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	<title>Rauhfasler &#187; Ceterum censeo</title>
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	<description>Verbrauchende Versuche mit Wörtern</description>
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		<pubDate>Sat, 15 May 2010 10:31:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Janus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ceterum censeo]]></category>
		<category><![CDATA[Poetischer Apoplex]]></category>
		<category><![CDATA[Verfall]]></category>
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		<description><![CDATA[Schamlose Lügenmaschinen Sind Heizungen: Es sitzt sich dank ihrer angenehm Im Angesicht aller Frierenden Nebenmenschen; Doppelglasige Fenster außerdem Verstellen den Blick auf die Wirklichkeit: Sie sperren den Lärm, Den die lärmende Stadt macht, Während sie frißt und verdaut, Ungerührt aus; Man befindet sich mitten Im Getriebe als wär&#8217;s Irgendein schuldloser Ort. Es fließt ja auch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.rauhfasler.de/wp-content/uploads/2010/05/springbrunnen.jpg" class="floatbox" rev="group:7200 caption:`Eine Wasserkunst, mehrfarbig`"><img src="http://www.rauhfasler.de/wp-content/uploads/2010/05/springbrunnen-300x300.jpg" alt="" title="Eine Wasserkunst, mehrfarbig" width="300" height="300" class="rand size-medium wp-image-7266" /></a></p>
<p>Schamlose Lügenmaschinen<br />
Sind Heizungen:<br />
Es sitzt sich dank ihrer angenehm<br />
Im Angesicht aller<br />
Frierenden Nebenmenschen;</p>
<p>Doppelglasige Fenster außerdem<br />
Verstellen den Blick auf die Wirklichkeit:<br />
Sie sperren den Lärm,<br />
Den die lärmende Stadt macht,<br />
Während sie frißt und verdaut,<br />
Ungerührt aus;<br />
Man befindet sich mitten<br />
Im Getriebe als wär&#8217;s<br />
Irgendein schuldloser Ort.</p>
<p>Es fließt ja auch lediglich Wasser<br />
Aus dem Hahn, oder schwallweise,<br />
Und trotzdem wie zum Baden rein,<br />
Über das Exkrement.<br />
Doch die Hand, die es auf-<br />
Und abdreht, achtlos, alltäglich &#8212;<br />
Die Hand liegt doch eigentlich<br />
An jemandens staubiger<br />
Sprachloser Gurgel,<br />
Jemand den der Zufall<br />
Weit schlechter gestellt hat.</p>
<p>Die festen Mauern,<br />
Die frischen Fassaden<br />
Knirschen heimlich;<br />
Die Zeit wird<br />
Kommen, daß<br />
Sie unter der Last<br />
Allen Ungleichgewichts &#8212;<br />
Daß sie fallen.</p>


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</ol></p>]]></content:encoded>
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		<title>Wohlstand</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Oct 2009 09:50:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Janus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ceterum censeo]]></category>
		<category><![CDATA[Überleben]]></category>
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		<description><![CDATA[Das Fernsehen präsentiert abgerissene Notizzettel aus der großen, weiten Welt. Zuerst eine Mauer oder ein Zaun, der Schutzwall gegen den kapitalistischen Faschismus &#8211; so hat man wohl gesagt. Ein ausgeklügelter Schutzwall mit Suchscheinwerfern, Schießbefehl, Stolperdrähten, Wachtürmen, Mienen, Selbstschußanlagen usw. Dann kommt der noch ausgeklügeltere Freiheitsdrang von einigen Menschen zu Wort und es wird gezeigt, wie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="/wp-content/uploads/2009/09/maske-limes.jpg" class="floatbox" rev="group:4995 caption:`Maske eines römischen Soldaten aus dem Limes-Museum Aalen (von Flickr-Benutzer wo.men)`"><img class="rand size-medium wp-image-4997" title="Maske eines römischen Soldaten aus dem Limes-Museum Aalen (von Flickr-Benutzer wo.men)" src="/wp-content/uploads/2009/09/maske-limes-206x300.jpg" alt="Maske eines römischen Soldaten aus dem Limes-Museum Aalen (von Flickr-Benutzer wo.men)" width="206" height="300" /></a></p>
<p>Das Fernsehen präsentiert abgerissene Notizzettel aus der großen, weiten Welt. Zuerst eine Mauer oder ein Zaun, der Schutzwall gegen den kapitalistischen Faschismus &#8211; so hat man wohl gesagt. Ein ausgeklügelter Schutzwall mit Suchscheinwerfern, Schießbefehl, Stolperdrähten, Wachtürmen, Mienen, Selbstschußanlagen usw. Dann kommt der noch ausgeklügeltere Freiheitsdrang von einigen Menschen zu Wort und es wird gezeigt, wie man dem selbstgerechten Totalitarismus des antifaschistischen und antikapitalistischen Regimes entkommen konnte: Selbstgenähte Heißluftballons, selbstgeschreinerte Hochleistungssurfbretter, ein Stahlseil zwischen einem antikapitalistischen Haus und einem in aller Freiheit dastehenden Haus gespannt, sogar eine Grenzüberquerung mit Ultraleichtflugzeugen, wie sie in einem Agententhriller hätte stattfinden können. Und dann, in der Freiheit: Staunen über das Einkaufszentrum, erstmal ein Bier zur Feier des Abends. Ende der Sendung.</p>
<p>Nächster Schutzwall: der Limes. Ein Spezialist für Militärgeschichte redet über das Hinterland, das Vorfeld, die Zangenbewegung. Trachtengruppen rudern ein nachgebautes Binnenkriegsschiff, das Navis lusoria, ein &#0187;tänzelndes Schiff&#0171;. Geodäten wundern sich über die Präzision der Römer, die ihren Wall wie eine abstrakte Linie durch die Landschaft gebaut haben. Berittene Legionäre in der Winterlandschaft. Sie tragen versilberte Masken und sehen aus wie unberührbare Götter. Und hinter dem Limes der germanische Urwald, die Kamera fängt einen Bären ein, einen Wolf und einen Luchs. Wie sind die Filmemacher wohl an diese Tiere gekommen? Hat man sie in einem Zoo ausgeliehen? Eine freie, weite Landschaft wird gezeigt, eine Welt, in der man Platz hatte. Dann kam aber, sagt der sonore Sprecher, ein Kälteeinbruch, die Germanen leiden Hunger und überrennen den Schutzwall. Völkerwanderung. <span id="more-4995"></span></p>
<p>Ende der Sendung. Zum Abschluß Nachrichten: Politiker im Interview, die so glatte Formulierungen finden, daß man, sollte man den Versuch unternehmen, darauf einen zweiten Gedanken zu richten, feststellen müßte, daß die Verlautbarungen unverständlich sind wie das Gemurmel eines Orakels. Aber von irgendeiner Zukunft war doch gar nicht die Rede? Nächster Bericht: In Spanien versinken Ortschaften im Regen, die Straßen sind zu Flußbetten geworden, Autos pflügen sich durch das Wasser. Am Wochenende soll das Wetter auch in Spanien wieder besser werden. War das scherzhaft gemeint? Wann wird der Pegelstand der Straßenflüsse zum Wetterbericht gehören? Themenwechsel: Auf den Philippinen ertrinken Menschen im Regen. Ein Mann berichtet, wie sein Haus fortgespült wurde &#8211; er verschwendet keine Kraft darauf, hoffnungslos auszusehen. Auf einem Schutthaufen steht ein Hund und blickt dem Schiff hinterher, auf dem die Kamera herumgefahren wird. Er ist so mager, daß sich sein Fell straff über die Rippen spannt wie eine gerahmte Leinwand. Ein magerer Hund und außerdem eine alte Frau, die mitten im Weltuntergang ihren vor kurzem geborenen Enkel in einen Reisebus hebt.</p>
<p>Ausschalten. Die Bilder wiederholen sich. Die idyllische Winterlandschaft, davor der dampfende Atem des Pferdes, ein Legionär hinter einer glänzenden Eisenmaske, die Maske lächelt siegesgewiss, die Augen liegen hinter zwei kreisrunden, schwarzen Löchern. Die glitzernden Einkaufszentren im Reich der freien Kapitalbewegungen sind das Fluchtziel. Phrasendreschende Staatsmänner: Die Atomkraft als Brückentechnologie. Aber wohin spannt sich diese Brücke? Wir leben längst nicht mehr, hat ein politischer Vordenker neulich gesagt, in einer Mangelwirtschaft. Es gehe darum, den Überfluss zu verteilen. Wie lange wird es noch darum gehen, den Überfluss zu verteilen? Wer sitzt dabei mit am Tisch? Wem sind wir gleich, mit wem sollen wir uns vergleichen? Mit einem Säufer? Er hat getrunken, seit er denken kann, und an einem Abend versetzt ihn der Rausch in klarsichtige Wehmut. Er gelobt, es jetzt besser zu machen, die Probleme anzugehen und sich zu ändern. Er bemerkt nicht, daß es längst zu spät ist und das sich an ihm vollziehen wird, was er vor Jahren in Kauf genommen hat. Er bemerkt nicht, daß man nicht einfach einen Knopf drücken kann. Wir leben nicht mehr in einer Mangelgesellschaft, es gibt Brückentechnologien, bald wird das Wetter wieder besser, der Hund ist geimpft.</p>


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</ol></p>]]></content:encoded>
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		<title>Auf der Titanic</title>
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		<pubDate>Tue, 11 Aug 2009 10:17:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Janus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ceterum censeo]]></category>
		<category><![CDATA[Überleben]]></category>
		<category><![CDATA[Natur]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
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		<category><![CDATA[Weltbankrott]]></category>
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		<description><![CDATA[Was ist Veränderung? Ein verdächtiger Begriff. Während des überwiegenden Teils der Geschichte unserer Art auf diesem Planeten wurde Veränderung von Menschen jedenfalls als bedrohlich und entschieden vermeidenswert angesehen. Veränderung ist Abweichung vom Urzustand, von dem Erbe der Ahnen und dem Willen der Götter, von dem in der Vergangenheit verankerten grundsätzlichen Anfangszustand, der besser ist als [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="/wp-content/uploads/2009/08/InconvTruth.jpg" class="floatbox" rev="group:4418 caption:`Bild aus dem Film &quot;An Inconvenient Truth&quot;`"><img class="rand size-medium wp-image-4419" title="Bild aus dem Film &quot;An Inconvenient Truth&quot;" src="/wp-content/uploads/2009/08/InconvTruth-300x173.jpg" alt="Bild aus dem Film &quot;An Inconvenient Truth&quot;" width="300" height="173" /></a></p>
<p>Was ist Veränderung? Ein verdächtiger Begriff. Während des überwiegenden Teils der Geschichte unserer Art auf diesem Planeten wurde Veränderung von Menschen jedenfalls als bedrohlich und entschieden vermeidenswert angesehen. Veränderung ist Abweichung vom Urzustand, von dem Erbe der Ahnen und dem Willen der Götter, von dem in der Vergangenheit verankerten grundsätzlichen Anfangszustand, der besser ist als alles, was sich irgendjemand heute ausdenken könnte – und deshalb ist Veränderung verdächtig. Wenn sich etwas ändert, dann nur zum schlechten und höchstens scheinbar zum Guten. Quasi nanos sunt gigantum umeris insidentes –<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Zwerge_auf_den_Schultern_von_Riesen" title="Nachlesen bei Wikipedia" target="_blank"> gleichsam Zwerge sind wir,</a> die auf den Schultern von Riesen sitzen, lautet ein bündiger Audruck für dieses traditionsverbundene Selbstbewußtsein</p>
<p><a href="/wp-content/uploads/2009/08/Dampfma_gr.jpg" class="floatbox" rev="group:4418 caption:`Eine von James Watt entworfene, doppelt wirkende Niederdruckdampfmaschine mit Balancier (Wikipedia)`"><img class="size-medium wp-image-4425 alignright" title="Eine von James Watt entworfene, doppelt wirkende Niederdruckdampfmaschine mit Balancier (Wikipedia)" src="/wp-content/uploads/2009/08/Dampfma_gr-204x190-custom.jpg" alt="Eine von James Watt entworfene, doppelt wirkende Niederdruckdampfmaschine mit Balancier (Wikipedia)" width="204" height="190" /></a>Dann kam die Aufklärung und alles wurde besser. Die Enge der Tradition wurde erkannt und das Menschengeschlecht ging daran, einen neuen Anfang zu machen. Erfindungen wurden gemacht, der Unternehmergeist der Menschen geweckt, der Aberglaube überwunden und die Nüchternheit allgemein eingeführt. Es konnte seitdem nur jeden Tag besser werden. Der Riese konnte sich endlich zur Ruhe setzen und die Zwerge gingen ans Werk, ohne sich von der Schwerfälligkeit des verrenteten Giganten noch weiter behindern zu lassen.</p>
<p>Heute allerdings ist der Fortschrittsmotor ins klappern und scheppern gekommen. Zwar wächst unser Wohlstand unentwegt – auch wenn die Bedürfnisse immer noch stärker wachsen und es uns nicht recht sehen lassen. Zwar kommen mit jedem Jahr weitere Annehmlichkeiten hinzu. Aber: auf den goldgepflasterten Weg des Fortschritts in die Zukunft fallen Schatten. Und eine alte literarische Gattung wird wiederentdeckt: Die Apokalypse. <span id="more-4418"></span></p>
<p>Wir gelangen von Jahr zu Jahr immer deutlicher zu der Einsicht, daß das Ende des Fortschritts irgendwann in absehbarer Zeit erreicht sein wird; daß dann die Rechnung präsentiert werden wird, und: es wird über unsere Verhältnisse gehen, sie zu begleichen. Eine „quasi-geologische Kraft“ ist der Mensch in den knapp dreihundert Jahren seit Erfindung der Dampfmaschine geworden, eine entfesselte und insgesamt ziemlich blinde Kraft, die „die natürliche Arbeitsweise des Erdsystems wesentlich und unwiderruflich verändern wird“.<sup class='footnote'><a href='#fn-4418-1' id='fnref-4418-1'>1</a></sup> Wenn wir auf unsere weit entwickelten Instrumente blicken, die für uns die Zukunft voraussagen, sehen wir: diese Veränderung wird reichlich zu unseren Ungunsten ausfallen, wie ein Tümpel, der überdüngt wurde und in dem das biologische Gleichgewicht zerstört ist, wird die Biosphäre der Erde umkippen. Und es wird bis dahin weniger Zeit vergehen, als seit der Empfindung der Dampfmaschine vergangen ist.</p>
<p>Warum? Weil ein Irrtum war, was die ersten begeisterten Vordenker der Idee von Fortschritt und Entwicklung sich ausgemalt hatten: daß der Mensch, wenn man ihn nur ließe und nicht unterdrücke, sich selbst veredeln würde, äußerlich und innerlich; daß wir einen Hang dazu hätten, immer erwachsener, vernünftiger und freiheitsliebender zu werden; daß es in unserer Natur liege, freundliche Gärtner in blühenden Landschaften eines endlich wiedererrichteten Paradieses sein zu wollen. Anscheinend ist das eine nur unvollständige Charakterisierung des Menschengeschlechtes. Wir haben einen Hang dazu, unser Scherflein ins Trockene zu bringen, auch wenn wir dafür den ganzen Rest im Regen stehen lassen müssen. Unsere technischen Möglichkeiten erheben uns in den Rang einer quasi-geologischen Kraft, einer so umfassenden Kraft, wie es die Meeresströmungen sind oder die Bodenerosion. Nicht allzu umfassend ist demgegenüber unsere Fähigkeit zu planen und unser Verhalten zu steuern: wir haben uns machtvolle Werkzeuge geschaffen, um die Welt nach unseren Wünschen umzubauen. Aber wir haben uns keine Zeit genommen, auf den Bauplan mehr als einen flüchtigen Blick zu richten.</p>
<p><img class="alignright size-medium wp-image-4426" title="Exponentialfunktion" src="/wp-content/uploads/2009/08/exponential-206x195-custom.jpg" alt="Exponentialfunktion" width="206" height="195" />Insgesamt entsteht, wenn man diese Konturen verfolgt, ein recht verwirrendes Bild: Einerseits machen wir immer weitere Fortschritte. Wir können gewiß sein, daß der Fernseher, den wir in zwei Jahren kaufen könnten oder das Handy, das unser momentanes ersetzen wird alles in den Schatten stellt, was zur Zeit verfügbar ist. Niemals würde ein Politiker Wählerstimmen erhalten, der wirtschaftliches Wachstum rundheraus ablehnt. Andererseits aber greift eine Ahnung um sich, das es nicht mehr lange gut gehen kann. Trotzdem scheinen die neuen, mit wissenschaftlicher Akribie erarbeiteten Weltuntergangsszenarien weit hergeholt zu sein. Denn es geht uns gut – warum sollte es uns auch nicht gut gehen, wenn wir fleißig arbeiten?</p>
<p>Einer jener akribischen Wissenschaftler zum Beispiel gelangt zu der Einschätzung, man könne heute den „kollektiven Selbstbetrug einer Gesellschaft, die auf der Titanic tanzt“ beobachten.<sup class='footnote'><a href='#fn-4418-2' id='fnref-4418-2'>2</a></sup> Die „Fakten“, die dafür sprechen, daß uns ein großer Umbruch bevorsteht, sind nach Bekunden dieses Klimaforschers „so klar, daß man sich eigentlich nicht mehr verstecken kann“. Eigentlich nicht – aber tatsächlich gelingt das Versteckspiel doch. Was uns zu Hilfe kommt ist offenbar die Unfähigkeit, auf eine Bedrohung zu reagieren, die weit entfernt ist. Wir verhalten uns gemäß einer Sammlung sehr einfacher Instinkte, entsprechend unserer Natur. Die Maschinen, die wir in Gang gesetzt haben, sind aber weitaus komplexer – sie haben uns, während sie unseren wirtschaftlichen Fortschritt antrieben, allmählich abgehängt. Sodaß wir nun eigentlich nur noch Beobachter eines Prozesses sind, den wir einmal nichtsahnend und mit den besten Absichten in Gang gesetzt haben. Ein Prozeß, der von uns getragen wird, aber den wir nicht steuern können: ein Prozeß, der den Planeten und das Leben auf ihm verändert, der wie eine Naturgewalt wirkt, die das Überleben unserer Spezies wie aller anderen gefährden wird. Ein Prozeß, den wir absehen, den wir aber nicht stoppen können.</p>
<p>Ist das alles wirklich so? Oder erleben wir nicht so sehr ein fatale Umwälzung der natürlichen Gegebenheiten, sondern lediglich eine Wiederbelebung einer alten Angewohnheit menschlichen Denkens: Der Ansicht nämlich, daß die Zukunft nur ein Niedergang sein kann und das der Weltuntergang unvermeidlich ist. Das haben Menschen schon immer gedacht, haben immer wieder, in Abständen von einigen Jahrzehnten, es als unbestreitbar angesehen, daß das Weltende kurz bevor steht. Früher klangen apokalyptische Erwartungen meistens religiös – und heute, in einer modernisierten Fassung, klingt die Apokalypse naturwissenschaftlich. Tatsächlich entwuckelt sich in Debatten über die globale Erwärmung und die künftigen Naturkatastrophen häufig genug ein quasi-religiöser Eifer. Ist demnach alles ein Produkt schwarzseherischer Phantasie?</p>
<p><img class="alignright size-medium wp-image-4427" title="Klimasimulation" src="/wp-content/uploads/2009/08/klimasim-185x199-custom.gif" alt="Klimasimulation" width="185" height="199" />Diese Phantasie speist sich aus Simulationen, die gigantische Rechenmaschinen unter Anwendung von schwierigen Formeln entwickeln. Anhand dieser Simulationen läßt sich vorhersagen, wie das globale Ökosystem und die physikalischen Vorgänge auf dem Planeten darauf reagieren werden, daß der Mensch die chemische Zusammensetzung der Atmosphäre einschneidend verändert. Das ist äußerst komplex und für kaum jemanden im einzelnen nachvollziehbar. Es läßt sich aus solchen Erkenntnissen auch kein Produkt gewinnen, das im Alltag nützlich wäre – wie sonst bei den meisten wissenschaftlichen Erkenntnissen, die erst dadurch ihre Relevanz beweisen. Gegen die Prognosen der Klimaforscher steht vor allem die einfache und unmittelbar einleuchtende Erkenntnis, die der Blick aus dem Fenster vermittelt: Alles ist in Ordnung.</p>
<p>Die kommende Klimakatastrophe ist ein Medienereignis: Ein Ereignis, das nur in einem bestimmtem Medium, der Wissenschaft, der mathematischen Simulation, der Extrapolation von Beobachtungen, übermittelt wird. Ganz so, wie andere Katastrophen lediglich als Medienereignisse greifbar sind: kriegerische Auseinandersetzungen in fernen Ländern, Hungerkatastrophen in anderen Kontinenten, Armut und Elend in weiter Entfernung. Und auch solche Ereignisse, weil sie letztlich nur Medienereignisse sind, verändern unser Verhalten nicht wesentlich. Denn der Blick aus dem Fenster besagt weiterhin: Alles ist in Ordnung.</p>
<p>Erst, wenn die unmittelbaren, eigenen Interessen berührt sind, handelt ein Exemplar der Gattung Homo sapiens. So gibt es ihm sein angeborenes, ganz natürliches Verhalten vor. Mit ungreifbaren, körperlosen Dingen umzugehen, etwas weit entferntes in unsere Überlegungen mit einzubeziehen – dazu sind wir nicht in der Lage. Deshalb wird es erst dann Reaktionen auf die Klimaveränderung geben, wenn ihre Folgen gravierend genug sind, uns spürbare Nachteile einzubringen, die den Lebenskomfort einschränken und unangenehme Kosten verursachen, die nicht mehr als Hypothek in die Lebenszeit kommender Generationen aufgeschoben werden können. Dann aber wird es schon zu spät sein.</p>
<div class='footnotes'>
<div class='footnotedivider'></div>
<ol>
<li id='fn-4418-1'>„Die Menschheit wirkt jetzt wie eine quasi-geologische Kraft im planetaren Maßstab, die die natürliche Arbeitsweise des Erdsystems wesentlich und unwiderruflich verändern wird&#8230;“ <em>(Memorandum des 2007 in Potsdam abgehaltenen Symposiums <a title="Quelle: Potsdam Memorandum" href="http://www.nobel-cause.de/potsdam-memorandum" target="_blank">„Global Sustainability: A Nobel Cause“</a>)</em> <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-4418-1'>&#8617;</a></span></li>
<li id='fn-4418-2'>Die Fakten sind so klar, daß man sich eigentlich nicht mehr verstecken kann, in irgendeiner Weise verbergen kann. Da gibt es eine Komplizenschaft zwischen der großen Industrie sowie den kleinen Konsumenten, den Politikern wie den Nichtwählern und so weiter. Es ist eben der kollektive Selbstbetrug einer Gesellschaft, die auf der Titanic tanzt. <em>(Hans Joachim Schellnhuber, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, im TV-Magazin Panorama vom 06. August 2009)</em> <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-4418-2'>&#8617;</a></span></li>
</ol>
</div>


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</ol></p>]]></content:encoded>
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		<title>Unseren Vätern</title>
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		<pubDate>Tue, 07 Jul 2009 10:30:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Janus</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Endzeit]]></category>
		<category><![CDATA[Fressen]]></category>
		<category><![CDATA[Himmel]]></category>
		<category><![CDATA[Ungerechtigkeit]]></category>
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		<category><![CDATA[Weltbankrott]]></category>

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		<description><![CDATA[Unsere Väter, unsere Großväter Haben dieses Land gebaut Nach bestem Vermögen &#8211; Wir erben nur Schutt. Aus den Überresten von Ihrem letzten, späten Frühstück Kochen wir uns Eine Fadensuppe Und sehen zu, Voller Bewunderung, Wie ein kunstvoll gebauter Motor Mit wenigen Umdrehungen Den Rest der Spreu verbrennt, Die wir in den Speichern fanden. Es reicht [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="/wp-content/uploads/2009/06/WaraiJoW.JPG" class="floatbox" rev="group:4058 caption:`Maske vom Typ Warai-jô (lachender alter Mann; Bildquelle: Susan Blakeley Klein)`"><img src="/wp-content/uploads/2009/06/WaraiJoW-219x300.jpg" alt="Maske vom Typ Warai-jô (lachender alter Mann; Bildquelle: Susan Blakeley Klein)" title="Maske vom Typ Warai-jô (lachender alter Mann; Bildquelle: Susan Blakeley Klein)" width="219" height="300" class="rand size-medium wp-image-4060" /></a></p>
<p>Unsere Väter, unsere Großväter<br />
Haben dieses Land gebaut<br />
Nach bestem Vermögen &#8211;<br />
Wir erben nur Schutt.</p>
<p>Aus den Überresten von<br />
Ihrem letzten, späten Frühstück<br />
Kochen wir uns<br />
Eine Fadensuppe</p>
<p>Und sehen zu,<br />
Voller Bewunderung,<br />
Wie ein kunstvoll gebauter Motor<br />
Mit wenigen Umdrehungen<br />
Den Rest der Spreu verbrennt,<br />
Die wir in den Speichern fanden.</p>
<p>Es reicht gerade noch,<br />
Bis der letzte greise, weise<br />
Erbauer unserer Plexiglastretmühlen<br />
Fett und wohlig warm</p>
<p>Durch unser pflichtschuldiges Treten<br />
Beleuchtet, von unserer Hand<br />
Mit dem Abgesparten genährt<br />
Friedlich abstirbt.</p>
<p>Ringelreihen tanzen sie dann,<br />
Unsere Väter, Großväter,<br />
Im verpfändeten Himmel<br />
Und schauen uns zu,<br />
Und staunen wie zäh<br />
Wir uns halten,<br />
In der Steppe,<br />
Die sie uns ließen.</p>


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		<title>Auf Leber und Darm</title>
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		<pubDate>Mon, 29 Jun 2009 11:39:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Janus</dc:creator>
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		<description><![CDATA["Fühlen Sie sich gut?" Eine ziemlich grundsätzliche Frage, die mir unversehens gestellt wird. In einem ungeschützten Moment, meine Gedanken müssen eilends und nur halb bekleidet von irgendwo zurückkehren. Da vor mir ist eine <a title="Nachsehen..." href="http://www.felix-burda-stiftung.de/kampagne/print/index.php?" target="_blank">Gestalt auf einem Plakat</a>, beinahe lebensgroß abgebildet -- sie stellt mir diese Frage stellt. Ein Mann mit ordentlicher Frisur und einem zufriedenen, von Grund auf freundlichen Lächeln im soliden, starkknochigen, vertrauenswürdigen Gesicht. Er versucht, mit einer Hand aus dem Plakat hinauszugreifen, wohl um mich für einen Augenblick aufzuhalten, damit ich mir Zeit nehme, über sein wichtiges Anliegen nachzudenken.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="/wp-content/uploads/2009/06/greifen.jpg" class="floatbox" rev="group:4008 caption:`Die Hand von Wladimir Klitschko auf dem Plakat der Felix-Burda-Stiftung zum Thema Darmkrebs`"><img class="rand size-full wp-image-4021" title="Die Hand von Wladimir Klitschko auf dem Plakat der Felix-Burda-Stiftung zum Thema Darmkrebs" src="/wp-content/uploads/2009/06/greifen.jpg" alt="Die Hand von Wladimir Klitschko auf dem Plakat der Felix-Burda-Stiftung zum Thema Darmkrebs" width="300" height="225" /></a></p>
<p>﻿»Fühlen Sie sich gut?&#0171; Eine ziemlich grundsätzliche Frage, die mir unversehens gestellt wird. In einem ungeschützten Moment, meine Gedanken müssen eilends und nur halb bekleidet von irgendeinem reichlich weit entfernten Ort zurückkehren. Da vor mir ist eine Gestalt auf einem Plakat, die mich offenbar gerade angesprochen hat. Es ist die beinahe lebensgroße Abbildung eines Mannes. Ein Mann mit ordentlicher Frisur und einem zufriedenen Lächeln im starkknochigen, vertrauenswürdigen Gesicht. Er versucht, mit einer Hand aus dem Plakat hinauszugreifen, wohl um mich für einen Augenblick anzuhalten, damit ich mir Zeit nehme, über sein wichtiges Anliegen nachzudenken. Als er meine Verwirrung bemerkt, lächelt er noch etwas freundlicher und wiederholt, in vertraulichem Tonfall: &#0187;Fühlen Sie sich gut?&#0171;</p>
<div class="textbox">»Weil man ihn erst spürt, wenn es zu spät ist.«</div>
<p>Unsere Begegnung hatte eigentlich ganz harmlos begonnen: Ich habe, als ich noch unbeteiligt war, eine Selbstkundgabe des Mannes gelesen, die in großen, ordentlich hellblauen Lettern über seiner feuchtglänzenden Frisur auf dem Plakat angebracht ist: &#0187;I feel good&#0171;. Das war auch noch ganz beiläufig zu hören. Jetzt aber stellt mir dieser Herr im Anzug ohne jede Überleitung mitten ins Gesicht eine  sotiefschürfende Frage: &#0187;Fühlen Sie sich gut?&#0171; Und da er mich einmal auf die existenzielle Ebene genötigt hat, bringt er gleich noch eine recht unangenehme, sehr private Vermutung zum Ausdruck: &#0187;Sie könnten trotzdem Darmkrebs haben.&#0171; Kurze, bedächtige Pause, aufrichtige Sorge blitzt in den dunklen Augen. Habe ich richtig gehört? &#0187;Weil man ihn erst spürt, wenn es zu spät ist&#0171;, setzt er noch hinzu.</p>
<p>Und ich hätte eben beinahe zugegeben, daß ich mich tatsächlich recht wohl fühle. Gut, daß ich das verschwiegen habe, denke ich jetzt. Denn ich hätte ja geradezu den Verdacht auf mich gelenkt, darmkrebskrank zu sein. Den Darmkrebs bemerkt man nämlich erst, wenn es schon zu spät ist. Ist das ganz normale, unauffällige Gefühl in meinem Bauch also ein Warnzeichen? Ich horche in mich hinein. Und der Mann ließt mir die Gedanken aus dem sorgenvollen Gesicht. &#0187;Aber das bringt ja&#0171;,  erinnert er mich, &#0187;rein gar nichts. Sie können ihn nicht spüren, den schlimmen, hinterhältigen Darmkrebs. Erst wenn es zu spät ist.&#0171; Noch nicht mal, wenn ich mich unwohl fühle, wäre das ein Zeichen für die Krankheit? Oder ist es dann, wenn ich mich unwohl Fühle, schon längst zu spät? Oder ist es immerhin ein Zeichen dafür, keinen Krebs zu haben, wenn man Magenschmerzen hat? Der Mann unterbricht meine unschlüssigen Überlegungen: &#0187;Nein&#0171;, bekräftigt er, &#0187;man kann ihn nicht spüren. Und stellen sie sich vor, was für ein peinlicher Tod das wäre &#8211; ein Tod, der aus dem Darm kommt.&#0171;</p>
<div class="textbox">Was für ein peinlicher Tod das wäre, ein Tod, der aus dem Darm kommt.</div>
<p>Er beugt sich etwas näher. Aber wenn ich jetzt einen Test machen würde, erklärt er mir, wäre mein eventueller, mein beinahe schon wahrscheinlicher Darmkrebs durchaus heilbar. Nun denn. Verstört gebe ich ihm mein Wort, einmal darüber nachzudenken. Es wäre ja schön, wenn ich genauso wie dieser zweifelsfrei gesunde Mann ganz unbeschwert sagen könnte: I feel good. Er hat den Test nämlich schon gemacht und darf also ohne alle Zweifel von sich behaupten, daß es ihm gut geht. Wenn er aus dem Plakat hinauskönnte, würde er mir sicherlich zum Abschied auf die Schulter klopfen. Als ich gehe, ruft er mir noch einen ermutigenden Satz hinterher, von Mann zu Mann sozusagen: &#0187;Danach fühlt man sich besser&#0171;, sagt er &#8211; und mein Zug kommt.</p>
<p>Einige Stationen später gerate ich, gleich nachdem ich ausgestiegen bin, schon wieder in Schwierigkeiten. Ich stolpere <a title="Nachsehen..." href="https://www.hepb.de/cps/rde/xchg/bms_hepb/hs.xsl/home_hepatitis-b_kampagne.html" target="_blank">beinahe in ein Schlafzimmer</a>, in dem sich ein Paar fast vollständig entkleidet hat. Eine von züchtiger leidenschaft ergriffene blonde Frau und ein sehr hingebungsvoll dreinblickender, athletischer Mann halten sich umschlungen. Sie tragen nichts weiter, als makellose weißen Unterhosen. Ich sehe sie durch ein Schlüsselloch. Nein, ich wollte nicht in die Privatsspähre der beiden dringen, aber das Schlüsselloch ist immerhin beinahe mannshoch, man könnte fast hindruchgehen; und es ist auf Augenhöhe angebracht &#8211; schon wieder auf einer Plakatwand. Man kann nicht umhin, die beiden weißen Unterhosen zu bemerken, die marmorglatte Haut von Frau und Mann, ihre anscheinend verliebten Gesichter. Eine Ahnung von weißer Bettwäsche und im Hintergrund sonnendurchflutete weiße Vorhänge. Alles ist überhaupt sehr weiß und sehr sauber &#8211; schöne, makellose, frischgewaschene Liebe: man kann die beiden nur beglückwünschen.</p>
<div class="textbox">Das Virus wartet, wo man es nicht erwartet.</div>
<p>Aber, ach weh, unter dem Schlüsselloch steht, mahnend, schwerwiegend, endgültig, nur ein einziger medizinischer Fachterminus, ein knappes, hartes Urteil: Hepatitis B. Hier? Ausgerechnet zwischen diesen beiden, auf diesem sauberen Laken: <em>hier</em> wird gleich eine Infektion weitergegeben werden? Eine Infektion, bei der man doch eigentlich an fragwürde hygienische Verhältnisse denkt, an die Gosse, an Kanalisation, an lichtlose, stickige Räume. &#0187;Aber ja, aber ja&#0171;, klärt das Plakat auf: &#0187;Das Virus wartet, wo man es nicht erwartet.&#0171; Man möchte meinen, dieses durchtriebene Virus mit seinen exkrementalen Vorlieben habe sich nun darauf verlegt, <em>gerade da</em> zu warten, wo man es nicht erwartet. Das paßt zu ihm! Sex, Körperflüssigkeiten, Blut genießen seinen Vorzug, doziert mit angenehm neutraler Stimme das Plakat. Und wer seine Lebensgrundlage auf solchen Substanzen errichtet hat &#8211; dem ist doch alles zuzutrauen. (Inzwischen weiß ich von anderen Plakaten, daß sogar ein neu gekaufter Naßrasierer, daß sogar seine glänzenden, frisch geschliffenen Klingen das Virus verbreiten; daß eine Nagelfeile und viele andere, eigentlich unschuldige Gegenstände, jenes Virus, das wartet, wo man es nicht erwartet, beherbergen können.)</p>
<p>Da ist guter Rat teuer und man sucht händeringend nach Abhilfe. Zum Glück weiß das Plakat rat: &#0187;Am besten Testen&#0171;, sagt es mit väterlichem Witz. Denn auch, wenn sie schließlich in den Körper gelangt ist, versteckt sich die heimtückische Hepatitis B, bis es zu spät ist. Und nur, wenn die Krankheit durch einen Test früh genug erkannt wird, kann man noch einmal mit einem blauen Auge davonkommen. &#8211; Also, sprechen wir alle zusammen, liebe Mitreisenden hier auf dem Bahnsteig, sagen wir es im Chor, um es uns gemeinsam einzuprägen: Am besten Testen, am besten Testen, am besten Testen. &#8211; Gerade noch kann ich mich zurückhalten, daß ich nicht mit weit ausgestreckten Armen und lauter Stimme den Chor anleite. So bleibt er nun leider aus. Die Menschen kommen einfach nicht von selbst darauf, was zu ihrem Besten ist.</p>
<p>In der Nacht habe ich einen Traum.</p>
<div class="textbox">&#0187;Am besten Testen!&#0171;</div>
<p>Ich gehe ich durch einen langen, giftgrünen und vollkommen menschenleeren Krankenhausflur. Als ich mich gerade frage, was ich hier eigentlich soll und nach dem Ausgang suchen will, klopft mir jemand von hinten auf die Schulter. Es ist der breitknochige, gesunde Darmkrebsapostel. Ich sei also doch noch zur Vernunft gekommen, stellt er anerkennend fest. Eine Tür geht auf und das Paar mit den weißen Unterhosen tritt in den Gang. Jetzt tragen die beiden schmuddelige Bademäntel, ihre Haare sind fettig und zerrauft. Schweigend treten sie zu uns und glotzen unglücklich aus gelben, kranken Augen an.</p>
<p>&#0187;Was wollt ihr denn von mir?&#0171;, frage ich und bin dabei lauter, als ich beabsichtigt hatte.<br />
&#0187;Die Welt ist voller unsichtbarer Krankheiten&#0171;, stellt die blonde Frau entschieden fest.<br />
&#0187;Du solltest dich nicht einfach so gesund fühlen&#0171;, sagt der Grobknochige.<br />
&#0187;Man täuscht sich immer. Gesundheit ist eine Einbildung&#0171;, sagt der Mann im Bademantel.<br />
&#0187;Mir fehlt nichts&#0171;, insistiere ich.<br />
&#0187;Unsinn!&#0171;, rufen alle durcheinander.<br />
&#0187;Mein Freund: denkst du etwa, Gesundheit sei selbstverständlich? Das ist ein gefährlicher Irrtum. Gesundheit muß hergestellt werden. Dafür gibt es Fachleute.&#0171; Der Grobknochige rollt das &#0187;R&#0171; und hat eine dunkle, einlullende Stimme.<br />
&#0187;Sieh uns an. Wir dachten, man dürfe sich einfach so nahekommen. Nein, so geht das nicht. In jedem Tropfen Körperflüssigkeit lauert die Krankheit. Man muß sich testen lassen&#0171;, sagt die Frau voller Reue.<br />
&#0187;Am besten Testen!&#0171;, ruft ihr hepatischer Freund sehr eifrig.<br />
&#0187;Am besten Testen. Am besten Testen&#0171;, skandieren jetzt alle gemeinsam.<br />
&#0187;Denn das Virus wartet, wo man es nicht erwartet&#0171;, schallt eine sonore Stimme aus Lautsprechern, die überall an den Wänden hängen.<br />
&#0187;Ich bin doch gesund!&#0171;, rufe ich noch. Da aber sind auch schon vier kräftige Pfleger aus einem Dienstzimmer gesprungen und packen mich an Armen und Beinen. Ein Krankenhausbett wird herbeigeschafft und ich werde darauf festgebunden.<br />
&#0187;Das hätte ich nicht gedacht&#0171;, sagt der Grobknochige.<br />
&#0187;Ein Verweigerer&#0171;, schimpft die Blonde entrüstet.<br />
Aus den Lautsprechern kommt jetzt knackend und rauschend eine Aufnahme von &#0187;I feel good&#0171; und ein Pfleger schiebt mich in meinem Bett den Flur hinunter. Man erklärt mir, daß jetzt, da ich durch meinen Trotz diese ausweglose Situation herbeigeführt hätte, man keine andere Wahl mehr habe: mir müssten jetzt sofort Darm und Leber entfernt werden.</p>
<p>Da wache ich auf. Ich frage mich, als ich wieder einigermaßen bei Besinnung bin, ob die Tatsache, daß ich schwitze, vielleicht ein frühes Zeichen für eine Infektion ist? Vielleicht ist mein Schweiß längst schon giftig? Und die Übelkeit &#8211; bedeutet sie, daß es schon zu spät ist?</p>


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