Ein Stromkabel windet sich die Wand entlang. Es ist ein schwarzer Strich, eigentlich ohne räumliche Ausdehnung, mit einem Lackstift hingemalt auf die Tapete, kompliziert in sich selbst verdreht, aber das, die Drehungen und Verwringungen, ist nur durch den Schattenwurf und die Lichtzeichnung zu sehen: Spielarten von Schwarz auf Schwarz. Da sind Kratzspuren in der Ummantelung, mit haarfeiner Hand angebrachte Zeichen, ein Loch von der Größe eines Staubkornes klafft da, durch den Schatten, das es sich selbst wirft, hundertfach vertieft. Und es ist ein unerklärliches Wunder, daß über alles andere hinaus auch ein solches Loch, das eigentlich kaum da ist, dem man gerade noch sein Vorhandensein zugesteht, noch in den Vorrat der sichtbaren Dinge gehört.
Die wundersame Oberfläche des Kabels führt ihr kaum ernsthaft anzunehmendes Dasein zusammen mit der angedeuteten Grammatik der Trennungen und Begegnungen, der frappierenden Unterschiede und verfremdeten Entsprechungen zwischen dem Kabel, das Schwarz in Schwarz sich emporwindet, und seiner eigenen sich windenden Schattenlinie, die das Kabel flüchtig zur Doppelhelix ergänzt. Schatten und Kabel, Kabel und Schatten in einem merkwürdigen Zweiklang, immer halb neben der ganzen Entsprechung.
Und das alles findet statt auf einer Rauhfasertapete, die mit ihrem alchemistischen Flüstern der Freund aller versunkenen Kinder ist: wer vermag die kleinen Knötchen, die Sandbänke und Gipfelketten zu zählen, die der Rauhfasertapete auf irgendeine Weise eingeprägt worden sind. Zu welchen Sätzen und Gedankengängen ließe sich dies Alphabet der feinsten Erhebungen übersetzen, unter denen sich die Schatten fangen und die, mir nichts dir nichts in einem Nu mit dem Fingernagel heruntergekrazt werden können, herunter von ihrem weißgestrichenen Untergrund? Es ist erstaunlich – und es steigen die merkwürdigsten Träume auf: aus den Rätseln von Kabel und Schatten, von Schwärze und Tiefe, aus der Schrift auf der Tapete, dem Rauhfaseralphabet, zu lesen nur für die zögerlich tastende Hand am Rande des Zweifels, am Rande des Schlafs, halb wieder ein versunkenes Kind geworden.
Inhalt der Reihe »Krypto|patho|graphie« [+]
- An einem Abend kein Einfall
- Rauhfaserlesen
- Das Denken, das schwimmt
- Denklahmen
- Hemdbrust
- An der Pforte
- Schaumgeboren
- Lendenseims Abentheuerungen
- Gastfrei
- Unterm Pflug
- Ein Warten
- Abschürfung
- Superlativ
- Klamm / Bei Lichte besehn
- Erscheinung
- Zwischenraum
- Ist leer
- Absinken
- man müßte hinab
- Reim auf einen sonderbaren Schatten
- Tersilochus obscurator
- das sägblatt abendlich / bei frischer morgensonne
- an seinem zopf erhängn soller sich
- Zwergseidenäffchenkompott
- De Tellurio




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Ein Kommentar
Rauhfaseralphabet und Rauhfaserversteher für kindlich Gebliebene.