Epiglotter sitzt im leeren Aufenthaltsraum mit geschlossenen Augen auf einem Sessel. Von Zeit zu Zeit brummt er halblaute, unverständliche Worte.
Mokry betritt den Raum. Er hat einen Eierkarton bei sich. Unter dem Arm trägt er ein umfangreiches Tablett, in der Hand einen abgegriffenen Fleischklopfer.
Mokry rückt sich einen Beistelltisch vor einem der Sessel zurecht, stellt das Tablett darauf und nimmt dann Platz. Den Eierkarton stellt er auf den Boden. Eine Weile betrachtet er, den Fleischklopfer in der Hand, das leere Tablett. Dann holt er aus und schlägt mit dem Küchengerät auf das Tablett, daß es knallt.
Epiglotter schreckt auf, schaut desorientiert um sich, entdeckt Mokry, der nun wieder reglos auf das Tablett starrt. Nach einer Weile lehnt sich Epiglotter seufzend zurück und schließt wieder die Augen.
Erneut schlägt Mokry lautstark mit dem Fleischklopfer zu. Epiglotter springt auf.
Epiglotter: Ja, ist es denn zu glauben!
Mokry erschrickt. Der Fleischklopfer fliegt ihm dabei im hohen Bogen aus der Hand.
Mokry (empört): Was fällt ihnen ein, sich so an mich heranzuschleichen?
Epiglotter: Aber davon kann doch überhaupt keine Rede sein.
Mokry: Sie! Sie sitzen hier wie eine Spinne in der Grube und fallen mich plötzlich an.
Epiglotter: Nichts da! Sie, sie sind es doch, der hier – ja was tun sie eigentlich? Ein Fleischklopfer? Wie das?
Mokry (verlegen): Das… geht sie nichts an.
Epiglotter (betrachtet das Tablett): Wendet sich ihre verschrobene Garstigkeit nun also gegen ein Stück Hausrat?
Mokry: Davon, davon verstehen sie nichts. Er handelt sich hierbei um – –
Epiglotter: Was immer. Ich jedenfalls habe mich gerade mitten in einem hochempfindlichen Experiment befunden. Und da kommen sie, sie Simpel und schlagen alles in Scherben.
Mokry (höhnisch): Ein Experiment also. Nun, ich sehe nichts?
Epiglotter: Das Experiment – –
Ephebrämius hat unterdessen den Raum betreten. Gut gelaunt unterbricht er Epiglotter.
Ephebrämius: Aha! Was ist das? Ein Experiment? In meinem, wenn sie entschuldigen, in meinem Gemeinschaftsraum?
Epiglotter: Und ob! Aber wenn es ihr Raum ist, wie kann es dann ein Gemeinschafts… lassen wir das, lassen wir das. (Zu Mokry:) Da sehen sie, was sie mit ihrer Holzklopferei angerichtet haben. Da bin ich schon wieder mitten hineingestürzt in die vertrakte Begriffsmünzerei. Dabei hatte ich schon die Thetagrenze erreicht, um von dort womöglich unverstellt die Gammaphänomene beobachten zu können.
Ephebrämius: Das höre sich einer an. Jetzt werden meine Patienten ihre eigenen Enzephalographen.
Mokry (heftig): Ja, bin ich denn nur von Irren umgeben. Aber natürlich. Das ist ja die ganze Misere. Nur Wahnsinnige!
Mokry hat sich inzwischen den entflogenen Fleischklopfer wiedergeholt und schlägt, um seine letzte Feststellung zu unterstreichen, beherzt auf sein Tablett. Ephebrämius und Epiglotter erschrecken unisono. — Ephebrämius kommt aber, unerschütterlich gut gelaunt, verbindlich und interessiert wie ein Insektensammler, einem erneuten Wutausbruch Epiglotters zuvor.
Ephebrämius (zu Epiglotter): Theta also. Sie sprachen von einem Experiment.
Epiglotter: Aber gerade das nicht.
Ephebrämius: Wie bitte?
Epiglotter: Gerade darin bestand das Experiment, keine Aussagen oder Mutmaßungen oder Behauptungen zu tätigen, anzustellen oder aufzustellen (— er presst sich mit den flachen Händen die Schläfen —) ah, es ist unerträglich, nie kommt man davon los.
Mokry (brüllt): Aber wovon denn?
Epiglotter (qualvoll): Vom Denken! Vom Denken!
Ephebrämius (unbekümmert): Tja, tja, so ist es wohl.
Er klopft Epiglotter versöhnlich auf die Schulter und begiebt sich in den Hintergrund des Raumes, um dort in einem Schrank zu kramen. Dabei pfeift er vergnügt. Unterdessen tritt Eklytos schleichend aus seiner Warte in einer halb geöffneten Tür hervor, von wo aus er allem zugehört hatte. Er kommt etwas näher heran und kauert sich hinter eine Sessellehne. Man sieht, wie er tonlos in sich hineinlacht.
Epiglotter (zur Allgemeinheit, publizistisch): Es erscheint uns für gewöhnlich so, als ob da ein Zusammenhang besteht, ein fundamentaler Zusammenhang, nämlich zwischen uns und dem, was wir denken. Der durchschnittliche Mensch vermutet wahrscheinlich, daß er selbst in seinen Gedanken, wie dürftig sie immer sein mögen, vollständig zum Ausdruck kommt, auch wenn er den größten Teil davon für Gewöhnlich verschweigt — was ja immerhin ein Glück ist.
Mokry hat den Eierkarton zur Hand genommen. Er nimmt ein Ei heraus und positioniert es sorgfältig auf dem Tablett. Dabei beruhigt hat er sich merklich beruhigt.
Mokry (zu Epiglotter): Sie machen erstaunlich lange Sätze. Besonders, wenn man deren Inhalt besieht.
Epiglotter: Sie, sie sind ein Kretin.
Mokry (ironisch): Mit einem Meister des Denkens-über-das-Denken kann ich mich wohl nicht messen.
Epiglotter (läßt sich nicht beirren): Das Problem ist, daß wir überhaupt nicht selbst in unseren Gedanken enthalten sind. Vielmehr drängen uns diese Gedanken an die Seite — bis wir in uns Selbst kaum noch Platz finden.
Mokry schüttelt bloß den Kopf. Jedoch hat Ephebrämius seine Hantiererei am Schrank beendet und setzt sich zu Epiglotter. Eklytos nutzt die allgemeine Bewegung, um sich einen Sessel weiter heranzupirschen.
Ephebrämius (begütigend): Wo finden wir Platz?
Epiglotter: Nein, eben das nicht.
Ephebrämius: Nein?
Epiglotter: Nicht wir! Wir nicht, kaum noch, viel weniger von uns, als irgendwo verstummt schlummert.
Ephebrämius: Wer schlummert, redet ja für gewöhnlich nicht. Außer natürlich, man leidet unter Schlafstörungen. Damit kann eine Neigung zur Schlafwandelei einhergehen.
Epiglotter (rauft sich die Haare): Man fängt mich in einem Netz aus Gerede.
Mokry läßt den Fleischklopfer auf sein Tablett knallen. Diesmal zersplittert dabei das rohe Ei. Sein Inhalt spritzt bis zu dem Arzt und Epiglotter herüber. Mokry atmet tief ein und starrt großäugig auf das zerfetzte Ei vor ihm. — Er reibt sich die Hände.
Mokry: Wunderbar. FulminantAbschließende Erläuterungen zur Fulminanz.. So, wie ich es erwartet hatte.
Ephebrämius zieht ein gemustertes Stofftaschentuch hervor und säubert sein Gesicht. Seine gute Laune ist verflogen.
Ephebrämius (wütend): Was zum Teufel treiben sie da, junger Mann?
Mokry (unbeeindruckt): Ich stelle Erkundigungen an.
Epiglotter: Sie schlagen mit einem Fleischkopfer um sich. Und nicht nur, daß sie die Leute schamlos erschrecken. Jetzt werden wir von ihnen auch noch ungefragt besudelt.
Ephebrämius: Was soll denn der Unfug? Ein Ei. Eier brät man. Ein Steak muß geklopft werden. Aber in jedem Falle nicht von ihnen.
Mokry: Es zeigt sich immer wieder, daß allzu strikte Spezialisierung und Aufgabenteilung dem Ganzen abträglich ist. Könnte denn die schwitzende Köchin meine Beobachtungen anstellen? Sicherlich nicht. Es käme dabei nur Rührei heraus, und zwar zu wenig gesalzen. Ah. Rührei und Rühr-ei. Eine Frage des Stimmansatzes.
Ephebrämius (brüllt): Sie werden hier nicht sinnlos Eier zerschlagen!
Über die Lautsprecher ist die Stimme der Schwester zu hören.
Die Schwester: Doktor Ephebrämius bitte auf Station C melden.
Ephebrämius: Na gut. Wir sprechen uns noch!
Mokry (jovial): Gern, Herr Doktor. (Zu sich:) Die wahre Wissenschaft hat immer mit dem Establishment zu kämpfen. (Er legt sich ein weiteres Ei auf dem Tablett zurecht.)
Epiglotter: Nein — jetzt — Stopp!
Mokry schlägt zu. Epiglotter hebt die Arme, wie um sich vor einer Explosion zu schützen.
Mokry: Aaah! Ja, es bestätigt sich. Großartige Doppelbödigkeit der einfachsten Vollzüge.
Epiglotter: Sie Wahnsinniger.
Epiglotter erhebt sich schwer atmend. Er reibt mit gebogenem Rücken an seinem beschmutzten Hosenbein.
Epiglotter: Warum zerschlagen sie Eier? Und wenn sie es schon tun müssen, gehen sie dazu doch auf die Toilette. Da hat derartige Obszönität ohnehin ihren geborenen Platz.
Mokry: Es handelt sich um Phä-no-menlogie.
Epiglotter: Was war das? (Er lacht nervös.) Vielleicht sollte ich mich am Ende noch freuen, in den Streubereich ihres Irrsinns geraten zu sein. (Er lacht über das Wortspiel.) Denn sie geben ja hervorragendes Anschauungsmaterial für die These meines Experimentes ab.
Mokry (gelangweilt): Und die wäre?
Epiglotter: Das die Worte eine verderbliche Kraft haben. Sie übertünchen die reale Belanglosigkeit der Lebenssachverhalte. Und sie, ja sie sind ein hervorragendes Beispiel dafür. Sie zertrümmern Eier und benutzen dazu großspurige Worte. Und noch während die Eigelbtropfen sich im Flug befinden, sozusagen, kommt es zu einer Emulgation zwischen ihren Worten und jenen Tropfen. Und beim unvoreingenommenen Betrachter entsteht, wenn die Emulsion ihn trifft, der Eindruck, es müsse hier etwas beachtliches Geschehen. Dabei ist es doch nur schmutziger Irrsinn. Ich lasse mich nicht täuschen. (Er geht schrittweise auf Mokry zu und stößt seinen Zeigefinger nach vorne:) Ich spieße sie auf – mit einer Nadel – wie einen Käfer – und studiere sie – unter der Lupe. Sie Eigelbkleckerer!
Mokry: Ach ja? Und das haben sie herausgefunden, als sie hier wie ein Greis im Sessel eingedöst sind? Hoch interessant war das wohl! Das konnte man ja sehen!
Epiglotter: Im Gegenteil. Ich habe äußerst empfindliche Selbstbeobachtungen durchgeführt.
Mokry: Der typisch solipsitische Fehler.
Epiglotter: Was?
Mokry: Ich beschäftige mich nicht mit mir selbst. Was soll dabei schon herauskommen? Ich untersuche das Leben an seiner Wurzel.
Epiglotter: Wurzel?
Mokry: Und ob!
Er hat sich ein Ei zur Hand genommen und schleudert es nun Epiglotter mit einem geschickten Wurf genau an die Stirne.
Mokry: Sehen sie?
Epiglotter heult wild auf und stürzt auf Mokry zu. Der weicht stolpernd zurück und flieht hinter ein Sitzgruppe.
Epiglotter: Bleibt stehen! Komm her!
Mokry: Warten sie. Lassen sie uns reden!
Epiglotter (wild): NEIN! Nicht reden. Jetzt werde ich ihnen die Sprache nehmen!
Mokry: Hilfe!
Epiglotter verfolgt Mokry mordlustig zwischen den Sesseln. Auch Eklytos huscht lebhaft hinter den Sesseln hin und her, um sich in die richtige Position zu bringen. Dann stellt er Mokry ein Bein. Der stolpert und fällt. Epiglotter stürzt über den hingestreckten Mokry und landet ebenfalls auf dem Boden.
Da betreten Roßfäller und Leimbach das Zimmer.
Leimbach: Was ist hier los?
Eklytos weist auf die übereinanderliegenden Männer.
Eklytos: Oh, es gab einen kleinen Streit. Aber jetzt versöhnen sie sich.
Roßfäller: Sieht nicht wie eine Versöhnung aus.
Eklytos (verschwörerisch): Verhaltenstherapie… Sie wissen doch…
Roßfäller: Oh. Verstehe.
Leimbach klopft Roßfäller auffordernd auf die Schulter. — Beide ab.
Mokry liegt zum größten Teil unter einem Couchtisch. Er stöhnt. Epiglotter ist weicher gelandet und rappelt sich auf. Er ist aus dem Konzept.
Eklytos: Na also.
Epiglotter: Warum haben sie… ihn…
Eklytos (plötzlich feierlich-donnernd): Und es wird dein Feind sein, der dich zu Fall bringt. Und siehe: es wird dein Feind sein, so, wie es deiner Weisheit einen Hohn dünkt, der dein Halt sein wird, wenn du fällst. Und du wirst wandeln und unverletzt sein, dein Feind aber wird mit seinem Stöhnen Schuld in dein Herz geben. Wirst du, wenn das geschieht, zu deiner Seele sagen: Höre, Seele, das Wehklagen deines Feindes; siehe, er ist deinesgleichen?
Epiglotter (weicht einen Schritt zurück): Muuahh.
Mokry (wieder alltäglich): Aber was hatten sie gleich noch einmal über die Qualität der Sprache gesagt?
Das Licht geht aus. Kurz darauf ein zurückhaltender Gongton und rauschen in den Lautsprechern.
Der Lautsprecher: Liebe Patienten. Aufgrund einer technischen Störung im Kraftwerksblock mußte vorübergehend der elektrische Strom abgeschaltet werden. Bitte begeben sie sich auf ihre Zimmer.
Im Hintergrund sagt jemand: Aber wie soll das den gehen?
Der Lautsprecher: …oder bleiben sie wo sie sind, am besten regungslos. Wir beheben das Problem schnellstmöglich. Sprechen sie nicht miteinander, um die Gefahr zu vermeiden, daß sie sich gegenseitig in Angst versetzen. Eine Panik ist bei völliger Lichtlosigkeit schwer zu bekämpfen. Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit.
Eklytos kichert. Mokry stöhnt. Man hört jemanden gegen Tische und Stühle stoßen. Dann:
Epiglotter: Ein Sessel. Alles ruhig. Endlich.
Aus Eklytos’ Richtung hört man sehr bald ein leises Schnarchen.




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Ein Kommentar
Hallo Janus,
wunderbar! Es war ein Vergnügen, allen beteiligten zuzuhören!