Eine konfabulierteKonfabulation ist »die Produktion von objektiv falschen Aussagen« bzw. von Märchen (lat. fabula), wobei der Konfabulierende von der Gültigkeit seiner Aussagen mehr oder weniger fest überzeugt ist. Es kann eine hirn­organische Störung zugrunde­liegen oder auch der bei Gesunden gelegentlich vorkommende Drang, sich an mehr zu erinnern, als tatsächlich der Fall ist (z.B. bei Kindheits­erinnerungen oder bei der Befragung eines Zeugen vor Gericht; es sind sog. provozierte K.).
  Die spontane K. liegt vor, wenn die Fähigkeit gestört ist, eigene Einfälle von realen Sach­verhalten zu unterscheiden. (»Patients with Korsakoff's syndrome characteristically confabulate by guessing an answer or imagining an event and then mistaking their guess or imagination for an actual memory. [Wikipedia]«
Realienkunde, ein Thesaurus, bar jeder Notwendigkeit assoziiert, eine Sammlung von Marginalien, über die im Unklaren zu bleiben, ich nicht auf mich nehmen wollte. Dem geneigten Leser im jeweiligen Kontext unterbreitet, in alphabetischer Ordnung. Anregungen für weitere Stichworte werden gerne entgegengenommen.

Jahns erste Antwort

In der Reihe: »poste restante«

"Ant drawing" - aus einer Videoinstallation in Trollhättan's konsthall (via underhund.com)

Hanna!

Ja, ich antworte dir. Ich habe schließlich keine andere Wahl. Ich kann deinen Brief nicht einfach da liegenlassen, auf dem Stapel mit den anderen, alltäglichen und normalen Angelegenheiten. Ich habe es versucht, aber der Brief stach heraus, es ist mir nicht gelungen, ihn zu übersehen und darauf warten, daß sich die Sache von selbst erledigt. Und tatsächlich habe ich nachgesehen: an der Farbe des Papiers liegt es nicht, daß dieser Brief nicht zu übersehen ist; an der Farbe des Inhaltes liegt es. Welche Farbe hat eine Zumutung, eine Zudringlichkeit? Kannst du mir das sagen?

Eigentlich sollte ich dir nicht antworten. Vielleicht hätte ich diesen Brief weitergeben sollen an irgendjemanden, der Lust hat, sich mit anonymen Personen zu unterhalten. Für dich dürfte es doch eigentlich keinen Unterschied machen, wen du am Ende deines Fangfadens findest. Oder wie ist es aus der Perspektive eines Raubtieres: Unterscheidet sich Beute von Beute? Ich kenne mich da nicht aus, weißt du, mich reizt nichts an der Jagd, da hast du wohl richtig vermutet. Aber mir liegt andererseits auch nichts daran, gejagt und gefangen zu werden.

Jetzt sitze ich aber doch hier und schreibe Dir eine Antwort. Du schreibst, daß eine Höhlendecke aussieht wie ein Sternenhimmel, wenn die Spinnenwürmer daran hängen und aus ihrem Inneren leuchten. Jetzt ist es Nacht und ich sehe keinen einzigen Stern. Ich höre auch seit ungefähr einer Stunde kaum noch ein Geräusch, alle schlafen, auch die letzten, Ruhelosesten, während ich zuhöre, wie mein Stift auf dem Papier kratzt. Da sind keine Sterne unter meiner Höhlendecke. Die Wolken haben eine bräunliche Farbe. Was sollte ich dir noch schreiben, um zu schildern, woher diese Zeilen kommen?

Vor allem ist es die Stille – sie ist ganz unerträglich. Schlafen sollte ich jetzt, anstatt dabei zuzuhören, wie die Stadt dort draußen in vollständige Geräuschlosigkeit abgleitet. Ich bin nicht allein in diesem Haus, mußt du wissen (vielleicht weißt du es ja auch). Aber trotzdem kommt auch aus dem Flur kein einziges Geräusch. Ich bin jetzt ganz auf mich selbst gestellt und mußte mit Anhören, wie die Stille die Straßen überflutet hat, langsam und zäh Haus um Haus zugedeckt hat. Ich habe bis zuletzt noch jemanden husten und fluchen gehört, dann aber ist auch dieser letzte Kamerad verstummt. Das war vor einer langen Zeit. Seitdem habe ich nur noch mich selbst atmen gehört und meinen Stift, wie er auf dem Papier gekrazt hat, besonders, wenn ich ganze Zeilen durchgestrichen habe in dem Brief, den ich eigentlich überhaupt nicht schreiben wollte. Um eine vollständige Beschreibung zu geben, sollte ich auch noch meine Armbanduhr erwähnen: Seit vielen Minuten höre ich sie zum ersten Mal ticken, ein Geräusch wie der Herzschlag einer Ameise. Es kriecht mir unter die Fingernägel.

Du fragst, ob es besser ist, das Ende von etwas abzusehen oder es schon erlebt zu haben? Ich frage dich: Was macht das für einen Unterschied?

J.

Jahns erste Antwort, 5.0 out of 5 based on 1 rating
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Ein Kommentar

  1. Annegret
    Erstellt am 18. Februar 2011 um 16:58 | Permanent-Link

    Wow, ich kann hören, wie die Zeit still steht.

    VA:F [1.9.13_1145]
    Wertung: + 0 | - 0

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    »I wanted to amplify that quite explicit but often entirely invisible friction that's constantly surrounding us between things that we do and the consequences of our actions...« (3. 2. / 17 Uhr)

    »Was heißt es anders als der Vernunft entsagen, wenn iemand ein höchstes Wesen läugnet, das alle Dinge erhält, regirt, und was ewig im Begrif ist, aus einander zu fallen...« (24. 1. / 12 Uhr)

    »Was ist für ein fixer Punkt meines unveränderlichen Daseyns in mir, vermöge dessen ich trotz alles Abreibens und Wegdünstens der Materie doch immer der Nämliche bin? [...] (18. 1. / 12 Uhr)

    »Im Schlaf empfand er Schmerz. Gern und oft, u. geschickt bringt die Phantasirende Seele im Traum ihr bilderreiches Spiel mit der Disposition u. den Empfindungen des Körpers in Verbindung. (17. 1. / 13 Uhr)

    »Je befriedigender die Gegenwart ist, desto zufridener Ruht auf ihr das Auge; wozu alsdann der Blick in die Zukunft, der mehr zehrt als sättigt?« (J.P. Hebel, Notiz zu Ps. 45) (17. 1. / 12 Uhr)

    Und weiterhin der Ichneumon, von dem Plinius zu berichten wusste, daß er schlafenden Krokodilen in den Leib kriecht, um deren Herz an Ort und Stelle zu fressen. (13. 12. / 14 Uhr)

    Philander von Sittewalt — ein Name, der ohne alles weitere auskommt; ohne seinen Träger wüssten wir nicht, daß das Dunkle notwendige Zutat für gutes Munkeln ist. (13. 12. / 14 Uhr)

    Der deutliche, gutturale Widerwille beim Gedanken an wirkliche Spezialisierung(7. 12. / 13 Uhr)

    die flöte an den mund, den topf ans feuer, den stul an die wand, (15. 11. / 22 Uhr)

    »Everyone is beautiful, traffic like a funeral
    And everybody tries to keep in touch«(24. 10. / 8 Uhr)

    Das merkwürdige Erscheinungsbild der Auflösung, die den Mond befallen hat, an einem Abend, der den Herbst mit wenig letztem Licht auf die Häuser streicht, (10. 9. / 20 Uhr)

    »... — nur ein Weiser, der die Sehnen und Fasern des menschlichen Herzens oft und mit Glück entwickelt, und die Einbildungskraft bis in ihre feinsten Blutgänge zergliedert hat — ... « (6. 9. / 12 Uhr)

    »Von dem hochgelegenen französischen Viertel schob sich langsam wie ein Lavastrom eine Masse von Schmutz, Abfall, geronnenem Blut, Gedärmen, Tier- und Menschenkadavern. (2. 9. / 22 Uhr)

    Protohorror: Und der Mensch, in dem der böse Geist war, stürzte sich auf sie und überwältigte sie alle und richtete sie so zu, daß sie nackt und verwundet aus dem Haus flohen. (Apg. 19,16) (2. 9. / 21 Uhr)

    »A snake can shed its skin but never change. « (I Like Trains) (2. 9. / 21 Uhr)

    Incensol ist ein Anxiolytikum und zwar der Wirkstoff im Harz der Boswellia sacra. Das sollte man nicht außer Acht lassen. (31. 8. / 14 Uhr)

    Man könnte einiges daraus ableiten, daß wir heute nicht mehr wie früher vom »Lüfteplan«, sondern vom »Luftraum« sprechen.(30. 8. / 12 Uhr)

    »I don't think the human race will survive the next thousand years, unless we spread into space. There are too many accidents that can befall life on a single planet.« (Stephen Hawking) (29. 8. / 13 Uhr)

    »In diseme versinket de geluterte verklerte geist in daz götteliche vinsternisse, in ein stille swigen(25. 8. / 11 Uhr)

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