Die nebensächlichen, sich am Rande hinziehenden, kaum wahrnehmbaren und so bald wieder verschwindenden Eindrücke, habe ich einmal gehört, seien der Stoff, aus dem unser Sein, unsere eigentliche Wirklichkeit gestrickt sind. Diese Eindrücke seien das, was sich unter Abzug des oberflächlichen Selbstbewußtseins zu unserem Ich, unserem Selbst zusammenfügt.
Was ist, wenn man diesen Gedanken ernst nimmt, mit der Szene anzufangen, die mich jetzt, in diesem Augenblick, umgibt?
Ich sitze an einem Arbeitsplatz, zurückhaltend abgeschirmt durch einen Sichtschutz, der an drei Seiten um meinen Monitor aufgestellt ist. Um mich herum sitzen andere. Man hört sie gelegentlich mit einem Vorüberkommenden flüstern, man hört vor allem das Klacken und Klickern der vielen Tastaturen, das Ratsch-Ratsch und sanfte Schaben von Mäusen. Die Tastaturen haben alle ganz unterschiedliche Rhythmen und deuten auf verschiedenes Temperament, verschiedene Gedanken und Tätigkeiten hin, die sich gerade mühsam oder schäumend in die elektrischen Geräte hineinarbeiten.
Über allem liegt körperlos das Säuseln einer Belüftungsanlage, auch das Brummen von anderen Geräten in der näheren und ferneren Umgebung. Schritte auf dem Teppich, abgedämpft und vorsichtig. Manchmal ein piepsender Signalton, auch gelegentlich eine Durchsage, ein Name, der knapp und mit Anweisungen versehen, ausgerufen wird.
Und dann noch etwas, das ich erst nach einiger Zeit heraushöre: Ein Röcheln. Es fällt mir auf, gerade als ich vor mir ein Gesicht auf dem Bildschirm sehe: Das Gesicht eines alten, kranken Mannes mit einem Schlauch, der ihm an die Nase gelegt ist. Der alte Mann liegt auf einem Krankenlager. Aus seinem Gesicht scheint das leise Keuchen zu stammen.
Oder nein, hinter ihm entspringt es. Und da: ein junger Mann (Sommersprossen, rote, kurze Haare), den ich durch einen Spalt zwischen den aufgestellten Sichtschutzbrettern sehen kann, blickt einigermaßen irritiert zu seiner linken Seite herüber, dahin, wo der Ursprung des Keuchens liegen muß. Es kommt aus dem Arbeitskasten mir unmittelbar gegenüber. Er, der Rothaarige hört es also auch; und es gibt da jemanden, zu dem er hinblicken kann; ich habe es mir nicht eingebildet, zum alten Gesicht hinzuphantasiert, in das Klimaanlagensäuseln hineingedichtet.
Mir gegenüber sehe ich nicht, so wie es sein sollte, das obere Ende eines Kopfes knapp über dem Sichtschutz, eine Schädelkalotte mit Skalp. Ich sehe nichts. — Also ist doch wohl ein alter, kranker, bleicher Herr über seiner Tastatur zusammengebrochen und verröchelt in diesem Augenblick zwischen uns die letzten Momente seines Lebens. Deshalb ist da keine Stirn über dem Sichtschutz auszumachen, weil sich die Stirn meines Gegenüber gerade endgültig leert. Er, der alte, röchelnde Mann, ist zusammengesunken, sein Kopf liegt auf der Tastatur und sein letzter, vielleicht ein wichtiger Gedanke, ist auf dem Bildschirm abgebrochen und quittiert durch zufällige Buchstaben, die seine Wange in die Tastatur gedrückt hat.
Ein hartes Knacken, dann eine sonore Durchsage dringt über uns aus der Decke. Wird ein Arzt gerufen? Aus der unsichtbaren Region mir Gegenüber dringt nun ein tiefes Atemholen. Jetzt wird tatsächlich ein Kopf sichtbar: Ein junger Mensch mit verquollenen Augen, einem tief verunsicherten Ausdruck im Gesicht, einem speichelfeuchten Mundwinkel.
Was, was ließe sich daraus, aus alldem weben? Erstaunlich ist, wie das Leben, das sich ja doch immer um uns breitet, wahllos die Einzelheiten sammelt, um sie zu sonderbaren Figuren zusammenzusetzen.




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2 Kommentare
Dieses Hineinsteigern kommt mir bekannt vor. Gut geschrieben. Eine ähnliche Situation gibts auch mit dem Cafebesitzer in »Der Ekel« von Sartre, falls jemand das Buch kennt.
Ich danke für den Hinweis und werde mal nachsehen. Vor Zeiten habe ich das Buch gelesen und es war jedenfalls sehr beeindruckend.