Eine konfabulierteKonfabulation ist »die Produktion von objektiv falschen Aussagen« bzw. von Märchen (lat. fabula), wobei der Konfabulierende von der Gültigkeit seiner Aussagen mehr oder weniger fest überzeugt ist. Es kann eine hirn­organische Störung zugrunde­liegen oder auch der bei Gesunden gelegentlich vorkommende Drang, sich an mehr zu erinnern, als tatsächlich der Fall ist (z.B. bei Kindheits­erinnerungen oder bei der Befragung eines Zeugen vor Gericht; es sind sog. provozierte K.).
  Die spontane K. liegt vor, wenn die Fähigkeit gestört ist, eigene Einfälle von realen Sach­verhalten zu unterscheiden. (»Patients with Korsakoff's syndrome characteristically confabulate by guessing an answer or imagining an event and then mistaking their guess or imagination for an actual memory. [Wikipedia]«
Realienkunde, ein Thesaurus, bar jeder Notwendigkeit assoziiert, eine Sammlung von Marginalien, über die im Unklaren zu bleiben, ich nicht auf mich nehmen wollte. Dem geneigten Leser im jeweiligen Kontext unterbreitet, in alphabetischer Ordnung. Anregungen für weitere Stichworte werden gerne entgegengenommen.

Auf der Titanic

Bild aus dem Film "An Inconvenient Truth"

Was ist Veränderung? Ein verdächtiger Begriff. Während des überwiegenden Teils der Geschichte unserer Art auf diesem Planeten wurde Veränderung von Menschen jedenfalls als bedrohlich und entschieden vermeidenswert angesehen. Veränderung ist Abweichung vom Urzustand, von dem Erbe der Ahnen und dem Willen der Götter, von dem in der Vergangenheit verankerten grundsätzlichen Anfangszustand, der besser ist als alles, was sich irgendjemand heute ausdenken könnte – und deshalb ist Veränderung verdächtig. Wenn sich etwas ändert, dann nur zum schlechten und höchstens scheinbar zum Guten. Quasi nanos sunt gigantum umeris insidentes – gleichsam Zwerge sind wir, die auf den Schultern von Riesen sitzen, lautet ein bündiger Audruck für dieses traditionsverbundene Selbstbewußtsein

Eine von James Watt entworfene, doppelt wirkende Niederdruckdampfmaschine mit Balancier (Wikipedia)Dann kam die Aufklärung und alles wurde besser. Die Enge der Tradition wurde erkannt und das Menschengeschlecht ging daran, einen neuen Anfang zu machen. Erfindungen wurden gemacht, der Unternehmergeist der Menschen geweckt, der Aberglaube überwunden und die Nüchternheit allgemein eingeführt. Es konnte seitdem nur jeden Tag besser werden. Der Riese konnte sich endlich zur Ruhe setzen und die Zwerge gingen ans Werk, ohne sich von der Schwerfälligkeit des verrenteten Giganten noch weiter behindern zu lassen.

Heute allerdings ist der Fortschrittsmotor ins klappern und scheppern gekommen. Zwar wächst unser Wohlstand unentwegt – auch wenn die Bedürfnisse immer noch stärker wachsen und es uns nicht recht sehen lassen. Zwar kommen mit jedem Jahr weitere Annehmlichkeiten hinzu. Aber: auf den goldgepflasterten Weg des Fortschritts in die Zukunft fallen Schatten. Und eine alte literarische Gattung wird wiederentdeckt: Die Apokalypse.

Wir gelangen von Jahr zu Jahr immer deutlicher zu der Einsicht, daß das Ende des Fortschritts irgendwann in absehbarer Zeit erreicht sein wird; daß dann die Rechnung präsentiert werden wird, und: es wird über unsere Verhältnisse gehen, sie zu begleichen. Eine „quasi-geologische Kraft“ ist der Mensch in den knapp dreihundert Jahren seit Erfindung der Dampfmaschine geworden, eine entfesselte und insgesamt ziemlich blinde Kraft, die „die natürliche Arbeitsweise des Erdsystems wesentlich und unwiderruflich verändern wird“.1 Wenn wir auf unsere weit entwickelten Instrumente blicken, die für uns die Zukunft voraussagen, sehen wir: diese Veränderung wird reichlich zu unseren Ungunsten ausfallen, wie ein Tümpel, der überdüngt wurde und in dem das biologische Gleichgewicht zerstört ist, wird die Biosphäre der Erde umkippen. Und es wird bis dahin weniger Zeit vergehen, als seit der Empfindung der Dampfmaschine vergangen ist.

Warum? Weil ein Irrtum war, was die ersten begeisterten Vordenker der Idee von Fortschritt und Entwicklung sich ausgemalt hatten: daß der Mensch, wenn man ihn nur ließe und nicht unterdrücke, sich selbst veredeln würde, äußerlich und innerlich; daß wir einen Hang dazu hätten, immer erwachsener, vernünftiger und freiheitsliebender zu werden; daß es in unserer Natur liege, freundliche Gärtner in blühenden Landschaften eines endlich wiedererrichteten Paradieses sein zu wollen. Anscheinend ist das eine nur unvollständige Charakterisierung des Menschengeschlechtes. Wir haben einen Hang dazu, unser Scherflein ins Trockene zu bringen, auch wenn wir dafür den ganzen Rest im Regen stehen lassen müssen. Unsere technischen Möglichkeiten erheben uns in den Rang einer quasi-geologischen Kraft, einer so umfassenden Kraft, wie es die Meeresströmungen sind oder die Bodenerosion. Nicht allzu umfassend ist demgegenüber unsere Fähigkeit zu planen und unser Verhalten zu steuern: wir haben uns machtvolle Werkzeuge geschaffen, um die Welt nach unseren Wünschen umzubauen. Aber wir haben uns keine Zeit genommen, auf den Bauplan mehr als einen flüchtigen Blick zu richten.

ExponentialfunktionInsgesamt entsteht, wenn man diese Konturen verfolgt, ein recht verwirrendes Bild: Einerseits machen wir immer weitere Fortschritte. Wir können gewiß sein, daß der Fernseher, den wir in zwei Jahren kaufen könnten oder das Handy, das unser momentanes ersetzen wird alles in den Schatten stellt, was zur Zeit verfügbar ist. Niemals würde ein Politiker Wählerstimmen erhalten, der wirtschaftliches Wachstum rundheraus ablehnt. Andererseits aber greift eine Ahnung um sich, das es nicht mehr lange gut gehen kann. Trotzdem scheinen die neuen, mit wissenschaftlicher Akribie erarbeiteten Weltuntergangsszenarien weit hergeholt zu sein. Denn es geht uns gut – warum sollte es uns auch nicht gut gehen, wenn wir fleißig arbeiten?

Einer jener akribischen Wissenschaftler zum Beispiel gelangt zu der Einschätzung, man könne heute den „kollektiven Selbstbetrug einer Gesellschaft, die auf der Titanic tanzt“ beobachten.2 Die „Fakten“, die dafür sprechen, daß uns ein großer Umbruch bevorsteht, sind nach Bekunden dieses Klimaforschers „so klar, daß man sich eigentlich nicht mehr verstecken kann“. Eigentlich nicht – aber tatsächlich gelingt das Versteckspiel doch. Was uns zu Hilfe kommt ist offenbar die Unfähigkeit, auf eine Bedrohung zu reagieren, die weit entfernt ist. Wir verhalten uns gemäß einer Sammlung sehr einfacher Instinkte, entsprechend unserer Natur. Die Maschinen, die wir in Gang gesetzt haben, sind aber weitaus komplexer – sie haben uns, während sie unseren wirtschaftlichen Fortschritt antrieben, allmählich abgehängt. Sodaß wir nun eigentlich nur noch Beobachter eines Prozesses sind, den wir einmal nichtsahnend und mit den besten Absichten in Gang gesetzt haben. Ein Prozeß, der von uns getragen wird, aber den wir nicht steuern können: ein Prozeß, der den Planeten und das Leben auf ihm verändert, der wie eine Naturgewalt wirkt, die das Überleben unserer Spezies wie aller anderen gefährden wird. Ein Prozeß, den wir absehen, den wir aber nicht stoppen können.

Ist das alles wirklich so? Oder erleben wir nicht so sehr ein fatale Umwälzung der natürlichen Gegebenheiten, sondern lediglich eine Wiederbelebung einer alten Angewohnheit menschlichen Denkens: Der Ansicht nämlich, daß die Zukunft nur ein Niedergang sein kann und das der Weltuntergang unvermeidlich ist. Das haben Menschen schon immer gedacht, haben immer wieder, in Abständen von einigen Jahrzehnten, es als unbestreitbar angesehen, daß das Weltende kurz bevor steht. Früher klangen apokalyptische Erwartungen meistens religiös – und heute, in einer modernisierten Fassung, klingt die Apokalypse naturwissenschaftlich. Tatsächlich entwuckelt sich in Debatten über die globale Erwärmung und die künftigen Naturkatastrophen häufig genug ein quasi-religiöser Eifer. Ist demnach alles ein Produkt schwarzseherischer Phantasie?

KlimasimulationDiese Phantasie speist sich aus Simulationen, die gigantische Rechenmaschinen unter Anwendung von schwierigen Formeln entwickeln. Anhand dieser Simulationen läßt sich vorhersagen, wie das globale Ökosystem und die physikalischen Vorgänge auf dem Planeten darauf reagieren werden, daß der Mensch die chemische Zusammensetzung der Atmosphäre einschneidend verändert. Das ist äußerst komplex und für kaum jemanden im einzelnen nachvollziehbar. Es läßt sich aus solchen Erkenntnissen auch kein Produkt gewinnen, das im Alltag nützlich wäre – wie sonst bei den meisten wissenschaftlichen Erkenntnissen, die erst dadurch ihre Relevanz beweisen. Gegen die Prognosen der Klimaforscher steht vor allem die einfache und unmittelbar einleuchtende Erkenntnis, die der Blick aus dem Fenster vermittelt: Alles ist in Ordnung.

Die kommende Klimakatastrophe ist ein Medienereignis: Ein Ereignis, das nur in einem bestimmtem Medium, der Wissenschaft, der mathematischen Simulation, der Extrapolation von Beobachtungen, übermittelt wird. Ganz so, wie andere Katastrophen lediglich als Medienereignisse greifbar sind: kriegerische Auseinandersetzungen in fernen Ländern, Hungerkatastrophen in anderen Kontinenten, Armut und Elend in weiter Entfernung. Und auch solche Ereignisse, weil sie letztlich nur Medienereignisse sind, verändern unser Verhalten nicht wesentlich. Denn der Blick aus dem Fenster besagt weiterhin: Alles ist in Ordnung.

Erst, wenn die unmittelbaren, eigenen Interessen berührt sind, handelt ein Exemplar der Gattung Homo sapiens. So gibt es ihm sein angeborenes, ganz natürliches Verhalten vor. Mit ungreifbaren, körperlosen Dingen umzugehen, etwas weit entferntes in unsere Überlegungen mit einzubeziehen – dazu sind wir nicht in der Lage. Deshalb wird es erst dann Reaktionen auf die Klimaveränderung geben, wenn ihre Folgen gravierend genug sind, uns spürbare Nachteile einzubringen, die den Lebenskomfort einschränken und unangenehme Kosten verursachen, die nicht mehr als Hypothek in die Lebenszeit kommender Generationen aufgeschoben werden können. Dann aber wird es schon zu spät sein.

  1. „Die Menschheit wirkt jetzt wie eine quasi-geologische Kraft im planetaren Maßstab, die die natürliche Arbeitsweise des Erdsystems wesentlich und unwiderruflich verändern wird…“ (Memorandum des 2007 in Potsdam abgehaltenen Symposiums „Global Sustainability: A Nobel Cause“)
  2. Die Fakten sind so klar, daß man sich eigentlich nicht mehr verstecken kann, in irgendeiner Weise verbergen kann. Da gibt es eine Komplizenschaft zwischen der großen Industrie sowie den kleinen Konsumenten, den Politikern wie den Nichtwählern und so weiter. Es ist eben der kollektive Selbstbetrug einer Gesellschaft, die auf der Titanic tanzt. (Hans Joachim Schellnhuber, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, im TV-Magazin Panorama vom 06. August 2009)
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  • Kurzum


    »I wanted to amplify that quite explicit but often entirely invisible friction that's constantly surrounding us between things that we do and the consequences of our actions...« (3. 2. / 17 Uhr)

    »Was heißt es anders als der Vernunft entsagen, wenn iemand ein höchstes Wesen läugnet, das alle Dinge erhält, regirt, und was ewig im Begrif ist, aus einander zu fallen...« (24. 1. / 12 Uhr)

    »Was ist für ein fixer Punkt meines unveränderlichen Daseyns in mir, vermöge dessen ich trotz alles Abreibens und Wegdünstens der Materie doch immer der Nämliche bin? [...] (18. 1. / 12 Uhr)

    »Im Schlaf empfand er Schmerz. Gern und oft, u. geschickt bringt die Phantasirende Seele im Traum ihr bilderreiches Spiel mit der Disposition u. den Empfindungen des Körpers in Verbindung. (17. 1. / 13 Uhr)

    »Je befriedigender die Gegenwart ist, desto zufridener Ruht auf ihr das Auge; wozu alsdann der Blick in die Zukunft, der mehr zehrt als sättigt?« (J.P. Hebel, Notiz zu Ps. 45) (17. 1. / 12 Uhr)

    Und weiterhin der Ichneumon, von dem Plinius zu berichten wusste, daß er schlafenden Krokodilen in den Leib kriecht, um deren Herz an Ort und Stelle zu fressen. (13. 12. / 14 Uhr)

    Philander von Sittewalt — ein Name, der ohne alles weitere auskommt; ohne seinen Träger wüssten wir nicht, daß das Dunkle notwendige Zutat für gutes Munkeln ist. (13. 12. / 14 Uhr)

    Der deutliche, gutturale Widerwille beim Gedanken an wirkliche Spezialisierung(7. 12. / 13 Uhr)

    die flöte an den mund, den topf ans feuer, den stul an die wand, (15. 11. / 22 Uhr)

    »Everyone is beautiful, traffic like a funeral
    And everybody tries to keep in touch«(24. 10. / 8 Uhr)

    Das merkwürdige Erscheinungsbild der Auflösung, die den Mond befallen hat, an einem Abend, der den Herbst mit wenig letztem Licht auf die Häuser streicht, (10. 9. / 20 Uhr)

    »... — nur ein Weiser, der die Sehnen und Fasern des menschlichen Herzens oft und mit Glück entwickelt, und die Einbildungskraft bis in ihre feinsten Blutgänge zergliedert hat — ... « (6. 9. / 12 Uhr)

    »Von dem hochgelegenen französischen Viertel schob sich langsam wie ein Lavastrom eine Masse von Schmutz, Abfall, geronnenem Blut, Gedärmen, Tier- und Menschenkadavern. (2. 9. / 22 Uhr)

    Protohorror: Und der Mensch, in dem der böse Geist war, stürzte sich auf sie und überwältigte sie alle und richtete sie so zu, daß sie nackt und verwundet aus dem Haus flohen. (Apg. 19,16) (2. 9. / 21 Uhr)

    »A snake can shed its skin but never change. « (I Like Trains) (2. 9. / 21 Uhr)

    Incensol ist ein Anxiolytikum und zwar der Wirkstoff im Harz der Boswellia sacra. Das sollte man nicht außer Acht lassen. (31. 8. / 14 Uhr)

    Man könnte einiges daraus ableiten, daß wir heute nicht mehr wie früher vom »Lüfteplan«, sondern vom »Luftraum« sprechen.(30. 8. / 12 Uhr)

    »I don't think the human race will survive the next thousand years, unless we spread into space. There are too many accidents that can befall life on a single planet.« (Stephen Hawking) (29. 8. / 13 Uhr)

    »In diseme versinket de geluterte verklerte geist in daz götteliche vinsternisse, in ein stille swigen(25. 8. / 11 Uhr)

    »Übergroße Lichtmengen (Blitz) oder überraschende Schatten im Gesichtsfeld, (20. 8. / 20 Uhr)

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