
In einem Eintrag vom 20. April 1925 schreibt Jakob Wilhelm Friedberg in sein Tagebuch:
»Ich habe mich zu einer Torheit hinreißen lassen. In die Papeterie von Stichler bin ich gegangen und habe einen Füllfederhalter gekauft. Warum sollte man einen solchen Kauf für eine Torheit erachten? Ein Füllfederhalter ist doch ein praktisches, sinnvolles Werkzeug; kein Tand, etwas bleibendes und solides. Das halte ich mir selbst vor, gerade jetzt versuche ich mich davon zu überzeugen. Aber es will mir nicht gelingen.
Besonders weil ich den praktischen Füllfederhalter, meinen lang ersehenten Kauf, für den ich heute einen beträchtlichen Teil eines Monatsgehaltes aufgewendet habe – weil ich ihn auf meinem Pult liegen sehe in seiner ganzen zweckmäßigen Solidität, während ich mit meinem alten, abgegriffenen Füllfederhalter diese Zeilen schreibe. Und ich muß eingestehen: Dieses neue Schreibwerkzezug habe ich nicht gebraucht. Und es ist auch überhaupt völlig unbrauchbar.
Daß aber ist mir erst jetzt klar geworden, nachdem ich ihn gekauft habe. Nachdem ich meine Gier nach neuem Besitz befriedigt habe. Darin liegt ein erbärmliches Verhängnis. Es wollte mir scheinen, als würde alles besser werden, wenn ich nur diesen Füllfederhalter besitzen könnte, der mir so nüchtern und poetisch erschien, wie er im Schaufenster der Papeterie lag. Ich wollte gerne so schreiben können, wie jener Füllfederhalter aussah. Jetzt liegt er hier auf meinem Pult und ich kann nichts mit ihm anfangen. Nichts. Mein alter Vertrauter, mein abgegriffener Füllfederhalter, der alle zehn Zeilen Tintenflecken produciert und eine ganz angelaufene und kratzende Feder hat – mit ihm schreibe ich. Ich bin dem neuen Schreibgerät nicht gewachsen, es ist mir überlegen. Ich bin kein anderer geworden durch meinen Kauf, der eine Torheit war.
Jenes Besitzenwollen ist ein unheimliches Thier. Die Lust und Begierde nach etwas neuem, unbekannten zwischen den eignen Fingern. Dabei wird das Neue doch alsbald zum Alten. Vielleicht wacht man noch zwei oder drei Morgende auf, mit dem glücklichen Gedanken an den neuen Besitz. Dann aber hat die Gewohnheit die gierhafte Freude verschlungen und das Tier regt sich wieder.
Nein, nein, ich bin kein anderer geworden durch den grandiosen Füllfederhalter, der auf meinem Pult liegt, und aus dem mir kein Wort auf das Papier gehen wird.«
Inhalt der Reihe »Die Tagebücher J. W. Friedbergs« [+]
- Das Tagebuch des Jakob Wilhelm Friedberg
- Der neue Füllfederhalter



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3 Kommentare
Hallo Janus!
Ich hab eben deinen Blog entdeckt und muss sagen, er scheint interessant zu sein.
Ich bin gespannt auf Jakobs Tagebücher, aber seit die zwei einzigen Beiträge in der Reihe erschienen, ist ja schon eine Weile her. Darum würde mich interessieren, ob vielleicht noch weitere erscheinen, und wenn nicht, würde ich mich freuen, wenn Du mir Kopien der Texte schicken könntest.
Hallo Gregor,
ich freue mich, Dich hier begrüßen zu können!
Und ich freue mich, daß Du mich an Herrn Friedberg erinnerst. Ich habe seine Hefte schon eine ganze Weile nicht mehr zur Hand genommen, weil ich meiner eigenen Produktion den Vorzug gegeben habe. Aber es ist jetzt wohl an der Zeit, wieder ein oder zwei Stücke daraus hervorzusuchen.
Vielleicht findest Du in der Zwischenzeit hier noch andere Texte, die Dich interessieren können.
Herzlich willkommen also.
Janus
P.S. Mich würde interessieren, was alle Betreiber eines Krämerladens wie diesen hier interessiert: wie Du wohl auf mich gestoßen bist?
Und ich freue mich, hierher gefunden zu haben.
Oh ja, einige interessante Texte fand ich schon, und ich werde sicher weitersuchen.
Ich bringe mir selbst Kurrentschrift bei, und habe das Internet nach Texten durchsucht, an denen ich das Lesen üben wollte. Dabei stieß ich zufällig auf Herrn Friedbergs Tagebuch, das sofort mein Interesse weckte.