Ein Polarlicht. Eine Form von in der Natur entstehendem Plasma (Photo von Joshua Strang)

Wie befremdlich die Wirklichkeit schon in ihren alltäglichen Kategorien ist, erweist ein Blick auf die verschiedenen »Aggregatzustände« der Materie.

Die einfachste Feststellung ist, daß es feste Körper gibt. Wir zum Beispiel, unsere Hände und Augen, mit denen wir alles weitere wahrnehmen, sind — oberflächlich betrachtet — Festkörper. Freilich ist unsere Machart nicht so fest, wie z.B. die eines Steines, der uns die Stirne blutig schlagen kann.

In diesem Moment, wenn aus der Platzwunde das Blut quillt, kommt der zweite Aggregatzustand zum Vorschein: das Flüssige. In der Tat ist das Leben bekanntlich vor allem Flüssigkeit; das Verschwinden von Flüssigkeit bedeutet den Tod. Wir wundern uns nicht zu sehr über die sonderbaren Eigenschaften des Wassers, weil wir im Grunde aus dem Wasser stammen.

Der Unterschied zwischen fest und flüsig besteht nun aber darin, daß zwar beide Zustände auf ein bestimmtes, gleichbleibendes Volumen festgelegt sind (einen konstanten Rauminhalt haben), daß aber eine Flüssigkeit ihre Form solange ändert, bis sie sich einem begrenzenden Festkörper angepasst hat. Ein fester Körper andererseits (ein Stein, ein klumpen Metall, ein Kristall) bleibt jedoch immer seiner Form treu.

Und schließlich der gasförmige Zustand eines Stoffes. Ein erster erstaunlicher Schritt der Wissenschaft über die menschliche Wahrnehmung hinaus war seine Entdeckung. Uns umgibt nicht bloß leere: sondern Luft. Geradezu eine sehr feine Flüssigkeit, die als Wind an uns vorüberfließen kann, jedoch mit der Eigenschaft behaftet, kein festes Volumen zu haben: Ein Gas dehnt sich solange aus, bis es in einem Raum gleichmäßig verteilt ist (was sich zum Beispiel Selbstmörder bei der Verwendung von Gasherden zunutze machen).

Aber das alles ist nur ein kleiner Ausschnitt, quasi die unbedarfte Oberfläche, der Wirklichkeit und ihrer Aggregatzustände. Man nehme zum Beispiel das Plasma: »ein Gas, das teilweise oder vollständig aus freien Ladungsträgern, wie Ionen oder Elektronen, besteht.« Ein Blitz ist zu Plasma gewordene Atemluft. Wer eine Leuchtstoffröhre anschaltet, erzeugt im Handumdrehen Plasma. Und auch die Kerzenflamme ist: Plasma.

Jetzt ist die Grenze der Anschaulichkeit endgültig erreicht, aber die Zustandsformen der Materie sind noch nicht erschöpft. Es gibt außerdem, unter der Oberfläche der nachvollziehbaren Wirklichkeit, noch das Bose-Einstein-Kondensat, den suprafluiden Zustand, das Atomgas, die Fermionen-Kondensation, den mesomorphen und überkritischen Zustand zwischen fest und flüssig sowie flüssig und gasförmig.

Und wir greifen einfach so, ohne uns über all das im klaren zu sein, mit unseren Händen nach diesem und jenem.