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	<title>Rauhfasler &#187; Hagiographie</title>
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	<description>Verbrauchende Versuche mit Wörtern</description>
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		<title>Primordial</title>
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		<pubDate>Mon, 20 Sep 2010 10:47:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Janus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Hagiographie]]></category>
		<category><![CDATA[Anfang]]></category>
		<category><![CDATA[Fundstück]]></category>
		<category><![CDATA[Götter]]></category>
		<category><![CDATA[Visionen]]></category>
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		<description><![CDATA[Ein Fragment aus den &#0187;Reden über die Gründe&#0171;, die vermutlich auf Eklytos Auchmeros zurückgehen. Beachte die Anmerkungen. 1.In ihm, der vor allem enstand, in Dem Ersten, wuchs bald, nachdem Er begonnen hatte zu sein, ein Mangel. Er, Der Erste, erkannte, daß ihm etwas fehlte. So schnell und bald wuchs Dem Ersten jene Erkenntnis, daß der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.rauhfasler.de/wp-content/uploads/2010/09/big-bang.jpg" class="floatbox" rev="group:9061 caption:`Die Pendelleuchte &rsaquo;Big Bang&lsaquo; von Black+Blum`"><img src="http://www.rauhfasler.de/wp-content/uploads/2010/09/big-bang-300x195.jpg" alt="" title="Die Pendelleuchte &rsaquo;Big Bang&lsaquo; von Black+Blum" width="300" height="195" class="rand size-medium wp-image-9123" /></a></p>
<div style="font-style:italic;margin-left:3.4em;padding-left:10px;background:#EFEFEF;margin-bottom:1em;">Ein Fragment aus den &#0187;Reden über die Gründe&#0171;, die vermutlich auf Eklytos Auchmeros zurückgehen. Beachte die <a href="#anm">Anmerkungen.</a></div>
<p><span style="margin-left:-4em;margin-right:3.4em;font-style:italic;color:#66828E;">1.</span><span class="initial">I</span><span style="font-variant:small-caps;">n ihm,</span> der vor allem enstand, in Dem Ersten, wuchs bald, nachdem Er begonnen hatte zu sein, ein Mangel. Er, Der Erste, erkannte, daß ihm etwas fehlte. So schnell und bald wuchs Dem Ersten jene Erkenntnis, daß der urspüngliche Frieden nur einen Augenblick gewährt hatte. <span id="more-9061"></span><br />
<span style="margin-left:-2em;margin-right:4em;font-style:italic;color:#66828E;">(*)</span>Zu sagen, die Erkenntnis des Mangels sei »bald« gewachsen, ist jedoch nur nach Menschenmaß gesprochen, denn Der Erste hatte die Dinge noch nicht in ein Nacheinander geordnet. Daß Der Erste den Mangel erkannte, riß Ihn aber aus dem Zustand ungeteilter Einheit, in dem Er entstanden war: denn Er dachte, daß etwas nicht sei, daß sein müsse &mdash; und deshalb erwachte er; damit entstand nunmehr das Nacheinander, das Nacheinander entstand, das Der Erste verglich und bestaunte: Das Nacheinander des unausgedehnten Moments ohne Erkennen in ursprünglichem Frieden zuerst &mdash; und die Erkenntnis des Mangels, die nun darauf gefolgt war: das Nacheinander, der Keim der Zeit.<br />
<span style="margin-left:-2em;margin-right:4em;font-style:italic;color:#66828E;">2.</span>Der Gedanke des Mangels wuchs im Ersten zu immer größerer Deutlichkeit: so hell leuchtete dieser Gedanke, der zugleich Gefühl war, im wüsten, leeren Raum der sich um den Ersten erstreckte, oder der von Ihm selbst eingeschlossen wurde, so hell leuchtete die Empfindung der Unvollständigkeit, die zugleich die Festigkeit einer denkenden Sonne hatte, so hell, daß der wüste, leere Raum davon erleuchtet wurde. Und das Licht verlor sich in der endlosen Finsternis und wurde von ihr getilgt.<br />
<span style="margin-left:-2em;margin-right:4em;font-style:italic;color:#66828E;">3.</span>Und Der Erste folgte mit seinem ortlosen Blick dem vergehenden Licht in die Schwärze, die seine eigene, unbekannte Ausdehnung bekleidete, bis dorthin, wo das Licht sich endlich ganz in Seiner Grenzenlosigkeit verlor &mdash; und Der Erste fürchtete sich davor. So war Er aufgespannt zwischen dem leuchtenden Mangel und der geduldigen Dunkelheit, darin die Furcht wohnte, die allein keinen Mangel, sondern nur Überfluß kennt. Während Er derart auf halben Wege zwischen Dunkel und Licht schwebte, lernte Der Erste, was das Gleichgewicht der Kräfte sei, das unerträgliche Gleichgewicht &mdash; und Er lernte, daß es vernichtet werden müsse, damit er, Der Erste, nicht der einzige bleibe und an sich selbst irre werden müsse.<br />
<span style="margin-left:-2em;margin-right:4em;font-style:italic;color:#66828E;">4.</span>Und also schied Der Erste sich selbst entzwei, Er zerriß sich selbst, zornig über das Gleichgewicht, das die Morgengabe seines Anfangs gewesen war, Er schied sich von oben an bis unten aus.<sup>(&dagger;)</sup> So erfuhr Der Erste, was eine Tat ist und wie sie aus dem Entschluß hervorgeht; und Er erfuhr vom Schattenbild der Tat: dem Verhängnis.<sup>(&dagger;&dagger;)</sup><br />
<span style="margin-left:-2em;margin-right:4em;font-style:italic;color:#66828E;">5.</span>Dort, wo Der Erste den Riß geschaffen hatte, dort nämlich, wo die letzten Lichtstrahlen sich im Dunkel verloren hatten,(&loz;) dort war also eine Grenze entstanden, an der sich das Selbst Des Ersten geschieden hatte, sodaß Er von nun an doppelt war, doppelt dachte und empfand. So schied Er Den Anderen von sich ab, wie das Wasser sich an einem sehr glatten Stein schneidet, oder wie ein glimmender Docht durch sein vergehendes Licht einen fensterlosen Raum öffnet: nach innen hin. Den Anderen aber wollte Der Erste nun nicht mehr kennen, also nannte Er ihn seinen Feind, denn Er erachtete es als besser, die Dunkelheit als einen Feind zu fürchten, Er wollte nicht mehr alles sein in allem.<sup>(&Dagger;)</sup><br />
<span style="margin-left:-2em;margin-right:4em;font-style:italic;color:#66828E;">6.</span>Daraufhin kehrte Der Eine sein Antlitz dem Lichte zu: und das Licht<sup>(&Dagger;&Dagger;)</sup> war seine Unvollkommenheit, und die Wärme aus dem Licht füllte Den Einen nun ganz, bis an seine Grenze; es war aber dies: sein Sehnen. Mit der Sehnsucht des Liebenden wünschte sich Der Erste, sich selbst wiederzufinden in einem Ziel, zu dem Er sich spannen könne; mit der Sehnsucht des Liebenden suchte Er das Geliebte. Und Stille war um Ihn und Der Andere schwieg dazu. Aber um Den Ersten bis zur Grenze, an der das Licht versank, war nichts, daß sich von ihm unterschied, denn außer ihm war noch nichts geschaffen worden.<br />
<span style="margin-left:-2em;margin-right:4em;font-style:italic;color:#66828E;">7.</span>Da teilte Der Erste seinen Leib, Er teilte ihn in zwei gleich große Teile. Für sich behielt Er den leichteren Teil &mdash; und aus dem schweren wollte Er einen neuen Körper formen: einen Körper außer sich. Aber Er wußte keine Gestalt für den Körper und kehrte deshalb das Ungestalte um und um. So aber formte sich vor Dem Ersten eine Kugel, und Der Erste erkannte, daß die Kugel schön geraten war. Und Er setzte die Kugel mitten in das Licht, das ihm aus der Erkenntnis seines Mangels aufgegangen war: und die Kugel nahm das Licht auf. Der Erste aber blickte mit der Hoffnung eines Liebenden auf jenen Körper, den Er aus der Schwere seines Körpers gefertigt hatte: und durch den Strom dieser Begierde<sup>(&lowast;)</sup> wuchs die Kugel, die Der Erste geformt hatte. Das Licht sammelte sich in unzähligen Tropfen auf ihr, so entstanden Planeten und Gestirne. Und schließlich, im Strom der Liebe, die vom Ersten ausging, begann in der Kugel Bewegung zu entstehen und dadurch entstand in ihr Leben. Und im Leben erkannte Der Erste das Ziel seiner Begierde, das Ende seiner Unvollkommenheit. Der Andere aber wartete hinter seiner Grenze &mdash; und schwieg zu alldem.</p>
<hr />
<div style="font-size:12px;">
<p style="font-weight:bold;font-size:16px;margin:0;"><a style="font-style:normal;color:#000;" name="anm">Anmerkungen</a></p>
<p>Der Text ist eine von mir angefertigte Übersetzung eines Fragmentes, daß mit einiger Sicherheit dem griechisch sprechenden, spätantiken Autor Eklytos Auchmeros zuzuschreiben ist. Der Text steht im Zusammenhang einer längeren Visionsrede, deren Anfang erhalten ist. Vor und nach unserem Text sind allerdings längere Passagen dem nagenden Zahn der Zeit zum Opfer gefallen. Der Papyrus, auf dem der Text überdauert hat (nämlich der Kodex Sabratensis Eh/II/3r), ist leider schwer beschädigt. Auch ohne diesen Papyrus hätte uns jedoch der größte Teil des Textes erreicht. Er wurde von einem Mönch ca. in der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts abgeschieben und kommentiert. Die dahinterstehende Überlieferungskette liegt vollends im Dunklen.</p>
<p>Dem geneigten Leser wird hier nun also die recht eigenwillige Kosmogonie des Propheten Eklytos vorgestellt, für den der Autor eine eingestandene Schwäche hegt. An den Rand gestellt ist eine Nummerierung von &#0187;Schöpfungs-Ereignissen&#0171; (Gesta) aus der Hand des besgten Mönchs, der seine Kopie des Textes mit dem Namen Alfaric unterschrieben hat. Offenbar hatte Alfaric Bedenken gegenüber der Ursprünglichkeit des zweiten Absatzes, die ich durchaus teilen würde: Alfaric jedenfalls nimmt diesen Absatz aus seiner Numerierung aus, die sich dadurch sehr schön in das christliche 7-Tage-Schema einfügt, dem sich Eklytos, als eine sonderbare aber entschiedene Randfigur der frühen Kirche, verpflichtet fühlte.</p>
<p>Alfaric hat seiner Abschrift erklärende Überschriften für die einzelnen Gesta beigegeben, die hier (obgleich Alfarics Zusammenfassungen nicht unbedingt zutreffend sind), zusammen mit wenigen weiteren Erklärungen, nicht unterschlagen werden sollen: </p>
<div style="background:#EFEFEF;padding:10px;">
<p style="margin:0px;">1.) Die Geburt des Schöpfers zugleich des Mangels. </p>
<p style="margin:0px;">* ) Die Entstehung der Zeit aus dem ersten Erleiden.</p>
<p style="margin:0px;">2.) Das Aufleuchten der Sehnsucht im Dunklen: erstes Licht.</p>
<p style="margin:0px;">3.) Die Geburt der Dunkelheit aus dem Licht.</p>
<p style="margin:0px;">4.) Wie der Schöpfer sich entzweite: die erste Tat.</p>
<p style="margin: 0 0 0 3.4em;">&dagger;) Vgl. Matthäus 27,51.</p>
<p style="margin: 0 0 0 3.4em;">&dagger;&dagger;) Im griechischen Text steht &pi;&omicron;&tau;&mu;&omicron;&sigmaf;, d.i. das Schicksal, das Verhängnis, in der Regel sehr negativ konnotiert und im Sinne &#0187;<em>tödlicher</em> Fügung&#0171; verwendet.</p>
<p style="margin:0px;">5.) Der Erzüble aus dem Schöpfer geboren.</p>
<p style="margin: 0 0 0 3.4em;">&Dagger;) Vgl. 1. Kor. 15,28; 12,6; Eph. 1,23.</p>
<p style="margin: 0 0 0 3.4em;">&loz;) Eine interessante Parallele findet sich im Neo-Platonismus. In der Zusammenfassung E.M.Mitchells: &#0187;From Primordial Being &#8230; the finite proceeds as a stream, contained in but not containing or in any way affecting its source. Primordial Being is the sun which pours through the universe its circle of light, a light that gradually pales as it reaches its limit in the gloom of not-being. The finite is but a shadow of the Infinite.&#0171; (Ders., <a class="floatbox" rev="width:90% height:90% disableScroll:true showNewWindow:true controlsPos:tr" href="http://www.archive.org/stream/cu31924031231016#page/n301/mode/1up">A Study of Greek Philosophy</a>, Chicago 1891, S. 266f.)</p>
<p style="margin:0px;">6.) Das Sehnen des Schöpfers bewirkt den Fortlauf der Taten</p>
<p style="margin: 0 0 0 3.4em;">&Dagger;&Dagger;) Vgl. Psalm 36,10.</p>
<p style="margin:0px;">7.) Der Kosmos entsteht aus der Schwere des Leibes des Schöpfers. Das Leben aus seiner Begierde.</p>
<p style="margin: 0 0 0 3.4em;">&lowast;) In der Tat steht hier ἐπιθυμία, die (dezidiert sinnliche) Begierde, was nicht eindrücklich genug hervorgehoben werden kann.</p>
</div>
<p style="font-weight:bold;font-size:16px;margin:1em 0 0 0;">Zwei Zugaben</p>
<p><span style="margin-left:4em;">1.</span> Aus einem Gedicht Sigmund von Birkens, das mir zufällig gerade jetzt in die Hände gefallen ist, eine Strophe, in der beschrieben wird, wie der Heilige Geist über dem &#0187;vermengte[n] Ball der Dinge&#0171; schwebt. Das ist eine Schöpfungsvision, die sicherlich nichts mit dem vorliegenden Text zu tun hat, aber dennoch schön mit ihm zusammenstimmt:</p>
<p><img src="http://www.rauhfasler.de/wp-content/uploads/2010/09/ball_der_dinge.jpg" width="300" class="alignnone size-full wp-image-9176" /></p>
<div style="display:none;">Als ein Seyn zu seyn anfienge/<br />
der vermengte Ball der Dinge:<br />
schwebtest du auf deiner Brut/<br />
wie die Taube auf dem Eye/<br />
machtest/ daß GOtt wonhaft seye<br />
hier/ wo tobt des Satans Wut.<br />
Jn des Menschen Fleisches-Höle/<br />
bliesest du die Himmel Seele.</div>
<p>(Heiliger Sonntags-Handel und Kirch-Wandel, Nürnberg/ Jn Verlegung Johann Jacob von Sandrart [&#8230;] Anno 1681, Seite 92. &#8211; Nur ganz im Vorübergehen sei der Leser darauf hingewiesen, wie sehr der &#0187;vermengte Ball der Dinge&#0171; dazu passt, wie die Naturwissenschaft sich heute den Zustand des Universums vor dem &#0187;Urknall&#0171; vorstellt.)</p>
<p><span style="margin-left:4em;">2.</span> Ganz im Gegenteil dieser Text, ebenfalls von Sigm. v. Birken (ebd., S. 129f.) Hier sind die klassischen Ansichten über Gott vertreten. Eklytos Vision über die Entstehung des Kosmos, unterscheidet sich an wichtigen Punkten von dieser &#0187;orthodoxen&#0171; Auffassung:</p>
<div style="font-size:16px;">&#0187;Jst nun Gott Alles in Allem/ und Alles ist in ihm: so ist er der Einige der keinen neben sich hat/ und Alles ist unter ihm. So ist er der Gröste weil er alles in sich begreift: gleichwie das Meer alles Wasser in sich fasset. &#8230; Jst Gott Alles in Allem/ und Alles ist in ihm: so ist er der Bäste/ (m) gleichwie der Gröste/ ja das Höchste Gut/ als der Begriff und Brunn alles dessen/ was man Gut nennet. &#8230; Weil nun alles Gut in Gott ist/ so folget auch/ daß er müße seyn der Allerseligste/ mit sich selbst und vollkomlich vergüngt: dahero dann/ in Gott seyn/ alle Seeligkeit ist.&#0171;</div>
</div>


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</ol></p>]]></content:encoded>
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		<series:name><![CDATA[Mythos]]></series:name>
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		<title>Vidi caelum obsignatum</title>
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		<pubDate>Sun, 31 Aug 2008 20:26:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Janus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Hagiographie]]></category>
		<category><![CDATA[Abgründe]]></category>
		<category><![CDATA[Apokalypse]]></category>
		<category><![CDATA[Aus dem Leben des Hl. Eklytos]]></category>
		<category><![CDATA[Gewalt]]></category>
		<category><![CDATA[Heilige]]></category>
		<category><![CDATA[Weltbankrott]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein sonderbarer Text, apokalytisch-blutrünstig, aus dem Munde des Hl. Eklytos.1 Er ist ein angestaubter Heiliger, was allerdings zu seinem Lebenslauf recht gut paßt.2 Eklytos ist von der kirchlichen Geschichtsschreibung anscheinend völlig vergessen worden, zu Unrecht, meine ich. &#8211; Qui habet aures audiendi, audiat!3 &#0187;Ich sah den Himmel versperrt und siehe, er war kalt und geworden [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="/wp-content/uploads/2008/08/dante_et_virgile_au_enfers.jpg" class="floatbox" rev="group:649 caption:`William Bouguereau (1825-1905): Dante et Virgile au enfers (1850)`"><img class="rand alignnone size-medium wp-image-665" title="William Bouguereau (1825-1905): Dante et Virgile au enfers (1850)" src="/wp-content/uploads/2008/08/dante_et_virgile_au_enfers-241x300.jpg" alt="" width="241" height="300" /></a></p>
<p><em>Ein sonderbarer Text, apokalytisch-blutrünstig, aus dem Munde des Hl. Eklytos.</em><sup class='footnote'><a href='#fn-649-1' id='fnref-649-1'>1</a></sup><em> Er ist ein angestaubter Heiliger, was allerdings zu seinem Lebenslauf recht gut paßt.</em><sup class='footnote'><a href='#fn-649-2' id='fnref-649-2'>2</a></sup> <em>Eklytos ist von der kirchlichen Geschichtsschreibung anscheinend völlig vergessen worden, zu Unrecht, meine ich. &#8211; Qui habet aures audiendi, audiat!</em><sup class='footnote'><a href='#fn-649-3' id='fnref-649-3'>3</a></sup></p>
<blockquote><p>&#0187;Ich sah den Himmel versperrt und siehe, er war kalt und geworden wie der härteste der Steine. Und es wurde fortgewischt vom Himmel alle Farbe und die Wolken waren nicht mehr. Und siehe, es war Dunkelheit über der Erde und Schweigen in den Höhen. Und ich sah die Menschen wandeln und sie wagten nicht, den Blick zu heben von der Erde, denn sie waren voll Zagens und ihre Herzen wurden gehalten, daß sie nicht erkannten ihre große Furcht. Und es lagerten sich wie Löwen die Not und wie gewaltige Schlangen die Sorge an den Wegen der Menschen. Sie umlagerten auch die Häuser und machten bitter die Speise und den Trank. Die Menschen aber schritten aus auf ihren verkehrten Wegen und gingen geradewegs an Orte, an die zu gelangen ihr Ziel nicht war, während die Schlangen und die Löwen den Rachen aufsperrten, aber sie merkten es nicht.</p>
<p>Und siehe, und ich sah: den Strom der Leiber wie er floß durch die Täler und wie sie sich türmten in den Städten, aber die Leiber blieben kalt und Stille war über die Städte gebreitet. Die Berge wurden fortgenommen, die Flüsse flielen trocken und aus dem Meer füllten sie sich wieder. So verging Tag um Tag, ich aber mußte stehen und war zum Zeugen berufen.</p>
<p>Der Strom der Leiber hörte nicht auf, während doch die Berge vergingen und die Erde umgestaltet wurde. Und die Menschen drängten ihre Leiber aneinander und sie fügten zusammen Köpfe und Lenden: da wurde gesät neues Fleisch.</p>
<p>Doch siehe: es war Schweigen unter dem Himmel und die Erde war kahl. Es geschah vor meinen Augen, daß sie ihre Münder auftaten wie zum Schrei, aber es erklang kein Laut. Ich sah, wie sie die Hände ausstreckten, aber da war keiner, der ihre Hände füllte. Und ich sah, wie sie die Hände vor sich reckten, einer dem anderen einen Ort zu weisen, aber immer war die Stätte, welche gewiesen wurde, leer und kein Leben war um die Menschen. Denn der Himmel war geworden wie der härteste der Steine.</p>
<p>Da hoben die Menschen in den Tälern und auf den verweisten Höhen an und rissen voneinander die Kleider, jeder vom nächsten, daß es ein Greuel war vor meinen Augen, und sie traten sie in den Staub. So standen sie voreinander, alle in ihrer Nacktheit und hatten nichts, ihre Blöße zu bedecken.</p>
<p>Und es sprach eine Stimme, die war wie Sturm. Da tat sich auf der Boden und es klaffte das Gestein und heraus trat einer, der sprang mitten unter die Menge der Menschen. Und er war groß wie drei Männer und furchtbar von Gestalt und hatte kein Haar an seinem Leib, glänzend wie tausend Speere. Sein Rachen war weit aufgesperrt und er war dunkel wie der Himmel; aber die Farbe seiner Zunge war wie Blut und seine Zunge wand sich gleich einer hungrigen Schlange Und er füllte die Stille mit seinem Spott und er sprach über die Menschen seinen Fluch. Da begannen die Vielen ihre Fäuste zu schütteln und standen wiedereinander auf und schlugen sich ins Angesicht. Und sie bissen einander mit ihren Zähnen, daß sie rot wurden im Angesicht. Einige aber blieben abseits und waren voll Scham, andere warfen sich nieder und baten, sie mögen verschlugen werden von der Erde. So fraßen die Menschen einander.</p>
<p>Und ich sah, und siehe: es verebbte der Strom der Leiber. Und es lagen die Toten ausgeschüttet über die Ebenen und auf den Höhen. Sie lagen wie Bäume, an die ein starker die Axt gelegt hatte und der Wind ging über sie. Und ich stand und es folgte Tag auf Tag und Staub bedeckte die Menge der Toten. Und siehe: die Erde war wüst und leer.&#0171;</p></blockquote>
<div class='footnotes'>
<div class='footnotedivider'></div>
<ol>
<li id='fn-649-1'>Erhalten ist der Text in einer lateinischen Fassung aus der Feder eines unbekannten, frühmittelalterlichen Mönches. Er findet sich in einer Sammlung von Werken des <a title="Wikipedia zu S. Scholastikos" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Sokrates_Scholastikos" target="_blank">Sokrates Scholastikos</a>. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-649-1'>&#8617;</a></span></li>
<li id='fn-649-2'>Eklytos hat mich hier schon <a title="weiteres Rauhfaseln" href="/2008/der-heilige-eklytos-in-der-wueste/" target="_self">ein-</a> und ein <a title="weiteres Rauhfaseln" href="/2008/eklytos-und-der-skorpion/" target="_self">zweites Mal</a>, allerdings nicht unbedingt mit historiographischer Genauigkeit, beschäftigt. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-649-2'>&#8617;</a></span></li>
<li id='fn-649-3'>Matthäus 11, 15 <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-649-3'>&#8617;</a></span></li>
</ol>
</div>


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</ol></p>]]></content:encoded>
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		<series:name><![CDATA[Aus dem Leben des Hl. Eklytos]]></series:name>
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		<title>Eklytos und der Skorpion</title>
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		<pubDate>Sun, 06 Apr 2008 19:35:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Janus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Hagiographie]]></category>
		<category><![CDATA[Aus dem Leben des Hl. Eklytos]]></category>
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		<category><![CDATA[Tod]]></category>
		<category><![CDATA[Verzweiflung]]></category>
		<category><![CDATA[Wilde Tiere]]></category>

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		<description><![CDATA[Eklytos befand sich auf der Wanderung. Er war früh aufgebrochen und schon viele Stunden gegangen. Über der kargen Landschaft war unterdessen die Sonne in den Mittag gestiegen und sank nun schon wieder allmählich ihrem Verlöschen entgegen. Die Sonne hatte Eklytos gedörrt und ermüdet hatte ihn das Gehen. So geschah es, daß er eines Steines nicht [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.ub.ntnu.no/scorpion-files/koch_gallery.php"><img class="rand alignnone size-full wp-image-656" title="Buthus megacephalus, Zeichnung von C. L. Koch" src="/wp-content/uploads/2008/08/skorpion.jpg" alt="" width="400" height="230" /></a></p>
<p>Eklytos befand sich auf der Wanderung. Er war früh aufgebrochen und schon viele Stunden gegangen. Über der kargen Landschaft war unterdessen die Sonne in den Mittag gestiegen und sank nun schon wieder allmählich ihrem Verlöschen entgegen. Die Sonne hatte Eklytos gedörrt und ermüdet hatte ihn das Gehen. So geschah es, daß er eines Steines nicht achtete, der aus der Straße herausragte, gerade dort, wo Eklytos seinen staubigen, wundgeriebenen Fuß niedersetzte. Und als er diesen Fuß wieder hob und als er sich verfing hinter dem arglistigen Stein, da stürzte Eklytos nieder. Er stürzte ungebremst auf die hartgetrockneten, unebenen Weg und der Schmerz, der ihm beim Aufprall erwartete, war umfassend.<br />
Eklytos verlor für die Dauer mehrerer Herzschläge den Zusammenhang mit sich selbst, war fortgespült in körperlose Schwärze und setzte seinen Sturz jenseits des unnachgibigen Bodens fort. Dann aber kehrte e zurück in seine jammervolle Leiblichkeit und im ersten Moment empfand er lediglich Überraschung angesichts der elementaren Zudringlichkeit, mit der von überall her Schmerz in sein Bewußtsein trat, sobald es nur wieder an seinen Ort zurückgekehrt war. Diese Überraschung wurde aber sogleich mit allem anderen zum Verschwinden gebracht und nichts fühlte oder war Eklytos als bloß Schmerz: In seinem Knöchel, der beim Sturz arg verdreht worden war, an seinen aufgeschlagenen Knien, unter denen sich Blut mit dem Wegstaub vermischte, Schmerz in seiner aufgeschürften und zusammengepressten Brust und hinter seiner Stirn, die, wie zum Hohn, überflüssigerweise von einem weiteren spitz hervorstechenden Stein an einer Braue aufgeschlagen worden war daß Eklytos das Blut ins Auge rann.<br />
So lag Eklytos lange regungslos da, wimmernd, außer Stande, dem Bohren, Dröhnen und tiefdringenden Stechen in seinen Gliedern irgendetwas entgegenzusetzen. Die Reise hatte ihm, auch als er noch auf seinen Beinen stand, bis auf einen kleinen Rest seine Kraft genommen, er hatte sich ohnehin nur weitergeschleppt weil ein Anhalten in dieser Gegend unmöglich war. Jetzt lag er, ein Acker für die Schmerzen, die seinen Körper pflügten, er meinte, diese erfindungsreichen Dämonen über ihn lachen zu hören, während sie ihren Griff wechselten und variierten, daß sich verschiedene Farben und Spielarten von Schmerz ergaben. So lag er, niedergestoßen und schutzlos zurückgelassen vom Gott des aufrechten Ganges.<br />
Das Wimmern, das von selbst begonnen hatte, von Eklytos aufzusteigen, wurde mit der Zeit zu tiefem, heiseren Stöhnen. Allmählich war Eklytos wieder zu willentlichem Tun in der Lage und er wollte bloß noch wehklagen und seine Verachtung herausstöhnen für diese finstere, hohnvolle Welt. Er wäre wohl außerstande gewesen, sich zu erheben &#8211; er wollte es aber auch nicht mehr. Sein Sturz war eine Prüfung zu viel gewesen nach allem, was ihm auf dem Weg schon wiederfahren war. Er wollte nun liegenbleiben und sein endgültiges Vertrockenen und Verenden abwarten, er wollte dem Staub gleichwerden, dem nächsten Reisenden zum Schrecken oder zur Belustigung, eine der Länge nach hingestreckte Leiche in der Mitte des Weges.<br />
Über solchen Gedanken erebbte der Schmerz, verebbte die Wut und es breitete sich Leere und Stille aus in Eklytos, verächtliche Stille, freudlose Leere und alles, was Eklytos noch in sich hatte, war Trotz, mit dem er dem hartnäckigen Leben in sich entgegentrotzte. Die Sonne senkte sich, wurde von Dunst aufgenommen, der über dem Land hing und stand schmutzig und aufgedunsen am Horizont.<br />
Da hörte Eklytos ein Rascheln. Er hob den Blick und sah einen Skorpion, der aus einem Gebüsch geradewegs auf ihn zukam, den Stachel erhoben, die Scheren geöffnet, so hockte sich der Skorpion vor Eklytos´ mit Blut überkrustetes Angesicht. &#0187;Jämmerlich bist du, Mensch&#0171;, sagte der Skorpion mit tonloser Stimme.<br />
Der Skorpion schwieg eine Weile und es schien, als würde er den Anblick vor seinen Spinnenaugen bedenken. Dann setzte er, ohne vernehmbares Gefühl noch hinzu:<br />
&#0187;Ein nacktes, weiches, erbärmliches Geschöpf bist du.&#0171;<br />
Warum sollte nicht, dachte Eklytos mit Bitterkeit, an der Grenze des Todes ein Skorpion mit mir sprechen? Das erschien ihm alles in allem als ein passendes Willkommen und bedeutete hoffentlich, daß es mit ihm bald zuendegehen werde.<br />
Eklytos hatte seit Tagen nicht gesprochen. Seine ersten Worte kosteten ihn einige Mühe, als er dem Skorpion schließlich antwortete.<br />
&#0187;Wenn ich noch nicht gestorben bin, dann mach mit mir ein Ende, wie es deiner Bestimmung entspricht!&#0171;<br />
Der Skorpion rieb seine Mandibeln gegeneinander, schloß seine Scheren und öffnete sie wieder.<br />
&#0187;Die Bestimmung eines Menschen ist der aufrechte Gang,&#0171; antwortete der Skorpion schließlich mit unverändert kalter Stimme, &#0187;woher nimmst du, der sich wie ein Wurm verhält, also die Berechtigung, mir meine Bestimmung vorzuhalten?&#0171;<br />
Eklytos sah die regungslosen Augen am schwarz gepanzerten Kopf des Skorpions dicht vor sich. Er bekam Lust, dieses gefühllose Wesen fortzuschicken. Aber würde er gehen? Eklytos wollte sich zudem von einem niederen Tier nicht ins Unrecht setzen lassen.<br />
&#0187;Warum bist du aus diesem Gebüsch gekrochen? Um mich zu verspotten, unreines Geschöpf? Solches Gift will ich nicht von dir. Benutze deinen Stachel!&#0171;<br />
&#0187;Ich kenne den Tod. Ich habe vieles sterben gesehen, Gewürm in dunklen Erdspalten und mächtige, schwerleibige Tiere. Du aber bist weit entfernt von deinem Tod. Ich bin gekommen, weil dein Jammern mich beleidigt. Sterben, du zweibeiniger Köter, ist ein ernstes Geschäft&#0171;, versetzte der Skorpion.<br />
&#0187;Was weißt du schon von den Sorgen eines Menschen? Deine kurzen, krummen Beine geben deiner Einsicht das Maß. Und was du tust, das mußt du tun und brauchst dich nicht herumzuschlagen mit Entscheidungen&#0171;, sagte Eklytos als ein ertapptes, störrisches Kind.<br />
&#0187;Du liegst hier vor mir im Staub, wimmerst und stöhnst und willst dich herausstehlen aus dem Leben, du Krone der Schöpfung.&#0171;<br />
&#0187;Dann mach doch ein Ende mit mir. Die Krone kannst du haben, wenn du sie begehrst. Ich will nicht mehr aufstehen&#0171;, brach es aus Eklytos hervor wie ein Schluchzen.<br />
Darauf schwieg der Skorpion, klappte wiederum mit den Scheren und reckte den Stachel empor. An der Spitze des Stachels meinte Eklytos einen Tropfen jener klaren Flüssigkeit zu sehen, von der er eine allerletzte Erleichterung erhoffte. Der Skorpion regte sich nicht und schwieg so lang, daß Eklytos es nicht mehr aushielt.<br />
&#0187;Warum muß ich dein Gift von dir erbetteln?&#0171;, schrie er und geriet dabei ins Husten. &#0187;So kostbar kann es nicht sein.&#0171;<br />
&#0187;So, wie die Dinge stehen, ist es mehr wert als dein Leben&#0171;, kam die Antwort glatt und kalt aus dem Skorpion heraus.<br />
&#0187;Sag mir warum. Sag mir, warum ich noch einmal aufstehen sollte. Noch einmal und noch einmal um doch wieder zu stürzen. Nichts erreicht man in dieser kahlen Welt als wieder und wieder im Dreck zu liegen.&#0171;<br />
&#0187;Der Weg, auf dem du gegangen und gestürzt bist, ist von Menschen gebaut.&#0171;<br />
&#0187;Ich kann nicht unter den Büschen und in Steinritzen umherkriechen wie du.&#0171;<br />
&#0187;Aber auch auf deinem nackten Bauch und deinen Knien wirst du nicht weiterkommen. Du mußt aufstehen, denn das ist deine Bestimmung. Bis zu deinem Tod wirst du noch weit gehen müssen.&#0171;<br />
&#0187;Aber warum, du gepanzterter Teufel? Am Ende werde ich nicht weitergekommen sein. Dann soll es jetzt gleich ein Ende haben. Ich erbitte den Tod von dir, immerhin bist du kundig, Skorpion.&#0171;<br />
&#0187;Nein,&#0171; sagte der Skorpion und wandte sich von Eklytos ab. Als er beim Busch, aus dem er herausgekommen war, anlangte, hielt er inne. Eklytos hatte zu schluchtzen und keuchen begonnen. Er kroch nun tatsächlich auf dem Bauch, auf den Knien dem Skorpion hinterher. Er war entschlossen, ihm den Tod abzuzwingen.<br />
&#0187;Höre&#0171;, redete der Skorpion in nochmals an. Eklytos verstummte, erstaunt, gelähmt von einem neuen Ton in der Stimme des Skorpions.<br />
&#0187;Das Gift, das du brauchst, kreist schon in dir. Die Genesung, die du suchst, ist ohne Krankheit nicht zu finden. Du hast kein Recht auf Feigheit, den Weg, den du dir angemaßt hast, must du weitergehen.&#0171;<br />
Der Skorpion war im Gebüsch verschwunden. Eklytos begann zu weinen und hob so genug Kraft aus sich hervor, um endlich, mitten in der dunkelsten Nacht, sich zu erheben. Er ging weiter und entfernte sich widerwillig von der Verlockung eines leichten Sterbens.</p>


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		<pubDate>Sun, 24 Feb 2008 19:44:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Janus</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="/wp-content/uploads/2008/08/eklytos.jpg" class="floatbox" rev="group:660 caption:`Eklytos (ein Mosaik)`"><img class="alignleft size-medium wp-image-661" title="Eklytos (ein Mosaik)" src="/wp-content/uploads/2008/08/eklytos.jpg" alt="" width="280" height="237" /></a>Eklytos saß in seiner Einsiedelei. Die Nacht war kalt gewesen. Er hatte so sehr gefroren unter seiner zerschlissenen, schmutzstarren Decke und der unebene Boden hatte ihm derart Schmerzen im Rücken verursacht, daß es lange gedauert hatte, bis er endlich eingeschlafen war. Er saß auf dem Rand seiner geflochtenen Matte, starrte in die Dunkelheit hinein, in die das kaum zu erahnende erste Licht vordrang und hielt seine noch immer schmerzenden Beine umschlungen. Im Halbschlaf noch hatte er gehört, wie irgendein Tier um die Lehmhütte geschlichen war, hatte es schnauben und schnüffeln gehört und wie es am staubigen Boden kratzte. Er hatte sich nicht geängstigt, das wurde ihm nun klar, und er wunderte sich nicht wenig darüber. Diese unerwartete Furchtlosigkeit war wohl lediglich der übergroßen Erschöpfung geschuldet, die ihn regungslos und stumpf in seiner krummen Haltung auf der Matte verharren ließ, zu kraftlos, um Furcht zu haben. Eklytos grinste bitter in die Dunkelheit hinein: das war also die Standhaftigkeit und Seelenruhe eines Eremiten. Bloß eine Angleichung an den das Äußere, an den Staub und die Ödigkeit, die sich in der Seele vollzog, so wie Hiob sich der Verwüstung seines äußeren Lebens anglich, indem er sich auf einen Aschenberg setzte und sich die Haut ritzte mit einer Tonscherbe. Desgleichen also geschah nun also ihm, Eklytos, in dieser Einsiedelei: Seine Seele sollte zur Wüste werden, sollte Wüste werden wie das Land, welches ihn umgab und einschloß, Wüste war, leer und regungslos unter der Klarheit des Himmels. Die Säfte seines Körpers sollten eintrocknen unter den heißen Winden, in den schmerzhaften Nächten auf seiner fluchwürdigen Matte aus zerschlissenem, löchrigen Flechtwerk. Die Säfte, die in gefährlichen Momenten durch die Glieder schossen und das schwache Fleisch zu diesem und jenem trieben. Aber Eklytos konnte sich nicht verhelen, daß er sich mit dem lebensvollen Kreislauf der Säfte in seinem Körper alles in allem wohler gefühlt hatte als jetzt, wo er in seiner eigenen Verwüstung begriffen war.<br />
Eklytos seufzte schwer. Gleich darauf ergriff ihn ein Hustenanfall, unter dem er sich krümmen mußte und zu japsen begann und endlich zähen Schleim ausspie von der Farbe des Sandes. Als es vorüber war, die Dämonen von ihm abließen, zitterte er am ganzen geschwächten Leib. Eklytos erhob sich mühsam, zwang sich dabei zum Gebet. Als er auf den Füßen stand, schwankte er wie ein Grashalm im Wind und murmelte: Dein ist die Kraft, dein ist die Kraft, wobei ihm ein bitterer Geschmack auf die Zunge trat.<br />
Unter dem Gebet kam der Anachoret allmählich zu Kräften und trat hinaus durch die Türöffnung der verfallenen Lehmhütte, die er an diesem Ort fern der Menschen vorgefunden hatte, unter deren löchrigem Dach er jetzt schon seit vielen Tagen hauste. Am Türpfosten lehnte sein Stab, den er mit einer Aufwallung von Zärtlichkeit zur Hand nahm und sich schwer auf ihn stützte, als wäre dieses Stück Holz sein Gefährte oder vielmehr sein Zechbruder. Eklytos presste Rücken und Gesäß an die Lehmwand hinter ihm, stellte seinen Stab zwischen die nackten Füße, darauf legte er seine ineinender verschränkten Hände und auf sie wiederum stützte er sein Kinn. Der Bart, der ihm kräftig gewachsen war, gab unter dem Kinn ein angenehmes Polster ab.<br />
Bald würde der Tag anbrechen, schon zeigte sich ein schmaler Streifen grauen Lichtes am östlichen Horizont. Eklytos drehte den Kopf ein wenig nach links und erzeugte damit ein knisterndes Geräusch zwischen Kinn und Handrücken. Jetzt gehe sein Blick wohl zu jenem Land, in dem der Herr gewandelt war unter uns Menschen, Jesus, Sohn Gottes, das Licht von Osten. Und er hatte keinen Ort, sein Haupt zu betten. Eklytos mußte, obgleich er nicht wollte, er mußte an Lydia denken. Daran, wie er einst sein Hauptin Lydias Schoß gebettet hatte und welch süßer Schlummer das gewesen war. In seine Augen trat das Wasser und überdeckte völlig den Tagesanbruch. Diesmal griff der Dämon nach dem Magen des Einsiedlers, daß ihn ein zitternder Schmerz durchfuhr und ihm das Herz sprang. Lydia, ging sein Gebet, aber es besserte nichts, die Sehnsucht wurde nur immer größer. Eklytos dachte daran, loszulaufen und sie zu finden, hinter der grauen, kalten Wüßte, die sich vor ihm breitete. Mit jener sonderbaren Behändigkeit der Seele wurde er an irgendeinen Ort versetzt, an dem Eklytos sich Lydia vorstellte. So lebendig war dieses Bild, Haar, Augen, Haut, Hände, daß Eklytos meinte, bloß einen Schritt machen zu müssen, um bei ihr zu sein. Wie diese Erscheinung ihn Quälte! Nur ein Schritt zu Lydia, ein Ort, sein Haupt zu betten. Oder doch auch nur einen Menschen zu haben, mit ihm zu sprechen. Er dachte an die Händler, die Bettler und Tagelöhner, hungrig, schmutzig und arm, seinesgleichen. An die Geschichten, die Zoten und Anzüglichkeiten, an die Niedertracht und die Hoffnung. Er dachte daran, wie man unter dem Einfluß von Gegorenem miteinander sprach oder morgens, wenn man gemeinsam am Straßenrand erwachte und sich freute, noch am Leben zu sein. Er dachte an die tiefe Nachdenklichkeit und an das hilflose Gestammel, das ihm begegnet war auf seiner Wanderung und wie er mit anderen all das hatte teilen können durch das Wort, die Gabe Gottes an den Menschen. An den Menschen, Gottes schadhaftes Ebenbild. Alles schien ihm zum greifen nah zu sein. Fast wollte Eklytos schon dem zahnlosen, hinkenden Stephanos einen Gruß zurufen, der ihm vorgespiegelt wurde durch seine hungernde Seele, ebenso, wie in der größten Hitze Wasser erschien über dem Wüstenboden, zitternd und flirrend. Seine Seele wollte von ihm fort, Eklytos spürte ihr andrängen als ein zartes, ungeheures Reißen in der Herzgrube, er jammerte unter dem Wahn, unter der Versuchung, fortzukommen von diesem einsamen, verdörrten Ort durch einen einzigen Schritt, seiner fliehenden Seele folgend zu den anderen Menschen, die ihm nun vor Augen standen als flirrende Vision.<br />
Das Licht von Osten erhob sich über den Horizont und im ersten Licht des Tages verwünschte sich der Eremit Eklytos, fluchte über die jammervolle Lage, in die er sich gebracht hatte und wußte nicht mehr zu sagen, was eigentlich er gesucht hatte. Er verachtete seine ekelhafte Bärtigkeitm seine schmutzfleckige Decke, die zerbrochene Behausung, an der er greisenhaft lehnte, die Ödnis, in die er hineingestolpert war und die er jetzt bespie, zwischen seine nackten Füße, mit dem wenigen Speichel, den sein staubiger Mund noch hergab.<br />
Die Wüste schwieg dazu, nur das trockene Knacken der Steine war zu hören, die sich unter der Sonne allmählich erwärmten. Regungslos lag der leere, dunkelblaue Himmel über allem, blau wie eine jener Leichen, die man hie und dort neben der Staße liegen sah.<br />
Und in dieser Stille lagerte sich die schweigende Gottheit um Eklytos, siehe, nicht Sturm und Feuer bin ich, sondern ein stilles, sanftes Sausen. Über seine schmerzlich aufgespannte Seele strich die Gottheit mit leisen, zärtlichen Fingern und – es ergab sich ein neuer Ton, der Eklytos allmählich in das vertrockenete Bewußtsein drang. Die Aufregung verging ihm nun, der Schmerz verebbte und die Visionen hoben sich von seinen Augen. Mit dem Gesicht eines Kindes stand er da und er hörte: das Flüstern über der Wüste; und er sah: das zarte Rot und Blau gen morgen und einen einzelnen, zähen Baum vor der augehenden Sonne, der hier wuchs und Blätter trieb. Und das Flüstern gab ihm Antwort und der Baum war wie er. Eklytos blieb lange regungslos, nun gerade aufgerichtet, der Stab war seinen Händen entglitten, die er halb gehoben hatte, die ihm nun vor der Brust hingen, mitten in der Geste erstarrt. Schrecken stand auf seinem Gesicht, er hatte es den Höhen zugewandt, so daß sein Bart vor ihm in die Luft stach. Dann wurde der Schrecken in Eklytos Angesicht verwandelt in ein kleines, vogelleichtes Lächeln. Und nach einem langen Augenblick war es, daß Eklytos den Fuß zu einem ersten Schritt vor sich setzte, der aufkommenden Hitze nicht achtete und die Wüste verließ. Nunmehr war er gesandt.</p>


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		<pubDate>Fri, 15 Feb 2008 10:34:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Janus</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="/wp-content/uploads/2008/09/antonius.jpg" class="floatbox" rev="group:811 caption:`Detail aus Paolo Caliari, Versuchung des Hl. Antonius, 1528`"><img class="rand alignnone size-medium wp-image-812" title="Detail aus Paolo Caliari, Versuchung des Hl. Antonius, 1528" src="/wp-content/uploads/2008/09/antonius-269x300.jpg" alt="" width="269" height="300" /></a></p>
<p>Ich habe den Heiligen Antonius gesehen. Ein Bild, gemalt mit Öl, in einem abgedunkelten Raum, geschützt durch Alarm. Ich habe gehört, er ging in die Wüste und war dort allein, nur in Gesellschaft von Dämonen. Unter seiner Bastmatte schlüpften, als der Heilige sich dem Schlaf überlassen wollte, Frauen hervor, warm und nackt und weich, mit bittenden Augen und offenen Armen, daß Antonius versucht werde durch die Hitze des Leibes. </p>
<p>Er genoß die Achtung des Teufels, der Gold und Silber, Ruhm und Ehrungen aufbot, um Antonius zu gewinnen. Und als er das alles überstanden hatte, als er in der Stille der Wüste lag, ganz mit sich allein in der vollkommenen Dunkelheit seiner Höhle, da kamen Dämonen, die trieben die Angst heraus aus der Tiefe seines Herzens. Sie hoben ihre Fäuste und Keulen und Krallen gegen ihn und schlugen ihn so hart, das er wurde wie tot und nach vielen Stunden erst wieder erwachte zum Lob Gottes.</p>
<p>Die Lippen des Heiligen Antonius sind ein wenig geöffnet und ich sehe: seine aufeinandergepressten Zähne. Er blickt gefasst auf die Versuchung ihm vor Augen, er läßt sich kaum anmerken, wie Angst ihn gepackt hat und ihm mit den Zähnen knirscht. Ich kann ihn verstehen, den Heiligen, wie er mir entgegenblickt. Ich kann lesen, was wohl auch der Dämon, der finstere Versucher oder das warme, schöne Weib im Antlitz des Heiligen gesehen haben. Und sie werden, so denke ich, Mitleid gehabt und vielleicht sich erwärmt haben für den mutigen Antonius wie ich.<br />
Wie ich Antonius, den großen Eremiten, beneide. Ein Liebling beider: Gottes und des Teufels und ausgezeichnet durch sie, Bezwinger der inneren Wüste zu sein. Begehrt vom Versucher selbst, denn der kam immer wieder. </p>
<p>Hier, an diesem dämmrigen Ort, über das Flüstern anderer Kunstbetrachter hinweg, hier stelle ich mir vor: ich bin in der Wüste, einsam in der tiefsten Dunkelheit. Und der große Verführer, der Fürst der Dämonen, tritt zu mir, greift in die Saiten meiner Seele und spielt die schlimmsten Ängste hervor. Ich stelle mir vor: die Stimmen flüstern mir von meiner Begierde und meiner Schwachheit und lassen sich mit keinem Schreien übertönen. Ich stelle mir vor: wie es ist, um sich zu schlagen, auf den Boden geworfen von der Summe aller Angst, und darüber zu werden wie tot. Wie es ist, nach Stunden aufzustehen und doch noch zu leben und – Bezwinger zu sein, stärker als alle Angst. Dann mein Gesicht zu sehn wie jetzt Antonius, matt und geadelt, ein Sieger, der mit den Zähnen knirscht, weil der Sieg so unfaßlich ist.</p>


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