Kurzum. Mikroblog-Archiv
20. November 2012

»Allein im Walde weilen einzeln einsam wir,
Gestutzten Stämmen ähnlich im Gehölz:
Gar mancher neidet mir so glaues Glück,
Wie Höllengauch dem Himmelgänger giert.«

Die Reden Gotamo Buddhos, übers. von Karl Eugen Neumann, 7. Teil, Nr. 62

»Den Bösen der verkleidet kam
Herr Salomo gefangen nahm,
Mi9t einem Haar aus Adams Bart
Schnürt er ihn ein nach rechter Art,
Und sprach: ›Du sollst mir daran denken
Was thust du Fürst der Finsterniß
Mit zweien Augen? ganz gewiß
Mußt du mir eins der beiden schenken.‹
Darauf nahm er den Höllengauch
Zur rechten Straf das —«

Luise von Ploennies, Mariken von Nymwegen, Berlin 1853, Siebenter Gesang: Vom Grafen von Malz.

vorher…

Dem Jüngling aber, welcher frühe
Durch's Beispiel angesteckt, den rechten Pfad verlor,
Sein unerfahrnes Herz bethören ließ, sein Ohr...

Friedrich Wilhelm Gotter, Über die Starkgeisterei (Bruchstück einer Epistel)

13. November 2012

»Der Silberblick des Himmels läuft mit zertragenen dunkeln Flocken an.« (Jean Paul)

31. Oktober 2012

...the concomitant of filthy and impure actions, and proceeded to such a degree of voluptousness and sordid uncleanness, that he composed verses for his epitaph, with a command to his successors to have them inscribed upon his tomb after his death, which were thus translated by a Grecian, out of the barbarian language —

What once I gorg'd I now enjoy,
And wanton lusts me still employ.
All other things by mortals priz'd,
Ar left as dirt by me despis'd.

The Historical Library of Diodorus the Sicilian ... Translated by G. Booth, Esq., Vol. I, London 1814, cap. II, p.119

vorher…

Kein Gräslein aller Menschen Fleiß
nicht aus der Erd zu bringen weiß.
Sein Regen und sein Sonnenschein,
der Segen Gottes, ists allein,
der [Nahrung](∗) gibt.

Ein Gedicht Sigmund von Birkens, von "Dietwalt" gesprochen in Birkens »Gottseeliger Gespräch Lust«, XVIII. Die Mahlzeit, §53

Was Birken hier im Sinn hat, erscheint mir wie eine Zusammenfassung all jener Schwierigkeiten, in die uns unsere industriell-technische Lebensform heute geführt hat. Wie viel Energie und wie viele Maschinen man auch immer hat: die schieren Grundlagen unseres Überlebens hängen von Kräften ab, die wir nicht beeinflussen können.

30. Oktober 2012

»Ein müssiger Kopf, ist des Teufels Dopf, in welchem er seine Bosheiten kochet, und denselben mit den Begierdammen ümschieret.« (Siegmund von Birken)

Mir scheint jener Gedanke Aristoteles' lebensbejahender: »Die Muße ist die Schwester der Freiheit.«

1. Oktober 2012

»Auf solche Weiße gebraucht sich des Redens, allein der Pöbel, welcher nichts bässers noch nützlichers, als der Kunstlehre ermanglend, vorbringen, inzwischen aber nit schweigen, kan.«

Das lässt Sigmund von Birken seinen ›Adelbert‹ sagen, ein »junger von Adel« und eine Figur in seiner »Gottseeligen Gespräch-Lust«.

Wenn also aus der Perspektive eines idealtypischen Adligen der Barockzeit der Pöbel, weil ihm an Kunstlehre fehlt, eigentlich am besten schweigen sollte: dann wäre die idealtypische Alltagswelt also ein Reich des Schweigens — reichlich bedrückend.

4. September 2012

»So passionirt er fürs gute und rechte ist, so wirds ihm doch weniger darinne wohl als im unschicklichen«. (Goethe)

Briefe an Charlotte Stein, Nr. 594

22. August 2012

Jedenfalls solange man es nicht versteht, eignet sich das Gotische und Althochdeutsche gut, um Zaubersprüche auszudenken: »aiva ubilin, ubilê birut, akrana ubila, ubilê gidancha.«

Bislang hat der Spruch nicht funktioniert — zum Glück, muß man sagen: ubilê birut bedeutet im Althochdeutschen: ihr seid arg. Akran ist die Frucht, gidancha die Gedanken, aiva ist offenbar das aevum, das Zeitalter.

15. August 2012

»sie eileten dem schif zu, jetzund wolt ein jeder mit gewalt hinein, Pelorus liesz nicht zu, schlug viel zu boden, sie erwürgeten einander wie die hund.« (Zitiert nach Grimms Wörterbuch)

14. August 2012

»Ists nicht ein wunderding voran,
Das die Warheit nirgend bleiben kan?«

Friedrich Petri, Der Teutschen Weisheit, Hamburg 1605

vorher…

»Pfahl / Mörsel / Spiß / Bley / Beil vnd Stangen /
Rohr / Säge / Flamm / zuschlitzte Wangen /
Entdeckte Lung' / entblöste Hertzen /
Das lange zappeln in den schmertzen /
Wenn man vns Darm vnd Zung entrückte!
Das war was Abas Aug' erquickte.«

So klagt der »GegenChor« in der »Reye der von Chach Abas erwürgeten Fürsten« im Trauerspiel »Katharina von Georgien« von Andreas Gryphius, 9. Kapitel

2. August 2012

»iebaʒ iebaʒ erkandte sie
in leide unde ouch in pînen,
daʒ si ein pilgerînen
in dirre unstêden werlde was.«

Das Leben der Heiligen Elisabeth vom Verfasser der Erlösung, hg. von Max Rieger, Stuttgart 1868, S. 96, v. 1168-71

2. Juli 2012

»Die Geschichte aller Religionen und Philosophien lehrt uns, daß diese große, den Menschen unentbehrliche Wahrheit von verschiedenen Nationen in verschiedenen Zeiten auf mancherlei Weise, ja in seltsamen Fabeln und Bildern der Beschränktheit gemäß überliefert worden; genug wenn nur anerkannt wird, daß wir uns in einem Zustande befinden, der, wenn er uns auch niederzuziehen und zu drücken scheint, dennoch Gelegenheit gibt, ja zur Pflicht macht, uns zu erheben und die Absichten der Gottheit dadurch zu erfüllen, daß wir, indem wir von einer Seite uns zu verselbsten genöthigt sind, von der andern in regelmäßigen Pulsen uns zu entselbstigen nicht versäumen.«

J.W. Goethe, Dichtung und Wahrheit, Schluß des 8. Buches (Weimarer Ausgabe, 27. Bd., 1889, S. 221f.)

29. Juni 2012

»Bob blutet auf Gary beim Rausschleifen« — die poetischen Höhen abendlicher Fernsehunterhaltung. Auf der Mitte des Satzes »Schluß mit Basteln und Werken« wird leider ausgeschaltet.

18. Juni 2012

»Allein/ wie viel verführt das Jrrlicht schnöder Lüste?
Nichts ist/ womit ihr Sinn sich zu vergnügen wüste/
Sie sagen: Jmmer her.   Man gibt/ so viel man hat; ...«

Hans Assmann von Abschatz, Poetische Übersetzungen, »Unvergüngung/ aus dem Horatius.«

11. Juni 2012

er schaut von oben länder hufen gleichen,
und städte löchern; in den engen reichen schaut er in haufen, heiszen geiz zu kühlen,
maulwürfe wühlen.

Ewald von Kleist

vorher…

Grimms Wörterbuch: »einem den leib mittheilen, in fleischlichem sinne:«

»warlich, es ist die zawberei
pei meinem aid kain phantasei,
weil ich durch irer kraft und macht
die wirtin het zumb paren pracht,
die mir mitailt het iren leib,
het nit der dewfl her gfüert mein weib.«

Hans Sachs in einem »Fastnachtsspiel«.

22. Mai 2012

»Wo viel ist, ist der Teufel, wo nix ist, ist er zweimal.« (Sprichwort)

9. Mai 2012

»...durch dein Gnade hilf mir, das in mir mein Name abgehe und ich zu nichte werde.« (Luther)

6. Mai 2012

»Die meisten Luxusgüter und viele der sogenannten Bedürfnisse des täglichen Lebens sind nicht nur entbehrlich, sondern sogar Hindernisse für die Entwicklung des Menschen. Ein Mensch ist so reich wie die Anzahl der Dinge, auf die er verzichten kann.« (Henry David Thoreau)

2. Mai 2012

»Gebärden und äußerer Anstand verkündigen einen Mann, den die Welt ausgebildet hat.« (Schiller)

10. April 2012

»One’s destination is never a place, but a new way of seeing things.« (Henry Miller)

Nämlich aus Big Sur and the Oranges of Hieronymus Bosch. Wikiquote merkt an, daß im Originalzitat »looking at things« steht; aber man zitiert zu Recht fehlerhaft, denn so klingt es schöner.

vorher…

da seh ich wundernd das erschrockne thier
zu einer nonne füszen zitternd liegen [...]
sie aber blickt mit groszen augen flehend
mich an. so stehn wir schweigend gegen einander

Schiller, Die Braut von Messina, 702, zit. n. Grimms Wörterbuch, s.v. »gegen«

4. April 2012

»Tissot erzählt von einem Kranken, der im Anfang der Krankheit schwarze Galle brach, und noch einige Stunden vor seinem Tode faselnd und mit Heftigkeit eine Aderläß verlangte, die ihm ein Bartscheerer machte. Gleich darauf verfiel er in die heftigste Hirnwuth, welcher bald ein gäher Tod folgte. Die Klara Sied verlangte auf der höchsten Stufe der Krankheit, wo sie ganz ausser sich war, nicht nur ein Messer, um den Magen aufzureissen, sondern auch dringend und hartnäckig eine Aderläße, die ihr gewiß den Tod gebracht hätte.«

Franz Joseph Gall, Philosophisch=Medicinische Untersuchungen über Natur und Kunst im kranken und gesunden Zustande des Menschen, 1. Band, Wien: Rudolph Grässer und Comp. 1791, §. 114., S. 672.

3. April 2012

»der hungir wart also gross dar czu,
das sy frossin er aldin schu,
spru, trebir, unde waz sy mochtin gehan.«

Aus Johann Christoph Rothes Matthäuspassion, zit. nach Grimms Wörterbuch, s.v. »Treber«

vorher…

»wer sein selbst kan seyn, der diene kaim.« — Aber die Sprichwortsphäre scheint sich dieser Unbeugsamkeit nicht ganz sicher zu sein, denn: »wer sein selbst ist, der ist des teufels knecht.«

Quelle: Grimms Wörterbuch, s.v. »sein« (Pronomen)

2. April 2012

»...dass der Mensch an sich als universell kriminelles Wesen auf die Welt kommt, aber durch die Erziehung sozialisiert wird und dann sich in der Regel normal verhält. « (Reinhard Haller)

Sendereihe bei D-Radio

24. März 2012

»Es ist eine Zeit für die Muße,
es ist eine Zeit für den Streit,
es ist eine Zeit für die Buße,
für alles die richtige Zeit.

Und wer um sie weiß, der ist weise
und eins mit dem, was ihm geschah,
wie keiner in unserem Kreise;
sonst säßen wir alle nicht da,

ihr Freunde, um einen zu heben,
und hätten geprahlt nicht, geträumt,
und hätten nicht alle zu leben
und mancher zu sterben versäumt.«

Das »Trinklied der Fünfziger« von Theodor Kramer

23. März 2012

自動思考 (Jidō shikō) bedeutet »Gedankenautomat« oder »automatische Gedanken«.

22. März 2012

Die Wasseraffen-Theorie (oder die »Litoraltheorie der Hominisation«), die evolutionäre Psychologie (die »Modularität des Geistes«) und daß die Angst vor Krokodilen vielleicht die älteste ist.

21. März 2012

Identitätsmanagement, die Work-Life-Balance, rollende Soundpanzer, Finanzvehikel und die »Hydra-Logik«

vorher…

Das eigentliche sind nie die Einzelheiten — sondern das, wie sich alles Einzelne zu einer großen Gestimmtheit verwebt.

(Wahrscheinlich ist die Wirklichkeit hinter allem was man magisch nennen könnte gerade die alles konstituierende Wirkung, die das Geflecht aus Stimmung auf das menschliche Innenleben hat, ohne daß wir davon allzuviel wissen; -- und die Fähigkeit, die manch einer vielleicht haben kann, daran einzelne Knoten festzumachen.)

29. Februar 2012

»Klötßze« scheint mir, auch wenn es lediglich das homunkulöse Ergebnis eines Computerlesefehlers ist, ein urteutonisches Wort zu sein.

3. Februar 2012

»I wanted to amplify that quite explicit but often entirely invisible friction that's constantly surrounding us between things that we do and the consequences of our actions...«

Der Ausspruch stammt von Metthew Herbert, der in einem Interview über sein Album »One Pig« befragt wurde:

»Recorded over the lifetime of one animal from birth (rustling straw and grunts), through life (the sounds of a farm and the English weather) and eventual eating (the album ends with the sound of cutlery on crockery), One Pig is a thoughtful meditation on what Herbert describes as "the drama and the melancholy of nurturing animals to slaughter them to eat."

Herbert himself is a meat-eater. "My intention was to understand the consequences of that decision and to witness the whole process, and in doing so I wanted to amplify that quite explicit but often entirely invisible friction that's constantly surrounding us between things that we do and the consequences of our actions," he says. "It's a very important part of my work generally — pushing my microphone into these darkened holes."«

24. Januar 2012

»Was heißt es anders als der Vernunft entsagen, wenn iemand ein höchstes Wesen läugnet, das alle Dinge erhält, regirt, und was ewig im Begrif ist, aus einander zu fallen...« — Der hier nicht zitierte Fortgang des Satzes dreht die Verhältnisse freilig wieder einmal herum (nicht Gott fällt auseinander, sondern alles übrige ist in Gefahr, dieses Schicksal zu erleiden), allerdings ist der erste Satzteil erstaunlich in seiner ungewollten Kühnheit.

18. Januar 2012

»Was ist für ein fixer Punkt meines unveränderlichen Daseyns in mir, vermöge dessen ich trotz alles Abreibens und Wegdünstens der Materie doch immer der Nämliche bin? [...] eine Hülle, die aus ähnlichen Bestandtheilen nach dem Plan und Gesetz gebildet ist, wenn auch gleich nicht die nämlichen Erdtheilchen, die die Natur diesen Sommer in der Organisation einer Bohne vereinigte, und die heute, als ich sie aß, in einen pars mei animalisirt wurde, wieder an dem nämlichen Ort werden zu finden seyn, wo die Natur sie jetzt zur Erhaltung des Körpers anbringt.«

J.P. Hebel, »Auferstehung«

17. Januar 2012

»Im Schlaf empfand er Schmerz. Gern und oft, u. geschickt bringt die Phantasirende Seele im Traum ihr bilderreiches Spiel mit der Disposition u. den Empfindungen des Körpers in Verbindung. Der Mann, mit dem J[akob] kämpfte, stoßt ihn iezt in die Hüfte. — Am Morgen ist Jak. steif, u. hinkt, wie natürlich.«

Johann Peter Hebel in einer Notiz zum »Kampf am Jabbok« des Patriarchen Jakob (Gen. 32).

vorher…

»Je befriedigender die Gegenwart ist, desto zufridener Ruht auf ihr das Auge; wozu alsdann der Blick in die Zukunft, der mehr zehrt als sättigt?« (J.P. Hebel, Notiz zu Ps. 45)

13. Dezember 2011

Und weiterhin der Ichneumon, von dem Plinius zu berichten wusste, daß er schlafenden Krokodilen in den Leib kriecht, um deren Herz an Ort und Stelle zu fressen.