
Ein Märchen aus der niedersächsischen Nordheide, wie es sich dort in einigen Häusern gelegentlich noch erzählt wird. So, wie es mir an einem nicht lange zurückliegenden Abend erzählt wurde (und dann, als ich Stift und Papier zur Hand hatte, am darauf folgenden Vormittag nochmals), will ich es dem geneigten Leser hier zur Kenntnis geben:
Es war einmal ein Bauer, der lebte ein hartes Leben am Rande der Heide. Er war aber ein frommer Mann und tat unverdrossen sein Tagwerk. So hatte er trotz aller Mühen über die Jahre ein festes Haus gebaut, in dem er bescheiden mit seiner Frau lebte, die ihm keine Kinder geboren hatte. Der Bauer bestellte die Felder, wartete der Tiere und zog mit seiner Frau auf den Markt. Und Jahr um Jahr gelang es ihm so, wieder etwas neues in seine Truhe zu legen. Er sparte sich vom Munde ab, was er dann fröhlich hergab, um allerlei schönes und glänzendes seinem Besitz hinzuzufügen.
Gerne kamen die Nachbarn des Bauern zu Besuch, denn er war ein freigibiger Mann und wußte, wenn er seine Pfeife rauchte, Scherze zu machen, über die jedermann gerne lachte. Wenn die Gäste zusammensaßen, hieß er seine Frau, einen silbernen Leuchter oder ein anderes Stück aus der Truhe zu holen und den Nachbarn zu zeigen. Die Bäuerin gehorchte ihrem Manne nur widerwillig, denn sie war eine harte Frau und traute niemandem. Die Nachbarn beglückwünschten den Bauern zu seinem Besitze. Niemand neidete ihm, was er hatte, weil er bei ihnen als frommer und braver Mann in gutem Ansehen stand. Die Bäuerin aber stand daneben und dachte bei sich: Er wird es noch sehen.
Eines Tages nun war der Bauer allein auf das Feld gegangen. Und als er pfeifend und vergnügt seiner Arbeit nachging, wie es seine Art war, hörte er, daß einer seinen Namen rief. Und er wunderte sich nicht wenig, als er auf dem Wege einen Mann zu Pferde erblickte, der vornehme Kleidung trung, eine große Feder am Hut hatte und wie ein Edelmann anzusehen war. Der Bauer eilte hinzu und machte vor dem Reiter eine artige Verbeugung. Der aber sprach zu ihm: Bauer, du bist überall in der Gegend als ein anständiger und ehrbarer Mann bekannt. Mein Herr hat deshalb den Wunsch, dich in seine Dienste zu nehmen. Du wirst nicht mehr mit harter Arbeit dem kargen Land das nötigste abgewinnen müssen. Geh nun, bereite dich für die Reise und halte Abschied von deiner Frau, denn für sie ist kein Platz bei meinem Herren.
Als der Bauer das hörte, wunderte er sich sehr und sorgte sich um seine Frau, mit der er das beschwerliche Leben so viele Jahre geteilt hatte und die er trotz ihres zänkischen Wesens in Ehren hielt. Der Bauer entgegnete dem Edelmann: Wie kann ich mein Weib zurücklassen? Da gab der Reiter zur Antwort: Mein Herr wird sie besser versorgen, als du es bis heute vermocht hast. Es wird ihr Schaden nicht sein. Trage also keine Bedenken, mein Herr leidet es nicht, das ihm ein Wunsch abgeschlagen wird.
Der Edelmann beschied dem Bauern, daß er ihn an diesem Abend holen werde. Er solle seinen Ruf nicht überhören, denn er werde nicht länger warten, als bis die Nachtigallen zu singen begännen.1 Also verabschiedete sich der Bauer vom Boten des sonderbaren Herren und eilte seinem Hause zu. Als die Bäuerin hörte, was sich zugetragen hatte, begann sie den Bauern anzuklagen. Der wußte sich nicht zu helfen, sagte nur: So ist es über uns verfügt. Dann ging er in jeden Raum und in jede Ecke seines Hauses, um zu sehen, was er mitnehmen wolle. Er sah er all die Schätze, die er im Laufe seines Lebens durch den Fleiß seiner Hände erworben hatte. Bei jedem Stück blieb er stehen und sprach zu sich: Soll ich’s lassen – soll ich’s nehmen? Und jedesmal rang die Bäuerin die Hände und rief: Willst du ziehen, lass es mir! So ging es eine Weile, bis der Bauer des Streites überdrüssig wurde und sagte: Drei Dinge will ich nehmen!
Darüber war der Abend herbeigekommen und von draußen erklang die Stimme des Berittenen: Bauer, komm heraus, wir wollen ziehen.
Der Bauer sprach zu seiner Frau: Leuchter, Schüssel und der rote Rock.
Da sagte die Bäuerin: Das sollst du mir lassen!
Der Bauer besah sich nochmals seinen Besitz und sprach: Das feine Tuch, den silbernen Löffel und den Stock aus Ebenholz.
Wieder entgegnete seine Frau: Das sollst du mir lassen!
Da wurde der Bauer zornig gegen seine Frau und wollte von den Borten2 und aus den Truhen nehmen, was ihm gerade in die Hände kam. Durch das Fenster aber drang der Gesang der ersten Nachtigall. Als der Bauer schnaufend und keuchend vor die Türe trat, hatte der Reiter sein Pferd schon angetrieben und kein Rufen konnte ihn zur Umkehr bewegen.
Am nächsten Tag stand der Bauer vor dem ersten Licht auf. Er schlich zur großen Truhe, nahm die drei kostbarsten Dinge heraus und stieg zum Heuboden hinauf, um die drei Dinge dort zu verbergen. Die Bäuerin jedoch hatte bemerkt, was er im Schilde führte und sah bei alldem insgeheim zu, indem sie durch ein Astloch spähte.
Als der Bauer schließlich auf dem Felde war und seiner Arbeit nachging, kam der Reiter wiederum zu ihm und sprach: Du törichter Bauer. Noch einmal will ich heute Abend zu dir kommen. Wenn die Nachtigallen singen, wollen wir zu meinem Herren reiten. Da versprach der Bauer, er werde diesmal nicht ausbleiben. Damit sein Weib keinen Verdacht schöpfe, blieb er bis zum Abend auf dem Felde und fand zuletzt auch wieder Gefallen an seiner Arbeit und am Pfeifen, wie es seine Gewohnheit war.
Als die verabredete Stunde nahe war, ging er zu seinem Hause zurück. Er betrat nicht erst die Stube, sondern begab sich in aller Stille auf den Heuboden, um an sich zu nehmen, was er verborgen hatte. Soviel er aber im Heu suchte, und obgleich er zuletzt sich selbst so tief dort hinein grub, daß von ihm nur noch die Beine zu sehen waren: er konnte das Verborgene nicht mehr finden. Als aber der Reiter vor dem Hause eintraf, waren die Ohren des Bauern mit Büscheln Heus derart verschlossen, daß er den Ruf nicht hörte. Und erst, als die Nachtigallen schon lange zu Singen begonnen hatten, stieg er schmutzig und zerstochen vom Heuboden herab.
Da stand zu allem Unglück auch noch die Bäuerin vor dem Haus, drohte ihm mit ihrem Finger und rief: Ich habe deinen Betrug wohl durchschaut, du treuloser Gesell. Und als er zu Bett gehen wollte, nahm sie den großen Kochlöffel und jagte ihn unter Schimpfen und Fluchen fort. So geschah es, daß der Bauer sich ein Lager im Wald bereiten mußte.
Auch am nächsten Tag zog der Bauer auf’s Feld, denn er wußte sich sonst nicht zu helfen. Kein Handgriff gelang ihm recht, da er immerzu nach dem Wege hin blickte um zu sehen, ob der Reiter ein drittes Mal kommen werde. Aber der Reiter blieb aus. Als es darüber Abend wurde, plagte den Bauern der Hunger so arg, daß er beschloß, zu seinem Weibe zu gehen. Er sagte sich: Ich will sie schon umstimmen, aber fürchtete doch insgeheim, auch heute Nacht wieder zwischen Laub und Moos schlafen zu müssen.
Als der Bauer unter solchen Gedanken an seinem Haus anlangte, blickte er auf und sah, wie dort der Reiter wartete. Der Bauer erschrak und wußte nichts zu sagen, hatte er sich doch voller Sorge die Worte für seine Frau zurechtgelegt.
Der Reiter empfing ihn mit einiger Strenge und sagte: Du hast Glück, daß du heute rechtzeitig zur Stelle bist, ein weiteres Mal wäre ich nicht gekommen, dich zu meinem Herrn zu bringen.
Der Bauer blieb stumm und dachte sich mancherlei. Als der Reiter ihn nun fragte, ob er alles beisammen habe, was er für die Reise brauche, besah er sich den Inhalt seiner Taschen: Eine alte Pfeife und den Tabaksbeutel fand er darin. Und an der Jacke, die er zu Felde trug, hing ein beinerner Knopf.
Da sagte der Reiter: Ich sehe, du hast dich für die Reise bereitet. Komm nun also! Und er hieß ihn, neben seinem Pferd zu gehen. Die Bäuerin aber blickte ihrem Mann durch das Fenster hinterher, bis er in der Dämmerung verschwunden war. Sie sah ihn nimmermehr.
- Hierzu muß man wissen, daß die Gewohnheiten der Nachtigallen, die vom Menschen unberührte Gehölze bevorzugen, regional unterschiedlich sind. Keinesfalls ist die Nachtigall lediglich ein »Nachtsänger« (daher in der Tat ihr Name). Ihr Gesang kann durchaus schon zur Dämmerung einsetzen und also, wovon im Märchen ausgegangen wird, den Beginn der Nacht ankündigen. – Gesang der Nachtigall Ι> (Luscinia megarhynchos; Aufnahme: Guido Gerding) ↩
- Ich habe gelernt, daß im Norddeutschen nicht die Aussprache »Bord, Borde«, sondern vielmehr »Bort« gebräuchlich ist, und die Älteren sogar den Plural »Börter« kennen. ↩


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Ein Kommentar
Feuer, Pfeife, Knopf – nein, nein, derzeit ists zu viel, was ich lassen müsst. Wills nicht wagen, allem abzusagen, will bleiben bei Haus und Hof, Weib und Kind. Musst verstehn, musst verstehn. Sei mir Freund trotzdem, trotzdem!