Eine konfabulierteKonfabulation ist »die Produktion von objektiv falschen Aussagen« bzw. von Märchen (lat. fabula), wobei der Konfabulierende von der Gültigkeit seiner Aussagen mehr oder weniger fest überzeugt ist. Es kann eine hirn­organische Störung zugrunde­liegen oder auch der bei Gesunden gelegentlich vorkommende Drang, sich an mehr zu erinnern, als tatsächlich der Fall ist (z.B. bei Kindheits­erinnerungen oder bei der Befragung eines Zeugen vor Gericht; es sind sog. provozierte K.).
  Die spontane K. liegt vor, wenn die Fähigkeit gestört ist, eigene Einfälle von realen Sach­verhalten zu unterscheiden. (»Patients with Korsakoff's syndrome characteristically confabulate by guessing an answer or imagining an event and then mistaking their guess or imagination for an actual memory. [Wikipedia]«
Realienkunde, ein Thesaurus, bar jeder Notwendigkeit assoziiert, eine Sammlung von Marginalien, über die im Unklaren zu bleiben, ich nicht auf mich nehmen wollte. Dem geneigten Leser im jeweiligen Kontext unterbreitet, in alphabetischer Ordnung. Anregungen für weitere Stichworte werden gerne entgegengenommen.

Zumutbar

Ein junger Mann steigt in den Fahrstuhl. Er trägt sehr einfache, schlecht sitzende und sichtbar abgetragene Kleidung. Er lehnt sich mit ärgerlich verschränkten Armen in eine Ecke und starrt vor sich hin auf den Boden. So fährt er einige Stockwerke und spricht zittrig zu sich selbst.

[Der Ärmliche]

Der Junge: Und das bleibt einem… das hat man dann. Formulare ausfüllen. Irgendwelchen Mist für ein paar Kröten machen. Für nix. Nichts zählt man.

Zwei Männer steigen ein. Der erste ist in mittlerem Alter und wirken wie ein Hausmeister. Der andere ist jünger und sehr smart. Er wirkt müde und abgespannt. Sie sind mitten im Gespräch.

Der Ältere: …und weißt du, was er dann gesagt hat?
Der Jüngere: Dein Sohnemann jetzt?
Der Ältere: Mhh.
Der Jüngere: Na?
Der Ältere: Er hat gesagt: Mami hab ich viel lieber als dich.

Der Mann beißt sich auf die Handknöchel, um plötzlich aufschießende Tränen zurückzuhalten.

Der Jüngere (bestürzt): Na komm schon. Das hat doch nichts zu bedeuten. (Er klopft ihm unbeholfen auf den Rücken.) So sind die Kinder nun mal. Die meinen das nicht so.
Der Ältere (heftig): Ja! Ich weiß ja! Aber… ich geb mir so mühe. Und dann…
Der Jüngere: Na immerhin hast du das alles. Weißt du, wie’s bei mir war?

Der ältere Mann hört nicht zu, er kaut weiter auf seinen Knöcheln herum. Der Jüngere proklamiert in den leeren Raum.

Der Jüngere: Aber ich. Ich bin allein. Sie habe ich getroffen. Und sie? Sie liest ihre Broschüren und telefoniert und dann ist sie müde. Müde. Und ich stehe dann im Treppenhaus, allein. Und sie sagt mir zum Abschied bloß: es ist wichtig, daß man sich bei sich selbst zu Hause fühlt. Wie kann man denn bei sich selbst zu Hause sein, frage ich?

Der Junge hat inzwischen in seiner Ecke stehend einen sehr dicken Filzstift aus der Jackentasche gezogen. Er schreibt damit etwas auf die Blechverkleidung der Aufzugkabine. Nämlich das Wort »Zumutbar«. Da erreicht der Fahrstuhl seine Etage und er steigt aus. Der ältere Mann bemerkt das Graffiti.

Der Ältere (empört): Was soll denn das jetzt? (Er bedenkt sich einen Augenblick, dann, resigniert:) Ach, was soll's auch?
Der Jüngere: Ich weiß nicht…
Der Ältere: Was?
Der Jüngere: Danach fragt ja eigentlich nie einer – was einem überhaupt zugemutet werden dürfte…
Der Ältere: …wenn's eine Gerechtigkeit gäbe.
Der Jüngere: Tja.

Die beiden steigen aus. Der Fahrstuhl ist leer.

Zumutbar, 5.0 out of 5 based on 1 rating
11490
Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Fahrstuhlgeschichten. Bookmarken: Permanent-Link. Kommentieren oder ein Trackback hinterlassen: Trackback-URL. |drucken

Ein Kommentar

  1. Annegret
    Erstellt am 17. Januar 2011 um 11:23 | Permanent-Link

    Zumutbar
    Unmut
    Unzumutbar
    bar
    Wut

    VA:F [1.9.17_1161]
    Wertung: + 0 | - 0

Ihr Kommentar

Ihre E-Mail wird niemals veröffentlicht oder verteilt. Benötigte Felder sind mit * markiert

*
*

Du kannst diese HTML Tags und Attribute verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Bild einfügen

Um ein Bild (im jpg-Format) in Ihren Kommentar einzufügen, wählen Sie bitte die entsprechende Datei auf Ihrem Computer aus. Das Bild wird dann automatisch eingesetzt. Sie können die Position nachträglich verändern. Es können auch mehrere Bilder hochgeladen werden.