Eine konfabulierteKonfabulation ist »die Produktion von objektiv falschen Aussagen« bzw. von Märchen (lat. fabula), wobei der Konfabulierende von der Gültigkeit seiner Aussagen mehr oder weniger fest überzeugt ist. Es kann eine hirn­organische Störung zugrunde­liegen oder auch der bei Gesunden gelegentlich vorkommende Drang, sich an mehr zu erinnern, als tatsächlich der Fall ist (z.B. bei Kindheits­erinnerungen oder bei der Befragung eines Zeugen vor Gericht; es sind sog. provozierte K.).
  Die spontane K. liegt vor, wenn die Fähigkeit gestört ist, eigene Einfälle von realen Sach­verhalten zu unterscheiden. (»Patients with Korsakoff's syndrome characteristically confabulate by guessing an answer or imagining an event and then mistaking their guess or imagination for an actual memory. [Wikipedia]«
Realienkunde, ein Thesaurus, bar jeder Notwendigkeit assoziiert, eine Sammlung von Marginalien, über die im Unklaren zu bleiben, ich nicht auf mich nehmen wollte. Dem geneigten Leser im jeweiligen Kontext unterbreitet, in alphabetischer Ordnung. Anregungen für weitere Stichworte werden gerne entgegengenommen.

Paavali Paikkalas erster Brief

In der Reihe: »poste restante«

Uhr eines Nachtwächters, zu sehen im Huronia Museum in Ontario, Kanada

Sehr geehrter Herr Beischlag,

ich bitte Sie, mir nicht zu verübeln, dass ich mich an sie wende. Mein Name ist Paavali Paikkala und wir kennen uns nicht. Allerdings gehe ich davon aus, dass sie bereits etwas von mir gehört haben. Vielleicht darf ich auf ihr Verständnis dafür hoffen, dass ich, ein vollkommen Fremder, ihnen schreibe, wenn ich ihnen mitteile, dass es nicht aus eigener Willkür oder einer fragwürdigen verschwiegenen Absicht geschieht, sondern allein deshalb, weil ich mich verpflichtet sehe, einem Wunsch nachzukommen, der an mich herangetragen wurde. Es war ein überraschender Wunsch, wie sie gleich noch sehen werden. Allerdings möchte ich sie eingangs zuletzt noch um Nachsicht dafür bitten, dass ich gezwungen bin, mich eines Übersetzungsbüros zu bedienen, um diese Zeilen an sie richten zu können. Leider ist meine Muttersprache, das Finnische nämlich, nicht allzu weit verbreitet; und auch bei den zwei oder drei anderen Sprachen, die ich beherrsche, will ich es nicht für selbstverständlich erachten, dass sie selbst sie ebenso beherrschen könnten. Was sie vor sich haben ist also eine Übertragung, in deren Qualität ich vertraue, für die ich aber nicht bürgen kann.

Nun, Herr Beischlag, auch über diese Anfangsbedingungen hinaus ist es recht merkwürdig, wie dieser Brief an sie zustande gekommen ist. Ich wende mich im Auftrag einer Frau an sie, die sich selbst mir gegenüber als eine »gemeinsame Freundin« bezeichnet hat, obwohl ich sie gar nicht kenne. Es handelt sich um eine gewisse Hanna Ormsby. Wahrscheinlich stehen auch sie in einem nicht ganz unproblematischen Verhältnis zu dieser Frau. Diese Vermutung jedenfalls drängt sich mir auf, angesichts jenes Auftrages oder jener Bitte, die Frau Ormsby an mich gerichtet hat. Allerdings sehe ich es als eine Ehrensache an, den Wunsch dieser unbekannten Dame zu erfüllen, da sie mich im voraus überraschend reich entlohnt hat und da, was vielleicht noch wichtiger ist, die Bitte von Frau Ormsby meinen eigenen grundsätzlichen Interessen sehr entgegenkommt. Ich soll ihnen nämlich etwas schreiben über »die Nacht und die überraschenden Funde, die man im Dunklen machen kann – und in der Abgeschiedenheit, wenn man nur will.« So hat sie es ausgedrückt.

So lautete die bitte von Frau Ormsby und sie hat mir zwei erstaunlich schöne und seltene Dinge zukommen lassen, um mir »die Arbeit leichter zu machen«. Da Frau Ormsby mir versichert hat, sie hätte ihrem guten Freund, Jahn Beischlag, schon einiges über mich selbst erzählt, will ich sie nicht damit langweilen, ihnen zu schreiben, wer ich bin und was ich tue. Offenbar wissen sie schon, dass ich mein Geld als Nachtwächter verdiene und sie wissen wahrscheinlich auch, daß mich nur meine eigene Vorliebe zu dieser Arbeit zwingt. Woher Frau Ormsby wiederum das alles über mich wissen kann, ohne mich überhaupt zu kennen, wollen wir dahingestellt sein lassen. Es ist nun einmal so – und ich habe mich mit der Zeit daran gewöhnt, daß die Dinge manchmal recht sonderbar liegen.

Ich werde ihnen also etwas über die Nacht schreiben. Nach allem, was mir Frau Ormsby mitgeteilt hat, gehe ich davon aus, daß sie kein großer Freund der Nacht sind. Ich gehe davon aus, daß sie der lichtlosen Hälfte des Tages genauso aus dem Weg gehen, wie die Allermeisten.  Ich glaube aber, daß man vieles versäumt, wenn man sich darauf beschränkt, die Nacht genauso zu fürchten, wie es insgeheim fast jeder tut.

Natürlich muß anerkannt werden, daß wir physisch nur sehr mangelhaft für Aktivitäten in der Dunkelheit ausgestattet sind. Vergleichen sie nur unser Auge mit dem einer Katze. Die Katze ist ein Jäger und ein ausgesprochenes Nachttier. Deshalb stehen bei ihr die Sinneszellen, die es ermöglichen, in der Nacht zu sehen, in einem Verhältnis zu denjenigen, die bei Tageslicht Farben empfangen, das mit 25:1 zu beziffern ist. Bei uns Menschen beträgt dasselbe Verhältnis lediglich 4:1. Noch dazu ist die größte Dichte jener nachtsichtigen Sinneszellen bei der Katze mehr als drei Mal so groß wie beim Menschen. Daher kommt es wohl, daß sich kaum jemand wohl fühlt nach Sonnenuntergang. Nehmen sie als ein Zeichen des physiologischen Vorurteils gegenüber der Nacht auch noch hinzu, daß wir im Dunklen am Rande unseres Gesichtsfeldes weitaus besser sehen können als in seinem Zentrum: das aber heißt, unsere Augen bereiten uns unablässig darauf vor, daß wir plötzlich angegriffen werden.

Aber es sind Entdeckungen genau dieser Art, die in der Nacht möglich sind: Entdeckungen, die jäh und unerwartet über uns hereinbrechen. Natürlich kommt es selten vor, daß man Opfer eines Jägers wird, der sich angeschlichen hat, um über einen herzufallen. Aber all die fein entwickelten Sinne eines gefährdeten Tieres haben wir noch, die uns vor der Dunkelheit warnen und die uns jene erstaunlichen Entdeckungen bescheren können, wenn wir ihre übereilten Warnungen ausschlagen und uns nicht verstecken.

Wenn das Licht abwesend ist, verschwimmen die vertrauten Grenzen der Dinge und mehr noch die gewohnten Umrisse der inneren Gegebenheiten. Viel leichter werden sie ihren Fuß an etwas stoßen. Sie gehen umher, wie ein Kranker, mit ausgestreckten Armen und weichen Knien. Oder aber sie gehen umher wie ein Raubtier. Es kann in der Tat zu diesem Umschlag kommen, von der Furcht hin dazu, selbst das zu werden, was im dunklen furchterregend ist. Wir können uns Vertrautheit mit der Nacht von den Raubtieren ausborgen. Wir sind zwar unserem Körper nach nachts am ehesten Beute. Aber wir haben einen weitreichenden Verstand, eine noch weitreichendere Phantasie – und die Phantasie übernimmt es, uns auf die Dunkelheit einzustimmen: sie macht uns zu Jägern. Zu besonders gefährlichen Jägern, die nicht mit dem Grundgefühl der Überlegenheit auf ihre Streifzüge gehen, sondern mit einem Summen in den Ohren, das bleibt, auch wenn es gar nicht mehr zu hören ist, das Summen unserer angeborenen Furcht vor der Nacht.

Wenn bei ihnen der Fluchtinstinkt so stark ausgeprägt ist, daß sie sich vor dem Ticken einer Uhr fürchten – so hat es Frau Ormsby mir berichtet, ich möchte ihnen nicht zu nahe treten – dann liegt es vermutlich allein daran, daß sie sich nicht weit genug ins Freie, nicht weit genug in den ungeschützten Bereich gewagt haben. Ich könnte ihnen einige Begebenheiten erzählen aus der Zeit, als ich meine Arbeit als Nachtwächter gerade begonnen hatte. Augenblicke, als ich zum ersten Mal auf die Gestalten und räteselhaften Eindrücke gestoßen bin, die man am Ende eines menschenleeren Flures in vollkommener Stille antreffen kann. Ich könnte ihnen meine Angst schildern, aber wichtiger ist es, ihnen zu sagen, daß es den Augenblick der Umkehrung gibt: Wenn die Angst zur Stärke wird. Stärke, die sie sich nur verdienen können, indem sie sich weit genug herauswagen in jenen Bereich, der ihnen am unerträglichsten Erscheint. Eine Stärke, die sie in die Lage versetzen wird, erstaunliche Entdeckungen zu machen. Frau Ormsby scheint genau das im Auge zu haben, wenn sie von »überraschenden Funden« schreibt – offenbar hat sie ähnliche Erfahrungen gemacht.

Sie sollten es versuchen. Sie sollten sich die Zeit nehmen, um aus dem Schatten irgendeiner beliebigen Deckung herauszutreten. Man braucht nicht unbedingt auf einem verschwitzten Kissen zu liegen und dem Knarren der Balken zuhören, wenn man schlaflos ist. Nichts zwingt sie, ihrem Bedürfnis nachzugeben, vor dem Unüberschaubare zu fliehen. Probieren sie es aus: Sie werden reich dafür entschädigt werden. Oder vielmehr: versetzen sie sich in eine Lage, die es ihnen unmöglich macht, lediglich einen Versuch zu machen. Denn wahrscheinlich werden sie es sich anders überlegen, wenn der entscheidende Augenblick näherkommt. Versetzen sie sich in eine ausweglose Situation, die ihnen nur den Weg nach vorne, in den dunklen Korridor, den Keller, in dem man Schritte hört, oder was immer ihnen vorschwebt, offen läßt: dann werden sie sich mit der Nacht anfreunden können.

Damit will ich vorerst schließen. Ich stehe ihnen gerne zur Verfügung, wenn sie weiteren Rat zu diesen Angelegenheiten brauchen. Die Entschädigung, die Frau Ormsby mir im Voraus hat zukommen lassen, verpflichtet mich dazu, ihnen weitere Hilfe ganz nach ihrem Wunsch anzubieten. Haben sie keine Skrupel, die auf dem Umschlag angegebene Adresse zu verwenden – ich habe die Möglichkeit, ihre Schreiben für mich übersetzen zu lassen. Ich rate ihnen jedoch, zuallererst selbst mit solchen Übungen zu beginnen, wie ich sie ihnen beschrieben habe. Allein durch Worte kommt man der Sache nicht besonders nahe.

Hochachtungsvoll

Paavali Paikkala

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    »I wanted to amplify that quite explicit but often entirely invisible friction that's constantly surrounding us between things that we do and the consequences of our actions...« (3. 2. / 17 Uhr)

    »Was heißt es anders als der Vernunft entsagen, wenn iemand ein höchstes Wesen läugnet, das alle Dinge erhält, regirt, und was ewig im Begrif ist, aus einander zu fallen...« (24. 1. / 12 Uhr)

    »Was ist für ein fixer Punkt meines unveränderlichen Daseyns in mir, vermöge dessen ich trotz alles Abreibens und Wegdünstens der Materie doch immer der Nämliche bin? [...] (18. 1. / 12 Uhr)

    »Im Schlaf empfand er Schmerz. Gern und oft, u. geschickt bringt die Phantasirende Seele im Traum ihr bilderreiches Spiel mit der Disposition u. den Empfindungen des Körpers in Verbindung. (17. 1. / 13 Uhr)

    »Je befriedigender die Gegenwart ist, desto zufridener Ruht auf ihr das Auge; wozu alsdann der Blick in die Zukunft, der mehr zehrt als sättigt?« (J.P. Hebel, Notiz zu Ps. 45) (17. 1. / 12 Uhr)

    Und weiterhin der Ichneumon, von dem Plinius zu berichten wusste, daß er schlafenden Krokodilen in den Leib kriecht, um deren Herz an Ort und Stelle zu fressen. (13. 12. / 14 Uhr)

    Philander von Sittewalt — ein Name, der ohne alles weitere auskommt; ohne seinen Träger wüssten wir nicht, daß das Dunkle notwendige Zutat für gutes Munkeln ist. (13. 12. / 14 Uhr)

    Der deutliche, gutturale Widerwille beim Gedanken an wirkliche Spezialisierung(7. 12. / 13 Uhr)

    die flöte an den mund, den topf ans feuer, den stul an die wand, (15. 11. / 22 Uhr)

    »Everyone is beautiful, traffic like a funeral
    And everybody tries to keep in touch«(24. 10. / 8 Uhr)

    Das merkwürdige Erscheinungsbild der Auflösung, die den Mond befallen hat, an einem Abend, der den Herbst mit wenig letztem Licht auf die Häuser streicht, (10. 9. / 20 Uhr)

    »... — nur ein Weiser, der die Sehnen und Fasern des menschlichen Herzens oft und mit Glück entwickelt, und die Einbildungskraft bis in ihre feinsten Blutgänge zergliedert hat — ... « (6. 9. / 12 Uhr)

    »Von dem hochgelegenen französischen Viertel schob sich langsam wie ein Lavastrom eine Masse von Schmutz, Abfall, geronnenem Blut, Gedärmen, Tier- und Menschenkadavern. (2. 9. / 22 Uhr)

    Protohorror: Und der Mensch, in dem der böse Geist war, stürzte sich auf sie und überwältigte sie alle und richtete sie so zu, daß sie nackt und verwundet aus dem Haus flohen. (Apg. 19,16) (2. 9. / 21 Uhr)

    »A snake can shed its skin but never change. « (I Like Trains) (2. 9. / 21 Uhr)

    Incensol ist ein Anxiolytikum und zwar der Wirkstoff im Harz der Boswellia sacra. Das sollte man nicht außer Acht lassen. (31. 8. / 14 Uhr)

    Man könnte einiges daraus ableiten, daß wir heute nicht mehr wie früher vom »Lüfteplan«, sondern vom »Luftraum« sprechen.(30. 8. / 12 Uhr)

    »I don't think the human race will survive the next thousand years, unless we spread into space. There are too many accidents that can befall life on a single planet.« (Stephen Hawking) (29. 8. / 13 Uhr)

    »In diseme versinket de geluterte verklerte geist in daz götteliche vinsternisse, in ein stille swigen(25. 8. / 11 Uhr)

    »Übergroße Lichtmengen (Blitz) oder überraschende Schatten im Gesichtsfeld, (20. 8. / 20 Uhr)

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