Wir sehen einen Mann auf einem Stuhl in einer Küche. Die Küche ist geräumig, im Schachbrettmuster gekachelt, aufgeräumt, sauber, die Arbeitsflächen aus Stahl. Teure Messer liegen auf einem Handtuch in einer flachen Schale, Messer, über die Wellen laufen, dort, wo sich die dünnen Stahlhäutchen übereinanderlagern. Wir sehen in einer solchen Küche einen Mann auf einem Stuhl sitzen, an einem Tisch aus dunklem Holz, allein, sein Frühstücksbrett vor sich, aus dem Fenster blickend. Die Küche liegt im Dämmer, das Morgenlicht reicht gerade aus, das Gesicht des Mannes aus dem Schatten zu schälen, daß es aussieht, als trüge er eine bleiche Maske. Wir sehen: Der Mann trinkt Kaffee. Er atmet ruhig, sitzt ganz aufrecht und reglos. Nur eine Uhr durchbricht die Stille und, von Zeit zu Zeit, ein Geräusch aus der Kehle des Mannes, beim Herunterschlucken des Kaffees.
Er sitzt lange auf diese Weise in seiner aufgeräumten Küche. Dann steht er auf, frisch rasiert, geduscht, sauber, steigt über eine Holztreppe in den ersten Stock. Die Stufen knarren unter seinen Tritten, aber es ist niemand da, der davon aufgeschreckt worden wäre. Er sitzt nun an einem Schreibtisch, Lampe, Papier, ein Füllfederhalter. Etwas altmodisch. Der Stift wird zur Hand genommen. Der Blick geht aus dem Fenster. Als die Hand sich zum ersten Mal sehr zögerlich zum Papier senkt, ist die Tinte auf der Feder bereits eingetrocknet. Der Mann kratzt ärgerlich über das Papier, das Papier bleibt leer.
Zweiter Tag. Wir sehen denselben Mann. Es ist früher Morgen, er sitzt in seiner Küche, er sitzt an einem dunklen, schlichten, teuren Tisch, sein Blick geht aus dem Fenster, die Küche liegt im Dämmer, er trinkt Kaffee. Auf dem Tisch, mitten auf der Platte, steht eine leere Tasse, auf ihrem Boden eine eingetrocknete Kaffeepfütze. Auf den Wangen des Mannes, die Wangen sind ganz bleich vom Morgenlicht, liegt ein Schatten, es sind die Spitzen der Barthaare, über die an diesem Morgen keine Klinge gegangen ist.
Der Mann steigt eine knarrende Holztreppe hinauf, es ist niemand da, der darüber erschreckte. Auf seinem Schreibtisch liegt ein Füllfederhalter, auf der Feder ist dunkel und krustig die Tinte eingetrocknet wie geronnenes Blut. Die Feder ist krummgebogen, Tinte ist dabei ausgelaufen und bildet einen tiefblauen Fleck auf einem Blatt Papier das abseits des Stapels liegt. Der Mann hat einen Kugelschreiber in der Hand, die Hand schwebt reglos über dem Papier, der Mann blickt aus dem Fenster.
Dritter Tag. Wir sehen einen Mann in einer Küche, die Küche ist stählern. Der Mann sitzt an einem Küchentisch, in seiner Hand liegt ein Messer, auf der Klinge feine Wellen. In der reglosen Hand schwebt das Messer über der Tischplatte, in der Mitte des Tisches stehen zwei unsaubere Tassen. Die Küche ist still, nur das klicken einer großen, bleichen Uhr, sie sticht aus dem Schatten. Durch die Tür dringt von der Treppe ein knarren, aber niemand ist da, außer dem Mann, die Treppe knarrt grundlos. Da stürzt das Messer herab und schlägt in Kante der Platte aus dunklem Holz. Danach ist es still, nur ein Schlucken aus der Kehle des Mannes.
Vierter Tag. Im dämmerlicht eine Küche. Eben ist ein Vogel aufgeflogen vor dem Fenster als ein Knallen zu hören war. Gleichzeitig haben in einem Schrank die Tassen geklirrt, außer ihnen niemand da, der sich hätte erschrecken können. Das Licht scheint auf einen Tisch, ein teurer Tisch aus Holz, und an der Kante sammeln sich Schatten in einem Band aus Kerben. Viele gleichmäßige Kerben, die dann aber kippen und ineinander gehen, die immer tiefer geschnitten sind in das dunkle Holz. Auf dem Tisch liegt zerschlagenes Porzellan und ein schartiges Messer mit Wellen auf der Klinge, wellen von den Schlägen, mit denen es geschmiedet wurde. Im ersten Stock ein Schreibtisch, auf ihm zerbrochen Kugelschreiber, Füllfederhalter und feine Löcher, immer mehrere beienander zuhauf, in den Schreibtisch gestanzt, durch unbeschriebenes Papier hindurch.



drucken







2 Kommentare
Der Stil gefällt mir sehr. Bisher mein Favorit. Ich freue mich aber auch schon auf die Ochsenzungen-Übungen.
Wiederum Danke, Mart! Ich bin mit dem Text auch recht zufrieden. Es ist sonderbar: manchmal gelingt es besser, manchmal schlechter. Ein Ziel meiner Übungen ist, den Augenblick besser zu erkennen, in dem ich schreiben kann. Bei Walter Moers ist dafür das »Orm« verantwortlich. Eine sehr plausible Vorstellung.
Die Zungenübungen sind im Moment etwas zäh. Sei gegrüßt!