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Fahrstuhlgeschichten

Ein unendliches Gespräch in einer engen Kabine, eine Art Tageschronik, ein automatisches Schauspiel, vom Ablauf der Alltage sub rosa inszeniert.
Eine konfabulierteKonfabulation ist »die Produktion von objektiv falschen Aussagen« bzw. von Märchen (lat. fabula), wobei der Konfabulierende von der Gültigkeit seiner Aussagen mehr oder weniger fest überzeugt ist. Es kann eine hirnorganische Störung zugrundeliegen oder auch der bei Gesunden gelegentlich vorkommende Drang, sich an mehr zu erinnern, als tatsächlich der Fall ist (z.B. bei Kindheitserinnerungen oder bei der Befragung eines Zeugen vor Gericht; es sind sog. provozierte K.).
Die spontane K. liegt vor, wenn die Fähigkeit gestört ist, eigene Einfälle von realen Sachverhalten zu unterscheiden. (»Patients with Korsakoff's syndrome characteristically confabulate by guessing an answer or imagining an event and then mistaking their guess or imagination for an actual memory. [Wikipedia]« Realienkunde, ein Thesaurus, bar jeder Notwendigkeit assoziiert, eine Sammlung von Marginalien, über die im Unklaren zu bleiben, ich nicht auf mich nehmen wollte. Dem geneigten Leser im jeweiligen Kontext unterbreitet, in alphabetischer Ordnung. Anregungen für weitere Stichworte werden gerne entgegengenommen.

Ein unendliches Gespräch in einer engen Kabine, eine Art Tageschronik, ein automatisches Schauspiel, vom Ablauf der Alltage sub rosa inszeniert.


Träume
Vorhang.
Die Szene wechselt. Die Fahrstuhlkabine ist jetzt derart unbeleuchtet, daß der Zuschauer nicht wie sonst in sie hineinsehen kann. Überhaupt ist die Bühne sehr dunkel, ausgenommen der Bereich vor den geschlossenen Fahrstuhltüren, vor denen ein Mechaniker und ein Anzugträger stehen. Der Mechaniker wischt sich mit einem Taschentuch Schweiß von der Stirne.
Der Mechaniker: Das ist ein Defekt, der unter uns Fahrstuhlmechanikern bekannt ist wie das Elmsfeuer unter den Seefahrern — habe ich gelesen.
Der Anzugträger: Jetzt verschonen sie mich mit literarischen Bezügen. Irgendwo da drin sind einige meiner Mitarbeiter. Und die haben heute was zu erledigen.
Der Mechaniker: Das ist ein phasenbedingter Ausfall, da läßt sich kaum was machen.
Der Anzugträger: Wozu machen sie den Fahrstuhlkundendienst, wenn sie dann sagen (äfft den Mechaniker hämisch nach:) ›Da ist nichts zu machen.‹ — Machen sie was oder holen sie jemanden her, der sich besser auskennt.
Der Mechaniker (unbeirrt): Ein Mond-Phasen-bedingter Ausfall. Ein Total-Ausfall.
Der Anzugträger: Was bitte?
Der Mechaniker: Wir hatten eine üble astrologische Konstellation in der letzten Nacht…
– in diesem Moment dringt aus der Tiefe des Fahrstuhlschachts ein Rumpeln, das den Anzugträger zusammenzucken läßt –
Der Mechaniker: …für ihre Mitarbeiter sieht's nicht gut aus, fürchte ich.
Der Fahrstuhl setzt sich mit einem plötzlichen Motorenheulen wieder in Bewegung.
Der Anzugträger: Pha! Da sehen sie es. Packen sie ihren Kram zusammen. Und glauben sie nicht, daß ich irgendeine Rechnung bezahlen werde.
Der Mechaniker: Wie sie meinen.
Das Motorengeräusch zeigt, daß sich der Fahrstuhl nähert. Es ist ein falsettartiges Heulen. Man hört auch ein sonderbares Knallen.
Der Anzugträger: Warten sie! Waren das die Stahlseile?
Der Mechaniker: Oh je! Es ist weitaus schlimmer!
Die Fahrstuhltüren machen ihr gewöhnliches ›Pling‹, aber als sie aufgehen, schießt eine Peitsche durch den Türspalt über die Köpfe der beiden Männer. Der Anzugträger flüchtet sich hinter den Rücken des Mechanikers.
Vier bleichgesichtige Büroangestellte staksen steifbeinig aus der Fahrstuhlkabine, sie sehen aus, als wären sie in Trance.
Als alle aus dem Fahrstuhl heraus sind, kommt ein hochgewachsenes Scheusal hintendrein. Es ist sehr mager, trägt einen langen, dürren Bart über dem breiten, fischartigen Mund und die Peitsche in einer Hand mit schwarz lakierten Fingernägeln.
Das Scheusal: Halt, ihr Strohsäcke!
Er läßt die Peitsche durch die Luft knallen und die bleichen Büroangestellten kommen abrupt zum Stehen, als hätte man sie an einem Halsband zurückgerissen.
Das Scheusal (lacht erst keckernd, dann immer lauter, jedes Wort für sich schreiend): Uaaauaaarrrghhh—braahahaha. Euch werde ich die Hirne auswringen. Euch werde ich zu Ader lassen, im Übertragenen und Handgreiflichen Sinne. (Er schlägt sich mit der Faust in die Handfläche.) Eure blödsinnigen Gedanken werde ich auskemmen wie man Flachs auskämmt: über sehr spitzen Nägeln!
Die Büroangestellten sprechen wie betäubt:
Büroangestellte #1: Ich habe nachts nur von Käfern geträumt. Sie waren schimmernd aber hart –
Büroangestellter #1: Ah, ich mußte elektronische Bauteile zu unnützen Wundern zusammenfügen, Stunde um Stunde, es war kein Schlaf –
Büroangestellte #2: Ich dachte, Butter sei mein Leibgericht. Dann habe ich zehn Männer ohne Appetit beschlafen.
Büroangestellter #2: Mein Dasein ist vollkommen Sinnlos! Mein dasein ist vollkommen sinnlos! Aber schlimmer noch ist es zu scheitern!
Büroangestellte #1: Die Käfer sind mir unter die Achselhöhlen gekrochen und es war ein furchtbares Jucken. Ich habe sie verschluckt, aber sie sind wieder hervorgekrochen.
Büroangestellter #1: Ich habe eine ganze Nacht über den kapak-zapatit-kapatizi-kapazitiven Widerstand nachgedacht und mir mehrere elektronische Wunder ausgedacht, und davon gar nichts verstanden.
Büroangestellte #2: – und bin halb erwacht und habe mich vor mir selbst geekelt, geekelt. Ich bin nach wie vor schmutzig, mein Gehirn ist beschmutzt.
Büroangestellter #2: Ich wünsche mir zu scheitern. Ich habe die Wahrheit gesehen. Was ich bin, bleibt folgenlos. Ich fürchte nichts mehr, als zu scheitern. Ich habe eine Familie zu ernähren! (Er bricht in Tränen aus.)
Das Scheusal (lachend): Ha, ihr habt eure Lektionen jeweils gelernt. Ihr habt sie ver-inner-licht, ha, tieeef verinnerlicht. Weiter! (Er läßt die Peitsche knallen.) Weiter!
Die Büroangestellten schlagen sich selbst vor die Stirn, pressen sich gewaltsam die Bäuche, knirschen mit den Zähnen, weinen etc. und setzen sich widerstrebend aber wehrlos wieder in Bewegung. Sie steigen wieder in die Fahrstuhlkabine, deren Türen schließen sich, der Fahrstuhl fährt weiter, während das Lachen des Scheusals immer ferner klingt.
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