Eine konfabulierteKonfabulation ist »die Produktion von objektiv falschen Aussagen« bzw. von Märchen (lat. fabula), wobei der Konfabulierende von der Gültigkeit seiner Aussagen mehr oder weniger fest überzeugt ist. Es kann eine hirn­organische Störung zugrunde­liegen oder auch der bei Gesunden gelegentlich vorkommende Drang, sich an mehr zu erinnern, als tatsächlich der Fall ist (z.B. bei Kindheits­erinnerungen oder bei der Befragung eines Zeugen vor Gericht; es sind sog. provozierte K.).
  Die spontane K. liegt vor, wenn die Fähigkeit gestört ist, eigene Einfälle von realen Sach­verhalten zu unterscheiden. (»Patients with Korsakoff's syndrome characteristically confabulate by guessing an answer or imagining an event and then mistaking their guess or imagination for an actual memory. [Wikipedia]«
Realienkunde, ein Thesaurus, bar jeder Notwendigkeit assoziiert, eine Sammlung von Marginalien, über die im Unklaren zu bleiben, ich nicht auf mich nehmen wollte. Dem geneigten Leser im jeweiligen Kontext unterbreitet, in alphabetischer Ordnung. Anregungen für weitere Stichworte werden gerne entgegengenommen.

Von innen, teilweise

In der Reihe: »Stilübung (a)«

Bislang war die Reise friedlich und reibungslos verlaufen. Darauf hatte Edwin inständig gehofft. Er hatte befürchtet, zu der Nervosität, die ihn nicht mehr losgelassen hatte, seit er von der Notwendigkeit einer Operation erfahren hatte, auch noch eine anstrengende Reise ertragen zu müssen.

Jetzt aber änderte sich alles. Und alles allein wegen dieses widerwärtigen Mannes. Edwin hatte ihn zuerst ganz übersehen. Nur durch einen unglücklichen Zufall war er ihm doch aufgefallen, jetzt aber konnte er den Blick nicht mehr von ihm lassen.

Der Mann saß breitbeinig auf der einzigen Bank, die man auf dem Bahnsteig angebracht hatte. Und in seinem Schritt war deutlich ein obszöner dunkler Fleck zu erkennen. Dunkle Streifen zogen sich von dort an den Innenseiten der Hosenbeine abwärts bis zu den schimmernden Pfützen, in die der Mann seine erstaunlich guten Schuhe gestellt hatte. Der Ruinierte scherte sich überhaupt nicht darum.

Seine Haare waren unfrisiert und standen fettsträhnig in alle Richtungen von seinem Kopf ab. Ihr Ton war ergrautes Braun, sie waren stumpf und Edwin meinte, einen säuerlichen Geruch wahrzunehmen, der vom leichten Wind bis zu ihm getragen wurde. Im Gesicht jenes abscheulichen Wilden war ein üppiger Bart gewuchert, um die Lippen gelb von Nikotin.

Das schlimmste aber war der eigentlich gute Anzug, in dem der heruntergekommene, ungewaschene, stinkende Körper steckte. Für Edwin war es unverzeihlich und beleidigend, ihn selbst traf es wie eine Beleidigung, daß eine solche Gestalt sich einen feinen, teuren Anzug anmaßte. Edwin empfand ein Stechen, tief in seiner kranken Brust und mußte den Blick abwenden.

Bis der Zug endlich kam, hatte Edwin noch viel zu erdulden. Und erst als sich die Türen der Waggons endlich knallend Schlossen, konnte Edwin aufatmen. Er war noch einmal davongekommen.

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4 Kommentare

  1. Erstellt am 11. September 2008 um 12:24 | Permanent-Link

    Oh, meine Aufmerksamkeit gehört ganz Dir. Du hast also vor, die oben beschriebene Szene täglich neu zu beschreiben? Klasse Idee (wenn ich dich denn richtig verstanden habe). Da bin ich ja genau zum richtigen Zeitpunkt auf deinen Blog gestoßen.

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  2. Janus
    Erstellt am 11. September 2008 um 12:52 | Permanent-Link

    Hallo Mart! Ich freue mich, Dich als Leser gefunden zu haben!
    Genau das ist mein Vorhaben. Ob es mir täglich gelingt, hängt von meinem außertextlichen Leben ab. Aber ich bin fest entschlossen.
    Queneau selbst sind 98 Variationen auf einen Grundtext gelungen. Mal sehen…

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  3. Erstellt am 12. September 2008 um 14:14 | Permanent-Link

    99 Variationen also! Ich gebe Dir bis Weihnachten zeit ;)

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  4. Janus
    Erstellt am 12. September 2008 um 14:18 | Permanent-Link

    Also, jetzt gerade sitze ich an Nr. 2. Habe noch etwa 20 Minuten Zeit. Irgendwann habe ich mal über Écriture automatique gelesen. Vielleicht klappt es ja bei mir auch :-)

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  • Kurzum


    »I wanted to amplify that quite explicit but often entirely invisible friction that's constantly surrounding us between things that we do and the consequences of our actions...« (3. 2. / 17 Uhr)

    »Was heißt es anders als der Vernunft entsagen, wenn iemand ein höchstes Wesen läugnet, das alle Dinge erhält, regirt, und was ewig im Begrif ist, aus einander zu fallen...« (24. 1. / 12 Uhr)

    »Was ist für ein fixer Punkt meines unveränderlichen Daseyns in mir, vermöge dessen ich trotz alles Abreibens und Wegdünstens der Materie doch immer der Nämliche bin? [...] (18. 1. / 12 Uhr)

    »Im Schlaf empfand er Schmerz. Gern und oft, u. geschickt bringt die Phantasirende Seele im Traum ihr bilderreiches Spiel mit der Disposition u. den Empfindungen des Körpers in Verbindung. (17. 1. / 13 Uhr)

    »Je befriedigender die Gegenwart ist, desto zufridener Ruht auf ihr das Auge; wozu alsdann der Blick in die Zukunft, der mehr zehrt als sättigt?« (J.P. Hebel, Notiz zu Ps. 45) (17. 1. / 12 Uhr)

    Und weiterhin der Ichneumon, von dem Plinius zu berichten wusste, daß er schlafenden Krokodilen in den Leib kriecht, um deren Herz an Ort und Stelle zu fressen. (13. 12. / 14 Uhr)

    Philander von Sittewalt — ein Name, der ohne alles weitere auskommt; ohne seinen Träger wüssten wir nicht, daß das Dunkle notwendige Zutat für gutes Munkeln ist. (13. 12. / 14 Uhr)

    Der deutliche, gutturale Widerwille beim Gedanken an wirkliche Spezialisierung(7. 12. / 13 Uhr)

    die flöte an den mund, den topf ans feuer, den stul an die wand, (15. 11. / 22 Uhr)

    »Everyone is beautiful, traffic like a funeral
    And everybody tries to keep in touch«(24. 10. / 8 Uhr)

    Das merkwürdige Erscheinungsbild der Auflösung, die den Mond befallen hat, an einem Abend, der den Herbst mit wenig letztem Licht auf die Häuser streicht, (10. 9. / 20 Uhr)

    »... — nur ein Weiser, der die Sehnen und Fasern des menschlichen Herzens oft und mit Glück entwickelt, und die Einbildungskraft bis in ihre feinsten Blutgänge zergliedert hat — ... « (6. 9. / 12 Uhr)

    »Von dem hochgelegenen französischen Viertel schob sich langsam wie ein Lavastrom eine Masse von Schmutz, Abfall, geronnenem Blut, Gedärmen, Tier- und Menschenkadavern. (2. 9. / 22 Uhr)

    Protohorror: Und der Mensch, in dem der böse Geist war, stürzte sich auf sie und überwältigte sie alle und richtete sie so zu, daß sie nackt und verwundet aus dem Haus flohen. (Apg. 19,16) (2. 9. / 21 Uhr)

    »A snake can shed its skin but never change. « (I Like Trains) (2. 9. / 21 Uhr)

    Incensol ist ein Anxiolytikum und zwar der Wirkstoff im Harz der Boswellia sacra. Das sollte man nicht außer Acht lassen. (31. 8. / 14 Uhr)

    Man könnte einiges daraus ableiten, daß wir heute nicht mehr wie früher vom »Lüfteplan«, sondern vom »Luftraum« sprechen.(30. 8. / 12 Uhr)

    »I don't think the human race will survive the next thousand years, unless we spread into space. There are too many accidents that can befall life on a single planet.« (Stephen Hawking) (29. 8. / 13 Uhr)

    »In diseme versinket de geluterte verklerte geist in daz götteliche vinsternisse, in ein stille swigen(25. 8. / 11 Uhr)

    »Übergroße Lichtmengen (Blitz) oder überraschende Schatten im Gesichtsfeld, (20. 8. / 20 Uhr)

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