Bislang war die Reise friedlich und reibungslos verlaufen. Darauf hatte Edwin inständig gehofft. Er hatte befürchtet, zu der Nervosität, die ihn nicht mehr losgelassen hatte, seit er von der Notwendigkeit einer Operation erfahren hatte, auch noch eine anstrengende Reise ertragen zu müssen.
Jetzt aber änderte sich alles. Und alles allein wegen dieses widerwärtigen Mannes. Edwin hatte ihn zuerst ganz übersehen. Nur durch einen unglücklichen Zufall war er ihm doch aufgefallen, jetzt aber konnte er den Blick nicht mehr von ihm lassen.
Der Mann saß breitbeinig auf der einzigen Bank, die man auf dem Bahnsteig angebracht hatte. Und in seinem Schritt war deutlich ein obszöner dunkler Fleck zu erkennen. Dunkle Streifen zogen sich von dort an den Innenseiten der Hosenbeine abwärts bis zu den schimmernden Pfützen, in die der Mann seine erstaunlich guten Schuhe gestellt hatte. Der Ruinierte scherte sich überhaupt nicht darum.
Seine Haare waren unfrisiert und standen fettsträhnig in alle Richtungen von seinem Kopf ab. Ihr Ton war ergrautes Braun, sie waren stumpf und Edwin meinte, einen säuerlichen Geruch wahrzunehmen, der vom leichten Wind bis zu ihm getragen wurde. Im Gesicht jenes abscheulichen Wilden war ein üppiger Bart gewuchert, um die Lippen gelb von Nikotin.
Das schlimmste aber war der eigentlich gute Anzug, in dem der heruntergekommene, ungewaschene, stinkende Körper steckte. Für Edwin war es unverzeihlich und beleidigend, ihn selbst traf es wie eine Beleidigung, daß eine solche Gestalt sich einen feinen, teuren Anzug anmaßte. Edwin empfand ein Stechen, tief in seiner kranken Brust und mußte den Blick abwenden.
Bis der Zug endlich kam, hatte Edwin noch viel zu erdulden. Und erst als sich die Türen der Waggons endlich knallend Schlossen, konnte Edwin aufatmen. Er war noch einmal davongekommen.



drucken







4 Kommentare
Oh, meine Aufmerksamkeit gehört ganz Dir. Du hast also vor, die oben beschriebene Szene täglich neu zu beschreiben? Klasse Idee (wenn ich dich denn richtig verstanden habe). Da bin ich ja genau zum richtigen Zeitpunkt auf deinen Blog gestoßen.
Hallo Mart! Ich freue mich, Dich als Leser gefunden zu haben!
Genau das ist mein Vorhaben. Ob es mir täglich gelingt, hängt von meinem außertextlichen Leben ab. Aber ich bin fest entschlossen.
Queneau selbst sind 98 Variationen auf einen Grundtext gelungen. Mal sehen…
99 Variationen also! Ich gebe Dir bis Weihnachten zeit ;)
Also, jetzt gerade sitze ich an Nr. 2. Habe noch etwa 20 Minuten Zeit. Irgendwann habe ich mal über Écriture automatique gelesen. Vielleicht klappt es ja bei mir auch :-)