Eine zerfurchte Landschaft aus dunkel-blaustichigen Wolken: wie das Negativabbild der sumpfigen Felder dieser Gegend breitet sich die Wolkendecke über den Feldern und Rainen aus. Der Regen wartet schon ungeduldig darauf, daß seine angeschwollenen Gefäße brechen – man hört es deutlich im rauschenden Laub, es ist nur eine Frage der Zeit.
Mitten auf einem Stück Brachland steht, umgeben von trockener Quecke und verschiedenen, hartfasrigen Gräsern, ein kranker, niedrig gewachsener Ahorn. Er hat längst gelbe Blätter, obwohl der Herbst gerade erst auf der Zungenspritze zu schmecken ist und im Gegensatz zu allen anderen Bäumen ringsum, deren Blätter unter dem Himmel finster, fast schwarz sind. Die gelben Blätter des Ahorns haben kümmerlich eingetrocknete, dunkelbraune Ränder. Mit jedem Windstoß knistern sie und ein schütteres Zittern geht durch den kleinen Baum.
Das Farbspiel seiner Blätter unterscheidet sich aber doch sehr eindrucksvoll von dem Hintergrund der Wolkenlandschaft und der dunklen Kulisse der übrigen Bäume. Wie ein dienstmüder Wächter steht er da, am Eingang zu der bleiernen Ebene über den Köpfen.
Hier und dort sind die schweren Schiefer- und Metalltöne der Wolkenlandschaft unterbrochen: nur eine durchscheinende Schicht aus Dunst spannt sich an solchen Stellen und ein hellblauer, stratosphärischer Schimmer lässt einen übriggebliebenen Rest des Himmels erahnen.
Beunruhigende Gebilde schweben zwischen Feldmark und Wolken: Sie sind geronnenes Gas, wie aus hohen Schloten geflossen, insgesamt weiß und bauschig. An den Rändern zerfließen sie allmählich, es bilden sich fiedrige Ausstülpungen. Sie sind der oberen wie der unteren Landschaft gleichermaßen fremd: sind körperlos, metaphysisch in die Mitte zwischen die beiden festen, natürlichen und faßbaren Größen gerückt.
Eigentlich sollten sie auf der Wolkendecke zerrieben werden, auf der sie wie Eierschalen auf einem Amboß liegen. Aber die fiedrigen Türme behaupten sich und es scheint so, als wären sie eigentlich fester als die regenschwere Decke dort oben – als wären sie massiver sogar und wirklicher als die eintönig grün eingedeckte Erdscheibe. Sie sind greifbare, notwendige Einbildungen. Es sind schwebende Türme oder Trutzburgen, durchscheinende Felsmassive, von einer gewaltigen Hand dort hingesetzt. Indem sie zerfließen, scheinen sie sich nicht aufzulösen, sondern vielmehr in den leeren Raum auszugreifen, ihn sich einzuverleiben, ihn in einer grazilen Umarmung allmählich zu fressen.
Dann kommt, trippelnd und kaum spürbar zunächst, und schließlich mit jener alles erfüllenden Kargheit, die nur einer Naturgewalt zusteht – der Regen. Er behauptet den Raum zwischen beiden Ebenen, der Grünen und der Schiefergrauen, allein für sich. Alles Leben zieht sich unter Blätter, in Löcher und unter Dächer zurück. Währenddessen versinken die Konturen ins Monochromatische. Der Regen, der in einzelne aus Wasser gezogene Fäden geteilte Strom, dringt auf die Umgrenzungen der Dinge ein und unterhöhlt sie langsam, unterminiert sie, bis die Unterschiede einer nach dem anderen fallen.
Aber schließlich, als wäre den Wolken, dem Regen und dem Erdboden durch eine kurze Geste bedeutet worden, sich auf ihre Plätze zurückzubegeben, endet alles. Die fiedrigen, unwahrscheinlichen Auftürmungen sind fort; die eherne Wolkenfläche glänzt wie abgeschliffen; die Erde nimmt hastig auf, was auf sie niedergegangen ist – beinahe kann man spüren, wie tief sie dabei atmet. In die obere Landschaft kommt allmählich Bewegung. Einzelne, nurnoch hellgraue Schollen treiben ab, silbrige Risse bilden sich, Licht dringt durch unzählige Leckagen.
Und dann entzündet sich etwas in der Nähe des Horizontes: große Mengen des in Aufruhr geratenen Aerosols, ganze Wasserdampfknoten und gedrungene Wolkenrücken strahlen helles und dunkleres Rot ab. Der Himmel verbrennt von seinem westlichen Rand her, die Sonne hat Funken geschlagen, während sie verborgen am Horizont abgeglitten ist.




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Ein Kommentar
Hallo Janus,
eine wunderbare Abhandlung über Wolken – Umgebung – Regen! Ich wäre gerne Meteorologin geworden. Mich faszinieren Wolken, das Wetter.