Eine konfabulierteKonfabulation ist »die Produktion von objektiv falschen Aussagen« bzw. von Märchen (lat. fabula), wobei der Konfabulierende von der Gültigkeit seiner Aussagen mehr oder weniger fest überzeugt ist. Es kann eine hirn­organische Störung zugrunde­liegen oder auch der bei Gesunden gelegentlich vorkommende Drang, sich an mehr zu erinnern, als tatsächlich der Fall ist (z.B. bei Kindheits­erinnerungen oder bei der Befragung eines Zeugen vor Gericht; es sind sog. provozierte K.).
  Die spontane K. liegt vor, wenn die Fähigkeit gestört ist, eigene Einfälle von realen Sach­verhalten zu unterscheiden. (»Patients with Korsakoff's syndrome characteristically confabulate by guessing an answer or imagining an event and then mistaking their guess or imagination for an actual memory. [Wikipedia]«
Realienkunde, ein Thesaurus, bar jeder Notwendigkeit assoziiert, eine Sammlung von Marginalien, über die im Unklaren zu bleiben, ich nicht auf mich nehmen wollte. Dem geneigten Leser im jeweiligen Kontext unterbreitet, in alphabetischer Ordnung. Anregungen für weitere Stichworte werden gerne entgegengenommen.

Wolkenschau

John Constable, Cloud Study, 1822

Eine zerfurchte Landschaft aus dunkel-blaustichigen Wolken: wie das Negativabbild der sumpfigen Felder dieser Gegend breitet sich die Wolkendecke über den Feldern und Rainen aus. Der Regen wartet schon ungeduldig darauf, daß seine angeschwollenen Gefäße brechen – man hört es deutlich im rauschenden Laub, es ist nur eine Frage der Zeit.

Mitten auf einem Stück Brachland steht, umgeben von trockener Quecke und verschiedenen, hartfasrigen Gräsern, ein kranker, niedrig gewachsener Ahorn. Er hat längst gelbe Blätter, obwohl der Herbst gerade erst auf der Zungenspritze zu schmecken ist und im Gegensatz zu allen anderen Bäumen ringsum, deren Blätter unter dem Himmel finster, fast schwarz sind. Die gelben Blätter des Ahorns haben kümmerlich eingetrocknete, dunkelbraune Ränder. Mit jedem Windstoß knistern sie und ein schütteres Zittern geht durch den kleinen Baum.

Das Farbspiel seiner Blätter unterscheidet sich aber doch sehr eindrucksvoll von dem Hintergrund der Wolkenlandschaft und der dunklen Kulisse der übrigen Bäume. Wie ein dienstmüder Wächter steht er da, am Eingang zu der bleiernen Ebene über den Köpfen.

Hier und dort sind die schweren Schiefer- und Metalltöne der Wolkenlandschaft unterbrochen: nur eine durchscheinende Schicht aus Dunst spannt sich an solchen Stellen und ein hellblauer, stratosphärischer Schimmer lässt einen übriggebliebenen Rest des Himmels erahnen.

Beunruhigende Gebilde schweben zwischen Feldmark und Wolken: Sie sind geronnenes Gas, wie aus hohen Schloten geflossen, insgesamt weiß und bauschig. An den Rändern zerfließen sie allmählich, es bilden sich fiedrige Ausstülpungen. Sie sind der oberen wie der unteren Landschaft gleichermaßen fremd: sind körperlos, metaphysisch in die Mitte zwischen die beiden festen, natürlichen und faßbaren Größen gerückt.

Eigentlich sollten sie auf der Wolkendecke zerrieben werden, auf der sie wie Eierschalen auf einem Amboß liegen. Aber die fiedrigen Türme behaupten sich und es scheint so, als wären sie eigentlich fester als die regenschwere Decke dort oben – als wären sie massiver sogar und wirklicher als die eintönig grün eingedeckte Erdscheibe. Sie sind greifbare, notwendige Einbildungen. Es sind schwebende Türme oder Trutzburgen, durchscheinende Felsmassive, von einer gewaltigen Hand dort hingesetzt. Indem sie zerfließen, scheinen sie sich nicht aufzulösen, sondern vielmehr in den leeren Raum auszugreifen, ihn sich einzuverleiben, ihn in einer grazilen Umarmung allmählich zu fressen.

Dann kommt, trippelnd und kaum spürbar zunächst, und schließlich mit jener alles erfüllenden Kargheit, die nur einer Naturgewalt zusteht – der Regen. Er behauptet den Raum zwischen beiden Ebenen, der Grünen und der Schiefergrauen, allein für sich. Alles Leben zieht sich unter Blätter, in Löcher und unter Dächer zurück. Währenddessen versinken die Konturen ins Monochromatische. Der Regen, der in einzelne aus Wasser gezogene Fäden geteilte Strom, dringt auf die Umgrenzungen der Dinge ein und unterhöhlt sie langsam, unterminiert sie, bis die Unterschiede einer nach dem anderen fallen.

Aber schließlich, als wäre den Wolken, dem Regen und dem Erdboden durch eine kurze Geste bedeutet worden, sich auf ihre Plätze zurückzubegeben, endet alles. Die fiedrigen, unwahrscheinlichen Auftürmungen sind fort; die eherne Wolkenfläche glänzt wie abgeschliffen; die Erde nimmt hastig auf, was auf sie niedergegangen ist – beinahe kann man spüren, wie tief sie dabei atmet. In die obere Landschaft kommt allmählich Bewegung. Einzelne, nurnoch hellgraue Schollen treiben ab, silbrige Risse bilden sich, Licht dringt durch unzählige Leckagen.

Und dann entzündet sich etwas in der Nähe des Horizontes: große Mengen des in Aufruhr geratenen Aerosols, ganze Wasserdampfknoten und gedrungene Wolkenrücken strahlen helles und dunkleres Rot ab. Der Himmel verbrennt von seinem westlichen Rand her, die Sonne hat Funken geschlagen, während sie verborgen am Horizont abgeglitten ist.

Wolkenschau, 5.0 out of 5 based on 1 rating
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Ein Kommentar

  1. Annegret
    Erstellt am 17. Februar 2011 um 08:14 | Permanent-Link

    Hallo Janus,

    eine wunderbare Abhandlung über Wolken – Umgebung – Regen! Ich wäre gerne Meteorologin geworden. Mich faszinieren Wolken, das Wetter.

    VA:F [1.9.13_1145]
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    »I wanted to amplify that quite explicit but often entirely invisible friction that's constantly surrounding us between things that we do and the consequences of our actions...« (3. 2. / 17 Uhr)

    »Was heißt es anders als der Vernunft entsagen, wenn iemand ein höchstes Wesen läugnet, das alle Dinge erhält, regirt, und was ewig im Begrif ist, aus einander zu fallen...« (24. 1. / 12 Uhr)

    »Was ist für ein fixer Punkt meines unveränderlichen Daseyns in mir, vermöge dessen ich trotz alles Abreibens und Wegdünstens der Materie doch immer der Nämliche bin? [...] (18. 1. / 12 Uhr)

    »Im Schlaf empfand er Schmerz. Gern und oft, u. geschickt bringt die Phantasirende Seele im Traum ihr bilderreiches Spiel mit der Disposition u. den Empfindungen des Körpers in Verbindung. (17. 1. / 13 Uhr)

    »Je befriedigender die Gegenwart ist, desto zufridener Ruht auf ihr das Auge; wozu alsdann der Blick in die Zukunft, der mehr zehrt als sättigt?« (J.P. Hebel, Notiz zu Ps. 45) (17. 1. / 12 Uhr)

    Und weiterhin der Ichneumon, von dem Plinius zu berichten wusste, daß er schlafenden Krokodilen in den Leib kriecht, um deren Herz an Ort und Stelle zu fressen. (13. 12. / 14 Uhr)

    Philander von Sittewalt — ein Name, der ohne alles weitere auskommt; ohne seinen Träger wüssten wir nicht, daß das Dunkle notwendige Zutat für gutes Munkeln ist. (13. 12. / 14 Uhr)

    Der deutliche, gutturale Widerwille beim Gedanken an wirkliche Spezialisierung(7. 12. / 13 Uhr)

    die flöte an den mund, den topf ans feuer, den stul an die wand, (15. 11. / 22 Uhr)

    »Everyone is beautiful, traffic like a funeral
    And everybody tries to keep in touch«(24. 10. / 8 Uhr)

    Das merkwürdige Erscheinungsbild der Auflösung, die den Mond befallen hat, an einem Abend, der den Herbst mit wenig letztem Licht auf die Häuser streicht, (10. 9. / 20 Uhr)

    »... — nur ein Weiser, der die Sehnen und Fasern des menschlichen Herzens oft und mit Glück entwickelt, und die Einbildungskraft bis in ihre feinsten Blutgänge zergliedert hat — ... « (6. 9. / 12 Uhr)

    »Von dem hochgelegenen französischen Viertel schob sich langsam wie ein Lavastrom eine Masse von Schmutz, Abfall, geronnenem Blut, Gedärmen, Tier- und Menschenkadavern. (2. 9. / 22 Uhr)

    Protohorror: Und der Mensch, in dem der böse Geist war, stürzte sich auf sie und überwältigte sie alle und richtete sie so zu, daß sie nackt und verwundet aus dem Haus flohen. (Apg. 19,16) (2. 9. / 21 Uhr)

    »A snake can shed its skin but never change. « (I Like Trains) (2. 9. / 21 Uhr)

    Incensol ist ein Anxiolytikum und zwar der Wirkstoff im Harz der Boswellia sacra. Das sollte man nicht außer Acht lassen. (31. 8. / 14 Uhr)

    Man könnte einiges daraus ableiten, daß wir heute nicht mehr wie früher vom »Lüfteplan«, sondern vom »Luftraum« sprechen.(30. 8. / 12 Uhr)

    »I don't think the human race will survive the next thousand years, unless we spread into space. There are too many accidents that can befall life on a single planet.« (Stephen Hawking) (29. 8. / 13 Uhr)

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