful, traffic like a funeral
    And everybody tries to keep in touch«(24. 10. / 8 Uhr)

    Das merkwürdige Erscheinungsbild der Auflösung, die den Mond befallen hat, an einem Abend, der den Herbst mit wenig letztem Licht auf die Häuser streicht, (10. 9. / 20 Uhr)

    »... — nur ein Weiser, der die Sehnen und Fasern des menschlichen Herzens oft und mit Glück entwickelt, und die Einbildungskraft bis in ihre feinsten Blutgänge zergliedert hat — ... « (6. 9. / 12 Uhr)

    »Von dem hochgelegenen französischen Viertel schob sich langsam wie ein Lavastrom eine Masse von Schmutz, Abfall, geronnenem Blut, Gedärmen, Tier- und Menschenkadavern. (2. 9. / 22 Uhr)

    Protohorror: Und der Mensch, in dem der böse Geist war, stürzte sich auf sie und überwältigte sie alle und richtete sie so zu, daß sie nackt und verwundet aus dem Haus flohen. (Apg. 19,16) (2. 9. / 21 Uhr)

    »A snake can shed its skin but never change. « (I Like Trains) (2. 9. / 21 Uhr)

    Incensol ist ein Anxiolytikum und zwar der Wirkstoff im Harz der Boswellia sacra. Das sollte man nicht außer Acht lassen. (31. 8. / 14 Uhr)

    Man könnte einiges daraus ableiten, daß wir heute nicht mehr wie früher vom »Lüfteplan«, sondern vom »Luftraum« sprechen.(30. 8. / 12 Uhr)

    »I don't think the human race will survive the next thousand years, unless we spread into space. There are too many accidents that can befall life on a single planet.« (Stephen Hawking) (29. 8. / 13 Uhr)

    »In diseme versinket de geluterte verklerte geist in daz götteliche vinsternisse, in ein stille swigen(25. 8. / 11 Uhr)

    »Übergroße Lichtmengen (Blitz) oder überraschende Schatten im Gesichtsfeld, (20. 8. / 20 Uhr)

  • Tags

  • Pressalbum

    Bild vom Tumblr-Photoblog
    Bild vom Tumblr-Photoblog
    Bild vom Tumblr-Photoblog
    Bild vom Tumblr-Photoblog
    Bild vom Tumblr-Photoblog

  • Rubriken

  • Energiestand

    Das Geräusch des Lastenaufzugs

  • Alles in allem…

    • Texte 1.628
    • Wörter 360.369
    • Rubriken 39
  • Statistischer Schlußstrich

    • in 35 Jahre, 7 Monaten, 17 Tagen, 20 Stunden, 33 Minuten, 9 Sekunden