Eine konfabulierteKonfabulation ist »die Produktion von objektiv falschen Aussagen« bzw. von Märchen (lat. fabula), wobei der Konfabulierende von der Gültigkeit seiner Aussagen mehr oder weniger fest überzeugt ist. Es kann eine hirn­organische Störung zugrunde­liegen oder auch der bei Gesunden gelegentlich vorkommende Drang, sich an mehr zu erinnern, als tatsächlich der Fall ist (z.B. bei Kindheits­erinnerungen oder bei der Befragung eines Zeugen vor Gericht; es sind sog. provozierte K.).
  Die spontane K. liegt vor, wenn die Fähigkeit gestört ist, eigene Einfälle von realen Sach­verhalten zu unterscheiden. (»Patients with Korsakoff's syndrome characteristically confabulate by guessing an answer or imagining an event and then mistaking their guess or imagination for an actual memory. [Wikipedia]«
Realienkunde, ein Thesaurus, bar jeder Notwendigkeit assoziiert, eine Sammlung von Marginalien, über die im Unklaren zu bleiben, ich nicht auf mich nehmen wollte. Dem geneigten Leser im jeweiligen Kontext unterbreitet, in alphabetischer Ordnung. Anregungen für weitere Stichworte werden gerne entgegengenommen.

Morgenkaffee

Als sie, mit dem Kaffeebecher an den Lippen, jedoch ohne zu trinken, dem restlichen Geschirr eine Weile beim Trocknen zusah, dessen Formen für einen Sekundenbruchteil hinter dem Dampf, der aus dem Kaffeebecher stieg, sonderbar halbwirklich wirkten, als sie ganz reglos dasaß, mitten in einem Strahlenbündel starker Herbstsonne, die jetzt, am Morgen, noch so stand, daß sie blendete (auf der Tischplatte brannte vor ihren Augen das Sonnenlicht, und mitten in der Lichtfläche spielten dunkle Flecken), als sie staunend die Ruhe bemerkte, die nicht nur um sie war, die sich auch in ihr ausgebreitet hatte, war sie – allem Anschein nach – glücklich.

Im Blumenkasten war ein Unkraut gewachsen, wohl aus einem Samen, der sich in der Erde aus dem Supermarkt befunden hatte, oder in der Hinterlassenschaft von einem jener Vögel, die im Frühjahr an den Meisenknödeln gepickt und dabei den Balkon mit schwer tilgbaren Flecken überzogen hatten. Eine einzelne, sehr gerade Pflanze mit Blättern, die an Pfeilspitzen erinnerten, und oben auf dem Stengel eine, wie nannte man es: eine Dolde aus kleinen Knoten, die, so vermutete sie vom Küchentisch aus, die Samen der Pflanze enthalten mussten; die Sonne jedenfalls durchleuchtete dieses eine, sehr unbeugsam stehende, unerwartet und auch sehr hoch aufgewachsene Unkraut: Und die Blätter strahlten grün und wirkten seidenfein.

Jetzt kam Wind auf, im Radio ein altes Stück Musik, zwei nicht schöne aber eindringliche Stimmen im Duett: Now I don’t want to mɪːtjʊaɹkʰɪn / mæɪkjʊspʰɪn or do you in / Or select you or dissect you / Or inspect you or reject you. Ihr Kopf ist angefüllt mit zerbrechlichem grünen Licht, im Mund Kaffeebitter wie eine dunkle Intarsie – und sie denkt: select you / dissect you / inspect you. Und die beiden Stimmen singen: All I really want to do / Is baby, be friends with you / Baby, be friends with you. Und sie runzelt ein wenig die Stirn, in den Fältchen fließt das schwächer werdende Sonnenlicht zusammen; Wolken treiben hinter einem sehr großen Baum hervor und fließen oben über den Innenhof. Sie fragt sich: Wie hängen diese Wörter zusammen: dissectinspectreject? Lauter harte Ces, die ganz chirurgisch klingen. Be friends with you. Noch ein letzes Strahlenbündel, das ihr durch die zum Schutz geschlossenen Lider hindurch die Augäpfel wärmt. Und sie fühlt, wie schön die naiven Stimmen geklungen haben: Be friends with you.
Etwas Kaffee ist noch
In der Kanne vorhanden
Und im Radio wird jetzt
Und was war es gleich
Das ich gestern dachte
Vor dreizehn Jahren
Und im Kopf steht
Kopfschmerz jetzt und –
Was?


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3 Kommentare

  1. Erstellt am 9. November 2010 um 10:39 | Permanent-Link

    gloria tecum, tecumse…du alter indianeranführer…sorge weiter für den erhalt deines stammes…tecumse suchte nach jagdgründen…du suchst nach form…für die gilde der blattschneider…du bist auf einem guten weg…bedenke: den leser herauszufordern mit einer vielschichtigkeit der darstellung ist ein weg, der schon begangen worden ist…..ach ja und…phonetische rätsel einzubauen…sie gleich darauf mit einem popzitat aufzulösen…genau das, was ich meinte mit meiner gemahnung an die zugangsbereitschaft deiner leser…gute richtung…weiter…

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  2. Erstellt am 9. November 2010 um 10:40 | Permanent-Link

    eine mitteilung in eigener sache:..annegret, wo bist du?..

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  3. Janus
    Erstellt am 9. November 2010 um 11:29 | Permanent-Link

    Lieber Grimassenschneider, Dein Lob erwärmt mir den eigenen kaltgewordenen Kaffee auf der lichtgrauen Schreibtischplatte deutlich!

    Und ja, wo bist Du, Annegret? Deine Meinung fehlt auch dem Autor.

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  • Kurzum


    »Allein im Walde weilen einzeln einsam wir,
    Gestutzten Stämmen ähnlich im Gehölz:
    Gar mancher neidet mir so glaues Glück,
    Wie Höllengauch dem Himmelgänger giert.«(20. 11. / 14 Uhr)

    Dem Jüngling aber, welcher frühe
    Durch's Beispiel angesteckt, den rechten Pfad verlor,
    Sein unerfahrnes Herz bethören ließ, sein Ohr...(20. 11. / 14 Uhr)

    »Der Silberblick des Himmels läuft mit zertragenen dunkeln Flocken an.« (Jean Paul) (13. 11. / 10 Uhr)

    ...the concomitant of filthy and impure actions, and proceeded to such a degree of voluptousness and sordid uncleanness,(31. 10. / 13 Uhr)

    Kein Gräslein aller Menschen Fleiß
    nicht aus der Erd zu bringen weiß.(31. 10. / 12 Uhr)

    »Ein müssiger Kopf, ist des Teufels Dopf, in welchem er seine Bosheiten kochet, und denselben mit den Begierdammen ümschieret.« (Siegmund von Birken) (30. 10. / 10 Uhr)

    »Auf solche Weiße gebraucht sich des Redens, allein der Pöbel, welcher nichts bässers noch nützlichers, als der Kunstlehre ermanglend, vorbringen, inzwischen aber nit schweigen, kan.« (1. 10. / 14 Uhr)

    »So passionirt er fürs gute und rechte ist, so wirds ihm doch weniger darinne wohl als im unschicklichen«. (Goethe)(4. 9. / 14 Uhr)

    Jedenfalls solange man es nicht versteht, eignet sich das Gotische und Althochdeutsche gut, um Zaubersprüche auszudenken: »aiva ubilin, ubilê birut, akrana ubila, ubilê gidancha.«(22. 8. / 11 Uhr)

    »sie eileten dem schif zu, jetzund wolt ein jeder mit gewalt hinein, Pelorus liesz nicht zu, schlug viel zu boden, sie erwürgeten einander wie die hund.« (Zitiert nach Grimms Wörterbuch) (15. 8. / 10 Uhr)

    »Ists nicht ein wunderding voran,
    Das die Warheit nirgend bleiben kan?«(14. 8. / 14 Uhr)

    »Pfahl / Mörsel / Spiß / Bley / Beil vnd Stangen /
    Rohr / Säge / Flamm / zuschlitzte Wangen /(14. 8. / 14 Uhr)

    »iebaʒ iebaʒ erkandte sie
    in leide unde ouch in pînen,
    daʒ si ein pilgerînen
    in dirre unstêden werlde was.«(2. 8. / 14 Uhr)

    »Die Geschichte aller Religionen und Philosophien lehrt uns, (2. 7. / 11 Uhr)

    »Bob blutet auf Gary beim Rausschleifen« — die poetischen Höhen abendlicher Fernsehunterhaltung. Auf der Mitte des Satzes »Schluß mit Basteln und Werken« wird leider ausgeschaltet. (29. 6. / 20 Uhr)

    »Allein/ wie viel verführt das Jrrlicht schnöder Lüste?
    Nichts ist/ womit ihr Sinn sich zu vergnügen wüste/
    Sie sagen: Jmmer her.   Man gibt/ so viel man hat; ...« Hans Assmann von Abschatz, Poetische Übersetzungen, »Unvergüngung/ aus dem Horatius.« (18. 6. / 14 Uhr)

    er schaut von oben länder hufen gleichen,
    und städte löchern; in den engen reichen (11. 6. / 14 Uhr)

    Grimms Wörterbuch: »einem den leib mittheilen, in fleischlichem sinne:« (11. 6. / 12 Uhr)

    »Wo viel ist, ist der Teufel, wo nix ist, ist er zweimal.« (Sprichwort) (22. 5. / 10 Uhr)

    »...durch dein Gnade hilf mir, das in mir mein Name abgehe und ich zu nichte werde.« (Luther) (9. 5. / 14 Uhr)

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