Eine konfabulierteKonfabulation ist »die Produktion von objektiv falschen Aussagen« bzw. von Märchen (lat. fabula), wobei der Konfabulierende von der Gültigkeit seiner Aussagen mehr oder weniger fest überzeugt ist. Es kann eine hirn­organische Störung zugrunde­liegen oder auch der bei Gesunden gelegentlich vorkommende Drang, sich an mehr zu erinnern, als tatsächlich der Fall ist (z.B. bei Kindheits­erinnerungen oder bei der Befragung eines Zeugen vor Gericht; es sind sog. provozierte K.).
  Die spontane K. liegt vor, wenn die Fähigkeit gestört ist, eigene Einfälle von realen Sach­verhalten zu unterscheiden. (»Patients with Korsakoff's syndrome characteristically confabulate by guessing an answer or imagining an event and then mistaking their guess or imagination for an actual memory. [Wikipedia]«
Realienkunde, ein Thesaurus, bar jeder Notwendigkeit assoziiert, eine Sammlung von Marginalien, über die im Unklaren zu bleiben, ich nicht auf mich nehmen wollte. Dem geneigten Leser im jeweiligen Kontext unterbreitet, in alphabetischer Ordnung. Anregungen für weitere Stichworte werden gerne entgegengenommen.

Unten und Oben im Schnee

Sumerische Keilschrifttafel (Vorderasiatisches Museum Berlin, Inventar-Nr. VAT 12754)

Über Nacht ist der Schnee in meine Straße zurückgekehrt. Schnee fällt geräuschlos – und so war ich ganz ganz unvorbereitet, als ich am Morgen den Vorhang zurückzog. Schnee auf der Straße! Auf den Bürgersteigen, den Autos, Zaunpfählen, Mülltonnen, Dächern, auf jeder vorspringenden Verzierung an den Fassaden, auf den Fahrradsätteln, in den Regenrinnen zu feinen, runden Hügeln getürmt. Und auf den Ästen und auch noch den dürrsten Zweigen der Bäume: Schnee.

Es war noch so früh, daß ich den Schnee ganz für mich hatte, ohne Fußstapfen und Reifenspuren, in vollkommen reinen Oberflächen über alles gebreitet. Die tiefgreifendste Veränderung betraf das Licht. Der Boden leuchtete jetzt viel Stärker als der Himmel. Mein Schlafzimmer wurde nicht von einem Streifen Dämmerung von oben her beleuchtet, sondern von der Straße, den Dächern, den Fahrradsätteln. Das Licht kam von unten.

Und dann noch die unerwartete Veränderung der Bäume. In ihrem eigenen, verwobenen Leuchten standen die vom Schnee verwandelten Baumkronen da, jede für sich ein wegloser Wald. Dicht vor meinem Fenster eine solche undurchdringliche Tiefe – ich bin in einer Köhlerhütte erwacht.

Die aufsteigende Sonne bestätigte die Unkehrung der Verhältnisse, je weiter der Tag hereinbrach. Denn da war ja gar keine Sonne, deren Aufsteigen den Tag gebracht hätte. Nur eine ebenmäßige graue Fläche. Von ihr kam kein helleres Licht als von der Schneefläche unten. Während es Tag wurde, nahm nur die Unterschiedslosigkeit zwischen Erde und Himmel zu: Oben und unten dieselbe Fläche; der Himmel eine weite Ebene aus weichem Grau, um weniges unterbrochen nur von einzelnen Erhebungen, von Wolkenbändern, die sich ausnahmen wie hier unten die Dächer und Zäune. Und immernoch kam von unten her doch eigentlich eher noch das Tageslicht als von oben. Keine Sonne dort, nicht einmal ein hellerer Fleck im Grau. Der Sonne war dieser Tag, der allmählich vor meinen Fenstern aufging, nicht zu verdanken.

Scheu habe ich, als ich unaufschiebbar mußte, den ersten Schritt in den Schnee hinaus getan. Da waren die Spuren zweier Vögel in der unangetasteten Schneefläche, rätselhafte Zeilen einer Keilschrift, quer über den Weg und die Beete geschrieben. Und nun meine schweren, knarrenden Schritte, die tiefe Trichter in den Schnee rissen. Bis auf meinen Schritt: Stille – auch darin die Verwandlung der Erde zum leichteren. Kaum hörbar hinter den schneebewehrten Formen das beginnende Tagesgeschäft. Ein Pfad unter Bäumen, keine Häuser mehr. Ich bin nach kurzem Marsch plözlich in einem vollkommen weißen Tunnel: der leicht ansteigende, noch spurenlose Weg vor mir – und darübergespannt von rechts und links eine Überdachung aus Baumkronen, lückenlos überzogen mit Schnee.

Kein Unten und Oben mehr, meine ich zuerst, bis ich den Kopf in den Nacken lege. Weiß auf Grau gemalt steht mir eine gegenstandslose Federzeichnung vor Augen. Viele Bögen mit kalligraphischen Notizen voreinandergezogen. Mitten hinein laufen die schwarzen Unterseiten der Zweige und unterstreichen die wichtigsten Züge, deuten Figuren an und geben Hinweise auf sonderbare Zusammenhänge. Schicht um Schicht ein Labyrinth – oder mehrere Ebenen der Leichtigkeit. Und Herrschaft der Lüfte: das alles aufgefangen zwischen den Ästen und Zweigen, die sich weiß umkleidet vor dem ebenmäßig grauen Himmel über den Weg spannen. Da ist oben. Trotz aller schneeverliehenen Reinheit ist der Weg, den ich langsam hinansteige, weiterhin unten. Oben ist die Leichtigkeit – unten das Knirschen und die Krater von meinen Stiefeln.

Als mir von den Linien im selbstleuchtenden Labyrinth schwindlig wird, muß ich auf meine Stiefelspitzen sehen. An ihnen ist der Schnee schon weit aufgestiegen und krustig geworden. Vor meinen Füßen aber: wieder eine Vogelspur. Zwei Reihen feiner Keilschrift. Sobald ich kann, blicke ich doch wieder nach oben. Aber dann kommt mir diese Vogelspur, diese Beschriftung in den Sinn. Ich denke: immerhin gibt es ein Werk wie das der Vögel. Von dort oben etwas in das Untere hinabbringen. Den Baldachin der Andeutungen, der spielenden Ebenen aus den schneeweißen Baumkronen nach unten tragen – als Inschrift, als heimliche, leichtfüßige Anspielung.

Dann habe ich das Ende des Höhlenganges erreicht. Fröhlich habe ich Bäume und Weg zurückgelassen.

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Ein Kommentar

  1. Janus
    Erstellt am 1. Februar 2009 um 12:01 | Permanent-Link

    Schnee fällt überall. Zum Beispiel auch vor die Füße von Kasper Grimm: Schnee mit Pferdefüßen.

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    »I wanted to amplify that quite explicit but often entirely invisible friction that's constantly surrounding us between things that we do and the consequences of our actions...« (3. 2. / 17 Uhr)

    »Was heißt es anders als der Vernunft entsagen, wenn iemand ein höchstes Wesen läugnet, das alle Dinge erhält, regirt, und was ewig im Begrif ist, aus einander zu fallen...« (24. 1. / 12 Uhr)

    »Was ist für ein fixer Punkt meines unveränderlichen Daseyns in mir, vermöge dessen ich trotz alles Abreibens und Wegdünstens der Materie doch immer der Nämliche bin? [...] (18. 1. / 12 Uhr)

    »Im Schlaf empfand er Schmerz. Gern und oft, u. geschickt bringt die Phantasirende Seele im Traum ihr bilderreiches Spiel mit der Disposition u. den Empfindungen des Körpers in Verbindung. (17. 1. / 13 Uhr)

    »Je befriedigender die Gegenwart ist, desto zufridener Ruht auf ihr das Auge; wozu alsdann der Blick in die Zukunft, der mehr zehrt als sättigt?« (J.P. Hebel, Notiz zu Ps. 45) (17. 1. / 12 Uhr)

    Und weiterhin der Ichneumon, von dem Plinius zu berichten wusste, daß er schlafenden Krokodilen in den Leib kriecht, um deren Herz an Ort und Stelle zu fressen. (13. 12. / 14 Uhr)

    Philander von Sittewalt — ein Name, der ohne alles weitere auskommt; ohne seinen Träger wüssten wir nicht, daß das Dunkle notwendige Zutat für gutes Munkeln ist. (13. 12. / 14 Uhr)

    Der deutliche, gutturale Widerwille beim Gedanken an wirkliche Spezialisierung(7. 12. / 13 Uhr)

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    »... — nur ein Weiser, der die Sehnen und Fasern des menschlichen Herzens oft und mit Glück entwickelt, und die Einbildungskraft bis in ihre feinsten Blutgänge zergliedert hat — ... « (6. 9. / 12 Uhr)

    »Von dem hochgelegenen französischen Viertel schob sich langsam wie ein Lavastrom eine Masse von Schmutz, Abfall, geronnenem Blut, Gedärmen, Tier- und Menschenkadavern. (2. 9. / 22 Uhr)

    Protohorror: Und der Mensch, in dem der böse Geist war, stürzte sich auf sie und überwältigte sie alle und richtete sie so zu, daß sie nackt und verwundet aus dem Haus flohen. (Apg. 19,16) (2. 9. / 21 Uhr)

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