Ich habe einen erstaunlichen Fund gemacht. Noch dazu an einem Ort, von dem ich nie erwartet hätte, daß es dort etwas besonderes zu finden gäbe. Ein Flohmarkt war es. Und ich hatte mich eigentlich schon müde gesehen an all den Dingen, nützlichen und überflüssigen, alten und schäbigen, hatte mich empören lassen von den Preisen für das wenige, daß irgendeinen Wert besaß.
In dieser Verfassung bin ich an einen Stand mit alten Büchern gekommen und hatte gehofft, vielleicht zum Abschluß noch etwas zum Lesen zu finden. In einem Karton, der vor dem üblichen Tapeziertisch auf dem Boden stand, lagen schmale Hefte und dünne Bände mit Pappeinband durcheinander. Rechentafeln für den Heizungsbau, Musterbriefe für Geschäftskorrespondenz, Kurzgeschichten von der Front. Schund. Aber dann ein schmales Heft, auf dem Einband ein kaum lesbarer Schriftzug. Ich habe das Heft aufgeschlagen. Die Seiten waren gefüllt mit Notizen in schwarzer Tinte, das Papier schon etwas brüchig und gelb, die Schrift jedoch war sehr ordentlich und merkwürdigerweise in Sütterlin ausgeführt.
Meine Großmutter hat mir, als mir noch längst kein Bart gewachsen war, das Lesen dieser Schrift beigebracht. Eigentlich sollte man »Kurrentschrift« sagen, hat sie mir erklärt, weil Herr Sütterlin seine Schrift für die Grundschule entwickelt hat. Ich habe die erste Seite des Notizbuches lange anstarren müssen, bis mir allmählich wieder gelang, die Buchstaben zu unterscheiden. Da war ich schon entschlossen, dieses Heft zu kaufen, nicht aus Interesse am Inhalt – nur um wieder ein wenig »Kurrent« lesen zu üben. Aber da gelang es mir, die ersten Zeilen zu lesen. Es stand da:
»Es ist ganz unwahrscheinlich, daß irgendjemand je ließt, was ich hier aufzuschreiben entschlossen bin. Aber das soll mich nicht stören. Es geht ja wohl auch besser ohne Leser.«
Ein unerwarteter Satz war das. Mir dämmerte, daß ich gerade zu eben diesem gänzlich unwahrscheinlichen lesenden Irgendjemand geworden war. Ein zweiter, nun mit größerer Mühe unternommener Versuch, das Schild auf dem Einband zu entziffern, ließ mich einen Namen erkennen und darunter, zweifach unterstrichen, das Wort »Tagebuch«. Ich hatte da also tatsächlich ein Tagebuch gefunden, hineingestopft zwischen zerfledderte Bände mit sonderbarer Spezialistenliteratur.
Woher das alles denn komme, habe ich die Frau hinter dem Tapeziertisch einigermaßen aufgeregt gefragt. Ein Onkel ihres Mannes sei verstorben. Der habe eine Sammelleidenschaft gehabt. Man habe im Keller, auf dem Dachboden und in seinen Regalen Kartons über Kartons gefunden. Das Wertvolle und Persönliche wollten die Angehörigen nicht einfach auf einem Flohmarkt verkaufen. Aber da sei so viel, mit dem niemand etwas anfangen könne.
Ich habe ihr den Namen auf dem Einband vorgelesen und sie gefragt, ob das wohl ein Bekannter sei. Nein, ganz sicher nicht. Wer weiß, woher der Onkel dieses Heft habe. Vielleicht hat er es ja selbst irgendwann auf einem Flohmarkt gekauft. Er hätte eine Leidenschaft dafür gehabt.
Mir ging die Möglichkeit auf, daß ich noch weitere Bände des Tagebuchs in den Kartons am Boden vor dem Stand finden könnte. Aber da war nur wieder: Mengenlehre, Bilanzbuchhaltung, die Fauna und Flora Afrikas. Dann doch, endlich ein weiteres Schreibheft mit einem Umschlag aus schwarzem Karton. Die gleiche Schrift auf dem Etikett. Das schlug ich vor Freude fast zitternd auf und las einen Satz: »Was ist überhaupt in Worte zu fassen? Darüber habe ich nun schon ungebührlich lange nachgedacht.« Mir war klar: Ich mußte so viel von dem Tagebuchschreiber an mich bringen, wie hier zu finden war. Mein eiliges Suchen förderte aber bloß noch ein einziges Heft zutage. Das war alles? Ich stand da, habe in den Heften geblättert und mich über die saubere, schöne Schrift gefreut. Drei Hefte, nicht wenig.
Die Frau hat mich dabei offenbar beobachtet. Vielleicht hat sie meinen Gesichtsausdruck verstanden. Jedenfalls sagte sie: »Hier in dem Anhänger haben wir noch mehr Kartons mit Büchern.« Das war eine freundliche Einladung und klang beinahe mitfühlend. Sie bat mich hinter den Tapeziertisch, zu einem großen Anhänger, dessen Plane sie für mich beiseiteschob. Ich solle nur in Ruhe suchen und die Kartons wieder zurückstellen, wenn ich fertig sei. Ich habe ihr fast unangemessen herzlich gedankt und mich an die Arbeit gemacht.
Fünfzehn Kartons waren zu durchsuchen. »Das kommt alles aus derselben Ecke im Keller«, sagte die gutherzige Frau. Ich habe mich durch viel Staub und Unsinn gegraben, habe mir die Finger mit Spak und Druckerschwärze gefärbt – und habe einen Schatz gehoben. Bis in den Nachmittag hinein habe ich alles durchsucht und insgesamt einundzwanzig Hefte und sogar einige breitrückige Notizbücher aufgestapelt und mich benommen wie ein stöberndes Raubtier.
Die Frau hat mich nicht gefragt, was ich da sammle. Womöglich bin ich ihr wie eine Fortsetzung des verstorbenen Onkels vorgekommen. Jedenfalls hat sie mich sogar mit Kaffee und Mandarinen verpflegt, die zusammen mit Spak und Druckertinte ein ungewöhnliches Aroma hatten. Von der Frau wußte ich mittlerweile, daß sie drei Kinder har und ihr Mann ein Handwerksmeister ist (»deswegen der Anhänger«) und noch einiges mehr. Wir waren uns, denke ich, sympathisch. Dann war ich fertig, hatte die Kartons ordentlich verstaut, bekam einen leeren Karton für den Transport meiner Fundstücke und war bereit, jeden Preis, den die Standbesitzerin mir nennen würde, zu bezahlen. Sie schenkte mir die Hefte – »es ist so hübsch, wie sie darin lesen.«
Ich habe jetzt schon einiges vom Tagebuchschreiber erfahren. Aber nichts davon ist geeignet, den Ort zu bestimmen, an dem sein Leben sich abgespielt hat. Verwandte, Freunde usw. kommen manchmal vor, selten mit Namen, nie fallen Nachnamen. Immer wieder wendet sich der Autor an einen Leser und geht doch gleichzeitig davon aus, es werde nie einen Leser geben. Es sind Gedanken eines jungen und eines alten Mannes. Meistens ist er darum bemüht, sich selbst zu erforschen, ein Bild von sich, seinen Regungen und den inneren Zusammenhängen seiner Existenz zu geben.
Der Name des Tagebuchschreibers steht auf jedem Band. Oder besser: Es steht immer in derselben Schrift zu verschiedenen Zeiten ein je anderer Name. Nur die Initialen bleiben unverändert: JWF. Aus der Tatsache, daß die Aufzeichnungen in Kurrentschrift gemacht wurden, kann man einiges über das Alter der Tagebücher schließen – aber dann auch wieder nicht besonders viel. Nur wenige Ereignisse aus der äußeren Welt kommen vor. Aber JWF hat doch wohl die dunklere Hälfte des 20. Jahrhunderts erlebt – und es ist gut möglich, daß er auch schon vorher geschrieben hat.
Ich bin nun also aus Fleisch und Blut der Leser, mit dem JWF nur als Gedanken gespielt hat. Und ich habe so sehr den Eindruck gewonnen, daß hinter den Tagebüchern der Wunsch steht, gelesen zu werden, daß ich sie – in Auszügen zunächst – veröffentlichen will. Keinen der Namen, die sich JWF selbst gegeben hat, will ich dabei verwenden: es könnte ja sein, daß ich ihn so ungewollt entlarve. Deshalb mache ich aus JWF für meine Zwecke: Jakob Wilhelm Friedberg. Ein Name, dessen Klang zu den Tagebüchern ohne weiteres paßt.
Noch auf dem Heimweg habe ich, wieder auf einer zufällig aufgeschlagenen Seite, gelesen:
»In der letzten Zeit habe ich einigen Aufwand damit, mich einer bestimmten Einsicht zu entziehen. Nämlich daß da eigentlich nichts zu sagen ist. Was bringt es mir ein, mich nach dem Tagewerk noch in der Stille meiner Kammer abzumühen? Alles will mir nach wenigen Tagen schon wieder ganz anders erscheinen. Wenn man meint, sich in ungeschminkte Sätze zu fassen, erzählt man doch nur Geschichten über sich. Da ist nichts festes, nichts. Aber jetzt, wo ich schon so lange daran bin, will ich nicht aufgeben und werde mich dieser kleinmütigen Einsicht weiterhin entziehen. Ich werde weiterschreiben.«
Mir bleibt nur noch: zu schweigen.
Inhalt der Reihe »Die Tagebücher J. W. Friedbergs« [+]
- Das Tagebuch des Jakob Wilhelm Friedberg
- Der neue Füllfederhalter




drucken







2 Kommentare
Ich muß dem geneigten Leser mitteilen, daß meine Absicht, Texte von JWF hier zu veröffentlichen, sich weitaus zähleibiger zu einer Tat entwickelt, als ich angenommen hatte. Ich lese recht regelmäßig in den Heften. Aber es fallen mir im Moment so häufig eigene Texte ein, daß es zum Abschreiben nicht kommen will. Ich versichere trotzdem: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.
Das will ich hoffen! Bin sehr gespannt auf Jakobs Texte