Es mußte eine Bewegung der Augen gewesen sein, wohl in unglücklicher Konjunktion mit einem Rucken des Kopfes; ein Schritt, den er um den Bruchteil eines Augenblicks zu früh oder zu spät gesetzt hatte, gegen das innere Gleichgewicht seiner Körperteile – er glaubte zu spüren, wie deshalb ein Schaudern durch ihn lief, das aus einer viel tieferen Schicht kam, als gewöhnliches Schaudern, etwa wegen der Kälte, die gleichzeitig auch um ihn herrschte, und die an den vorderen Gliedern seiner Finger nagte.
Es mußte irgendein eklatentes inneres Mißverhältnis eingetreten sein, eine feinstoffliche Verschiebung, eine unterschwellige Katastrophe nah am Kern seines Selbst; nicht geradewegs mitten darin, aber nahe an der Umfassung dieses Kerns, denn die Erschütterung war gleichzeitig weitreichend und erträglich, beiläufig oder nebensächlich.
Gerade diese Mischung empfand er jetzt als unangenehm kompliziert: er ging weiter, als wäre nichts geschehen, aber – dies war die Folge jener inneren Verkippung – er war sich nicht mehr sicher, wo er ging, ob er richtig ging, ob sein Ziel vor ihm, oder neben oder hinter ihm lag. An einem normalen Tag, unter normalen Verhältnissen, würde er, erinnerte er sich deutlich, diesen Weg (vielleicht diesen, vielleicht bloß einen ganz ähnlichen oder einen ganz anderen – wo lag denn sein Ziel?) ganz selbstverständlich gegangen sein. Er würde irgendwelchen Gedanken nachhängen und sich gar nicht darum kümmern müssen, wo er sich befand und was sich um ihn herum befand. Diese Aussetzung einer Normalität, die er sich jetzt nur noch vorstellen konnte, war das Problem: Warum erschienen ihm alle diese Häuser so vollkommen unbekannt? Warum konnte er sich, an der Ecke einer Kreuzung, am Ende einer Treppe stehend, die ihn von der Untergrundbahn heraufgeführt hatte, warum konnte er sich nicht mehr sicher für eine der vier möglichen Straßen entscheiden, die sich vor ihm erstreckten?
Er war über Jahre, erinnerte er sich, immer wieder diesen Weg gegangen. Bei den ersten zwei, drei Malen hatte er sorgfältig nach den Straßenschildern Ausschau gehalten (wie hatte die richtige Straße denn, um alles in der Welt, geheißen, wie?); dann aber hatte er ja den Weg auswendig gekannt und war ihn schlicht gegangen. Wo war denn das rote Haus, die Betriebsstätte des Elektroinstallateurs, wo war das alles? Das Namensschild, geschwungen im Geschmack lindgrüner Lampenschirme, eine Feinschmiedearbeit, die den Namen »Gaudlitz« darstellte: wo war es – aber es gehörte ja gar nicht hierher, nicht zu diesem, sondern zu einem anderen Weg, zu einem anderen Zielpunkt.
Warum erschien ihm alles so fremd und unzusammenhängend? – Er ging los, weil die Unklarheit ihn zu ängstigen begann, ohne sich wirklich klar geworden zu sein, ob die Straße, die er wählte, die richtige war. Er starrte dabei um sich wie ein Betrunkener, und sein Blick hielt sich, wie der eines Betrunkenen, bei den unwichtigsten Kleinigkeiten auf; besonders starrte er geradeaus auf das Ende der Straße, auf ein fernes Gebäude, das da stand, wo diese Straße mit einer anderen zusammentraf – er starrte und starrte und versuchte, dieses Gebäude da hinten in der Ferne zu lesen, wie einer eine uralte Handschrift zu entziffern versucht. Aber es wollte ihm dadurch nicht mehr oder weniger bekannt vorkommen. Alles blieb vage.
Die Häuser rückten unterdessen dichter zusammen, die Nacht vervollständigte sich, ein sehr dünner Regen setzte ein und er gelangte auf einen Hof, der mit groben Steinen gepflastert war, die immer ungleich weit hervorstanden, so daß sein Fuß beim Gehen immer auf irgendeine Weise schräg stand. Mit dem Nieselregen sank Ofenrauch in den Hof; eine Vitrine mit Anschlägen und in der Vitrine ein elektrisches Kabel, das sich zu einer Klobigen Zeitschaltuhr windet und von dort zu einer Leuchtstoffröhre, an der mehrere tote, vertrocknete Fliegen klebten. Aus dem ersten Stock eines Gebäudes dringt aus hohen Fenstern Quietschen von einer Vielzahl von Schuhen auf Turnhallenboden und dazu Klacken von Holz auf Holz: vielleicht wird dort oben gekämpft – aber niemand sagt oder ruft dabei ein Wort oder einen Laut, niemand schnauft auch nur; eine Frau in einer Tür rauchend, zwei Menschen auf dem Bürgersteig, sonderbar tanzend. Wo war er am Ende nur hingeraten?


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Daß es dich wundernimmt
Du bist in meinem Schatten eingeschlafen,
Und nun, da du frierst, wachst du auf.
Während es dich noch wundernimmt
Und du die Arme um die Brust schlägst,
In der deine fünf verschiedenen Sätze
Aneinanderschaben wie ein Kratzen im Hals,
Nämlich dein Credo aus Vorwürfen, siehst du
Was ich an Eis in meinem Blick bei mir trage,
Immer schon, seit unter mir meine Knie
Festgeworden sind, am Anfang der Spanne,
Die ich vorderhand Ich nenne wie jedermann –
Was ich an Eis bei mir trage in meinem Blick:
Und weil der Herzschlag mir
Kaum bis in jeden Winkel, und also
Auch nicht dorthin reicht,
Bleiben die Splitter ungeschmolzen,
Und werden am Ende noch
Meinen Sargdeckel kalt ansehen,
Mein Herz.
So kauerst du drei Armbreit weit entfernt,
Da, wo kein Atemstoß mehr ankommt,
Stehst schließlich auf und bleckst deine Zähne,
Und wir beginnen einander zu beschießen,
Verstäuben Zug um Zug unser Blut
In die leere Luft, warm allerdings
Jedes Mal zuerst noch für Augenblicke.
Wir lesen uns unsere Vorhaltungen vor,
Wie Messen, die auf den grauen Flächen ringsum zu lesen sind –
Jeweils nur für einen zu lesen sind, und der andere
Versteht jeweils nichts.
Und am Ende, nachdem ganz langsam
Alles still geworden ist,
Und wir unter irgendetwas
Schutz gesucht haben, und
Uns graues Gras in den Mund
Und in die Ohren und Nasen
Wächst und uns zwingt
Die Augen geschlossen zu halten,
So daß wir, jeder für sich, meinen,
Doch den Atem des andern im Dunkeln zu hören:
Am Ende steht lebhaft ein Wunder
Aus Metallspänen da,
Das sich selber immer
Noch von besten Absichten schält.
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