Eine konfabulierteKonfabulation ist »die Produktion von objektiv falschen Aussagen« bzw. von Märchen (lat. fabula), wobei der Konfabulierende von der Gültigkeit seiner Aussagen mehr oder weniger fest überzeugt ist. Es kann eine hirn­organische Störung zugrunde­liegen oder auch der bei Gesunden gelegentlich vorkommende Drang, sich an mehr zu erinnern, als tatsächlich der Fall ist (z.B. bei Kindheits­erinnerungen oder bei der Befragung eines Zeugen vor Gericht; es sind sog. provozierte K.).
  Die spontane K. liegt vor, wenn die Fähigkeit gestört ist, eigene Einfälle von realen Sach­verhalten zu unterscheiden. (»Patients with Korsakoff's syndrome characteristically confabulate by guessing an answer or imagining an event and then mistaking their guess or imagination for an actual memory. [Wikipedia]«
Realienkunde, ein Thesaurus, bar jeder Notwendigkeit assoziiert, eine Sammlung von Marginalien, über die im Unklaren zu bleiben, ich nicht auf mich nehmen wollte. Dem geneigten Leser im jeweiligen Kontext unterbreitet, in alphabetischer Ordnung. Anregungen für weitere Stichworte werden gerne entgegengenommen.

Tauchgang

Der Bathyscaph "Trieste II" (Quelle: wikipedia)

Eine Afrikanerin wählt auf ihrem Mobiltelefon eine lange Nummer. Sie spricht laut, freundlich, aufgeregt. Sie nimmt in einem beeindruckenden Strom aus komplizierten rollenden und gurrenden Konsonanten Anteil an irgendetwas, das mir verschlossen bleibt. Den Synkopen ihres Sprachflusses ist aber ein Gefühl unterlegt, das ich verstehen kann: Sorge, Aufregung, Freude, die Hilflosigkeit von jemandem, der hört, was geschieht, und keinen Einfluß darauf hat.

Die S-Bahn fährt an, sie greift geistesabwesend nach einer Stange. Ich rücke auf der Bank zur Seite, um ihr Platz zu machen. Sie setzt sich ohne von mir Notiz zu nehmen. Dann hat sie aufgelegt, sucht auf einem sehr abgegriffenen Zettel nach einer weiteren Telefonnummer. Aus einer plötzlichen Eingebung heraus wendet sie mir ihr offenes Gesicht zu, Herzlichkeit flackert darin auf, sie sagt sehr artikuliert und ehrlich »Danke«, sieht mich dabei aber eigentlich nicht. Sie ist weit entfernt, ihre Augen sind auf irgendetwas wichtiges gerichtet, sie hat von sich nur die letzte, allernotwendigste Repräsentanz in diesem Waggon zurückgelassen. Ihr Finger tippt jetzt wieder eine lange Nummer.

Auf dem Bahnsteig sitzt ein junger Mann. Er steigt nicht ein, obwohl es kalt ist. Hände und Gesicht sind bläulich eingefärbt. Er wippt mit dem Fuß. Wir würden uns wortlos verstehen, er gibt meinem Kopfschmerz, meiner aus heiterem Himmel gekommenen Übelkeit eine Gestalt. Er hält scheel zur Seite hin Ausschau. Dann sinkt er in sich zurück. Die blaue Färbung, die Ringe unter den Augen, seine Fahrigkeit: er wirkt sehr alt.

Zwei Studentinnen stehen im Waggon dicht bei der Tür und stecken kichernd die Köpfe zusammen. Sie reden – über den Stundenplan, die nächsten Prüfungen. Sie planen sich selbst in großen, generalstabsmäßigen Zügen. Sie werden aus ihrer Battaille siegreich zurückkehren. Sie freuen sich an der eigenen Effizienz, sie tuscheln über ihr Vorgehen, als wäre es der Frühling, als wären sie verliebt. Verliebt in was?

Im Bahnhof hängt Zigarettenrauch über der abwärtsführenden Rolltreppe. Der Rauch steht deutlich ab von der makellos weißen Decke, von den glänzend polierten Holzeinfassungen der Schaufenster. Da vorne hält eine knotige Hand die Zigarette, die Hand einer leicht zusammengeduckten Frau im Trenchcoat. Ihre Haare sind etwas fettig, das linke Bein zieht sie nach. Erstaunlich, daß Sonderlinge, die den Mut haben, ohne größeres Aufhebens jedes Alltagsverbot zu übertreten, meistens dieselben Merkmale an sich tragen, wie im Märchen die Hexen, Zauberer, Teufel und Köhler.

Ich stehe letztenendes an der Bushaltestelle. Im Kopf knirscht der Rumpf des Bathyscaphen, aus dem das Denken seine Funkmeldungen absetzt, er knirscht unter dem immer noch zunehmenden Druck, der schmerzlich hinter der Stirn zunimmt. Die Eindrücke treten aus ihren Zusammenhängen heraus: Eine Uhr, ein Mädchen, das wie ein Fisch dasitzt, eine mißmutige Frau, Musik, eine große, altertümliche Uhr an der Bahnhofsfassade, ihr Minutenzeiger ist gerade umgesprungen wie ein Fallbeil. Ich habe gehört, daß eine Vorliebe für das Beobachten mit bestimmten Veränderungen in der Feinabstimmung des Gehirns zusammenhängen könnte. Wieder knirscht der Bathyscaph unter einer Kopfschmerzwelle. Mir fällt das Muster in der Frisur eines jungen Gecken auf. Wahrscheinlich stimmt es.

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  • Rauhfaseln?

    Zum Beispiel so:

    Da sitzt einer, der auf eine geradezu beleidigende, anzügliche Weise häßlich ist. Nicht jene introvertierte, selbsthaßzerfressene Häßlichkeit, die man normalerweise sieht. Der Mann dort beißt sich in mir fest, sobald ich ihn nur ansehe. Und er scheint sich daran gewöhnt zu haben, daß alle vor ihm zurückweichen und füllt den freiwerdenden Raum mit gelassener Selbstverständlichkeit.

    Hier gibt es mehr davon, Worte auf Worte, dem geneigten Leser präsentiert in mehreren Versuchsanordnungen.

  • Zufällig…

  • Kurzum

    Nachdenken über: Das Hawala-Finanzsystem (28. 7. / 9 Uhr)

    Weberknechte sind Spinnentiere, Schuster aber Schnaken. (28. 7. / 9 Uhr)

    Auf einem Plakat, das für Kreuzfahrten wirbt, meine ich zu lesen: »Fernweh, Sehnsucht — Registrierung.« (27. 7. / 16 Uhr)

    In einer Buchbesprechung das ›neuronale Standardargument‹: »...und das muß ja eingeübt werden, das sind auch neuronale Prozesse, (26. 7. / 16 Uhr)

    Note to self: In Umbruchszeiten tauchen in der Literatur Wasserfrauen auf.(*) (26. 7. / 15 Uhr)

    »Die Kugel ist das Ergebnis kosmischer Gesetze. Mit dem Rechteck haben wir gezeigt, wer wir sind. (25. 7. / 10 Uhr)

    Überhaupt haben Sätze, geschriebene Sätze zumal, die Eigenart, ein wirkliches (ein vielleicht bloß in der Vorstellung wirkliches) Geschehen mit Sinn zu übertünchen, (24. 7. / 17 Uhr)

    »Der Zustand des Alltagsbewusstseins, der so genannte Beta-Zustand, (24. 7. / 5 Uhr)

    »Cogito ergo sum« und die Gattungsbezeichnung »Homo sapiens sapiens«: womöglich beides Ausdruck eines kategorialen Irrtums. (23. 7. / 11 Uhr)

    Begriffsmagnetfeld des Tages: Von Singulett bis Richtungsquantelung. (23. 7. / 10 Uhr)

    »Parallele Welten innerhalb von Schaltkreisen, welche eigentlich gar nicht existieren sollten, aber sie sind da.« (22. 7. / 11 Uhr)

    »In Ruhe wurzeln Eiskapläne.« Vielleicht liegt es an der Uhrzeit oder am Gewitter, (22. 7. / 0 Uhr)

    Habe erfahren, daß die Fadenwürmer (Nematoda) mit ihren bislang mehr als 20.000 beschriebenen Arten unter den vielzelligen Tieren wahrscheinlich die artenreichste Gruppe sind. Hinsichtlich der Individuenzahl sind ca. 80% aller tierischen Organismen Fadenwürmer. (21. 7. / 9 Uhr)

    Ich solle mir die Walther P99 ansehen, wenn ich die Glock Modell 23 möge, empfiehlt mir ein Freund mit praktischen Kenntnissen. Ich wundere mich zwar, wie es geschehen konnte, daß sich mir ein Zugang zu solchen Themen eröffnet hat, aber sicherlich: auch ein schönes Modell. (19. 7. / 19 Uhr)

    Ein kleiner Junge erklärt, nachdem er sich ausgiebig und schnell auf einer Schaukel um die eigene Achse gedreht hat: »Die Seele von kleinen Kindern ist noch größer als bei Erwachsenen.« (18. 7. / 18 Uhr)

    Doch vielleicht ist diese meine Blindheit auch nur die Folge des Schattens, den die näherkommende Große Finsternis auf unsere vergreiste Welt wirft.(16. 7. / 13 Uhr)

    RATTENGIFT sitzt an einem Tische und will dichten. Ach, die Gedanken! Reime sind da, aber die Gedanken, die Gedanken!(16. 7. / 13 Uhr)

    Der kalte Atem des Gesetzes: »Nacherbe ist derjenige, der kraft Verfügung von Todes wegen nach einem anderen, dem Vorerben, zum Erben berufen ist.« (15. 7. / 21 Uhr)

    Es denkt im Hirn mit der schwerfälligen Behändigkeit eines servolahmen, elektronischen Bohrwurms. (15. 7. / 18 Uhr)

    Wer seine eigene Schlechtigkeit nicht kennt, ist insbesondere zur Schlechtigkeit prädestiniert. (15. 7. / 18 Uhr)

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