Eine konfabulierteKonfabulation ist »die Produktion von objektiv falschen Aussagen« bzw. von Märchen (lat. fabula), wobei der Konfabulierende von der Gültigkeit seiner Aussagen mehr oder weniger fest überzeugt ist. Es kann eine hirn­organische Störung zugrunde­liegen oder auch der bei Gesunden gelegentlich vorkommende Drang, sich an mehr zu erinnern, als tatsächlich der Fall ist (z.B. bei Kindheits­erinnerungen oder bei der Befragung eines Zeugen vor Gericht; es sind sog. provozierte K.).
  Die spontane K. liegt vor, wenn die Fähigkeit gestört ist, eigene Einfälle von realen Sach­verhalten zu unterscheiden. (»Patients with Korsakoff's syndrome characteristically confabulate by guessing an answer or imagining an event and then mistaking their guess or imagination for an actual memory. [Wikipedia]«
Realienkunde, ein Thesaurus, bar jeder Notwendigkeit assoziiert, eine Sammlung von Marginalien, über die im Unklaren zu bleiben, ich nicht auf mich nehmen wollte. Dem geneigten Leser im jeweiligen Kontext unterbreitet, in alphabetischer Ordnung. Anregungen für weitere Stichworte werden gerne entgegengenommen.

Schlafgewebe

Sauerstoffbrille

Die nebensächlichen, sich am Rande hinziehenden, kaum wahrnehmbaren und so bald wieder verschwindenden Eindrücke, habe ich einmal gehört, seien der Stoff, aus dem unser Sein, unsere eigentliche Wirklichkeit gestrickt sind. Diese Eindrücke seien das, was sich unter Abzug des oberflächlichen Selbstbewußtseins zu unserem Ich, unserem Selbst zusammenfügt.

Was ist, wenn man diesen Gedanken ernst nimmt, mit der Szene anzufangen, die mich jetzt, in diesem Augenblick, umgibt?

Ich sitze an einem Arbeitsplatz, zurückhaltend abgeschirmt durch einen Sichtschutz, der an drei Seiten um meinen Monitor aufgestellt ist. Um mich herum sitzen andere. Man hört sie gelegentlich mit einem Vorüberkommenden flüstern, man hört vor allem das Klacken und Klickern der vielen Tastaturen, das Ratsch-Ratsch und sanfte Schaben von Mäusen. Die Tastaturen haben alle ganz unterschiedliche Rhythmen und deuten auf verschiedenes Temperament, verschiedene Gedanken und Tätigkeiten hin, die sich gerade mühsam oder schäumend in die elektrischen Geräte hineinarbeiten.

Über allem liegt körperlos das Säuseln einer Belüftungsanlage, auch das Brummen von anderen Geräten in der näheren und ferneren Umgebung. Schritte auf dem Teppich, abgedämpft und vorsichtig. Manchmal ein piepsender Signalton, auch gelegentlich eine Durchsage, ein Name, der knapp und mit Anweisungen versehen, ausgerufen wird.

Und dann noch etwas, das ich erst nach einiger Zeit heraushöre: Ein Röcheln. Es fällt mir auf, gerade als ich vor mir ein Gesicht auf dem Bildschirm sehe: Das Gesicht eines alten, kranken Mannes mit einem Schlauch, der ihm an die Nase gelegt ist. Der alte Mann liegt auf einem Krankenlager. Aus seinem Gesicht scheint das leise Keuchen zu stammen.

Oder nein, hinter ihm entspringt es. Und da: ein junger Mann (Sommersprossen, rote, kurze Haare), den ich durch einen Spalt zwischen den aufgestellten Sichtschutzbrettern sehen kann, blickt einigermaßen irritiert zu seiner linken Seite herüber, dahin, wo der Ursprung des Keuchens liegen muß. Es kommt aus dem Arbeitskasten mir unmittelbar gegenüber. Er, der Rothaarige hört es also auch; und es gibt da jemanden, zu dem er hinblicken kann; ich habe es mir nicht eingebildet, zum alten Gesicht hinzuphantasiert, in das Klimaanlagensäuseln hineingedichtet.

Mir gegenüber sehe ich nicht, so wie es sein sollte, das obere Ende eines Kopfes knapp über dem Sichtschutz, eine Schädelkalotte mit Skalp. Ich sehe nichts. — Also ist doch wohl ein alter, kranker, bleicher Herr über seiner Tastatur zusammengebrochen und verröchelt in diesem Augenblick zwischen uns die letzten Momente seines Lebens. Deshalb ist da keine Stirn über dem Sichtschutz auszumachen, weil sich die Stirn meines Gegenüber gerade endgültig leert. Er, der alte, röchelnde Mann, ist zusammengesunken, sein Kopf liegt auf der Tastatur und sein letzter, vielleicht ein wichtiger Gedanke, ist auf dem Bildschirm abgebrochen und quittiert durch zufällige Buchstaben, die seine Wange in die Tastatur gedrückt hat.

Ein hartes Knacken, dann eine sonore Durchsage dringt über uns aus der Decke. Wird ein Arzt gerufen? Aus der unsichtbaren Region mir Gegenüber dringt nun ein tiefes Atemholen. Jetzt wird tatsächlich ein Kopf sichtbar: Ein junger Mensch mit verquollenen Augen, einem tief verunsicherten Ausdruck im Gesicht, einem speichelfeuchten Mundwinkel.

Was, was ließe sich daraus, aus alldem weben? Erstaunlich ist, wie das Leben, das sich ja doch immer um uns breitet, wahllos die Einzelheiten sammelt, um sie zu sonderbaren Figuren zusammenzusetzen.

1814
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2 Kommentare

  1. Kalizahn
    Erstellt am 15. März 2009 um 22:28 | Permanent-Link

    Dieses Hineinsteigern kommt mir bekannt vor. Gut geschrieben. Eine ähnliche Situation gibts auch mit dem Cafebesitzer in »Der Ekel« von Sartre, falls jemand das Buch kennt.

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  2. Janus
    Erstellt am 20. März 2009 um 11:36 | Permanent-Link

    Ich danke für den Hinweis und werde mal nachsehen. Vor Zeiten habe ich das Buch gelesen und es war jedenfalls sehr beeindruckend.

    VN:F [1.9.13_1145]
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  • Kurzum


    »I wanted to amplify that quite explicit but often entirely invisible friction that's constantly surrounding us between things that we do and the consequences of our actions...« (3. 2. / 17 Uhr)

    »Was heißt es anders als der Vernunft entsagen, wenn iemand ein höchstes Wesen läugnet, das alle Dinge erhält, regirt, und was ewig im Begrif ist, aus einander zu fallen...« (24. 1. / 12 Uhr)

    »Was ist für ein fixer Punkt meines unveränderlichen Daseyns in mir, vermöge dessen ich trotz alles Abreibens und Wegdünstens der Materie doch immer der Nämliche bin? [...] (18. 1. / 12 Uhr)

    »Im Schlaf empfand er Schmerz. Gern und oft, u. geschickt bringt die Phantasirende Seele im Traum ihr bilderreiches Spiel mit der Disposition u. den Empfindungen des Körpers in Verbindung. (17. 1. / 13 Uhr)

    »Je befriedigender die Gegenwart ist, desto zufridener Ruht auf ihr das Auge; wozu alsdann der Blick in die Zukunft, der mehr zehrt als sättigt?« (J.P. Hebel, Notiz zu Ps. 45) (17. 1. / 12 Uhr)

    Und weiterhin der Ichneumon, von dem Plinius zu berichten wusste, daß er schlafenden Krokodilen in den Leib kriecht, um deren Herz an Ort und Stelle zu fressen. (13. 12. / 14 Uhr)

    Philander von Sittewalt — ein Name, der ohne alles weitere auskommt; ohne seinen Träger wüssten wir nicht, daß das Dunkle notwendige Zutat für gutes Munkeln ist. (13. 12. / 14 Uhr)

    Der deutliche, gutturale Widerwille beim Gedanken an wirkliche Spezialisierung(7. 12. / 13 Uhr)

    die flöte an den mund, den topf ans feuer, den stul an die wand, (15. 11. / 22 Uhr)

    »Everyone is beautiful, traffic like a funeral
    And everybody tries to keep in touch«(24. 10. / 8 Uhr)

    Das merkwürdige Erscheinungsbild der Auflösung, die den Mond befallen hat, an einem Abend, der den Herbst mit wenig letztem Licht auf die Häuser streicht, (10. 9. / 20 Uhr)

    »... — nur ein Weiser, der die Sehnen und Fasern des menschlichen Herzens oft und mit Glück entwickelt, und die Einbildungskraft bis in ihre feinsten Blutgänge zergliedert hat — ... « (6. 9. / 12 Uhr)

    »Von dem hochgelegenen französischen Viertel schob sich langsam wie ein Lavastrom eine Masse von Schmutz, Abfall, geronnenem Blut, Gedärmen, Tier- und Menschenkadavern. (2. 9. / 22 Uhr)

    Protohorror: Und der Mensch, in dem der böse Geist war, stürzte sich auf sie und überwältigte sie alle und richtete sie so zu, daß sie nackt und verwundet aus dem Haus flohen. (Apg. 19,16) (2. 9. / 21 Uhr)

    »A snake can shed its skin but never change. « (I Like Trains) (2. 9. / 21 Uhr)

    Incensol ist ein Anxiolytikum und zwar der Wirkstoff im Harz der Boswellia sacra. Das sollte man nicht außer Acht lassen. (31. 8. / 14 Uhr)

    Man könnte einiges daraus ableiten, daß wir heute nicht mehr wie früher vom »Lüfteplan«, sondern vom »Luftraum« sprechen.(30. 8. / 12 Uhr)

    »I don't think the human race will survive the next thousand years, unless we spread into space. There are too many accidents that can befall life on a single planet.« (Stephen Hawking) (29. 8. / 13 Uhr)

    »In diseme versinket de geluterte verklerte geist in daz götteliche vinsternisse, in ein stille swigen(25. 8. / 11 Uhr)

    »Übergroße Lichtmengen (Blitz) oder überraschende Schatten im Gesichtsfeld, (20. 8. / 20 Uhr)

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