Mir sitzt eine Walküre gegenüber, blaß vor Müdigkeit, Müde wohl von den Schlachten, in die sie verwickelt war. Sie hat eben, gnädig, ein wenig ihr Bein verrückt, um mich auf die Bank zu lassen, das habe ich mit stiller Dankbarkeit, mit Dankbarkeit, von der ich nicht wagte, sie mir anmerken zu lassen, entgegengenommen. Ich beobachte sie jetzt mit der Vorsicht, die mir ansteht. Sie ist vielleicht sogar zufrieden, eben hat es in ihren Augen geblitzt, vielleicht schwelt aber auch ihr Zorn und sie beobachtet gerade, wie die Hitze in ihr zunimmt, und womöglich wählt sie jetzt schon einen aus, ihn zu zerschmettern. Oder sie bedenkt der Nornen Entscheidung.
Ein Sicherheitssöldner schleicht dort, wo das Licht abnimmt, über den Bahnsteig. Er hält sich wie ein Wiesel und Gemeinheit strömt deutlich von ihm aus, er ist, so spricht sein Blick, weit über uns allen, er schwenkt seine Hüfte genußvoll und durch seinen Gürtel nach hinten schlägt ein Schlagstock in die Luft (ein glänzender, feindselig geometischer Stab, schwarz, poliert und vorn obszön gerundet, es ist länger fast als sein Träger).
Der devote Obdachlose, der am Hallenschlund zum Bahnhof steht, der seine abgezehrte Hand den achtlosen Passanten entgegenreckt, der, kaum merklich, den Kopf zwischen die Schultern senkt und an dem sogar der Bart mager ist. Er zieht an mir vorüber, während ich ihn unbeachtet lasse, am Rand meines Blickfeldes, aber gerade noch hineingerückt. Denkbar, daß er einen unmerklichen Schritt auf mich zu gemacht hat, um für mich sichtbar zu bleiben, um mich nicht unangetastet vorüberzulassen. Dann noch einer, der gleiche Ausdruck im Gesicht, eine Kopie, der zweite Wächter hier beim Schlund, der niemanden eintreten läßt, ohne ihn mit Zudringlichkeit zu prüfen.
Die Walküre beobachtet, während wir in die Unterwelt fahren, ein schmales Stadtmädchen, künstlich gelockt und spatzenfroh, ein Vögelein, daß verkennt, wo es ist, wohin es mit ihm geht. Aus dem Augenwinkel sieht sie, die Großmächtige auf das Mädchen, zu überlegen, zu haushoch über ihr, um wirklich spöttisch zu sein, kalt wie ein Schwert blickt sie oder wie ein Fels den Möwen zusieht und nur leise knirscht, wenn der Wind sie verweht.
Am Bus verabschiedet sich ein Mann, der mit allen Weihen der Seichtigeit versehen ist, von einer Freundin. Er grinst und geht so leichthin, als wäre da kein Boden, grinst, als hätte man ihm gerade ein Modellauto geschenkt, und mehr braucht er nicht zu seinem Glück. Er fliegt der Freundin zu einer Umarmung entgegen und flattert auch schon fort, fröhlich schlackernd mit den dünnen Armen. Er, ja er entkommt. Über ihn wachen höhere Mächte. – Wenn ihr nicht werdet, wie die Kinder. – Da schaltet die Freundin, kaum ist der Abschied vergangen, der Freund verschlackert, nun unbehelligt endlich, ihr Lächeln ab, warum sollte sie länger als nötig es unter Spannung halten. Der Mund stürzt zusammen und ihr gepudertes Gesicht ist aus Kunststoff gegossen. Über ihr dunkelt sich der Himmel noch über seine Dunkelheit.
Oh, ich kann mich nicht anlehnen an die Säule hinter mir. Auf Stirneshöhe ist da eine Krempe um meinen Kopf und ich bin verpflichtet zu aufrechter Haltung. Es ist auch längst die Zeit vergangen für Ausflüchte. Jetzt haben die Laternen den letzten Schatten in die Gesichter gesenkt, jetzt ist die Stunde verstrichen, zu der man geschont zu werden hoffen kann. Der letzte unbedarfte ist fort und es wäre Zeit, den Nornen zuzuhören, ihrem harten Satz, wer kann ihn hören? Die Plastikgesichtige macht einen Schritt und der Fuß knickt ihr ein, sie strauchelt und wetzt sich von den Nägeln den Lack. Schmutzig ist sie, als sie sich aufrichtet.
Da ist die Walküre, sie wippt lässig mit dem Fuß, sie hat wohl den Ruf gehört: es geht in die Schlacht, es wird auf der Strecke geblieben, vielleicht bin auch ich es.




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Ein Kommentar
Ich merke an, vor allem, um es mir selbst merken zu können und mich nicht irgendwann fragen zu müssen, was daß für Buchstaben sind: Randgríðr, Radgríðr und Reginleifr sind drei Walküren. Das altnordische Wort lautet anscheinend valkyrjar und ist zusammengesetzt aus valr (»die auf dem Schlachtfeld liegenden Leichen«) und kjósa (»wählen«). Das ist alles sehr klangvoll und es gibt noch sehr viele Walküren mit schönen Namen.