Eine konfabulierteKonfabulation ist »die Produktion von objektiv falschen Aussagen« bzw. von Märchen (lat. fabula), wobei der Konfabulierende von der Gültigkeit seiner Aussagen mehr oder weniger fest überzeugt ist. Es kann eine hirn­organische Störung zugrunde­liegen oder auch der bei Gesunden gelegentlich vorkommende Drang, sich an mehr zu erinnern, als tatsächlich der Fall ist (z.B. bei Kindheits­erinnerungen oder bei der Befragung eines Zeugen vor Gericht; es sind sog. provozierte K.).
  Die spontane K. liegt vor, wenn die Fähigkeit gestört ist, eigene Einfälle von realen Sach­verhalten zu unterscheiden. (»Patients with Korsakoff's syndrome characteristically confabulate by guessing an answer or imagining an event and then mistaking their guess or imagination for an actual memory. [Wikipedia]«
Realienkunde, ein Thesaurus, bar jeder Notwendigkeit assoziiert, eine Sammlung von Marginalien, über die im Unklaren zu bleiben, ich nicht auf mich nehmen wollte. Dem geneigten Leser im jeweiligen Kontext unterbreitet, in alphabetischer Ordnung. Anregungen für weitere Stichworte werden gerne entgegengenommen.

Der neue Füllfederhalter

Montblanc-Füllfederhalter der Serie "Chopin"

In einem Eintrag vom 20. April 1925 schreibt Jakob Wilhelm Friedberg in sein Tagebuch:

»Ich habe mich zu einer Torheit hinreißen lassen. In die Papeterie von Stichler bin ich gegangen und habe einen Füllfederhalter gekauft. Warum sollte man einen solchen Kauf für eine Torheit erachten? Ein Füllfederhalter ist doch ein praktisches, sinnvolles Werkzeug; kein Tand, etwas bleibendes und solides. Das halte ich mir selbst vor, gerade jetzt versuche ich mich davon zu überzeugen. Aber es will mir nicht gelingen.

Besonders weil ich den praktischen Füllfederhalter, meinen lang ersehenten Kauf, für den ich heute einen beträchtlichen Teil eines Monatsgehaltes aufgewendet habe – weil ich ihn auf meinem Pult liegen sehe in seiner ganzen zweckmäßigen Solidität, während ich mit meinem alten, abgegriffenen Füllfederhalter diese Zeilen schreibe. Und ich muß eingestehen: Dieses neue Schreibwerkzezug habe ich nicht gebraucht. Und es ist auch überhaupt völlig unbrauchbar.

Daß aber ist mir erst jetzt klar geworden, nachdem ich ihn gekauft habe. Nachdem ich meine Gier nach neuem Besitz befriedigt habe. Darin liegt ein erbärmliches Verhängnis. Es wollte mir scheinen, als würde alles besser werden, wenn ich nur diesen Füllfederhalter besitzen könnte, der mir so nüchtern und poetisch erschien, wie er im Schaufenster der Papeterie lag. Ich wollte gerne so schreiben können, wie jener Füllfederhalter aussah. Jetzt liegt er hier auf meinem Pult und ich kann nichts mit ihm anfangen. Nichts. Mein alter Vertrauter, mein abgegriffener Füllfederhalter, der alle zehn Zeilen Tintenflecken produciert und eine ganz angelaufene und kratzende Feder hat – mit ihm schreibe ich. Ich bin dem neuen Schreibgerät nicht gewachsen, es ist mir überlegen. Ich bin kein anderer geworden durch meinen Kauf, der eine Torheit war.

Jenes Besitzenwollen ist ein unheimliches Thier. Die Lust und Begierde nach etwas neuem, unbekannten zwischen den eignen Fingern. Dabei wird das Neue doch alsbald zum Alten. Vielleicht wacht man noch zwei oder drei Morgende auf, mit dem glücklichen Gedanken an den neuen Besitz. Dann aber hat die Gewohnheit die gierhafte Freude verschlungen und das Tier regt sich wieder.

Nein, nein, ich bin kein anderer geworden durch den grandiosen Füllfederhalter, der auf meinem Pult liegt, und aus dem mir kein Wort auf das Papier gehen wird.«

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3 Kommentare

  1. Gregor S.
    Erstellt am 12. März 2011 um 13:55 | Permanent-Link

    Hallo Janus!

    Ich hab eben deinen Blog entdeckt und muss sagen, er scheint interessant zu sein.
    Ich bin gespannt auf Jakobs Tagebücher, aber seit die zwei einzigen Beiträge in der Reihe erschienen, ist ja schon eine Weile her. Darum würde mich interessieren, ob vielleicht noch weitere erscheinen, und wenn nicht, würde ich mich freuen, wenn Du mir Kopien der Texte schicken könntest.

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  2. Janus
    Erstellt am 12. März 2011 um 16:35 | Permanent-Link

    Hallo Gregor,

    ich freue mich, Dich hier begrüßen zu können!

    Und ich freue mich, daß Du mich an Herrn Friedberg erinnerst. Ich habe seine Hefte schon eine ganze Weile nicht mehr zur Hand genommen, weil ich meiner eigenen Produktion den Vorzug gegeben habe. Aber es ist jetzt wohl an der Zeit, wieder ein oder zwei Stücke daraus hervorzusuchen.

    Vielleicht findest Du in der Zwischenzeit hier noch andere Texte, die Dich interessieren können.

    Herzlich willkommen also.
    Janus

    P.S. Mich würde interessieren, was alle Betreiber eines Krämerladens wie diesen hier interessiert: wie Du wohl auf mich gestoßen bist?

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  3. Gregor S.
    Erstellt am 15. März 2011 um 21:13 | Permanent-Link

    Und ich freue mich, hierher gefunden zu haben.

    Oh ja, einige interessante Texte fand ich schon, und ich werde sicher weitersuchen.

    Ich bringe mir selbst Kurrentschrift bei, und habe das Internet nach Texten durchsucht, an denen ich das Lesen üben wollte. Dabei stieß ich zufällig auf Herrn Friedbergs Tagebuch, das sofort mein Interesse weckte.

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  • Kurzum


    »I wanted to amplify that quite explicit but often entirely invisible friction that's constantly surrounding us between things that we do and the consequences of our actions...« (3. 2. / 17 Uhr)

    »Was heißt es anders als der Vernunft entsagen, wenn iemand ein höchstes Wesen läugnet, das alle Dinge erhält, regirt, und was ewig im Begrif ist, aus einander zu fallen...« (24. 1. / 12 Uhr)

    »Was ist für ein fixer Punkt meines unveränderlichen Daseyns in mir, vermöge dessen ich trotz alles Abreibens und Wegdünstens der Materie doch immer der Nämliche bin? [...] (18. 1. / 12 Uhr)

    »Im Schlaf empfand er Schmerz. Gern und oft, u. geschickt bringt die Phantasirende Seele im Traum ihr bilderreiches Spiel mit der Disposition u. den Empfindungen des Körpers in Verbindung. (17. 1. / 13 Uhr)

    »Je befriedigender die Gegenwart ist, desto zufridener Ruht auf ihr das Auge; wozu alsdann der Blick in die Zukunft, der mehr zehrt als sättigt?« (J.P. Hebel, Notiz zu Ps. 45) (17. 1. / 12 Uhr)

    Und weiterhin der Ichneumon, von dem Plinius zu berichten wusste, daß er schlafenden Krokodilen in den Leib kriecht, um deren Herz an Ort und Stelle zu fressen. (13. 12. / 14 Uhr)

    Philander von Sittewalt — ein Name, der ohne alles weitere auskommt; ohne seinen Träger wüssten wir nicht, daß das Dunkle notwendige Zutat für gutes Munkeln ist. (13. 12. / 14 Uhr)

    Der deutliche, gutturale Widerwille beim Gedanken an wirkliche Spezialisierung(7. 12. / 13 Uhr)

    die flöte an den mund, den topf ans feuer, den stul an die wand, (15. 11. / 22 Uhr)

    »Everyone is beautiful, traffic like a funeral
    And everybody tries to keep in touch«(24. 10. / 8 Uhr)

    Das merkwürdige Erscheinungsbild der Auflösung, die den Mond befallen hat, an einem Abend, der den Herbst mit wenig letztem Licht auf die Häuser streicht, (10. 9. / 20 Uhr)

    »... — nur ein Weiser, der die Sehnen und Fasern des menschlichen Herzens oft und mit Glück entwickelt, und die Einbildungskraft bis in ihre feinsten Blutgänge zergliedert hat — ... « (6. 9. / 12 Uhr)

    »Von dem hochgelegenen französischen Viertel schob sich langsam wie ein Lavastrom eine Masse von Schmutz, Abfall, geronnenem Blut, Gedärmen, Tier- und Menschenkadavern. (2. 9. / 22 Uhr)

    Protohorror: Und der Mensch, in dem der böse Geist war, stürzte sich auf sie und überwältigte sie alle und richtete sie so zu, daß sie nackt und verwundet aus dem Haus flohen. (Apg. 19,16) (2. 9. / 21 Uhr)

    »A snake can shed its skin but never change. « (I Like Trains) (2. 9. / 21 Uhr)

    Incensol ist ein Anxiolytikum und zwar der Wirkstoff im Harz der Boswellia sacra. Das sollte man nicht außer Acht lassen. (31. 8. / 14 Uhr)

    Man könnte einiges daraus ableiten, daß wir heute nicht mehr wie früher vom »Lüfteplan«, sondern vom »Luftraum« sprechen.(30. 8. / 12 Uhr)

    »I don't think the human race will survive the next thousand years, unless we spread into space. There are too many accidents that can befall life on a single planet.« (Stephen Hawking) (29. 8. / 13 Uhr)

    »In diseme versinket de geluterte verklerte geist in daz götteliche vinsternisse, in ein stille swigen(25. 8. / 11 Uhr)

    »Übergroße Lichtmengen (Blitz) oder überraschende Schatten im Gesichtsfeld, (20. 8. / 20 Uhr)

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