Ich denke über Frösche nach. Genauer denke ich nach über eine Eigenart, die alle Amphibien gemein haben: Dünnhäutig zu sein nämlich. Durch die Haut von Amphibien dringt Wasser und Sauerstoff. Hinsichtlich jenes sehr grundsätzlichen Zusammenhangs, daß Leben ein System chemischer Reaktionen in wässriger Lösung ist, sind Amphibien mehr oder weniger deckungsgleich mit ihrer Umwelt. In einer Wüste wäre ein Frosch in der Regel ebenfalls bloß Wüste.
Diese Grenzenlosigkeit oder Entgrenzung ist für uns verhältnismäßig dickhäutige Lebensformen kein existenzielles Problem. Deshalb können sich Menschen in Grönland (nach einer angemessenen Zeit für die Eingewöhnung) ebenso wohl fühlen wie in der Sahelzone.
Aber doch, genauer besehen, gibt es einen amphibischen Bereich auch beim Menschen. Das Hirn. Oder die Psyche, die Wahrnehmung. Insbesondere natürlich sind die Ohren an unserem Körper die Frösche. Die Ohren kann man niemals verschließen, hören muß man immer und immer ist im Gehör alles, was auch draußen ist. Aber auch die anderen Sinne liefern uns unserer Umgebung aus, so sehr wir uns auch um Eigenständigkeit, Unabhängigkeit, Sicherheit bemühen mögen.
In einer Schizophrenie ist dieser Grundzug unseres Bewußtseins auf die Spitze getrieben. Es kann zu einer »Störung der Ich-Demarkation« kommen, wie es wissenschaftlich-generalstabsmäßig unschrieben wird. Die Grenze zwischen dem, was ich bin, und dem, was ich nicht bin, verwischt, wird durchlässig, wird amphibisch. Ich kann in der Topfpflanze ebenso sein wie in meinem Kopf und sonst irgendwo. Aber es gibt ja auch weniger problematische Formen, Grenzen zu verwischen. Assoziationen zum Beispiel. Und damit bin ich bei meinem Erlebnis angekommen, das mich dazu gebracht hat, über Frösche nachzudenken. Und ich bin angekommen bei dem Problem der amphibischen Assoziation.
Man nehme also jene zwei Personen, von denen ich in den letzten Stunden erfahren habe. Lediglich ein Zufall, daß es gerade der Heilige Bartholomäus und ein Arzt waren, der sich am Heilen durch Lachen versucht. Nur ein Zufall, daß es diese beiden Personen waren. Aber soll man der Welt glauben, diesem Resonanzkörper für merkwürdige Interferenzen und Obertöne, wenn sie vorgibt, es sei bloß zufällig, daß sie zwei bestimmte Männer aus den Kulissen nach vorne schiebt, damit man sie sich genauer ansehen kann? Es ist ja immerhin so, daß der Hl. Bartholomäus und ein heilender Clown zueinander stehen wie die zwei Pole, zwischen denen sich ein Lichtbogen aufbaut.
Um den Hl. Bartholomäus dem Leser äher zu bringen, sei aus seinem bewegten Leben nur der ganz an dessen Ende stehende Sachverhalt herausgegriffen, daß ihm von Folterknechten die Haut abgezogen wurde. Daß ist wirklich erstaunlich genug: zu sterben, indem man gehäutet wird. Aber die Christenheit, seiner verehrungsvoll gedenkend, ließ es sich dann einfallen, Bartholomäus bestimmte Attribute beizugesellen, wie sie jeder Heilige braucht. Es sind dies: Das Messer seiner Schinder und – jawohl – eine abgezogene Menschenhaut am Stück (meistens die eines anderen aber auch, was die Darstellung besonders pikant macht, seine eigene). Wer würde mir absprechen, daß eine solche Darstellung die Phantasie anregt?
Von Bartholomäus also habe ich erfahren. Und dann noch, zweitens, von einem Arzt, der in unseren Tagen dafür kämpft, daß die heilsame Wirkung des Lachens in den Krankenhäusern Anerkennung finde, indem er Clowns an die Betten von Kranken bringt. Er hat einiges Bermerkenswertes über das Lachen gesagt. Zum Beispiel die Anmerkung, daß Lachen ein altes Signal ist, um den anderen Mitgliedern des Rudels zu signalisieren, daß eine Gefahr vorüber ist. Das Beispiel, daß der Doktor gebrauchte, war: Man geht mit anderen durch einen dunklen Wald, es knackt im Unterholz, ein Tiger ist zu befürchten. Alle spannen sich an und rechnen mit dem Schlimmsten. Und aus dem Gebüsch springt hervor: Eine Henne. Alles bricht in Gelächter aus, man entspannt die kampfbereite Muskulatur wieder und vergießt anstatt sein Blut Lachtränen. Jetzt kann der Weg fortgesetzt werden.
Viel bemerkenswerter aber waren zwei andere Sätze: Erstens das mit dem Lachen einhergeht, daß angestaute Spannung losgelassen wird. Man sinkt geradezu beim Lachen in die Knie, die einem weich werden vor lauter Lachen. Am Strammstehen könne man also sehen, was für eine humorlose Einrichtung das Militär sei. Zweitens: Das im Lachen der Starke (der sich blamiert hat) und der Schwache (der auf das Zuschauen festgelegt ist und sich deshalb nicht blamieren kann) den Platz tauschen. Lachen macht aus dem Starken einen Schwachen und gibt dem Schwachen Stärke und Kraft. Das ist doch eine schöne Vorstellung.
Aber was haben nun diese beiden miteinander zu tun? Nichts. Vielleicht das Heilen von Menschen. Auch Bartholomäus war ein großer Heiler. Er heilte dadurch, daß er Dämonen austrieb. Letztlich wurde ihm eine solche Heilung zum Verhängnis und er wurde zum Blutzeugen, zum Märtyrer. Beide haben auch noch gemeinsam ihre Beziehung auf den Humor: Bartholomäus in der Form der völligen Abwesenheit von Komischem. Man stelle ich nur einen Menschen vor, den beim Anblick eines Gehäuteten sich zur Andacht niedersetzt. Und dann ist es doch auch wieder komisch, sich den Heiligen Bartholomäus mit einer Haut über dem Arm vorzustellen, als würde er ein Kleidungsstück in den Schrank legen. Und sich vor Augen zu halten, daß dieser gehäutete Märtyrer zum Schutzheiligen ausgerechnet der Gerber und Sattler und Metzger bestimmt wurde, ist auch zumindest grotesk. Und dann ist doch Bartholomäus in gewisser Weise auch eine Bewahrheitung des Satzes, daß Humorlosigkeit steif macht. So standfest, daß einer auch auf seine Haut zu verzichten in der Lage ist und im Jenseits Schindermesser und Haut zur Hand nimmt als Insignien der eigenen Heiligkeit.
Mit der Hautlosigkeit des Heiligen Bartholomäus sind wir wieder am Anfang angelangt. Denn, wir erinnern uns, Dünnhäutigkeit ist die Eigenschaft der Amphybien, der Schizophrenie und das geheime Wesen der Assoziationen. Man könnte Bartholomäus also vielleicht auch zum Schutzheiligen der Assoziationen bestimmen. Dazu müßte er dann allerdings sein Messer aus der Hand legen.



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Ein Kommentar
Heute hat mir mein Besucherstatistik-Geheimdienst gemeldet, daß jemand auf diesen Text gestoßen ist, der bei Google »Heiliger gehäutet« gesucht hat. Auf diese Weise bin auch ich wieder auf diesen Text gestoßen. Und ich bin erstaunt, was ich schon alles geschrieben habe. Merkwürdig, merkwürdig.
Eine Figur in Daniel Kehlmanns Buch »Ruhm«, ein Autor, antwortet auf die ihm häufig gestellte Frage, wie er auf seine Ideen komme, immer, obwohl es nicht wahr ist: »In der Badewanne«. – Ich habe keine Badewanne. Und habe vier Monate später auch keinen blassen Schimmer, wie ich auf diese Idee gekommen bin. Ich vermute allerdings, daß Ideen größtenteils ohne eigenes Zutun enstehen. (Vielleicht wäre eine aufschlußreiche Theorie ein kreativitätstheoretischer Okkasionalismus. Der aber auch nur wieder die Frage aufwerfen würde, wer es denn ist, der die Ideen wirkt. Vielleicht der Hl. Hippocampus.)