Ein sonderbarer Grundbestandteil des Lebens ist – das Schweigen. Daran kann eigentlich kaum ein Zweifel bestehen. Andererseits läßt sich aber nur schwer weiteres sagen als dieser eine, dürre Satz. Schweigen. Wenn man versucht, in das Schweigen einzudringen und an ihm verschiedene Substanzen zu unterscheiden, betritt man schnell den Bereich jener Art von Spekulationen, die einem den Mund verkleben und jedem Zuhörer die Ohren, so daß am Ende nur peinliche Ratlosigkeit übrigbleibt. So ist es mit dem Schweigen – oder auch, wenn man so will, mit der Stille, die ja das außenliegende Produkt von zuviel Schweigen ist.
Vielleicht können wir uns Hilfe von Tacita erhoffen, der Göttin des Schweigens. Man brachte ihr Fische, denen man das Maul zugenäht hatte, als Opfergabe dar. Nur so war überhaupt dem schweigsamen Wesen der Göttin genüge zu tun, die auch den Beinamen ›Muta‹ trug: Tacita Muta, die stumme Schweigende. Die Göttin, die aus eigenem Willen niemals redet, denn sie ist ja die Schweigende; die aber, selbst wenn sie sich äußern wollte – was ganz abwegig ist – es nicht könnte, da sie obendrein noch stumm ist. Ein doppelt stilles, von Grund auf sprachloses Wesen, ein Fisch mit vernähtem Maul.
Aber kann man sich von so einer Hilfe erhoffen? Was könnte es geben, daß gegen die Stille hilft, wenn sie erst einmal begonnen hat, um sich zu greifen? Die Stille breitet sich nämlich ganz von selbst aus. Und mit dem Reden ist es nicht so, wie mit anderen Fertigkeiten, derer man sich sicher sein kann. Zum Beispiel das Fahrradfahren oder Schwimmen: man verlernt es nie mehr, wenn man es einmal gelernt hat. Aber das Reden, das Zusammensetzen von Wörtern, verlernt man schnell, wenn sich das Schweigen erst einmal festgesetzt hat. Die Verbindung zwischen den Wörtern und ihren Bedeutungen wird immer lockerer bis es als fast unmöglich erscheint, mit den eigenen Worten bis dahin zu gelangen, wo die wirklichen Dinge und Begebenheiten sich befinden und abspielen. Die Dinge machen Geräusche, aber sie geben nie einen Satz von sich. Und genau das erscheint einem, um den sich die Stille zu einer öligen Atmosphäre verdichtet hat, das angemessene und richtige zu sein: In einer Welt, die so rätselhaft und unerschwinglich ist wie diese, die einzige, die wir haben: in einer solchen Welt muß man Schweigen. Wer redet, ist geradezu eine tragische Gestalt, weil er nicht sieht, wie sehr er im Irrtum ist. Der Versuch, eine Welt, die derart Immun gegen jede Bedeutung ist, mit Worten auffüllen zu wollen, nimmt sich aus wie das Anrennen eines Tropfens gegen eine durchgängig imprägnierte, steil abfallende Fläche.
Tacita Muta, wie soll man sich retten aus der Sprachlosigkeit, der Stille, die zuerst im Kopf einsetzt? Was ist deine Gegengabe für den geknebelten Fisch, den man dir opfert? In dir hat man nicht bloß die Sachwalterin des Todes gesehen, sondern auch die Verkörperung des fruchtbaren Landes, der Erde, den Inbegriff einer Mutter. Aber sollte etwas entstehen können in dem tiefen Kohlenloch der Sprachlosigkeit, sollte daraus etwas hervorgehen? Ist das nicht bloß eine Abwandlung des Todes, oder auch der Inbegriff des Totseins: nichts mehr sagen zu können?
Aber dann: entsteht aus der Bedeutungslosigkeit, die sich für einen, der nichts zu sagen weiß, wie ein schwarzes Tuch über alle Dinge gebreitet hat, vielleicht am Ende doch etwas? Vielleicht wird er jenen Mut der Verzweiflung besitzen, der ihn in die Lage versetzt, wider besseres Wissen sprechen zu können. Trotz der beeindruckenden Stille, die sich um ihn gebreitet hat, fängt er zu sprechen an. Auch wenn das Schweigen der Dinge oder der Gegebenheit jedes Wort Lügen straft, auch wenn man sich unter Menschen ohnehin nicht eigentlich verstehen kann: es ist möglich, Worte zu machen, weil die Sprache gar keinen notwendigen Bezug auf irgendetwas hat.
So erweist Tacita ihre Gnade, wenn man ihr nur Fleißig fischmäuliges, festvergarntes Schweigen geopfert hat; sie zeigt sich als Mutter. Und so entsteht aus dem Schweigen am Ende vielleicht etwas Gesprochenes, ein Wortgebilde auf wackeligen Beinen, das nicht von sich behaupten kann, in anständigen Verhältnissen auf die Welt gekommen zu sein.



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Ein Kommentar
Geh ich zeitig in die Leere
Komm ich aus der Leere voll.
Wenn ich mit dem Nichts verkehre
Weiß ich wieder, was ich soll.
Wenn ich liebe, wenn ich fühle
Ist es eben auch Vetschleiß
Aber dann in der Kühle
Werd ich wieder heiß. BBrecht