Eine konfabulierteKonfabulation ist »die Produktion von objektiv falschen Aussagen« bzw. von Märchen (lat. fabula), wobei der Konfabulierende von der Gültigkeit seiner Aussagen mehr oder weniger fest überzeugt ist. Es kann eine hirn­organische Störung zugrunde­liegen oder auch der bei Gesunden gelegentlich vorkommende Drang, sich an mehr zu erinnern, als tatsächlich der Fall ist (z.B. bei Kindheits­erinnerungen oder bei der Befragung eines Zeugen vor Gericht; es sind sog. provozierte K.).
  Die spontane K. liegt vor, wenn die Fähigkeit gestört ist, eigene Einfälle von realen Sach­verhalten zu unterscheiden. (»Patients with Korsakoff's syndrome characteristically confabulate by guessing an answer or imagining an event and then mistaking their guess or imagination for an actual memory. [Wikipedia]«
Realienkunde, ein Thesaurus, bar jeder Notwendigkeit assoziiert, eine Sammlung von Marginalien, über die im Unklaren zu bleiben, ich nicht auf mich nehmen wollte. Dem geneigten Leser im jeweiligen Kontext unterbreitet, in alphabetischer Ordnung. Anregungen für weitere Stichworte werden gerne entgegengenommen.

Refugium, sachlich

In der Reihe: »Stilübung (a)«

Wir sehen einen Mann auf einem Stuhl in einer Küche. Die Küche ist geräumig, im Schachbrettmuster gekachelt, aufgeräumt, sauber, die Arbeitsflächen aus Stahl. Teure Messer liegen auf einem Handtuch in einer flachen Schale, Messer, über die Wellen laufen, dort, wo sich die dünnen Stahlhäutchen übereinanderlagern. Wir sehen in einer solchen Küche einen Mann auf einem Stuhl sitzen, an einem Tisch aus dunklem Holz, allein, sein Frühstücksbrett vor sich, aus dem Fenster blickend. Die Küche liegt im Dämmer, das Morgenlicht reicht gerade aus, das Gesicht des Mannes aus dem Schatten zu schälen, daß es aussieht, als trüge er eine bleiche Maske. Wir sehen: Der Mann trinkt Kaffee. Er atmet ruhig, sitzt ganz aufrecht und reglos. Nur eine Uhr durchbricht die Stille und, von Zeit zu Zeit, ein Geräusch aus der Kehle des Mannes, beim Herunterschlucken des Kaffees.

Er sitzt lange auf diese Weise in seiner aufgeräumten Küche. Dann steht er auf, frisch rasiert, geduscht, sauber, steigt über eine Holztreppe in den ersten Stock. Die Stufen knarren unter seinen Tritten, aber es ist niemand da, der davon aufgeschreckt worden wäre. Er sitzt nun an einem Schreibtisch, Lampe, Papier, ein Füllfederhalter. Etwas altmodisch. Der Stift wird zur Hand genommen. Der Blick geht aus dem Fenster. Als die Hand sich zum ersten Mal sehr zögerlich zum Papier senkt, ist die Tinte auf der Feder bereits eingetrocknet. Der Mann kratzt ärgerlich über das Papier, das Papier bleibt leer.

Zweiter Tag. Wir sehen denselben Mann. Es ist früher Morgen, er sitzt in seiner Küche, er sitzt an einem dunklen, schlichten, teuren Tisch, sein Blick geht aus dem Fenster, die Küche liegt im Dämmer, er trinkt Kaffee. Auf dem Tisch, mitten auf der Platte, steht eine leere Tasse, auf ihrem Boden eine eingetrocknete Kaffeepfütze. Auf den Wangen des Mannes, die Wangen sind ganz bleich vom Morgenlicht, liegt ein Schatten, es sind die Spitzen der Barthaare, über die an diesem Morgen keine Klinge gegangen ist.

Der Mann steigt eine knarrende Holztreppe hinauf, es ist niemand da, der darüber erschreckte. Auf seinem Schreibtisch liegt ein Füllfederhalter, auf der Feder ist dunkel und krustig die Tinte eingetrocknet wie geronnenes Blut. Die Feder ist krummgebogen, Tinte ist dabei ausgelaufen und bildet einen tiefblauen Fleck auf einem Blatt Papier das abseits des Stapels liegt. Der Mann hat einen Kugelschreiber in der Hand, die Hand schwebt reglos über dem Papier, der Mann blickt aus dem Fenster.

Dritter Tag. Wir sehen einen Mann in einer Küche, die Küche ist stählern. Der Mann sitzt an einem Küchentisch, in seiner Hand liegt ein Messer, auf der Klinge feine Wellen. In der reglosen Hand schwebt das Messer über der Tischplatte, in der Mitte des Tisches stehen zwei unsaubere Tassen. Die Küche ist still, nur das klicken einer großen, bleichen Uhr, sie sticht aus dem Schatten. Durch die Tür dringt von der Treppe ein knarren, aber niemand ist da, außer dem Mann, die Treppe knarrt grundlos. Da stürzt das Messer herab und schlägt in Kante der Platte aus dunklem Holz. Danach ist es still, nur ein Schlucken aus der Kehle des Mannes.

Vierter Tag. Im dämmerlicht eine Küche. Eben ist ein Vogel aufgeflogen vor dem Fenster als ein Knallen zu hören war. Gleichzeitig haben in einem Schrank die Tassen geklirrt, außer ihnen niemand da, der sich hätte erschrecken können. Das Licht scheint auf einen Tisch, ein teurer Tisch aus Holz, und an der Kante sammeln sich Schatten in einem Band aus Kerben. Viele gleichmäßige Kerben, die dann aber kippen und ineinander gehen, die immer tiefer geschnitten sind in das dunkle Holz. Auf dem Tisch liegt zerschlagenes Porzellan und ein schartiges Messer mit Wellen auf der Klinge, wellen von den Schlägen, mit denen es geschmiedet wurde. Im ersten Stock ein Schreibtisch, auf ihm zerbrochen Kugelschreiber, Füllfederhalter und feine Löcher, immer mehrere beienander zuhauf, in den Schreibtisch gestanzt, durch unbeschriebenes Papier hindurch.

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2 Kommentare

  1. Erstellt am 23. September 2008 um 10:08 | Permanent-Link

    Der Stil gefällt mir sehr. Bisher mein Favorit. Ich freue mich aber auch schon auf die Ochsenzungen-Übungen.

    VA:F [1.9.13_1145]
    Wertung: + 0 | - 0

  2. Janus
    Erstellt am 25. September 2008 um 09:57 | Permanent-Link

    Wiederum Danke, Mart! Ich bin mit dem Text auch recht zufrieden. Es ist sonderbar: manchmal gelingt es besser, manchmal schlechter. Ein Ziel meiner Übungen ist, den Augenblick besser zu erkennen, in dem ich schreiben kann. Bei Walter Moers ist dafür das »Orm« verantwortlich. Eine sehr plausible Vorstellung.
    Die Zungenübungen sind im Moment etwas zäh. Sei gegrüßt!

    VN:F [1.9.13_1145]
    Wertung: + 0 | - 0

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  • Kurzum


    »I wanted to amplify that quite explicit but often entirely invisible friction that's constantly surrounding us between things that we do and the consequences of our actions...« (3. 2. / 17 Uhr)

    »Was heißt es anders als der Vernunft entsagen, wenn iemand ein höchstes Wesen läugnet, das alle Dinge erhält, regirt, und was ewig im Begrif ist, aus einander zu fallen...« (24. 1. / 12 Uhr)

    »Was ist für ein fixer Punkt meines unveränderlichen Daseyns in mir, vermöge dessen ich trotz alles Abreibens und Wegdünstens der Materie doch immer der Nämliche bin? [...] (18. 1. / 12 Uhr)

    »Im Schlaf empfand er Schmerz. Gern und oft, u. geschickt bringt die Phantasirende Seele im Traum ihr bilderreiches Spiel mit der Disposition u. den Empfindungen des Körpers in Verbindung. (17. 1. / 13 Uhr)

    »Je befriedigender die Gegenwart ist, desto zufridener Ruht auf ihr das Auge; wozu alsdann der Blick in die Zukunft, der mehr zehrt als sättigt?« (J.P. Hebel, Notiz zu Ps. 45) (17. 1. / 12 Uhr)

    Und weiterhin der Ichneumon, von dem Plinius zu berichten wusste, daß er schlafenden Krokodilen in den Leib kriecht, um deren Herz an Ort und Stelle zu fressen. (13. 12. / 14 Uhr)

    Philander von Sittewalt — ein Name, der ohne alles weitere auskommt; ohne seinen Träger wüssten wir nicht, daß das Dunkle notwendige Zutat für gutes Munkeln ist. (13. 12. / 14 Uhr)

    Der deutliche, gutturale Widerwille beim Gedanken an wirkliche Spezialisierung(7. 12. / 13 Uhr)

    die flöte an den mund, den topf ans feuer, den stul an die wand, (15. 11. / 22 Uhr)

    »Everyone is beautiful, traffic like a funeral
    And everybody tries to keep in touch«(24. 10. / 8 Uhr)

    Das merkwürdige Erscheinungsbild der Auflösung, die den Mond befallen hat, an einem Abend, der den Herbst mit wenig letztem Licht auf die Häuser streicht, (10. 9. / 20 Uhr)

    »... — nur ein Weiser, der die Sehnen und Fasern des menschlichen Herzens oft und mit Glück entwickelt, und die Einbildungskraft bis in ihre feinsten Blutgänge zergliedert hat — ... « (6. 9. / 12 Uhr)

    »Von dem hochgelegenen französischen Viertel schob sich langsam wie ein Lavastrom eine Masse von Schmutz, Abfall, geronnenem Blut, Gedärmen, Tier- und Menschenkadavern. (2. 9. / 22 Uhr)

    Protohorror: Und der Mensch, in dem der böse Geist war, stürzte sich auf sie und überwältigte sie alle und richtete sie so zu, daß sie nackt und verwundet aus dem Haus flohen. (Apg. 19,16) (2. 9. / 21 Uhr)

    »A snake can shed its skin but never change. « (I Like Trains) (2. 9. / 21 Uhr)

    Incensol ist ein Anxiolytikum und zwar der Wirkstoff im Harz der Boswellia sacra. Das sollte man nicht außer Acht lassen. (31. 8. / 14 Uhr)

    Man könnte einiges daraus ableiten, daß wir heute nicht mehr wie früher vom »Lüfteplan«, sondern vom »Luftraum« sprechen.(30. 8. / 12 Uhr)

    »I don't think the human race will survive the next thousand years, unless we spread into space. There are too many accidents that can befall life on a single planet.« (Stephen Hawking) (29. 8. / 13 Uhr)

    »In diseme versinket de geluterte verklerte geist in daz götteliche vinsternisse, in ein stille swigen(25. 8. / 11 Uhr)

    »Übergroße Lichtmengen (Blitz) oder überraschende Schatten im Gesichtsfeld, (20. 8. / 20 Uhr)

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