Es muß nichts geschehen. Es kommt lediglich darauf an, was man sich denkt. Vor allem, wenn man auf die richtige Weise denkt. Wenn man nicht bloß denkt, als würde es gelten, uferlos auf sich selbst einzureden. Wenn man vielmehr so denkt, daß die unheimlichen Regungen und instabilen Empfindungen den Kammerton vorgeben.
Dann aber ist es ja eigentlich ganz unerheblich, ob noch etwas geschieht: es geht nur um die Gedanken, also den Inhalt – nicht die zufälligen, willkürlichen und launischen, verwirrenden und verwickelnden, rasch verschwundenen Geschehnisse und Taten – also die Form.
Daß wir nach Ereignissen Ausschau halten, ist sowieso bloß eine Schwäche, aber sie ist entscheidend. Wir erhoffen uns von den Ereignissen Ablenkung, ob wir es uns eingestehen oder nicht. Aber die Ereignisse sind ja nur eine fade Ablenkung, und sie können ohnehin gar nichts enthalten, was man sich nicht genauso gut ohne sie, gleichermaßen ereignis- wie vollends tatenlos denken könnte, sofern man nur auf die richtige Weise zu denken versteht.
Wenn man sich einen einigermaßen zum Stillhalten fähigen Menschen vorstellt, sagen wir, während er sich einen Sonnenuntergang besieht (den er nicht pompöserweise irgendwo auf der Welt herausgekramt hat, in der Südsee oder auf einem Berg oder sonstwo), einen Sonnenuntergang, den dieser Mensch rein zufällig vorfindet, sagen wir: während er auf einen Zug wartet. – Sogar dann noch, wenn man sich einen solchen zum Stillhalten einigermaßen fähigen Menschen vorstellt, wird man bemerken, daß er den Sonnenuntergang nicht lange ertragen kann, es sei denn, daß mindestens zwei Vögel den Himmel überqueren, auf einem kahlen Baum landen, sich wieder in die Luft erheben und so weiter; wenn nicht wenigstens drei oder vier Wolken am Himmel sind, die langsam weiterziehen und dabei ihre Form ändern oder die Farbe sich ändert, die ihnen die sinkende Sonne verleiht. – Ein karger Himmel, eine reglose Landschaft, ein bis zum Stillstand in die Länge gezogener Sonnenuntergang käme jedem, noch dem Geschicktesten, langweilig vor.
Dabei geht es bei Sonnenuntergängen gar nicht darum, daß sich Vögel wie Scherenschnitte vor dem loheroten Hintergrund bewegen oder dergleichen – es geht nur darum, was man sich denkt. Es geht um den Punkt am Horizont, den man mit dem Blick festhält, weil man sich angesichts seiner vorstellen kann, wie irgendwo ein Übergang zu finden ist, wenn man nur lange genug einer graden Linie folgt. Es geht um den Wiederhall im Innern, um alles, was sich im Gedankenapparat löst und abfließt, wenn das äußere Klima zuträglich ist.
Es geht nicht um den Sonnenuntergang. Es geht nie darum, was geschieht. Die Geschehnisse sind vom Standpunkt der Gedanken aus betrachtet, die man auf die richtige Weise denkt, austauschbar, beliebig und am Ende entbehrlich. Es geht darum, den Übergang zu finden, den Punkt, an dem aus einer bloßen Ansammlung von Eigenschaften, Entscheidungen, Taten und vor allem: von Ereignissen, die schneller kommen und gehen, als man sie überhaupt verstehen kann – etwas wird, das notwendig ist; den Punkt zu finden, an dem man bloß noch ist, darum geht es.



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Ein Kommentar
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