Eine konfabulierteKonfabulation ist »die Produktion von objektiv falschen Aussagen« bzw. von Märchen (lat. fabula), wobei der Konfabulierende von der Gültigkeit seiner Aussagen mehr oder weniger fest überzeugt ist. Es kann eine hirn­organische Störung zugrunde­liegen oder auch der bei Gesunden gelegentlich vorkommende Drang, sich an mehr zu erinnern, als tatsächlich der Fall ist (z.B. bei Kindheits­erinnerungen oder bei der Befragung eines Zeugen vor Gericht; es sind sog. provozierte K.).
  Die spontane K. liegt vor, wenn die Fähigkeit gestört ist, eigene Einfälle von realen Sach­verhalten zu unterscheiden. (»Patients with Korsakoff's syndrome characteristically confabulate by guessing an answer or imagining an event and then mistaking their guess or imagination for an actual memory. [Wikipedia]«
Realienkunde, ein Thesaurus, bar jeder Notwendigkeit assoziiert, eine Sammlung von Marginalien, über die im Unklaren zu bleiben, ich nicht auf mich nehmen wollte. Dem geneigten Leser im jeweiligen Kontext unterbreitet, in alphabetischer Ordnung. Anregungen für weitere Stichworte werden gerne entgegengenommen.

Nachtgespräch (zweiter Teil)

Schattengesicht

>> Zum ersten Teil des Textes >>

»Aber was wollt ihr denn von mir?« Als diese Frage in der Stille der Nacht von den Wänden und Möbeln zu ihm zurückhallte, bemerkte er, daß er geschrieen hatte.

Draußen kam Wind auf. Er hörte ihn in durch die kahlen Bäume gehen. Eine große Kastanie stand vor seinem Schlafzimmerfenster. Sie klickerte und klatschte mit den Ästen und Zweigen gegeneinander und raschelte mit den wenigen, vom Herbst zurückgelassenen verknöcherten Blättern. Davon entstand ein neues Schattenspiel, an seine Wand projeziert von einer Straßenlaterne, die hinter dem Baum stand. Wie dort an seiner Zimmerdecke die Schatten durcheinanderfuhren und wie das Rauschen des Windes von draußen hereinklang, mit einem langatmigen Heulen vermischt, das der Wind in einem Hofdurchgang erzeugte: all das klang ihm wie eine hitzige Beratung, ein erregtes Sammeln von Einfällen, wie man eigentlich mit ihm verfahren solle. Er war hier in etwas ganz unüberschaubares hineingeraten und wußte nicht im mindesten zu sagen, warum dieser ganze Spuk ihm galt.

Endlich machte jemand »Scht«. Vom Fenster her kam das. Jemand, der hinter dem Vorhang stand, forderte die Versammlung auf, sich zu beruhigen. Er aber hob verstohlen ein wenig den Kopf und hoffte, daß seine Bewegung unbemerkt bleiben würde. Er sah zum Vorhang hin. Das Licht der Nachttischlampe reichte kaum so weit. Der Vorhang bauschte sich auf, als der Wind hineinfuhr. Wellen gingen durch ihn hindurch, Falten spielten, Formen waren in den Bewegungen des dunklen, schweren Stoffes zu sehen. Formen, eine Rundung, über die der Vorhang hinglitt. Höher gelegen wölbte sich etwas hervor, dann, noch weiter oben, vielfältige, feine Konturen – vielleicht ein Gesicht. Und als er lang genug dem Faltenspiel, dem Bauschen und Fließen des Vorhangstoffs zugesehen hatte (währenddessen blieb es ganz still im Zimmer), wurde ihm klar, daß sich der Körper einer Frau im Vorhangstoff abzeichnete. Er erkannte nun die Bewegungen des Frauenkörpers, sah, wie sie mit den Fingern einer Hand in die Falten des Stoffes fuhr. Dann sprach sie.

»Nachts erkennt man, welcher Art ein Mensch ist. Welchen Ton sein Denken hat, welche Farbe sein Fühlen. Du bist mißtönend und ein grelles durcheinander ist in dir. Man muß die Augen zusammenkneifen, wenn du hereinkommst. Du bist bitter und süßlich in eins – und ohne Zusammenhang.« Es war ein Flüstern, mit dem die Frau sprach, sanft wie eine Raubkatze mit ihrer Beute sprechen würde.

»Was sagst du da? Das geht dich nichts an. Und wenn es so wäre: was kann ich denn dafür? Wollt ihr mich anklagen? Ich kann es doch nicht ändern, wie ich bin«, antwortete er mit dem Trotz eines Ertappten.

Der Mann in der Tapete ergriff nun das Wort: »Du machst es dir zu leicht. Du denkst, so könntest du dich herausreden: als seist du für nichts verantwortlich. Man kann immer etwas ändern, das steht fest. Du gefällst dir doch in deiner unerträglichen Verworrenheit. Du hast es immer weiter damit getrieben, halsstarrig und verkommen wie du bist. Aber jetzt ist Schluß damit. Jetzt haben wir lang genug zugeshen.«

»Wir, Bitterling und Herumwälzer, mußten dich hinnehmen«, sagte die Bettdecke und genoß jedes Wort. »Mußten dir beim Stöhnen und Klagen zuhören, mußten die Übertreibung in deinem Blick aushalten und auch deinen billigen Träumen noch zusehen. Du drehst und wendest dich unter mir, du trittst und schlägst – und jetzt meinst du, mein Bettgenosse, wir sollten dich nicht anklagen?« Die Bettdecke empfand das offenbar als einen derart sonderbaren Irrtum, das sie ein wenig in sich hineinprustete.

»Nein, nein, nein. Ihr seit doch überhaupt nicht wirklich! Und ich will jetzt in Ruhe gelassen werden, hört ihr. Verschwindet!«

Es entstand eine Pause. Draußen und an der Zimmerdecke begann es wieder aufgeregt zu brausen und rauschen.

»Aber bist du denn – wirklich?«, fragte die Frau endlich und lehnte sich herausfordernd gegen den Vorhang, das es ihm einen Stich gab. »Du bist lediglich ein Bündel aus abwegigen Gedanken und nervösen Einbildungen. Keine Vernunft an dir. Nichts, weswegen du in der Welt sein müßtest.«

»Wir nehmen dich zu uns«, redete die Bettdecke unbekümmert dazwischen, »du wirst auf unserer Seite eine bessere Figur machen, als da, wo du jetzt bist.«

»Du gehst am Tag auf zwei Beinen umher, du kaufst ein, drückst Klinken und wartest auf den Bus. Damit täuscht du die Leute nur.«, setzte der Tapetenmann die Anklage in gesetzem Tonfall fort. »Das man dich in zwei Momenten immer an derselben Stelle sehen kann, entspricht nicht deinem Wesen. Du solltest nicht irgendeinen festen Ort einnehmen. Es ist, was dich betrifft, bloß Schein und Täuschung. Das du aufrecht dastehst und mit Sachen hantierst und so tust, als wärest du vernünftig – oder sogar nützlich –, das ist bloß Betrug.«

Er erkannte nun, daß es nicht genügte, die Einbildungen, die ihn von allen Seiten bedrängten, anzuschreien und zum Verschwinden aufzufordern. Sie waren zu hartnäckig. Und da war noch etwas anderes. Bei sich mußte er zugestehen, daß die Schattenwesen mit ihren Anklagen – ja, daß sie richtig lagen. Gerade bevor die Bettdecke angefangen hatte, ihm das tranige Maul zu zeigen, hatte er sich in einen quälenden Gedanken verwickelt: in die Frage nämlich, ob er auf seine Erinnerungen zählen könne. Ob es tatsächlich einmal Tag gewesen sei; ob er irgendwann einmal mit einem anderen Menschen gesprochen habe; ob er einmal die Empfindung gehabt habe, das er richtig war, daß es mit ihm seine Ordnung habe. Wie ist man ein richtiger Mensch?, hatte er sich gefragt und zugleich die Frage nicht wirklich verstanden. Er hatte sie aber auch nicht beiseite lassen können. Und das Brennen in seinen Augen war immer stärker geworden; und der Überdruß an dieser verschrobenen Wachheit. Er konnte sein eigenes, in Knoten und Schlingen verstricktes Bewußtsein nicht mehr ertragen. Er spürte es, wie man zu viel schäumendes Getränk im Magen spürt, nachdem man den letzten, ganz überschüssigen Schluck davon heruntergestürzt hat.

»Aha«, sagte da plötzlich die Tapetenfratze. »Wie ich sehe, hast du schon gestanden. Das macht unsere Verhandlung sehr viel einfacher.«

»Nichts habe ich gestanden! Ich lasse mich doch nicht auf eine Diskussion mit einem lächerlichen Schatten ein. Ich muß, ja ich muß nur diese Lampe ausschalten, dann ist nichts mehr übrig von dir, dann bist du verschwunden!«

Jetzt war wirklich genug! Er griff zur Lampe hinüber, hatte den Finger schon auf dem Schalter – das gurrte die Frau hinter dem Vorhang, samten und eisig: »Oder du bist es.«

Er hielt inne. Was war das? Er selbst verschwunden? Die Vorstellung, daß er sich in der Dunkelheit auflösen würde, verursachte ihm jähen Schwindel. Eine sonderbare Angst keimte in ihm auf. Er fand keinen stichhaltigen Grund dafür, unter allen Umständen er selbst zu sein und zu bleiben. Das sich das plötzlich änderte, erschien ihm möglich. In seine Gedanken schlich sich die Vermutung ein, daß er nicht dachte, daß er vielmehr einen ganz anderen beim Denken beobachtete. Warum sollte es nicht so sein, daß er eigentlich dort hinten in der Dunkelheit stand, oder vielleicht vor der Schlafzimmertür. Das er stand, um den, der im Bett lag, beim Denken zu belauschen? Es erodierte da etwas in ihm, wurde unterspült und zerkrümelte Stück für Stück. Dahinter erschien eine leere Fläche, unordentlich in ihrer Leere – und er trieb darauf zu.

»Mmm«, die Frauenstimme summte von ihrem Platz aus – oder doch ganz dicht an seinem Ohr; im Summen der ungeduldige Appetit einer Jägerin.

Der, der da im Bett lag, streckte seine Hand aus. Das konnte er sehen, auch wenn alles sehr undeutlich geworden war. Der im Bett lag, blieb sonst reglos: nur der Arm kroch über die Matratze, an der Spitze des Armes ein leicht zitternder Finger, eine Fingerkuppe auch, die ihm Ekel verursachte. Eine blinde Schlage war dieser Arm – und er kroch, von irgendeinem Sinn geleitet, weiter voran über die Matratze. Die Hand kam bei der Lampe an, der Finger krümmte sich, als sei hineingestochen worden, und drückte das Licht aus.

Dunkel wurde es. Und das Dunkel kreiste und rauschte, Dunkelheit auf Dunkelheit, wie zwei Mühlsteine, zwischen denen feines Pulver hervorkam und hinabrieselte, hinab.

Nachtgespräch (zweiter Teil), 5.0 out of 5 based on 2 ratings
2224
Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Blendungen und getagged , , , , , , , . Bookmarken: Permanent-Link. Kommentieren oder ein Trackback hinterlassen: Trackback-URL. |drucken

2 Kommentare

  1. Kalizahn
    Erstellt am 13. Juni 2009 um 23:51 | Permanent-Link

    Danke für die Geschichte.

    VA:F [1.9.17_1161]
    Wertung: + 0 | - 0

  2. Annegret
    Erstellt am 27. Januar 2011 um 21:16 | Permanent-Link

    Wow – sehr spannend, sehr intensiv. Bitte mehr davon.

    VA:F [1.9.17_1161]
    Wertung: + 0 | - 0

Ihr Kommentar

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder verteilt. Benötigte Felder sind mit * markiert

*
*

Du kannst diese HTML Tags und Attribute verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Bild einfügen

Um ein Bild (im jpg-Format) in Ihren Kommentar einzufügen, wählen Sie bitte die entsprechende Datei auf Ihrem Computer aus. Das Bild wird dann automatisch eingesetzt. Sie können die Position nachträglich verändern. Es können auch mehrere Bilder hochgeladen werden.

  • Kurzum


    »...durch dein Gnade hilf mir, das in mir mein Name abgehe und ich zu nichte werde.« (Luther) (9. 5. / 14 Uhr)

    »Die meisten Luxusgüter und viele der sogenannten Bedürfnisse des täglichen Lebens sind nicht nur entbehrlich, sondern sogar Hindernisse für die Entwicklung des Menschen. Ein Mensch ist so reich wie die Anzahl der Dinge, auf die er verzichten kann.« (Henry David Thoreau) (6. 5. / 16 Uhr)

    »Gebärden und äußerer Anstand verkündigen einen Mann, den die Welt ausgebildet hat.« (Schiller) (2. 5. / 14 Uhr)

    »One’s destination is never a place, but a new way of seeing things.« (Henry Miller)(10. 4. / 17 Uhr)

    da seh ich wundernd das erschrockne thier
    zu einer nonne füszen zitternd liegen [...]
    sie aber blickt mit groszen augen flehend
    mich an. so stehn wir schweigend gegen einander (10. 4. / 15 Uhr)

    »Tissot erzählt von einem Kranken, der im Anfang der Krankheit schwarze Galle brach, und noch einige Stunden vor seinem Tode faselnd und mit Heftigkeit eine Aderläß verlangte, (4. 4. / 15 Uhr)

    »der hungir wart also gross dar czu,
    das sy frossin er aldin schu,
    spru, trebir, unde waz sy mochtin gehan.«(3. 4. / 13 Uhr)

    »wer sein selbst kan seyn, der diene kaim.« — Aber die Sprichwortsphäre scheint sich dieser Unbeugsamkeit nicht ganz sicher zu sein, denn: »wer sein selbst ist, der ist des teufels knecht.«(3. 4. / 13 Uhr)

    »...dass der Mensch an sich als universell kriminelles Wesen auf die Welt kommt, aber durch die Erziehung sozialisiert wird und dann sich in der Regel normal verhält. « (Reinhard Haller)(2. 4. / 19 Uhr)

    »Es ist eine Zeit für die Muße,
    es ist eine Zeit für den Streit,
    es ist eine Zeit für die Buße,
    für alles die richtige Zeit.(24. 3. / 15 Uhr)

    自動思考 (Jidō shikō) bedeutet »Gedankenautomat« oder »automatische Gedanken«. (23. 3. / 10 Uhr)

    Die Wasseraffen-Theorie (oder die »Litoraltheorie der Hominisation«), die evolutionäre Psychologie (die »Modularität des Geistes«) und daß die Angst vor Krokodilen vielleicht die älteste ist. (22. 3. / 23 Uhr)

    Identitätsmanagement, die Work-Life-Balance, rollende Soundpanzer, Finanzvehikel und die »Hydra-Logik« (21. 3. / 15 Uhr)

    Das eigentliche sind nie die Einzelheiten — sondern das, wie sich alles Einzelne zu einer großen Gestimmtheit verwebt.(21. 3. / 14 Uhr)

    »Klötßze« scheint mir, auch wenn es lediglich das homunkulöse Ergebnis eines Computerlesefehlers ist, ein urteutonisches Wort zu sein. (29. 2. / 20 Uhr)

    »I wanted to amplify that quite explicit but often entirely invisible friction that's constantly surrounding us between things that we do and the consequences of our actions...« (3. 2. / 17 Uhr)

    »Was heißt es anders als der Vernunft entsagen, wenn iemand ein höchstes Wesen läugnet, das alle Dinge erhält, regirt, und was ewig im Begrif ist, aus einander zu fallen...« (24. 1. / 12 Uhr)

    »Was ist für ein fixer Punkt meines unveränderlichen Daseyns in mir, vermöge dessen ich trotz alles Abreibens und Wegdünstens der Materie doch immer der Nämliche bin? [...] (18. 1. / 12 Uhr)

    »Im Schlaf empfand er Schmerz. Gern und oft, u. geschickt bringt die Phantasirende Seele im Traum ihr bilderreiches Spiel mit der Disposition u. den Empfindungen des Körpers in Verbindung. (17. 1. / 13 Uhr)

    »Je befriedigender die Gegenwart ist, desto zufridener Ruht auf ihr das Auge; wozu alsdann der Blick in die Zukunft, der mehr zehrt als sättigt?« (J.P. Hebel, Notiz zu Ps. 45) (17. 1. / 12 Uhr)

  • Tags

  • Pressalbum

    Bild vom Tumblr-Photoblog
    Bild vom Tumblr-Photoblog
    Bild vom Tumblr-Photoblog
    Bild vom Tumblr-Photoblog
    Bild vom Tumblr-Photoblog

  • Rubriken

  • Energiestand

    Das Geräusch des Lastenaufzugs

  • Alles in allem…

    • Texte 1.666
    • Wörter 374.889
    • Rubriken 39
  • Statistischer Schlußstrich

    • in 35 Jahre, 4 Monaten, 7 Tagen, 12 Stunden, 10 Minuten, 5 Sekunden