Seine Bettdecke blickte ihn teigig an. Er hatte nie einen so zudringlichen Gesichtsausdruck bei seiner Bettdecke bemerkt, mit der er doch schon seit längerem bekannt war. Aber in der Tat lag in der wohligen, schweren Neugier, mit der die Bettdecke ihm zusah, nichts anderes als Zudringlichkeit. Schwülstig war dies auf ihm liegende Ding ganz offenbar, von Grund auf schwülstig, neugierig und dabei auch noch teilnahmslos. So, wie einer einem Ringkampf zusieht, der sich nichts aus Ringkämpfen macht und ohne eigenes Wollen in die Rolle des Zuschauers hineingeraten ist. Während doch die Ringer nach leibeskräften den Kampf austragen und ganz in diesem Kampf eingeschlossen sind. In solche Gedanken verstrickte er sich, während er nicht anders konnte, als die teilnahmslose Bettdecke verwundert anzustarren.
Sie ärgerte ihn und war ihm auf einen Schlag unsympathisch geworden. Dies langgezogene Gesicht, eine niedrige, sonderbar vorgewölbte Stirn. Ein breites, natürlich ganz zahnloses Maul unter einer ausgreifenden Nase, die an einen Tapir erinnerte. Die Bettdecke trug ihr Gesicht auf einer ihrer Ecken; oder Zipfel mußte man vielleicht sagen: der schale Klang des Wortes paßte in diesem Fall ausnahmsweise. Dort, auf einem Zipfel also, lag das fette, über alle Konturen hinausquellende Gesicht. Die Lampe, die er auf dem Nachttisch vorhin aus lauter Schlaflosigkeit angeschaltet hatte, warf ihr schwaches Licht so in den Raum, daß das Gesicht zum Vorschein gekommen war. Es war trotz aller ihm eigenen Verschwommenheit nicht von der Hand zu weisen, daß es da war. Es grinste ihn an, seine Bettdecke grinste ihn maliziös und satt an. Er befürchtete, daß sie ihn schon seit längerer Zeit beobachtete, derweil er ungeschützt, nichtsahnend, völlig arglos unter ihrem pudrigen Leib gelegen und kurz sogar geschlafen hatte.
Er schwieg und rieb sich die brennenden Augen. Das Bettdeckengesicht blieb an seiner Stelle, auf der Matratze liegend, etwas oberhalb seiner Hüfte links von ihm. Das hohle Klacken der Standuhr klang aus dem Flur herein, das Haus knarrte schlafend, in weiter Ferne ein Motorengeräusch – nichts weiter. Er ertrug es nicht länger. »Du. grins mich nicht so an, was fällt dir ein?«, herrschte er die Bettdecke im plötzlich aufwallenden Zorn an. Er wollte gerade mit der flachen Hand ausholen, um das Gesicht plattzudrücken und dann alle Reste fortzuschütteln, um endlich wieder allein zu sein mit sich. Da tat das breite Maul zu einem Gähnen auf. Und die Bettdecke entgegnete ihm: »Du scheinst heute Nacht wirklich überreizt zu sein.«
Einen tiefen, samtigen Basston hatte die Stimme der Bettdecke. Diese Stimme war sehr leise, so, wie einer kurz vor dem Einschlafen sprechen würde. Die Mimik des Gesichtes war aber ganz im Gegenteil dazu sehr rege. Das Bettdeckenwesen lachte, das er das raschelnde Atemholen in ihrem auf ihn gebreiteten Leib noch an den Schienbeinen fühlen konnte.
»Was?« Er war sprachlos. Nicht gerade verängstigt wegen dem ungewöhnlichen Verhalten seiner Bettdecke, eher noch entrüstet darüber, daß ihm das Ding Vorhaltungen machte. Daß es sich anscheindend nicht um die Grenzen seines Zwecks und Gebrauchs scherte.
»Was, was«, äffte der grinsende Federhaufen ihn nach, »was wohl? Ich bin in dein Bett gezwungen und habe deine überspannte Ruhelosigkeit endgültig satt.«
»Ruhelosigkeit? Was erlaubst du dir, dich als Nervenarzt aufzuspielen? Du bist doch nur ein halbwegs gefüllter Stoffsack.« Er wollte sich nicht in die Defensive drängen lassen.
Die Bettdecke war offenbar völlig unbeeindruckt. Sie lachte bloß wieder raschelnd, bronzefarben, wie eine Glocke, die vom Wind angeschlagen wurde. »Du bist ein merkwürdiger Mensch, ein Grübler. Und führst manchmal wirklich sehr unterhaltsame Stücke auf, wenn du deine flackernden Träume träumst und dich dabei Windest wie ein nackter Wurm. Aber laß mich dir sagen: du hast bitteren Schweiß, das ist sehr unbequem für unsereins.«
»Du bist doch nur eine Decke. Ich habe dich nur zu dem Zweck gekauft, mich zuzudecken. Ich will nicht über private Angelegenheiten mit dir reden!« Er holte wieder aus, um jetzt endgültig das nervtötende Gesicht auf der Matratze zu zerquetschen.
»Das wirst du nicht tun!«, befahl jemand zu seiner rechten. Die stimme war scharf und knirschend. Er bekam eine Gänsehaut. Rechts von ihm war nur eine Wand. Er drehte den Kopf, die Hand noch in der Luft, und suchte. Da war nur eine weiße, tapezierte Wand. Er fuhr sich mit der Hand, mit der das aufdringlichen Gänsedaunenwesen hatte zerschlagen wollen, durch das Gesicht. Langsam entstand Kopfschmerz hinter seiner Stirn, die Augen brannten unentwegt, er hatte eine trockene Kehle, er fühlte sich miserabel. »Ich sollte etwas trinken«, sagte er sich selbst und scherte sich angesichts seiner Schwäche und Müdigkeit nicht mehr um die Bettdecke. Er wollte sich gerade aus dem Bett wälzen, als wieder die knirschende Stimme von rechts kam: »Nichts da, hiergeblieben. Wir sind noch nicht fertig mit dir.«
Er drehte sich in die Richtung der Stimme, die Bettdecke lachte ihren kaum hörbaren Glockenschlag. Auf der Rauhfasertapete überschnitten sich Schattenlinien. Zwischen den Holzfasern schwirrten vor seinen überanspruchten Augen sonderbare Figuren. Da war auch ein Gesicht. Ein schmales, abgemagertes Gesicht mit einem Spitzbart am Kinn. Die Augen waren groß und dunkel, sie lagen in tiefen, eingesunkenen Höhlen. Das Gesicht war mit scharfen Falten überseht, aus denen Freudlosigkeit und Strenge sprach. Er drückte mit Daumen und Zeigefinger seine Augen, öffnete sie wieder: das Gesicht war fort. Mit einem kalten Gefühl im Nacken machte er sich daran, jetzt endlich aufzustehen. Vielleicht sollte er einen Spaziergang machen, die Luft im Schlafzimmer war nicht gut.
»Was habe ich gesagt? Liegenbleiben!«, fuhr ihn sofort die Stimme von der Wand her an.
Er warf sich herum. Das Gesicht auf der Tapete war wieder erschienen. Und es blieb sichtbar, auch wenn es auf der Tapete zwischen den Schattenwürfen zu schwimmen schien. Der Mann in der Tapete blickte ihn in offener Feindschaft an, mit einer Strenge, der er nichts entgegenzusetzen hatte. Er legte sich flach auf den Rücken, mochte sich aber nicht auch noch die Decke bis ans Kinn ziehen. Was geschah hier? Warum ließ man ihn nicht einfach in Ruhe?
Der Mann in der Tapete klang jetzt ganz sachlich, als er sagte: »Du wirst nicht einfach durch diese Nacht kommen.«
»Man sollte nicht so leichtfertig wie du den Schlaf mißachten und sich in die Nacht vordrängen gegen alle Natur, mein Freund. Jetzt gelten unsere Regeln, du Bitterschweißling«, sagte die Bettdecke und lachte sehr selbstzufrieden.




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Ein Kommentar
Wunderbar zu lesen. Unser Dichter ist ein toller Schriftsteller. Muß unbedingt weiterlesen!