Eine konfabulierteKonfabulation ist »die Produktion von objektiv falschen Aussagen« bzw. von Märchen (lat. fabula), wobei der Konfabulierende von der Gültigkeit seiner Aussagen mehr oder weniger fest überzeugt ist. Es kann eine hirn­organische Störung zugrunde­liegen oder auch der bei Gesunden gelegentlich vorkommende Drang, sich an mehr zu erinnern, als tatsächlich der Fall ist (z.B. bei Kindheits­erinnerungen oder bei der Befragung eines Zeugen vor Gericht; es sind sog. provozierte K.).
  Die spontane K. liegt vor, wenn die Fähigkeit gestört ist, eigene Einfälle von realen Sach­verhalten zu unterscheiden. (»Patients with Korsakoff's syndrome characteristically confabulate by guessing an answer or imagining an event and then mistaking their guess or imagination for an actual memory. [Wikipedia]«
Realienkunde, ein Thesaurus, bar jeder Notwendigkeit assoziiert, eine Sammlung von Marginalien, über die im Unklaren zu bleiben, ich nicht auf mich nehmen wollte. Dem geneigten Leser im jeweiligen Kontext unterbreitet, in alphabetischer Ordnung. Anregungen für weitere Stichworte werden gerne entgegengenommen.

Randgríðr, Radgríðr, Reginleifr

Walküre von Peter Nicolai Arbo

Mir sitzt eine Walküre gegenüber, blaß vor Müdigkeit, Müde wohl von den Schlachten, in die sie verwickelt war. Sie hat eben, gnädig, ein wenig ihr Bein verrückt, um mich auf die Bank zu lassen, das habe ich mit stiller Dankbarkeit, mit Dankbarkeit, von der ich nicht wagte, sie mir anmerken zu lassen, entgegengenommen. Ich beobachte sie jetzt mit der Vorsicht, die mir ansteht. Sie ist vielleicht sogar zufrieden, eben hat es in ihren Augen geblitzt, vielleicht schwelt aber auch ihr Zorn und sie beobachtet gerade, wie die Hitze in ihr zunimmt, und womöglich wählt sie jetzt schon einen aus, ihn zu zerschmettern. Oder sie bedenkt der Nornen Entscheidung.

Ein Sicherheitssöldner schleicht dort, wo das Licht abnimmt, über den Bahnsteig. Er hält sich wie ein Wiesel und Gemeinheit strömt deutlich von ihm aus, er ist, so spricht sein Blick, weit über uns allen, er schwenkt seine Hüfte genußvoll und durch seinen Gürtel nach hinten schlägt ein Schlagstock in die Luft (ein glänzender, feindselig geometischer Stab, schwarz, poliert und vorn obszön gerundet, es ist länger fast als sein Träger).

Der devote Obdachlose, der am Hallenschlund zum Bahnhof steht, der seine abgezehrte Hand den achtlosen Passanten entgegenreckt, der, kaum merklich, den Kopf zwischen die Schultern senkt und an dem sogar der Bart mager ist. Er zieht an mir vorüber, während ich ihn unbeachtet lasse, am Rand meines Blickfeldes, aber gerade noch hineingerückt. Denkbar, daß er einen unmerklichen Schritt auf mich zu gemacht hat, um für mich sichtbar zu bleiben, um mich nicht unangetastet vorüberzulassen. Dann noch einer, der gleiche Ausdruck im Gesicht, eine Kopie, der zweite Wächter hier beim Schlund, der niemanden eintreten läßt, ohne ihn mit Zudringlichkeit zu prüfen.

Die Walküre beobachtet, während wir in die Unterwelt fahren, ein schmales Stadtmädchen, künstlich gelockt und spatzenfroh, ein Vögelein, daß verkennt, wo es ist, wohin es mit ihm geht. Aus dem Augenwinkel sieht sie, die Großmächtige auf das Mädchen, zu überlegen, zu haushoch über ihr, um wirklich spöttisch zu sein, kalt wie ein Schwert blickt sie oder wie ein Fels den Möwen zusieht und nur leise knirscht, wenn der Wind sie verweht.

Am Bus verabschiedet sich ein Mann, der mit allen Weihen der Seichtigeit versehen ist, von einer Freundin. Er grinst und geht so leichthin, als wäre da kein Boden, grinst, als hätte man ihm gerade ein Modellauto geschenkt, und mehr braucht er nicht zu seinem Glück. Er fliegt der Freundin zu einer Umarmung entgegen und flattert auch schon fort, fröhlich schlackernd mit den dünnen Armen. Er, ja er entkommt. Über ihn wachen höhere Mächte. – Wenn ihr nicht werdet, wie die Kinder. – Da schaltet die Freundin, kaum ist der Abschied vergangen, der Freund verschlackert, nun unbehelligt endlich, ihr Lächeln ab, warum sollte sie länger als nötig es unter Spannung halten. Der Mund stürzt zusammen und ihr gepudertes Gesicht ist aus Kunststoff gegossen. Über ihr dunkelt sich der Himmel noch über seine Dunkelheit.

Oh, ich kann mich nicht anlehnen an die Säule hinter mir. Auf Stirneshöhe ist da eine Krempe um meinen Kopf und ich bin verpflichtet zu aufrechter Haltung. Es ist auch längst die Zeit vergangen für Ausflüchte. Jetzt haben die Laternen den letzten Schatten in die Gesichter gesenkt, jetzt ist die Stunde verstrichen, zu der man geschont zu werden hoffen kann. Der letzte unbedarfte ist fort und es wäre Zeit, den Nornen zuzuhören, ihrem harten Satz, wer kann ihn hören? Die Plastikgesichtige macht einen Schritt und der Fuß knickt ihr ein, sie strauchelt und wetzt sich von den Nägeln den Lack. Schmutzig ist sie, als sie sich aufrichtet.

Da ist die Walküre, sie wippt lässig mit dem Fuß, sie hat wohl den Ruf gehört: es geht in die Schlacht, es wird auf der Strecke geblieben, vielleicht bin auch ich es.

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Ein Kommentar

  1. Janus
    Erstellt am 19. Juli 2008 um 22:13 | Permanent-Link

    Ich merke an, vor allem, um es mir selbst merken zu können und mich nicht irgendwann fragen zu müssen, was daß für Buchstaben sind: Randgríðr, Radgríðr und Reginleifr sind drei Walküren. Das altnordische Wort lautet anscheinend valkyrjar und ist zusammengesetzt aus valr (»die auf dem Schlachtfeld liegenden Leichen«) und kjósa (»wählen«). Das ist alles sehr klangvoll und es gibt noch sehr viele Walküren mit schönen Namen.

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    »I wanted to amplify that quite explicit but often entirely invisible friction that's constantly surrounding us between things that we do and the consequences of our actions...« (3. 2. / 17 Uhr)

    »Was heißt es anders als der Vernunft entsagen, wenn iemand ein höchstes Wesen läugnet, das alle Dinge erhält, regirt, und was ewig im Begrif ist, aus einander zu fallen...« (24. 1. / 12 Uhr)

    »Was ist für ein fixer Punkt meines unveränderlichen Daseyns in mir, vermöge dessen ich trotz alles Abreibens und Wegdünstens der Materie doch immer der Nämliche bin? [...] (18. 1. / 12 Uhr)

    »Im Schlaf empfand er Schmerz. Gern und oft, u. geschickt bringt die Phantasirende Seele im Traum ihr bilderreiches Spiel mit der Disposition u. den Empfindungen des Körpers in Verbindung. (17. 1. / 13 Uhr)

    »Je befriedigender die Gegenwart ist, desto zufridener Ruht auf ihr das Auge; wozu alsdann der Blick in die Zukunft, der mehr zehrt als sättigt?« (J.P. Hebel, Notiz zu Ps. 45) (17. 1. / 12 Uhr)

    Und weiterhin der Ichneumon, von dem Plinius zu berichten wusste, daß er schlafenden Krokodilen in den Leib kriecht, um deren Herz an Ort und Stelle zu fressen. (13. 12. / 14 Uhr)

    Philander von Sittewalt — ein Name, der ohne alles weitere auskommt; ohne seinen Träger wüssten wir nicht, daß das Dunkle notwendige Zutat für gutes Munkeln ist. (13. 12. / 14 Uhr)

    Der deutliche, gutturale Widerwille beim Gedanken an wirkliche Spezialisierung(7. 12. / 13 Uhr)

    die flöte an den mund, den topf ans feuer, den stul an die wand, (15. 11. / 22 Uhr)

    »Everyone is beautiful, traffic like a funeral
    And everybody tries to keep in touch«(24. 10. / 8 Uhr)

    Das merkwürdige Erscheinungsbild der Auflösung, die den Mond befallen hat, an einem Abend, der den Herbst mit wenig letztem Licht auf die Häuser streicht, (10. 9. / 20 Uhr)

    »... — nur ein Weiser, der die Sehnen und Fasern des menschlichen Herzens oft und mit Glück entwickelt, und die Einbildungskraft bis in ihre feinsten Blutgänge zergliedert hat — ... « (6. 9. / 12 Uhr)

    »Von dem hochgelegenen französischen Viertel schob sich langsam wie ein Lavastrom eine Masse von Schmutz, Abfall, geronnenem Blut, Gedärmen, Tier- und Menschenkadavern. (2. 9. / 22 Uhr)

    Protohorror: Und der Mensch, in dem der böse Geist war, stürzte sich auf sie und überwältigte sie alle und richtete sie so zu, daß sie nackt und verwundet aus dem Haus flohen. (Apg. 19,16) (2. 9. / 21 Uhr)

    »A snake can shed its skin but never change. « (I Like Trains) (2. 9. / 21 Uhr)

    Incensol ist ein Anxiolytikum und zwar der Wirkstoff im Harz der Boswellia sacra. Das sollte man nicht außer Acht lassen. (31. 8. / 14 Uhr)

    Man könnte einiges daraus ableiten, daß wir heute nicht mehr wie früher vom »Lüfteplan«, sondern vom »Luftraum« sprechen.(30. 8. / 12 Uhr)

    »I don't think the human race will survive the next thousand years, unless we spread into space. There are too many accidents that can befall life on a single planet.« (Stephen Hawking) (29. 8. / 13 Uhr)

    »In diseme versinket de geluterte verklerte geist in daz götteliche vinsternisse, in ein stille swigen(25. 8. / 11 Uhr)

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