Die Insassen der Anstalt befinden sich auf einem Ausflug. Das Personal hat sie bis zu einen Platz geführt. Dort lagern nun alle auf einer Freitreppe, die zu einem großen Sandsteingebäude (wahrscheinlich ein Museum, vielleicht auch ein Gericht) hinaufführt. Die Schwester vertreilt Eis am Stiel und Buletten.
Mitten auf dem Platz steht das Bronzedenkmal eines Berittenen auf einem weit ausladenden Podest, das wiederum mit einem hüfthohen, schmiedeeisernenen Zaun umfriedet ist. Hier hinauf klettert zu Beginn des Geschehens schnaufend und umständlich ein nicht besonders alter Mann. Er bleibt zunächst unbeachtet von den Passanten. Allein Eklytos kichert beim Anblick des Kletternden derart enthusiastisch in sich hinein, daß er seinen Bart mit Eiscreme verschmiert.
Als der Mann es bis auf das Podest geschafft hat, blickt er unruhig in alle Richtungen, postiert sich vis à vis zu dem Backsteingebäude vor dem die Anstaltsinsassen lagern, tut einige tiefe Atemzüge und beginnt zur Allgemeinheit zu sprechen. Seine ersten Sätze sind noch unsicher und vage.
Der Mann: Mitmenschen, Mitmenschen!
Eklytos stößt Mokry mit dem Ellenbogen in die Seite. Der verschluckt sich an seiner Bulette und gestikuliert unwirsch.
Der Mann: Bürger, Landsleute!
Eklytos weist Mokry fingerzeigend auf den Redner hin. Mokry zuckt die Achseln.
Mokry: Leute, die von Statuensokeln herab Reden schwingen, nehmen es der Allgemeinheit übel, daß ihnen selbst keine Statue errichtet worden ist.
Eklytos: Schhht! Hören sie doch zu.
Mokry: Nein.
Mokry stopft sich Krumen aus seiner Bulette in die Ohren und schmollt.
Der Mann: Vernunftwesen, Gierwesen, Mörder!
Eine alte Dame mit Haarnetz und Pudel bleibt kurz vor dem Mann stehen und schüttelt tadelnd den Kopf. Eklytos ist aufgeregt und kann kaum noch stillsitzen.
Der Mann (jetzt mit einer Donnerstimme): Hört mich an, ihr Sünder!
Ein Kind beginnt zu weinen, ein Fahrradfahrer stürzt von seinem Fahrrad. Eine kleine Gruppe Schaulustiger versammelt sich zu Füßen der Statue und des Redners.
Der Mann wirft sein Jackett von den Schultern. Darunter trägt er ein grobes, sackartiges Leinenhemd, das seine hagere Brust freiläßt und in merkwürdigem Kontrast zu seiner Anzughose steht.
Der Mann (kommt in Fahrt): Hört mich an, denn es soll über euch der Stab gebrochen werden. Das Urtheil steht fest vor dem hohen Throne des Richters.
Aus dem Publikum am Fuße der Statue, das sich stetig vergrößert, sind Hohngeräusche zu hören, vereinzelte Buh-Rufe. Eklytos applaudiert und stibizt sich einen Bulettenkrumen aus Morkys Ohr.
Eine schaulustige Frau: Bloß veraltete Begriffe!
Ein junger Mann: Ihre Äußerungen spiegeln eine vordemokratische Sichtweise.
Der Mann: Wisset, mich hat der Ölschlamm am Ende des Flusses zu seinem Gesandten erwählt. Der Heilige Geist des Erstickens führt mir die Zunge.
Eklytos: Ein Nachwuchsprophet. Er scheint sich ein romantisches Verhältnis zu den Verhältnissen zu erlauben.
Der Mann: Wisset, ich bin PerhelDas Perihel ist der sonnennächste Punkt einer Planetenbahn; im Gegenüber steht das Aphel, der sonnenfernste Punkt. Daneben gibt es noch andere Relationen: -gäum (Erde), -selen (Mond), -astron (ein bestimmter Stern), und, besonders schön: das Perigalaktikum, der Punkt, am nächsten zur Milchstraße gelegen., und ich bin aufgestanden, daß ihr mich mißverstehet.
Epiglotter: Aber das ist ja nun doch ein recht interessantes Konzept.
Perhel: Und wenn ihr bis zuletzt mißverstanden habt, wird die Trauer um euch viel geringer sein, denn der Tiger, wenn er zur Jagd geht, läßt nur einmal sein Brüllen hören. Der Wasserbüffel, der dann noch unbekümmert seinen Schweif nach den Fliegen schlägt – er ist ein verdientes Opfer. Über einen solchen Büffel wird nur kurze Trauer sein unter dem Firmament.
Mokry: Bah. Sein Stil ist unverschämit schwülstig, mehr nicht. (Mokry winkt der Schwester.) Eine Bulette, bitte, rasch.
Die schaulustige Frau: Was denn für ein Wasserbüffel? Sieht hier irgendwer einen Wasserbüffel?
Der alte Frau: Da oben, auf dem Podest! (Das Publikum lacht.)
Perhel: Wißt, daß Perhel euch aufgegeben hat. Deswegen spricht er zu euch. Damit späterhin, wenn die großen Wehen beginnen, Perhel vor sich selbst die Entschuldigung haben wird, nicht geschwiegen zu haben.
Der junge Mann: Oh Mann, Schweigen ist auf jeden Fall besser!
Perhel: Also hört und mißversteht…
Eklytos entnimmt den nächsten Bulettenbrocken aus Mokrys Ohr und führt ihn sich zu Gemüte, wie man im Kino Popcorn ißt.
Eklytos (flüsternd): Ich muß sagen, er steigert sich von Satz zu Satz. Schreiben sie mit Mokry, wir können es als Anhang zu seiner zukünftigen Krankenakte an den Doktor verkaufen.
Perhel (dessen Worte man über Eklytos Flüstern hinweg nicht gut verstehen konnte): …und eure Gier, von der ihr heute nicht wissen wollt, wird bald nackt vor eure Augen treten und wird häßlich sein und schrundig…
Nun wird die Krankenschwester auf Perhel aufmerksam.
Die Schwester: Wer ist nackt?
Perhel: Ich wißt aber heute schon, wovon ihr morgen bedauren werdet, es nicht gethan zu haben. Eure Unthätigkeit ist eine Folge der Diktatur. Ihr legt euch vor dem großen Diktator auf den Rücken. Ihr selbst aber, ihr selbst seid…
Epiglotter: Ah, eine fürchterlich klassische Rhetorik.
Die Schwester: Wir sind auch nackt. Jedenfalls meistens. Oder nicht? Leimbach – können wir den nicht mitnehmen?
Leimbach: Nun…
Roßfäller: Ich weiß nicht, ob wir noch ein passendes Podest im Lager haben.
Leimbach: Oh, die Podeste haben wir doch allesamt verschrottet.
Roßfäller: Ob er sich dann wohlfühlt?
Die Schwester: Er könnte sich auf den Rücken eines Mitpatienten stellen, wenn er bei uns in der Klinik Reden schwingen will. Also ich finde ihn ganz reizend. Nackt! Sehr gut!
Leimbach: Gute Idee. Ich gehe zum Doktor.
Perhel: …und ihr werdet unter üblen Katarrhen leiden, wenn ihr die Luft verbraucht habt, die über Äonen der Gemeinschaft der Lebenden genug war. Und ihr werdet trocken werden und Geschwülste haben, wenn die Sonne euch brennt.
Der Doktor ist inzwischen hinzugetreten und berät sich mit Leimbach, Roßfäller und der Schwester. Er kratzt sich nachdenklich am Kinn.
Der Doktor: Er scheint ein gewisses medizinisches Interesse zu haben.
Eklytos (über die Schulter zum Doktor): Er ist Pathologe im großen Stile.
Perhel: Die Ungerechtigkeit wird aufstehen und wird die Meerengen durchschwimmen. Sie wird diejenigen vor sich her treiben, die von euch Unrecht erlitten haben. Die Menge der Entrechteten wird an eure Festungsmauern branden. Lange und geduldig, bis die Leichen wie Schlamm sich an euren Mauern und Deichen auftürmen. Dann wird das Fundament nachgeben und ihr werdet ungeschützt dastehen. Und die Ungerechtigkeit, eure Erfindung, wird groß umhehrgehen mitten unter euch, und wird euch gegeneinanderwerfen, daß ihr allesamt in Scherben geht.
Die alte Frau im Publikum: Das ist ja wiederlich!
Der Doktor: Gut, Schwester, sie können ihn haben. Roßfäller, Leimbach!
Roßfäller: Sehr gern, Herr Doktor.
Sie machen sich langsam auf den Weg, ohne es offenbar allzu eilig damit zu haben, der Vorstellung ein Ende zu setzen.
Der Doktor: Er wird ein interessantes Exemplar in unserer Sammlung. Epiglotter hier kann sein Podest werden.
Eklytos schlägt Epiglotter beglückwünschend auf die Schulter.
Epiglotter: Aber!
Er will aufspringen. Die Schwester dreht ihm behende den Arm auf den Rücken.
Die Schwester: Na, na. Freuen sie sich, es wird sehr lehrreich. Und amüsant.
Perhel: Was wird von euch bleiben? Von Perhel wird keine Spur bleiben. Die Geschichtsforscher einer entlegenen Zukunft – wenn es eine solche Zukunft, trotz eurer gierigen Blindheit, trotz eures blinden Hungers überhaupt noch geben wird! – zukünftige Geschichtsforscher werden eure Zeitungen, Erklärungen, Beschlüsse und Tagebücher lesen. Und sie werden erkennen, daß ihr schon lange bankrott gewesen seit und das die Lüge die Wurzel eures Daseins und jedes Gedankens geworden war. Einst werden sie es deutlich erkennen, wenn man auf euch zurückblickt. Aber da wird ja kaum einer bleiben, um zurückzublicken. Kaum nur einer!
Roßfäller und Leimbach sind jetzt am Fuß der Treppe angekommen.
Eklytos: Ich möchte ihm gerne meine Briefmarkensammlung zeigen.
Perhel zeigt auf die beiden Pfleger; feierlich: Sehet, Mitmenschen, Lügner, Mörder: Hier kommen die, die kommen müssen. Perhel hat euch die Zukunft offenbart. Jetzt nimmt man ihn weg, damit ungestört geschehen kann, was geschehen muß.
Perhel hebt sein Jackett auf und zieht es an, richtet Hose und Hemd und steigt vom Podest herunter. Die Menge weicht zurück und bildet eine Gasse für Roßfäller und Leimbach.
Roßfäller: Ich nehme nicht an, daß sie Gepäck haben?
Perhel:Sie kommen bei der Patientengruppe an.
Perhel: Schwester, ein Glas Wasser bitte. Ich bin heiser. Dann können wir gehen.
Der Doktor: Aber…
Perhel (zum Doktor, sehr würdevoll): Ah, Dr. Ephebrämius, wenn ich nicht irre? Ein passionierter Sammler, wie man hört.
Der Doktor (geschmeichelt): Nun…
Perhel: Aber haben sie auch das Zeug – zum Jäger?
Der Doktor schweigt irritiert.
Eklytos (schiebt Epiglotter zu Perhel): Ihr neues Podest, Herr Kollege.
Perhel: Ich bin gespannt, es auszuprobieren. Gehen wir.
Die ganze Gruppe folgt Perhel wie eine Entourage, während er zum unweit abgestellten Anstaltsbus vorangeht.




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4 Kommentare
Hallo Janus,
heute mal schwierige Lektüre! Das bedarf des wiederholten Lesens.
Hallo Janus,
die Frage ist, wer ist hier wirklich krank? Und was ist krank? Eine interessante Abhandlung.
Liebe Annegret,
ja, das ist die Frage. Und eine wirklich sehr interessante noch dazu, glaube ich. Ich stelle mir einen »Bußprediger« vor, der in einer Einkaufspassage meiner Stadt seine Reden schwingt. Den halte ich tatsächlich für verrückt. Aber der Apostel Paulus, wenn ich das richtig verstanden habe, hatte mit den Athenern ein ähnliches Problem. Wenn man daraus einen Dreisatz macht, dann entspricht der Verrückte Paulus und ich bin am Ende einer der Athener.
Hallo Janus,
mir hat Deine Abhandlung gut gefallen! Nur weiter so! Danke.