Eine konfabulierteKonfabulation ist »die Produktion von objektiv falschen Aussagen« bzw. von Märchen (lat. fabula), wobei der Konfabulierende von der Gültigkeit seiner Aussagen mehr oder weniger fest überzeugt ist. Es kann eine hirn­organische Störung zugrunde­liegen oder auch der bei Gesunden gelegentlich vorkommende Drang, sich an mehr zu erinnern, als tatsächlich der Fall ist (z.B. bei Kindheits­erinnerungen oder bei der Befragung eines Zeugen vor Gericht; es sind sog. provozierte K.).
  Die spontane K. liegt vor, wenn die Fähigkeit gestört ist, eigene Einfälle von realen Sach­verhalten zu unterscheiden. (»Patients with Korsakoff's syndrome characteristically confabulate by guessing an answer or imagining an event and then mistaking their guess or imagination for an actual memory. [Wikipedia]«
Realienkunde, ein Thesaurus, bar jeder Notwendigkeit assoziiert, eine Sammlung von Marginalien, über die im Unklaren zu bleiben, ich nicht auf mich nehmen wollte. Dem geneigten Leser im jeweiligen Kontext unterbreitet, in alphabetischer Ordnung. Anregungen für weitere Stichworte werden gerne entgegengenommen.

Glücksbaum

Ein Baum. Illustration aus: John Evelyn, Sylva. Or A Discourse of Forest Trees (Projekt Gutenberg)

Ein Triptychon, dessen Mitteltafel und beide Flügel wiederum zusammengesetzt sind, jeweils aus vier völlig gleichen Rechtecken, ebenmäßig mit einem grauen Schleier überzogen, ist mein Fenster. Der rechte Flügel ist schräg nach vorne gekippt (das wäre für ein wahres Triptychon sehr bedauerlich) und durch den so entstandenen Spalt dringt der noch eben blaue Himmel herein. Außerdem der schläfrige Gesang der Vögel.

Und ein Geräusch, das quer durch alle Jahreszeiten immer gleich bleibt, nur durch das schlimmste Unwetter verschlungen oder durch völlige Windstille zum Schweigen gebracht wird: ein metallisches Pochen, das ich eigentlich jeden Tag, aber lange nicht mehr wirklich gehört habe. Es ist ein solches Pochen, wie man es gemeinhin in einem Hafen erwarten würde, obwohl es zu weit bis zum nächsten Hafen ist, als daß man ihn hören könnte (außer wenn ein wirklich gewaltiges Schiff sein Nebelhorn bis zum Rand mit Druckluft füllen würde; aber solcher Nebel ist wahrhaft selten).

Ein metallisches Pochen, das mir, wenn ich das Triptychon in dieser rotgefärbten Fensterhöhle zurückgelassen haben werde, als Inbegriff für Heimat gelten wird, zusammen mit jenen anderen, früheren Inbegriffen: mit einer Transformator-Station aus Waschbeton, die den Strom meiner Kindheit umgespannt hat; mit der merkwürdigen Rauhigkeit, mit der die tönerne Oberfläche eines Schraubdeckels unter den Fingern liegt, den ich auf den Schlund schrauben mußte, worin eine Sicherung zu versenken war (während eine unklare Furcht vor der tödlichen Elektrizität am Boden dieses Schlundes den Nacken streichelte); zusammen mit dem Erstaunen darüber, daß die Gegensprechanlage am Türrahmen zehn verschiedene Klingeltöne anbot und mit dem Geruch des Treppenhauses, mit der vollendeten, schutzlosen Weichheit des Lichtes, das durch die matte, gemusterte Scheibe der Haustür drang.

Vor dem halb aus den Angeln geratenen Triptychonsflügel steht in einem breiten Terakottatopf übrigens eine merkwürdige Pflanze. Ich habe sie irgendwann gekauft, weil ihre zwei mageren, spitzen Blätter vor dem Hintergrund des üpprigen Grüns im Pflanzengeschäft mein Mitleid erregten. Und über die Jahre hat dieser Baum, mein still und rauh geliebter kümmerlicher Freund, immer alle seine Blätter verloren, bis auf zwei oder drei, die doch übrig blieben; zwei oder drei Blätter, die immer nur am Ende des mit der Zeit länger, krümmer und kahler werdenden Stammes wuchsen.

Ich habe in einem Botanischen Garten die Blätter meines stummen, zähen Freundes wiedererkannt: An einem prächtigen kleinen Baum hingen sie, mit einem lebensvollen Stamm, gerade gewachsen. Brachychiton rupestris – Glücksbaum. Ich habe daraufhin meinem mageren, verkrüppelten Glücksbaum einen neuen Topf auf die Fensterbank gestellt und auch frische Erde gegeben – er hatte bislang mit mir nur wenig Glück. Aber jetzt sitzt am Ende seines einzigen, dürren Zweiges eine hellgrüne Krone aus frisch gesprossenen Blättern: das ist ein Anfang.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Auf Empfang und getagged , , , , , , . Bookmarken: Permanent-Link. Kommentieren oder ein Trackback hinterlassen: Trackback-URL. |drucken

Ihr Kommentar

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder verteilt. Benötigte Felder sind mit * markiert

*
*

Du kannst diese HTML Tags und Attribute verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

  • Rauhfaseln?

    Zum Beispiel so:

    Grau liegen Wolken obenauf,
    Schal dreht sich Übelkeit im Bauch,
    Sanft streckt sich Schmerz zur Schädeldecke –
    Wenn man doch was zu denken hätte.

    Hier gibt es mehr davon, Worte auf Worte, dem geneigten Leser präsentiert in mehreren Versuchsanordnungen.

  • Zufällig…

  • Kurzum

    Nachdenken über: Das Hawala-Finanzsystem (28. 7. / 9 Uhr)

    Weberknechte sind Spinnentiere, Schuster aber Schnaken. (28. 7. / 9 Uhr)

    Auf einem Plakat, das für Kreuzfahrten wirbt, meine ich zu lesen: »Fernweh, Sehnsucht — Registrierung.« (27. 7. / 16 Uhr)

    In einer Buchbesprechung das ›neuronale Standardargument‹: »...und das muß ja eingeübt werden, das sind auch neuronale Prozesse, (26. 7. / 16 Uhr)

    Note to self: In Umbruchszeiten tauchen in der Literatur Wasserfrauen auf.(*) (26. 7. / 15 Uhr)

    »Die Kugel ist das Ergebnis kosmischer Gesetze. Mit dem Rechteck haben wir gezeigt, wer wir sind. (25. 7. / 10 Uhr)

    Überhaupt haben Sätze, geschriebene Sätze zumal, die Eigenart, ein wirkliches (ein vielleicht bloß in der Vorstellung wirkliches) Geschehen mit Sinn zu übertünchen, (24. 7. / 17 Uhr)

    »Der Zustand des Alltagsbewusstseins, der so genannte Beta-Zustand, (24. 7. / 5 Uhr)

    »Cogito ergo sum« und die Gattungsbezeichnung »Homo sapiens sapiens«: womöglich beides Ausdruck eines kategorialen Irrtums. (23. 7. / 11 Uhr)

    Begriffsmagnetfeld des Tages: Von Singulett bis Richtungsquantelung. (23. 7. / 10 Uhr)

    »Parallele Welten innerhalb von Schaltkreisen, welche eigentlich gar nicht existieren sollten, aber sie sind da.« (22. 7. / 11 Uhr)

    »In Ruhe wurzeln Eiskapläne.« Vielleicht liegt es an der Uhrzeit oder am Gewitter, (22. 7. / 0 Uhr)

    Habe erfahren, daß die Fadenwürmer (Nematoda) mit ihren bislang mehr als 20.000 beschriebenen Arten unter den vielzelligen Tieren wahrscheinlich die artenreichste Gruppe sind. Hinsichtlich der Individuenzahl sind ca. 80% aller tierischen Organismen Fadenwürmer. (21. 7. / 9 Uhr)

    Ich solle mir die Walther P99 ansehen, wenn ich die Glock Modell 23 möge, empfiehlt mir ein Freund mit praktischen Kenntnissen. Ich wundere mich zwar, wie es geschehen konnte, daß sich mir ein Zugang zu solchen Themen eröffnet hat, aber sicherlich: auch ein schönes Modell. (19. 7. / 19 Uhr)

    Ein kleiner Junge erklärt, nachdem er sich ausgiebig und schnell auf einer Schaukel um die eigene Achse gedreht hat: »Die Seele von kleinen Kindern ist noch größer als bei Erwachsenen.« (18. 7. / 18 Uhr)

    Doch vielleicht ist diese meine Blindheit auch nur die Folge des Schattens, den die näherkommende Große Finsternis auf unsere vergreiste Welt wirft.(16. 7. / 13 Uhr)

    RATTENGIFT sitzt an einem Tische und will dichten. Ach, die Gedanken! Reime sind da, aber die Gedanken, die Gedanken!(16. 7. / 13 Uhr)

    Der kalte Atem des Gesetzes: »Nacherbe ist derjenige, der kraft Verfügung von Todes wegen nach einem anderen, dem Vorerben, zum Erben berufen ist.« (15. 7. / 21 Uhr)

    Es denkt im Hirn mit der schwerfälligen Behändigkeit eines servolahmen, elektronischen Bohrwurms. (15. 7. / 18 Uhr)

    Wer seine eigene Schlechtigkeit nicht kennt, ist insbesondere zur Schlechtigkeit prädestiniert. (15. 7. / 18 Uhr)

  • Jüngst kommentiert

  • Tags

  • Rubriken

  • Alles in allem…

    • Texte 933
    • Wörter 243.117
    • Rubriken 24