Hanna!
Ja, ich antworte dir. Ich habe schließlich keine andere Wahl. Ich kann deinen Brief nicht einfach da liegenlassen, auf dem Stapel mit den anderen, alltäglichen und normalen Angelegenheiten. Ich habe es versucht, aber der Brief stach heraus, es ist mir nicht gelungen, ihn zu übersehen und darauf warten, daß sich die Sache von selbst erledigt. Und tatsächlich habe ich nachgesehen: an der Farbe des Papiers liegt es nicht, daß dieser Brief nicht zu übersehen ist; an der Farbe des Inhaltes liegt es. Welche Farbe hat eine Zumutung, eine Zudringlichkeit? Kannst du mir das sagen?
Eigentlich sollte ich dir nicht antworten. Vielleicht hätte ich diesen Brief weitergeben sollen an irgendjemanden, der Lust hat, sich mit anonymen Personen zu unterhalten. Für dich dürfte es doch eigentlich keinen Unterschied machen, wen du am Ende deines Fangfadens findest. Oder wie ist es aus der Perspektive eines Raubtieres: Unterscheidet sich Beute von Beute? Ich kenne mich da nicht aus, weißt du, mich reizt nichts an der Jagd, da hast du wohl richtig vermutet. Aber mir liegt andererseits auch nichts daran, gejagt und gefangen zu werden.
Jetzt sitze ich aber doch hier und schreibe Dir eine Antwort. Du schreibst, daß eine Höhlendecke aussieht wie ein Sternenhimmel, wenn die Spinnenwürmer daran hängen und aus ihrem Inneren leuchten. Jetzt ist es Nacht und ich sehe keinen einzigen Stern. Ich höre auch seit ungefähr einer Stunde kaum noch ein Geräusch, alle schlafen, auch die letzten, Ruhelosesten, während ich zuhöre, wie mein Stift auf dem Papier kratzt. Da sind keine Sterne unter meiner Höhlendecke. Die Wolken haben eine bräunliche Farbe. Was sollte ich dir noch schreiben, um zu schildern, woher diese Zeilen kommen?
Vor allem ist es die Stille – sie ist ganz unerträglich. Schlafen sollte ich jetzt, anstatt dabei zuzuhören, wie die Stadt dort draußen in vollständige Geräuschlosigkeit abgleitet. Ich bin nicht allein in diesem Haus, mußt du wissen (vielleicht weißt du es ja auch). Aber trotzdem kommt auch aus dem Flur kein einziges Geräusch. Ich bin jetzt ganz auf mich selbst gestellt und mußte mit Anhören, wie die Stille die Straßen überflutet hat, langsam und zäh Haus um Haus zugedeckt hat. Ich habe bis zuletzt noch jemanden husten und fluchen gehört, dann aber ist auch dieser letzte Kamerad verstummt. Das war vor einer langen Zeit. Seitdem habe ich nur noch mich selbst atmen gehört und meinen Stift, wie er auf dem Papier gekrazt hat, besonders, wenn ich ganze Zeilen durchgestrichen habe in dem Brief, den ich eigentlich überhaupt nicht schreiben wollte. Um eine vollständige Beschreibung zu geben, sollte ich auch noch meine Armbanduhr erwähnen: Seit vielen Minuten höre ich sie zum ersten Mal ticken, ein Geräusch wie der Herzschlag einer Ameise. Es kriecht mir unter die Fingernägel.
Du fragst, ob es besser ist, das Ende von etwas abzusehen oder es schon erlebt zu haben? Ich frage dich: Was macht das für einen Unterschied?
J.




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Ein Kommentar
Wow, ich kann hören, wie die Zeit still steht.