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	<title>Rauhfasler &#187; Mokrys Peripatien</title>
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	<description>Verbrauchende Versuche mit Wörtern</description>
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		<title>Foebus</title>
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		<pubDate>Sun, 15 May 2011 10:29:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Janus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Erzählen]]></category>
		<category><![CDATA[Mokrys Peripatien]]></category>
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		<description><![CDATA[Das Auge hat sein Dasein dem Licht zu danken. Aus gleichgültigen tierischen Hilfsorganen ruft sich das Licht ein Organ hervor, das seinesgleichen werde, und so bildet sich das Auge am Lichte fürs Licht, damit das innere Licht dem äusseren entgegentrete. (&#8727;) Dr. Ephebrämius hat Besuch von seinem erprobten Weggefährten und Kollegen Schmidt erhalten. Er führt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.rauhfasler.de/wp-content/uploads/2011/02/suchscheinwerfer.jpg" class="floatbox" rev="group:12221 caption:`Ein Suchscheinwerfer aus dem Zweiten Weltkrieg`"><img src="http://www.rauhfasler.de/wp-content/uploads/2011/02/suchscheinwerfer-199x300.jpg" alt="" title="Ein Suchscheinwerfer aus dem Zweiten Weltkrieg" width="199" height="300" class="rand size-medium wp-image-12337" /></a></p>
<div style="margin-left:200px;font-size:0.9em;font-style:italic;margin-bottom:2em;">Das Auge hat sein Dasein dem Licht zu danken. Aus gleichgültigen tierischen Hilfsorganen ruft sich das Licht ein Organ hervor, das seinesgleichen werde, und so bildet sich das Auge am Lichte fürs Licht, damit das innere Licht dem äusseren entgegentrete. (&lowast;)</div>
<p class="regie">Dr. Ephebrämius hat Besuch von seinem erprobten Weggefährten und Kollegen <span style="font-variant:small-caps;font-style:normal;">Schmidt</span> erhalten. Er führt Schmidt in das düstere, zweite Kellergeschoß der Anstalt, wo sich sein <span style="font-variant:normal;font-style:normal;">Kuriositätenkabinett</span> befindet. Unter anderem gehört dazu die Zelle, die dem Publikum nun vor Augen steht.</p>
<p class="regie">Sie enthält einen Mann, der noch nicht alt ist und durchaus trainiert zu sein scheint, dessen Haut aber eine merkwürdig ledrige Beschaffenheit aufweist. Die Dres. Ephebrämius und Schmidt sind im Begriff, dieses Subjekt durch eine Klappe in einer Zellentür zu betrachten, die ganz konventionell wuchtig-stählerne Qualität besitzt. </p>
<p class="regie">Das Innere der Zelle ist gleißend hell erleuchtet, <span id="more-12221"></span>das Licht geht von myriaden von kleinen Strahlern aus, die überall in die Decke und die Wände eingelassen sind. Alle Gegenstände und Oberflächen haben eine makellos weiße Oberfläche. Auch der Insasse dieser strahlenden Zelle trägt durchgehend weiße Kleidung.</p>
<p class="dialogtext"><span>Ephebrämius</span> (<em>weist auf die Zellentür; wie ein Zirkusdirektor</em>): Das hier also ist Herr Foebus.</p>
<p class="dialogtext"><span>Schmidt</span> (<em>öffnet die Klappe der Zellentür und schreckt prompt zurück</em>): Ah, das sticht in die Augen.</p>
<p class="dialogtext"><span>Ephebrämius</span>: Oh, entschuldigen sie, mein Bester, ich hätte sie warnen sollen.</p>
<p class="dialogtext"><span>Schmidt</span> (<em>wieder gefasst</em>): Aber nein, aber nein! Man muß die Dinge, sage ich immer, zuallererst unvoreingenommen auf sich wirken lassen. Was einen Sticht, das durchdringt die <em>thalamidale Zensur</em>, sage ich immer.</p>
<p class="dialogtext"><span>Ephebrämius</span>: Ha ha ha! Sehr richtig, sehr richtig. &#8211; <span>Schmidt</span> <em>stimmt in das Lachen mit ein.</em></p>
<p class="dialogtext"><span>Schmidt</span>: Aber was soll es denn? Eine solche Zelleneinrichtung bläht doch sicherlich die Stromkosten auf. Und so eine Investition für ein einzelnes Exemplar? Äußerlich ist es nicht sonderlich bemerkenswert, meine ich?</p>
<p class="dialogtext"><span>Ephebrämius</span>: Aber es handelt sich hier um ein durchaus unterhaltsames Exemplar. In einem freilich eher platonischen Sinne. (<em>Im Tonfall des Weinkenners:</em>) Zu anderen Exemplaren, bei denen, sagen wir, eher die somatische Ästhetik im Vordergrund steht, zu dem straffen, durch die ungestalte Psyche erfreulich verwilderten Fleisch &#8211; kommen wir dann gleich.</p>
<p class="dialogtext"><span>Schmidt</span> (<em>leckt sich die Lippen</em>): Ja, sehr gut, sehr gut. Zuerst der Geist, dann der Körper. Und es handelt sich hier, in diesem Fall, bei diesen Lichtverhältnissen &#8211; um einen Wunsch des Patienten?</p>
<p class="dialogtext"><span>Ephebrämius</span>: Fragen sie ihn doch selbst, ganz frisch heraus bitte, nur keine Scheu. Der junge Herr Foebus spricht gerne über seine sonderlichen Abneigungen. Sie müssen nicht besonders rücksichtsvoll sein.</p>
<p class="dialogtext"><span>Schmidt</span> (<em>verbindlich</em>): Wenn ich darf?</p>
<p class="dialogtext"><span>Ephebrämius</span>: Sie müssen bloß diesen Knopf hier drücken, die Sprechanlage.</p>
<p class="regie">Schmidt drückt den Knopf, räuspert sich und spricht umständlich in das Mikrophon, auf das Eephebrämius ihn ebenso umständlich hingewiesen hat.</p>
<p class="dialogtext"><span>Schmidt</span>: Ähäm, ja, guten &#8211; nun, man muß hier wohl sagen &#8211;: Guten Tag.</p>
<p class="regie">Foebus starrt wie ein witterndes Tier den Lautsprecher an, in einer halb geduckten, halb zur Flucht gewendeten Haltung.</p>
<p class="dialogtext"><span>Foebus</span> (<em>mißtrauisch</em>): Ist es Tag?</p>
<p class="dialogtext"><span>Ephebrämius</span> <em>schaltet eilig die Gegensprechanlage aus; dann, an Schmidt gewandt:</em> Sie müssen unter allen Umständen darauf beharren, daß es Tag sei, obwohl es ja strenggenommen Nacht ist. Aber dieses Eingständnis hätte vielleicht ganz unabsehbare Folgen.</p>
<p class="dialogtext"><span>Schmidt</span> (<em>zu Ephebrämius</em>): Nun gut, natürlich. (<em>Wieder in die Gegensprechanlage:</em>) Ja, Herr Foebus, es ist natürlich Tag.</p>
<p class="dialogtext"><span>Foebus</span> (<em>mißtrauisch</em>): Was heißt hier &rsaquo;natürlich&lsaquo;.</p>
<p class="dialogtext"><span>Schmidt</span> (<em>wie ein ertappter Junge</em>): Tag, es ist Tag!</p>
<p class="dialogtext"><span>Foebus</span>: Pfah. (<em>Er beginnt, durch seine Zelle zu tigern wie ein sehr erregter Professor hinterm Katheder</em>.) Ich hasse die Nacht. Ich kann sie nicht ertragen. Es gibt nichts schlimmeres. Es gab nie etwas schlimmeres. Aber <em>hierher</em> wird sie niemals gelangen. Das wurde mir versprochen. Ich bin geschützt durch elektrischen Strom. Ich bin gesichert. Ich befinde mich in Sicherungsverwahrung. &#8211; Die Nacht. Und der Schlaf. Der Schlaf und die Nacht. Sie dürfen nicht hierhergelangen. Die Nacht, die das Licht auffrisst und Schatten ausspruckt; die Nacht gebiert die Schatten. Oder vielleicht wachsen die Schatten im Maul der Nacht heran, wie bei diesem Fisch, der seine Nachkommen in seinem Maul ausbrütet. Dann Spuckt die Nacht die Schatten aus. Und die Schatten kommen und fressen an meiner Seele wie an einem aufgeweichten Brötchen. Licht! Licht!</p>
<p class="regie">Die letzten beiden Worte schreit Foebus derart laut und dringlich, daß die andächtig lauschenden Ärzte aufschrecken und mit den Köpfen aneinanderstoßen. Sie entschuldigen sich umständlich beieinander.</p>
<p class="dialogtext"><span>Foebus</span> (<em>horcht auf</em>): Was war das für ein dumpfes Pochen?</p>
<p class="dialogtext"><span>Ephebrämius</span> (<em>reibt sich den Kopf</em>): Die Sinneswahrnehmungen dieses Subjektes sind offenbar außerordentlich verfeinert. Das scheint eine Wirkung des dauerhaften Schlafentzugs zu sein.</p>
<p class="dialogtext"><span>Schmidt</span> (<em>hält sich noch etwas benommen den Kopf; in die Gegensprechanlage</em>): Lassen sie sich bitte nicht stören&#8230;</p>
<p class="dialogtext"><span>Foebus</span>: Einerlei, was die elektrische Stimme sagt. Sie gibt sich künstlich souverän. (<em>Hört auf zu horchen; beginnt wieder zu tigern.</em>) Das war ein menschliches Pochen. Es klang wie &#8211; es klang nach zwei Kopfschwarten, unter denen die Schädelknochen aneinanderknallen. Das dumpfe Geräusch dumpfer menschlicher Hirne. Ich verachte Menschen. Es gibt kaum etwas widerwärtigeres, abgesehen von der Nacht. Weil die Menschen, weil die Menschen &#8211; sich davonstehlen, immer haben sie sich davongestohlen. Sie verschwinden entweder in die Abwesenheit, sobald sie merken, daß man sich an sie gewöhnt hat. Der Hinterhältigste aller Angriffe. &#8211; Oder sie zerfließen mir durch ihren Hang zur Selbstentwertung. (<em>Er lacht irre.</em>) Wenn sie ihre mühsam verhüllte Dürftigkeit entblößen und dann nurnoch unbrauchbar und eklig sind. Man ist am Ende bloß allein. Und deshalb will ich lieber von vornherein allein sein. Ha! ich bin allein. Allein mit dem immerwährenden Licht. Hier, hierher kann kein Ekel und keine Niedertracht und die Nacht erst recht! die Nacht! nicht gelangen.</p>
<p class="regie">Ephebrämius schaltet die Gegensprechanlage stumm. Man sieht, wie sich der Mund des internierten Herrn Foebus eifrig, aber nun völlig tonlos weiterbewegt.</p>
<p class="dialogtext"><span>Ephebrämius</span>: So geht das jetzt noch eine nicht unbeträchtliche Zeitspanne weiter. Darüber würde es glatt Nacht werden &#8211; wenn das möglich wäre.</p>
<p class="regie">Die Doktoren lachen ausgiebig, halten sich schließlich die Bäuche, wischen sich Tränen aus den Augen und stoßen, unter einem gemeinsamen, besonders argen Heiterkeitskrampf, wiederum hart mit den Köpfen aneinander. Es macht ein hohles Geräusch. Man sieht, wie in der Zelle Foebus Zeigefinger triumphierend in die Luft sticht, von seinen Lippen ist ein <span style="font-style:normal;">&#0187;Aha&#0171;</span> deutlich abzulesen. &#8211; Als sich die Ärzte wieder gefangen haben, tritt Schmidt zur Gegensprechanlage.</p>
<p class="dialogtext"><span>Schmidt</span>: Sie hatten wohl keine einfache Kindheit?</p>
<p class="dialogtext"><span>Foebus</span>: Meine Kindheit geht sie nichts an!</p>
<p class="dialogtext"><span>Schmidt</span>: Na, aber wie kommen sie denn zu einer so <em>düsteren</em> Einschätzung ihrer Mitmenschen?</p>
<p class="dialogtext"><span>Foebus</span>: Ist es denn nicht so?</p>
<p class="dialogtext"><span>Ephebrämius</span> (<em>beugt sich neben Schmidt zum Mikrophon</em>): Na, aber keineswegs. Man muß miteinander auskommen. Wir sind doch&#8230;</p>
<p class="dialogtext"><span>Schmidt:</span> &#8230;wir sind doch alle Menschen&#8230;</p>
<p class="dialogtext"><span>Ephebrämius</span>: &#8230;und der Mensch ist ein geselliges Wesen.</p>
<p class="dialogtext"><span>Schmidt</span>: Und diese Sache mit dem Licht&#8230;</p>
<p class="dialogtext"><span>Foebus</span>: Sie sind doch bloß dumpf! Dumpf und so mittelmäßig, daß sie sich an einem wie mir ihre abgeschmackte Unterhaltung verschaffen. Als ob es uns, sie und mich, in ein klares Verhältnis stellen würde, daß sie auf der anderen Seite dieser Zellentür stehen.</p>
<p class="dialogtext"><span>Ephebrämius</span> (<em>gönnerhaft</em>): Nun ja&#8230;</p>
<p class="dialogtext"><span>Foebus</span>: Nein! Es gibt einen absoluten Maßstab! Und sie haben sich bloß in alles eingewöhnt! Sie nehmen allen Verlust und alle schale Mittelmäßigkeit problemlos hin. Leute wie sie&#8230;</p>
<p class="dialogtext"><span>Schmidt</span> (<em>deutlich verstimmt</em>): Na, jetzt sind wir aber gespannt auf ihre Diagnose!</p>
<p class="dialogtext"><span>Foebus</span>: Leute wie sie es sind, sind doch eigentlich eingesperrt. Ihre Wahrnehmung endet irgendwo im leeren, kalten Raum. Darauf gehe ich jede Wette ein. Wann haben sie schon einmal einen anderen Begriffen?</p>
<p class="dialogtext"><span>Ephebrämius</span>: Herr Foebus, das hatten wir doch schon alles.</p>
<p class="dialogtext"><span>Foebus</span>: Aber wenn sie jemals einen anderen Menschen begriffen hätten &#8211; wie sollten sie dann weiterleben, nachdem er ihnen verlorengegangen ist. Und ständig gehen die Menschen verloren, verlieren sich, verlaufen sich, werden getrennt durch den ungerechten Zufall, der einen hierhin, den anderen dorthin gehen läßt &#8211; und plötzlich ist das Labyrinth um einen derart gewachsen, daß man zum anderen nicht mehr zurückfindet.</p>
<p class="dialogtext"><span>Schmidt</span> (<em>sarkastisch</em>): Oho, fast schon poetisch.</p>
<p class="dialogtext"><span>Foebus</span>: Deshalb bleibe ich hier. Ich werde nicht schlafen, ich werde nichts träumen, ich werde mir nicht durch Dunkelheit künstliche Lider auf die Augen legen lassen. Ich werde mir nichts vorstellen. Denn das wahre Gesicht der Dinge ist schrecklich!</p>
<p class="dialogtext"><span>Ephebrämius</span> (<em>zu Schmidt</em>): Ein unterhaltsames Exemplar, nicht war.</p>
<p class="dialogtext"><span>Schmidt</span> (<em>gähnt etwas</em>): Ja, aber am Ende etwas ermüdend.</p>
<p class="dialogtext"><span>Ephebrämius</span>: Na, dann wollen wir nach dem verwirrten Geist nun das verwilderte Fleisch in Augenschein nehmen?</p>
<p class="dialogtext"><span>Schmidt</span>: Das ist ein Wort!</p>
<p class="dialogtext"><span>Ephebrämius</span> (<em>lässig in das Mikrophon</em>): Machen sie&apos;s gut, Herr Foebus.</p>
<p class="regie">Ephebrämius klappt das Sichtfenster in der Zellentür zu &#8211; beide Doktoren ab.</p>
<hr />
<p>&lowast; Der Sinnspruch stammt von Goethe: Entwurf einer Farbenlehre (Goethes Naturwissenschaftliche Schriften [Kürschner] Bd. 3, S. 88).</p>


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</ol></p>]]></content:encoded>
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		<series:name><![CDATA[Mokrys Peripatien]]></series:name>
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		<title>Death by Tray</title>
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		<pubDate>Sat, 14 May 2011 14:46:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Janus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Erzählen]]></category>
		<category><![CDATA[Mokrys Peripatien]]></category>
		<category><![CDATA[Göttinnen]]></category>
		<category><![CDATA[Mord]]></category>
		<category><![CDATA[Tod]]></category>
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		<description><![CDATA[Ein sehr beleibter Herr mittleren Alters, geziert mit einem walroßartigen Oberlippenbart, betritt den Aufenthaltsraum. Roßfäller führt das Walroß am Oberarm, während Leimbach eine merkwürdige Konstruktion hintendrein trägt: Ein Lattengestell, das auf einer Seite mit Stoff behangen ist. Das Walroß selbst trägt einen Beutel in seiner freien Hand. Roßfäller schiebt den Patienten auf ein neu aussehendes, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://erinyen.blogspot.com/"><img src="http://www.rauhfasler.de/wp-content/uploads/2010/09/Erinnye-e1285013859487-238x300.jpg" alt="" title="Titelbild des anarcho-feministischen Magazins »Erinyen« (Ausgabe #2)" width="238" height="300" class="rand size-medium wp-image-9203" /></a></p>
<p><em>Ein sehr beleibter Herr mittleren Alters, geziert mit einem walroßartigen Oberlippenbart, betritt den Aufenthaltsraum. Roßfäller führt das Walroß am Oberarm, während Leimbach eine merkwürdige Konstruktion hintendrein trägt: Ein Lattengestell, das auf einer Seite mit Stoff behangen ist. Das Walroß selbst trägt einen Beutel in seiner freien Hand. Roßfäller schiebt den Patienten auf ein neu aussehendes, sehr breites Sofa zu, das auf einem Podest steht. Dort läßt sich der beleibte Herr nieder, neben ihm stellt Leimbach das merkwürdige Lattengestell ab. Unterdessen führen Mokry und Epiglotter eine Unterhaltung.</em></p>
<p>Mokry: Bah!<br />
Epiglotter: Damit haben sie recht!<br />
Mokry: Und die Allgemeinheit&#8230;<br />
Epiglotter: Ach, hören sie auf!<br />
Mokry: Ja, die Allgemeinheit denkt&#8230;<br />
Epiglotter: Denkt sie!<br />
Mokry: Als ob sie das jemals wirklich täte.<br />
Epiglotter: Da ist der Konjunktiv nur angebracht.<br />
Mokry: Wohlsein! <span id="more-9187"></span></p>
<p><em>Er hebt ein bloß eingebildetes Glas. Epiglotter prostet ihm mit leerer Luft freundlich zu.</em></p>
<p>Epiglotter: Wozu sollte man noch destillierte Flüssigkeiten brauchen&#8230;<br />
Mokry: Der hohle Dunst ist dieser Tage weit genug davon entfernt&#8230;<br />
Epiglotter: &#8230;nüchtern zu sein &#8211; sie haben recht&#8230;<br />
Mokry: &#8230;also dann&#8230;<br />
Epiglotter: Prost!</p>
<p><em>Epiglotter und Mokry heben ihre unsichtbaren Gläser an die Lippen und leeren sie mit einem tiefen, kämpferischen Zug.</em></p>
<p>Epiglotter und Mokry (<em>unisono</em>): Aah!<br />
Epiglotter: Das tut gut.</p>
<p><em>Das Walroß lacht prustend aus dem Hintergrund. Epiglotter und Mokry wenden sich um.</em></p>
<p>Epiglotter: Aha!<br />
Mokry: Stör uns nicht, Dickerchen!<br />
Epiglotter: Wo waren wir stehengeblieben?<br />
Mokry: Wir hatten von der vollständigen und abschließenden Beliebigkeit allen Problembewußtseins gesprochen.<br />
Epiglotter: Das ist eine druckreife Zusammenfassung.</p>
<p><em>Die beiden prosten sich wieder zu.</em></p>
<p>Epiglotter: Nachschub ist reichlich vorhanden.</p>
<p><em>Das Walroß wühlt in seinem Beutel. Dann nimmt er das merkwürdige Gestell zur Hand, schraubt und schiebt daran herum. Mokry und Epiglotter sehen kurz zu.</em></p>
<p>Mokry: Am Ende ist es doch so: Wo immer einer sich hinwendet, er kann sich nicht sicher sein, ob er sich nicht doch eigentlich viel eher in die entgegengesetzte Richtung hätte wenden sollen.<br />
Epiglotter: Und Meinungen sind ohnehin Makulatur. Wer könnte schon von sich behaupten, etwas zu <em>meinen?</em></p>
<p><em>Das letzte Wort spuckt Epiglotter wie einen Frosch aus. Mokry und er lachen schallend. Das Wahlroß stimmt mit ein &#8211; und setzt sich daraufhin das Gestell auf die Schultern. Es ist eine kleine Bühne, mit Rampe und Vorhang. Das Walroß sitzt nun mit geschlossenem Vorhang ruhig auf dem Sofa. Die Diskutanten im Vordergrund machen sich nichts daraus.</em></p>
<p>Mokry: Im Grunde ist eine Meinung für uns doch bloß eine Art Kleidungsstück. Man geht ja schließlich nicht nackt vor die Tür&#8230;<br />
Epiglotter: &#8230;und bemüht sich um einen gewissen Stil&#8230;<br />
Mokry: &#8230;aber ob jemand nun das eine oder andere anzieht&#8230;<br />
Epiglotter: &#8230;danach kräht kein Hahn.<br />
Das Walroß (<em>von hinter dem Vorhang vor seinem Gesicht</em>): Kiekeriki!<br />
Epiglotter: Es wird ja ohnehin alles immer unsichtbarer.<br />
Mokry: Ja, so ist es, und da ist Gleichgültigkeit nur folgerichtig.<br />
Epiglotter: Es kann einem ja alles wichtig sein, und also&#8230; (<em>er übergibt Mokry mit einer Geste das Wort</em>)<br />
Mokry: &#8230;ist am Ende nichts wichtig.<br />
Epiglotter: Allein das zu bemerken ist schon albern.<br />
Mokry: Prost!<br />
Epiglotter: Wohl bekomm&apos;s!</p>
<p><em>Das Walroß hat nunmehr seine Vorbereitungen abgeschlossen. Er hat mittlerweile seine Hände beiderseits vor seinem Kopf von unten durch zwei Öffnungen in den Kasten gesteckt. Der Vorhang öffnet sich. Im Hintergrund der kleinen Bühne prangt das Walroßgesicht, allerdings jetzt leuchtend rot geschminkt. Auf seinen Händen stecken zwei nackte und magere androgyne Puppen, eine stehend, die andere kniend. Die knieende Puppe schreit mit der verstellten Stimme des Walrosses:</em> TÖTE MICH! <em>woraufhin die andere Puppe diesen Wunsch mit verschiedenen, vom Walroß anschaulich gemachten Mitteln entspricht.</em></p>
<p><em>Währenddessen machen Mokry und Epiglotter eine Aufzählung, als würden sie ein Gesellschaftsspiel spielen.</em></p>
<p>Epiglotter: Was gäbe es denn da. Hm. Zum Beispiel: Hungersnot.<br />
Walroß: Töte mich!<br />
Mokry: Wasserknappheit.<br />
<em>Die Puppe wird erstochen.</em><br />
Epiglotter: Atomkraft.<br />
Walroß: Töte mich!<br />
Mokry (<em>in päpstlichem Singsang</em>): Ein-Computervirus-der-sämtliche-Bankkonten-der-Welt-auf-Null-stellt.<br />
<em>Wird erwürgt.</em><br />
Epiglotter: Das Aussterben der Bienen.<br />
Mokry: Ha, ha &#8211; eine kleine Ursache&#8230;<br />
Epiglotter: &#8230;mit großer Wirkung.<br />
Walroß: Töte mich!<br />
<em>In der Tür erscheint die Krankenschwester.</em><br />
Mokry: Terroranschläge mit Atomsprengsätzen.<br />
Epiglotter: Aber &#0187;Atom&#0171; hatten wir schon.<br />
Mokry: Na gut, eine Pandemie des schwarzen Todes.<br />
Epiglotter: Das ist aber ziemlich romantisch.<br />
<em>Das Walroß zersägt die knieende Puppe mit einer Motorsäge.</em><br />
Epiglotter: Der Einschlag eines Asteroiden.<br />
Walroß: Töte mich!<br />
Epiglotter: Ein Rachefeldzug ausgebrochener Versuchs-Schimpansen.<br />
<em>Die Puppe wird auf einem elektrischen Stuhl gebraten.</em><br />
Mokry: Äh&#8230; die Klimaerwärmung.<br />
Epiglotter: Veto! Viel zu allgemein.<br />
Mokry: Na gut&#8230;<br />
<em>Die Krankenschwester hält sich grimmig die Ohren zu und tritt vom einen Bein auf das andere.</em><br />
Mokry: Das globale Zusammenbrechen der landwirtschaftlichen Erträge.<br />
Epiglotter: So wird ein Schuh draus!<br />
Das Walroß (<em>sehr schrill</em>): Bitte, töte mich!<br />
<em>Die Schwester macht ein paar zögerliche Schritte auf das Walroß zu.</em><br />
Epiglotter: Der Zusammenbruch der Demokratie.<br />
<em>Mokry droht Epiglotter ironisch mit dem Zeigefinger.</em><br />
Mokry: Oh-ho, sie wollen weit hinaus.<br />
<em>Geschickt spielt der Dicke die stehende, mordende Puppe derart, daß sie nun ein Seil unter dem Bühnendach verknotet. Es taucht ein Stuhl auf, die knieende Puppe erhebt sich, um, bedrängt von ihrem mehrfachen Mörder, auf den Stuhl zuzuwanken. Ihr wird daraufhin von der anderen Puppe das Seil um den Hals gelegt.</em><br />
Epiglotter: Eine neue Völkerwanderung aus Klimaflüchtlingen! Die Straße von Gibraltar wird, trotz der vehementen Gegenwehr europäischer Grenztuppen, spätestens wenn sie mit Leichen aufgefüllt ist, passierbar werden. Und dann&#8230;<br />
<em>Mokry gibt eine eigenwillige Interpretation von <a href="#trauermarsch">Chopins Trauermarsch</a><a name="retour">&ensp;</a>zum Besten.</em><br />
<em>Die Schwester hat sich hinter das Sofa geschlichen, auf dem das Walroß sitzt. Glutäugig, als wäre sich eine der Erinnyen, rauft sie sich tonlos die Haare und scheint einen inneren Ringkampf auszustehen.</em><br />
Epiglotter: Dann wird das Unrecht, das sich über Generationen jenseits des Wohlstandszauns aufgestaut hat &#8211; es wird durchbrechen und wird die fette Pfründe überschwemmen, daß kein Stein auf dem anderen bleibt.<br />
<em>Die Mörderpuppe im Theaterkasten des Walrosses tritt den Stuhl weg: die Opferpuppe baumelt am Seil und zuckt mit den sterbenden Gliedmaßen.</em><br />
Mokry (<em>verneigt sich vor Epiglotter</em>): Ich habe nichts hinzuzufügen.<br />
<em>Die Schwester zieht aus einer Tasche ihres Kittels einen armlangen, aufgerollten Metalldraht hervor. An seinen Enden befinden sich zwei Griffschlaufen, die die Schwester nun ergreift. Sie wirft dem wohlbeleibten Mann auf dem Sofa diesen Würgedraht mit einem Schwung aus den Handgelenken um den Hals und zieht fest zu.</em><br />
Das Walroß: Aaargh-Roaaa-Grrrch.<br />
<em>Epiglotter und Mokry werden auf das Spektakel aufmerksam.</em><br />
Mokry: Nanu&#8230;<br />
Epiglotter: Es sieht ganz so aus, als würde sein gespielter Wunsch nun Lebenswirklichkeit.<br />
Das Walroß: H-hilfe.<br />
Mokry: Er bestitz offenbar keinen Humor.<br />
Epiglotter: Dabei ist die Ironie ganz offensichtlich.<br />
<em>In seinem Todeskampf führen die Puppen auf den Händen des Walrosses, eine davon weiterhin von dem modellhaften Deckenbalken hängend, wilde Tänze auf.</em><br />
Epiglotter: Was ist nun aber Wirklichkeit&#8230;<br />
Mokry: &#8230;und was ist das Schauspiel?</p>
<p><em>Das Walroß röchelt und stirbt.<br />
Während der füllige Leib auf dem Sofa zusammensinkt, fällt vor der Kastenbühne der Vorhang.</em></p>
<p>Die Schwester (<em>deklamiert zornig-erregt</em>):<br />
&#0187;So ist gestürzt ein Haus; doch nicht war wert zu verderben<br />
Eines allein: wo Erde sich dehnt, herrscht wilde Erinnys.<br />
Jeder, so dächte man, schwor zum Vergehn. Auf alle denn falle<br />
Ohne Verzug &#8211; so steht der Entschluss &#8211; die verwirkete Strafe!&#0171;<br />
Iupiters Worte lobt ein Teil, und des Grollenden Ingrimm<br />
Stacheln sie an; ein Teil stimmt zu durch Zeichen des Beifalls.<br />
Allen jedoch weckt Schmerz der Verlust des Menschengeschlechtes:<br />
Welch Aussehen hinfort, so fragen sie, werde die Erde<br />
Zeigen, von Sterblichen leer? wer Weihrauch auf die Altäre<br />
Streuen? ob reißendes Wild denn solle verheeren die Länder?<br />
Doch den Besorgten verbietet &#8211; er werde des Weiteren walten &#8211;,<br />
Bang zu verzagen, das Haupt der Unsterblichen, und er verheißet<br />
Ungleich früherem Volk ein Geschlecht seltsamer Entstehung. (<a href="#ovid">&lowast;</a>)<a name="retour2"></a></p>
<p><em>Mokry und Epiglotter heben ihre imaginierten Gläser</em></p>
<p>Beide: Sehr zum Wohle, Schwester <em>Teisiphone!</em></p>
<p><em>Die Schwester macht einen Schritt in ihre Richtung, Mokry und Epiglotter schleunigst &#8211; ab.</em></p>
<p>Die Schwester: Laut schreit der Mord<br />
Und auf eiligen Schwingen<br />
Kommt, den er herbeigerufen, der Mord<br />
Mordet den Mörder zuletzt.</p>
<p><em>Die Schwester rollt sorgfältig ihr Würgewerkzeug auf, richtet sich die Haare, zieht den Lippenstift nach, lächelt probeweise &#8211; ab.</em></p>
<hr />
<p><a name="trauermarsch"></a>Chopins &#0187;Trauermarsch&#0171; Op 35, no. 2 kann sich der geneigte Leser, exempli gratia, vor Ohren führen in einer <a href='http://www.rauhfasler.de/wp-content/uploads/2010/09/DePachmann_74304.mp3' title="Chopin Op. 35, No. 2">Klavierfassung.</a><br />
Sie wurde eingespielt durch Vladimir de Pachmann (1848-1933), und zwar eine Schellack-Pressung mit einer Aufnahme aus dem Jahre 1912. <a href="#retour">[&uarr; zurück]</a></p>
<p>(&lowast;) <a name="ovid"></a>Die Schwester führt eine <a href="http://www.gottwein.de/Lat/ov/ovmet01151.php#Lycaon" class="floatbox" rev="width:90% height:90% disableScroll:true showNewWindow:true controlsPos:tr">Passage</a> aus Ovids &#0187;Metamorphosen&#0171; im Munde, nämlich den &#0187;Götterbeschluss, die Menschen auszurotten&#0171; (Buch I, 240-252). <a href="#retour2">[&uarr; zurück]</a></p>


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</ol></p>]]></content:encoded>
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		<series:name><![CDATA[Mokrys Peripatien]]></series:name>
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		<title>Experimente</title>
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		<pubDate>Wed, 11 May 2011 10:50:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Janus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Erzählen]]></category>
		<category><![CDATA[Mokrys Peripatien]]></category>
		<category><![CDATA[Denken]]></category>
		<category><![CDATA[leere Hüllen]]></category>
		<category><![CDATA[Selbstsein]]></category>
		<category><![CDATA[Sprache]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Epiglotter sitzt im leeren Aufenthaltsraum mit geschlossenen Augen auf einem Sessel. Von Zeit zu Zeit brummt er halblaute, unverständliche Worte. Mokry betritt den Raum. Er hat einen Eierkarton bei sich. Unter dem Arm trägt er ein umfangreiches Tablett, in der Hand einen abgegriffenen Fleischklopfer. Mokry rückt sich einen Beistelltisch vor einem der Sessel zurecht, stellt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.rauhfasler.de/wp-content/uploads/2010/07/Fleischklopfer.jpg" class="floatbox" rev="group:8454 caption:`Fleischklopfer von Rist`"><img src="http://www.rauhfasler.de/wp-content/uploads/2010/07/Fleischklopfer-300x190.jpg" alt="" title="Fleischklopfer von Rist" width="300" height="190" class="rand size-medium wp-image-8462" /></a></p>
<p><em>Epiglotter sitzt im leeren Aufenthaltsraum mit geschlossenen Augen auf einem Sessel. Von Zeit zu Zeit brummt er halblaute, unverständliche Worte.</p>
<p>Mokry betritt den Raum. Er hat einen Eierkarton bei sich. Unter dem Arm trägt er ein umfangreiches Tablett, in der Hand einen abgegriffenen Fleischklopfer.</p>
<p>Mokry rückt sich einen Beistelltisch vor einem der Sessel zurecht, stellt das Tablett darauf und nimmt dann Platz. Den Eierkarton stellt er auf den Boden. Eine Weile betrachtet er, den Fleischklopfer in der Hand, das leere Tablett. Dann holt er aus und schlägt mit dem Küchengerät auf das Tablett, daß es knallt. </em><span id="more-8454"></span></p>
<p><em>Epiglotter schreckt auf, schaut desorientiert um sich, entdeckt Mokry, der nun wieder reglos auf das Tablett starrt. Nach einer Weile lehnt sich Epiglotter seufzend zurück und schließt wieder die Augen.</p>
<p>Erneut schlägt Mokry lautstark mit dem Fleischklopfer zu. Epiglotter springt auf.</em></p>
<p>Epiglotter: Ja, ist es denn zu glauben!</p>
<p><em>Mokry erschrickt. Der Fleischklopfer fliegt ihm dabei im hohen Bogen aus der Hand.</em></p>
<p>Mokry (<em>empört</em>): Was fällt ihnen ein, sich so an mich heranzuschleichen?<br />
Epiglotter: Aber davon kann doch überhaupt keine Rede sein.<br />
Mokry: Sie! Sie sitzen hier wie eine Spinne in der Grube und fallen mich plötzlich an.<br />
Epiglotter: Nichts da! Sie, sie sind es doch, der hier &#8211; ja was tun sie eigentlich? Ein Fleischklopfer? Wie das?<br />
Mokry (<em>verlegen</em>): Das&#8230; geht sie nichts an.<br />
Epiglotter (betrachtet das Tablett): Wendet sich ihre verschrobene Garstigkeit nun also gegen ein Stück Hausrat?<br />
Mokry: Davon, davon verstehen sie nichts. Er handelt sich hierbei um&nbsp;&#8211; &#8211;<br />
Epiglotter: Was immer. Ich jedenfalls habe mich gerade mitten in einem hochempfindlichen Experiment befunden. Und da kommen sie, sie Simpel und schlagen alles in Scherben.<br />
Mokry (<em>höhnisch</em>): Ein Experiment also. Nun, ich sehe nichts?<br />
Epiglotter: Das Experiment &#8211; &#8211;</p>
<p><em>Ephebrämius hat unterdessen den Raum betreten. Gut gelaunt unterbricht er Epiglotter.</em></p>
<p>Ephebrämius: Aha! Was ist das? Ein Experiment? In meinem, wenn sie entschuldigen, in <em>meinem</em> Gemeinschaftsraum?<br />
Epiglotter: Und ob! Aber wenn es ihr Raum ist, wie kann es dann ein Gemeinschafts&#8230; lassen wir das, lassen wir das. (<em>Zu Mokry:</em>) Da sehen sie, was sie mit ihrer Holzklopferei angerichtet haben. Da bin ich schon wieder mitten hineingestürzt in die vertrakte Begriffsmünzerei. Dabei hatte ich schon die Thetagrenze erreicht, um von dort womöglich unverstellt die Gammaphänomene beobachten zu können.<br />
Ephebrämius: Das höre sich einer an. Jetzt werden meine Patienten ihre eigenen Enzephalographen.<br />
Mokry (<em>heftig</em>): Ja, bin ich denn nur von Irren umgeben. Aber natürlich. Das ist ja die ganze Misere. Nur Wahnsinnige!</p>
<p><em>Mokry hat sich inzwischen den entflogenen Fleischklopfer wiedergeholt und schlägt, um seine letzte Feststellung zu unterstreichen, beherzt auf sein Tablett. Ephebrämius und Epiglotter erschrecken unisono. &#8212; Ephebrämius kommt aber, unerschütterlich gut gelaunt, verbindlich und interessiert wie ein Insektensammler, einem erneuten Wutausbruch Epiglotters zuvor.</em></p>
<p>Ephebrämius (<em>zu Epiglotter</em>): Theta also. Sie sprachen von einem Experiment.<br />
Epiglotter: Aber gerade das nicht.<br />
Ephebrämius: Wie bitte?<br />
Epiglotter: Gerade darin bestand das Experiment, keine Aussagen oder Mutmaßungen oder Behauptungen zu tätigen, anzustellen oder aufzustellen (<em>&#8212; er presst sich mit den flachen Händen die Schläfen &#8212;</em>) ah, es ist unerträglich, nie kommt man davon los.<br />
Mokry (<em>brüllt</em>): Aber wovon denn?<br />
Epiglotter (<em>qualvoll</em>): Vom Denken! Vom Denken!<br />
Ephebrämius (<em>unbekümmert</em>): Tja, tja, so ist es wohl.</p>
<p><em>Er klopft Epiglotter versöhnlich auf die Schulter und begiebt sich in den Hintergrund des Raumes, um dort in einem Schrank zu kramen. Dabei pfeift er vergnügt. Unterdessen tritt Eklytos schleichend aus seiner Warte in einer halb geöffneten Tür hervor, von wo aus er allem zugehört hatte. Er kommt etwas näher heran und kauert sich hinter eine Sessellehne. Man sieht, wie er tonlos in sich hineinlacht. </em></p>
<p>Epiglotter (<em>zur Allgemeinheit, publizistisch</em>): Es erscheint uns für gewöhnlich so, als ob da ein Zusammenhang besteht, ein fundamentaler Zusammenhang, nämlich zwischen uns und dem, was wir denken. Der durchschnittliche Mensch vermutet wahrscheinlich, daß er selbst in seinen Gedanken, wie dürftig sie immer sein mögen, vollständig zum Ausdruck kommt, auch wenn er den größten Teil davon für Gewöhnlich verschweigt &#8212; was ja immerhin ein Glück ist.</p>
<p><em>Mokry hat den Eierkarton zur Hand genommen. Er nimmt ein Ei heraus und positioniert es sorgfältig auf dem Tablett. Dabei beruhigt hat er sich merklich beruhigt.</em></p>
<p>Mokry (<em>zu Epiglotter</em>): Sie machen erstaunlich lange Sätze. Besonders, wenn man deren Inhalt besieht.<br />
Epiglotter: Sie, sie sind ein Kretin.<br />
Mokry (<em>ironisch</em>): Mit einem Meister des Denkens-über-das-Denken kann ich mich wohl nicht messen.<br />
Epiglotter (<em>läßt sich nicht beirren</em>): Das Problem ist, daß wir überhaupt nicht selbst in unseren Gedanken enthalten sind. Vielmehr drängen uns diese Gedanken an die Seite &#8212; bis wir in uns Selbst kaum noch Platz finden.</p>
<p><em>Mokry schüttelt bloß den Kopf. Jedoch hat Ephebrämius seine Hantiererei am Schrank beendet und setzt sich zu Epiglotter. Eklytos nutzt die allgemeine Bewegung, um sich einen Sessel weiter heranzupirschen.</em></p>
<p>Ephebrämius (<em>begütigend</em>): <em>Wo</em> finden wir Platz?<br />
Epiglotter: Nein, eben das nicht.<br />
Ephebrämius: Nein?<br />
Epiglotter: Nicht wir! Wir nicht, kaum noch, viel weniger von uns, als irgendwo verstummt schlummert.<br />
Ephebrämius: Wer schlummert, redet ja für gewöhnlich nicht. Außer natürlich, man leidet unter Schlafstörungen. Damit kann eine Neigung zur Schlafwandelei einhergehen.<br />
Epiglotter (<em>rauft sich die Haare</em>): Man fängt mich in einem Netz aus Gerede.</p>
<p>Mokry läßt den Fleischklopfer auf sein Tablett knallen. Diesmal zersplittert dabei das rohe Ei. Sein Inhalt spritzt bis zu dem Arzt und Epiglotter herüber. Mokry atmet tief ein und starrt großäugig auf das zerfetzte Ei vor ihm. &#8212; Er reibt sich die Hände.</p>
<p>Mokry: Wunderbar. Fulminant. So, wie ich es erwartet hatte.</p>
<p><em>Ephebrämius zieht ein gemustertes Stofftaschentuch hervor und säubert sein Gesicht. Seine gute Laune ist verflogen.</em></p>
<p>Ephebrämius (<em>wütend</em>): Was zum Teufel treiben sie da, junger Mann?<br />
Mokry (<em>unbeeindruckt</em>): Ich stelle Erkundigungen an.<br />
Epiglotter: Sie schlagen mit einem Fleischkopfer um sich. Und nicht nur, daß sie die Leute schamlos erschrecken. Jetzt werden wir von ihnen auch noch ungefragt besudelt.<br />
Ephebrämius: Was soll denn der Unfug? Ein Ei. Eier brät man. Ein Steak muß geklopft werden. Aber in jedem Falle nicht von ihnen.<br />
Mokry: Es zeigt sich immer wieder, daß allzu strikte Spezialisierung und Aufgabenteilung dem Ganzen abträglich ist. Könnte denn die schwitzende Köchin meine Beobachtungen anstellen? Sicherlich nicht. Es käme dabei nur Rührei heraus, und zwar zu wenig gesalzen. Ah. Rührei und Rühr-ei. Eine Frage des Stimmansatzes.<br />
Ephebrämius (<em>brüllt</em>): Sie werden hier nicht sinnlos Eier zerschlagen!</p>
<p><em>Über die Lautsprecher ist die Stimme der Schwester zu hören.</em></p>
<p>Die Schwester: Doktor Ephebrämius bitte auf Station C melden.<br />
Ephebrämius: Na gut. Wir sprechen uns noch!<br />
Mokry (<em>jovial</em>): Gern, Herr Doktor. (<em>Zu sich:</em>) Die wahre Wissenschaft hat immer mit dem Establishment zu kämpfen. (<em>Er legt sich ein weiteres Ei auf dem Tablett zurecht.</em>)<br />
Epiglotter: Nein &#8212; jetzt &#8212; Stopp!</p>
<p><em>Mokry schlägt zu. Epiglotter hebt die Arme, wie um sich vor einer Explosion zu schützen.</em></p>
<p>Mokry: Aaah! Ja, es bestätigt sich. Großartige Doppelbödigkeit der einfachsten Vollzüge.<br />
Epiglotter: Sie Wahnsinniger. </p>
<p><em>Epiglotter erhebt sich schwer atmend. Er reibt mit gebogenem Rücken an seinem beschmutzten Hosenbein.</em></p>
<p>Epiglotter: Warum zerschlagen sie Eier? Und wenn sie es schon tun müssen, gehen sie dazu doch auf die Toilette. Da hat derartige Obszönität ohnehin ihren geborenen Platz.<br />
Mokry: Es handelt sich um Phä-no-menlogie.<br />
Epiglotter: Was war das? (<em>Er lacht nervös.</em>) Vielleicht sollte ich mich am Ende noch freuen, in den Streubereich ihres Irrsinns geraten zu sein. (<em>Er lacht über das Wortspiel.</em>) Denn sie geben ja hervorragendes Anschauungsmaterial für die These <em>meines</em> Experimentes ab.<br />
Mokry (<em>gelangweilt</em>): Und die wäre?<br />
Epiglotter: Das die Worte eine verderbliche Kraft haben. Sie übertünchen die reale Belanglosigkeit der Lebenssachverhalte. Und sie, ja sie sind ein hervorragendes Beispiel dafür. Sie zertrümmern Eier und benutzen dazu großspurige Worte. Und noch während die Eigelbtropfen sich im Flug befinden, sozusagen, kommt es zu einer Emulgation zwischen ihren Worten und jenen Tropfen. Und beim unvoreingenommenen Betrachter entsteht, wenn die Emulsion ihn trifft, der Eindruck, es müsse hier etwas beachtliches Geschehen. Dabei ist es doch nur schmutziger Irrsinn. Ich lasse mich nicht täuschen. (<em>Er geht schrittweise auf Mokry zu und stößt seinen Zeigefinger nach vorne:</em>) Ich spieße sie auf &#8211; mit einer Nadel &#8211; wie einen Käfer &#8211; und studiere sie &#8211; unter der Lupe. Sie Eigelbkleckerer!<br />
Mokry: Ach ja? Und das haben sie herausgefunden, als sie hier wie ein Greis im Sessel eingedöst sind? Hoch interessant war das wohl! Das konnte man ja sehen!<br />
Epiglotter: Im Gegenteil. Ich habe äußerst empfindliche Selbstbeobachtungen durchgeführt.<br />
Mokry: Der typisch solipsitische Fehler.<br />
Epiglotter: Was?<br />
Mokry: Ich beschäftige mich nicht mit mir selbst. Was soll dabei schon herauskommen? Ich untersuche das Leben an seiner Wurzel.<br />
Epiglotter: Wurzel?<br />
Mokry: Und ob!</p>
<p><em>Er hat sich ein Ei zur Hand genommen und schleudert es nun Epiglotter mit einem geschickten Wurf genau an die Stirne.</em></p>
<p>Mokry: Sehen sie?</p>
<p><em>Epiglotter heult wild auf und stürzt auf Mokry zu. Der weicht stolpernd zurück und flieht hinter ein Sitzgruppe.</em></p>
<p>Epiglotter: Bleibt stehen! Komm her!<br />
Mokry: Warten sie. Lassen sie uns reden!<br />
Epiglotter (<em>wild</em>): NEIN! Nicht reden. Jetzt werde ich ihnen die Sprache nehmen!<br />
Mokry: Hilfe!</p>
<p><em>Epiglotter verfolgt Mokry mordlustig zwischen den Sesseln. Auch Eklytos huscht lebhaft hinter den Sesseln hin und her, um sich in die richtige Position zu bringen. Dann stellt er Mokry ein Bein. Der stolpert und fällt. Epiglotter stürzt über den hingestreckten Mokry und landet ebenfalls auf dem Boden. </p>
<p>Da betreten Roßfäller und Leimbach das Zimmer.</em></p>
<p>Leimbach: Was ist hier los?</p>
<p><em>Eklytos weist auf die übereinanderliegenden Männer.</em></p>
<p>Eklytos: Oh, es gab einen kleinen Streit. Aber jetzt versöhnen sie sich.<br />
Roßfäller: Sieht nicht wie eine Versöhnung aus.<br />
Eklytos (<em>verschwörerisch</em>): Verhaltenstherapie&#8230; Sie wissen doch&#8230;<br />
Roßfäller: Oh. Verstehe.</p>
<p><em>Leimbach klopft Roßfäller auffordernd auf die Schulter. &#8212; Beide ab. </em></p>
<p>Mokry liegt zum größten Teil unter einem Couchtisch. Er stöhnt. Epiglotter ist weicher gelandet und rappelt sich auf. Er ist aus dem Konzept.</p>
<p>Eklytos: Na also.<br />
Epiglotter: Warum haben sie&#8230; ihn&#8230;<br />
Eklytos (<em>plötzlich feierlich-donnernd</em>): Und es wird dein Feind sein, der dich zu Fall bringt. Und siehe: es wird dein Feind sein, so, wie es deiner Weisheit einen Hohn dünkt, der dein Halt sein wird, wenn du fällst. Und du wirst wandeln und unverletzt sein, dein Feind aber wird mit seinem Stöhnen Schuld in dein Herz geben. Wirst du, wenn das geschieht, zu deiner Seele sagen: Höre, Seele, das Wehklagen deines Feindes; siehe, er ist deinesgleichen?<br />
Epiglotter (<em>weicht einen Schritt zurück</em>): Muuahh.<br />
Mokry (<em>wieder alltäglich</em>): Aber was hatten sie gleich noch einmal über die Qualität der Sprache gesagt?</p>
<p><em>Das Licht geht aus. Kurz darauf ein zurückhaltender Gongton und rauschen in den Lautsprechern.</em></p>
<p>Der Lautsprecher: Liebe Patienten. Aufgrund einer technischen Störung im Kraftwerksblock mußte vorübergehend der elektrische Strom abgeschaltet werden. Bitte begeben sie sich auf ihre Zimmer.</p>
<p>Im Hintergrund sagt jemand: Aber wie soll das den gehen?</p>
<p>Der Lautsprecher: &#8230;oder bleiben sie wo sie sind, am besten regungslos. Wir beheben das Problem schnellstmöglich. Sprechen sie nicht miteinander, um die Gefahr zu vermeiden, daß sie sich gegenseitig in Angst versetzen. Eine Panik ist bei völliger Lichtlosigkeit schwer zu bekämpfen. Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit.</p>
<p><em>Eklytos kichert. Mokry stöhnt. Man hört jemanden gegen Tische und Stühle stoßen. Dann:</em></p>
<p>Epiglotter: Ein Sessel. Alles ruhig. Endlich.</p>
<p><em>Aus Eklytos&#8217; Richtung hört man sehr bald ein leises Schnarchen.</em></p>


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</ol></p>]]></content:encoded>
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		<series:name><![CDATA[Mokrys Peripatien]]></series:name>
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		<title>Potemkinsche Stufen</title>
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		<pubDate>Sun, 13 Feb 2011 15:25:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Janus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Erzählen]]></category>
		<category><![CDATA[Mokrys Peripatien]]></category>
		<category><![CDATA[Gier]]></category>
		<category><![CDATA[Propheten]]></category>
		<category><![CDATA[Untergang]]></category>
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		<description><![CDATA[Die Insassen der Anstalt befinden sich auf einem Ausflug. Das Personal hat sie bis zu einen Platz geführt. Dort lagern nun alle auf einer Freitreppe, die zu einem großen Sandsteingebäude (wahrscheinlich ein Museum, vielleicht auch ein Gericht) hinaufführt. Die Schwester vertreilt Eis am Stiel und Buletten. Mitten auf dem Platz steht das Bronzedenkmal eines Berittenen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.rauhfasler.de/wp-content/uploads/2010/07/800px-Potemkinstairs.jpg" class="floatbox" rev="group:8261 caption:`Die Potemkinsche Treppe in Odessa (1834-41 erbaut).  Postkarte, Ende 19. Jh.`"><img src="http://www.rauhfasler.de/wp-content/uploads/2010/07/800px-Potemkinstairs-300x219.jpg" alt="" title="Die Potemkinsche Treppe in Odessa (1834-41 erbaut).  Postkarte, Ende 19. Jh." width="300" height="219" class="rand size-medium wp-image-8262" /></a></p>
<p class="regie">Die Insassen der Anstalt befinden sich auf einem Ausflug. Das Personal hat sie bis zu einen Platz geführt. Dort lagern nun alle auf einer Freitreppe, die zu einem großen Sandsteingebäude (wahrscheinlich ein Museum, vielleicht auch ein Gericht) hinaufführt. Die Schwester vertreilt Eis am Stiel und Buletten.</p>
<p class="regie">Mitten auf dem Platz steht das Bronzedenkmal eines Berittenen auf einem weit ausladenden Podest, das wiederum mit einem hüfthohen, schmiedeeisernenen Zaun umfriedet ist. Hier hinauf klettert zu Beginn des Geschehens schnaufend und umständlich ein nicht besonders alter Mann. Er bleibt zunächst unbeachtet von den Passanten. Allein Eklytos kichert beim Anblick des Kletternden derart enthusiastisch in sich hinein, daß er seinen Bart mit Eiscreme verschmiert.</p>
<p class="regie">Als der Mann es bis auf das Podest geschafft hat, blickt er unruhig in alle Richtungen, postiert sich vis à vis zu dem Backsteingebäude vor dem die Anstaltsinsassen lagern, tut einige tiefe Atemzüge und beginnt zur Allgemeinheit zu sprechen. Seine ersten Sätze sind noch unsicher und vage.</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Der Mann:</span> Mitmenschen, Mitmenschen!</p>
<p class="regie">Eklytos stößt Mokry mit dem Ellenbogen in die Seite. Der verschluckt sich an seiner Bulette und gestikuliert unwirsch.</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Der Mann:</span> Bürger, Landsleute! <span id="more-8261"></span></p>
<p class="regie">Eklytos weist Mokry fingerzeigend auf den Redner hin. Mokry zuckt die Achseln.</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Mokry:</span> Leute, die von Statuensokeln herab Reden schwingen, nehmen es der Allgemeinheit übel, daß ihnen selbst keine Statue errichtet worden ist.</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Eklytos:</span> Schhht! Hören sie doch zu.</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Mokry:</span> Nein.</p>
<p class="regie">Mokry stopft sich Krumen aus seiner Bulette in die Ohren und schmollt.</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Der Mann:</span> Vernunftwesen, Gierwesen, Mörder!<!--more--></p>
<p class="regie">Eine alte Dame mit Haarnetz und Pudel bleibt kurz vor dem Mann stehen und schüttelt tadelnd den Kopf. Eklytos ist aufgeregt und kann kaum noch stillsitzen.</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Der Mann</span> (<em>jetzt mit einer Donnerstimme</em>): Hört mich an, ihr Sünder!</p>
<p class="regie">Ein Kind beginnt zu weinen, ein Fahrradfahrer stürzt von seinem Fahrrad. Eine kleine Gruppe Schaulustiger versammelt sich zu Füßen der Statue und des Redners.</p>
<p class="regie">Der Mann wirft sein  Jackett von den Schultern. Darunter trägt er ein grobes, sackartiges Leinenhemd, das seine hagere Brust freiläßt und in merkwürdigem Kontrast zu seiner Anzughose steht.</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Der Mann</span> (<em>kommt in Fahrt</em>): Hört mich an, denn es soll über euch der Stab gebrochen werden. Das Urtheil steht fest vor dem hohen Throne des Richters.</p>
<p class="regie">Aus dem Publikum am Fuße der Statue, das sich stetig vergrößert, sind Hohngeräusche zu hören, vereinzelte Buh-Rufe. Eklytos applaudiert und stibizt sich einen Bulettenkrumen aus Morkys Ohr.</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Eine schaulustige Frau:</span> Bloß veraltete Begriffe!</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Ein junger Mann:</span> Ihre Äußerungen spiegeln eine vordemokratische Sichtweise.</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Der Mann:</span> Wisset, mich hat der Ölschlamm am Ende des Flusses zu seinem Gesandten erwählt. Der Heilige Geist des Erstickens führt mir die Zunge.</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Eklytos:</span> Ein Nachwuchsprophet. Er scheint sich ein romantisches Verhältnis zu den Verhältnissen zu erlauben.</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Der Mann:</span> Wisset, ich bin Perhel, und ich bin aufgestanden, daß ihr mich mißverstehet.</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Epiglotter:</span> Aber das ist ja nun doch ein recht interessantes Konzept.</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Perhel:</span> Und wenn ihr bis zuletzt mißverstanden habt, wird die Trauer um euch viel geringer sein, denn der Tiger, wenn er zur Jagd geht, läßt nur einmal sein Brüllen hören. Der Wasserbüffel, der dann noch unbekümmert seinen Schweif nach den Fliegen schlägt &#8211; er ist ein verdientes Opfer. Über einen solchen Büffel wird nur kurze Trauer sein unter dem Firmament.</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Mokry:</span> Bah. Sein Stil ist unverschämit schwülstig, mehr nicht. (<em>Mokry winkt der Schwester.</em>) Eine Bulette, bitte, rasch.</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Die schaulustige Frau:</span> Was denn für ein Wasserbüffel? Sieht hier irgendwer einen Wasserbüffel?</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Der alte Frau:</span> Da oben, auf dem Podest! (<em>Das Publikum lacht.</em>)</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Perhel:</span> Wißt, daß Perhel euch aufgegeben hat. Deswegen spricht er zu euch. Damit späterhin, wenn die großen Wehen beginnen, Perhel vor sich selbst die Entschuldigung haben wird, nicht geschwiegen zu haben.</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Der junge Mann:</span> Oh Mann, Schweigen ist auf jeden Fall besser!</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Perhel:</span> Also hört und mißversteht&#8230;</p>
<p class="regie">Eklytos entnimmt den nächsten Bulettenbrocken aus Mokrys Ohr und führt ihn sich zu Gemüte, wie man im Kino Popcorn ißt.</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Eklytos</span> (<em>flüsternd</em>): Ich muß sagen, er steigert sich von Satz zu Satz. Schreiben sie mit Mokry, wir können es als Anhang zu seiner zukünftigen Krankenakte an den Doktor verkaufen.</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Perhel</span> (<em>dessen Worte man über Eklytos Flüstern hinweg nicht gut verstehen konnte</em>): &#8230;und eure Gier, von der ihr heute nicht wissen wollt, wird bald nackt vor eure Augen treten und wird häßlich sein und schrundig&#8230;</p>
<p class="regie">Nun wird die Krankenschwester auf Perhel aufmerksam.</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Die Schwester:</span> Wer ist nackt?</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Perhel:</span> Ich wißt aber heute schon, wovon ihr morgen bedauren werdet, es nicht gethan zu haben. Eure Unthätigkeit ist eine Folge der Diktatur. Ihr legt euch vor dem großen Diktator auf den Rücken. Ihr selbst aber, ihr selbst seid&#8230;</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Epiglotter:</span> Ah, eine fürchterlich klassische Rhetorik.</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Die Schwester:</span> Wir sind auch nackt. Jedenfalls meistens. Oder nicht? Leimbach &#8211; können wir den nicht mitnehmen?</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Leimbach:</span> Nun&#8230;</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Roßfäller:</span> Ich weiß nicht, ob wir noch ein passendes Podest im Lager haben.</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Leimbach:</span> Oh, die Podeste haben wir doch allesamt verschrottet.</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Roßfäller:</span> Ob er sich dann wohlfühlt?</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Die Schwester:</span> Er könnte sich auf den Rücken eines Mitpatienten stellen, wenn er bei uns in der Klinik Reden schwingen will. Also ich finde ihn ganz reizend. Nackt! Sehr gut!</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Leimbach:</span> Gute Idee. Ich gehe zum Doktor.</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Perhel:</span> &#8230;und ihr werdet unter üblen Katarrhen leiden, wenn ihr die Luft verbraucht habt, die über Äonen der Gemeinschaft der Lebenden genug war. Und ihr werdet trocken werden und Geschwülste haben, wenn die Sonne euch brennt.</p>
<p class="regie">Der Doktor ist inzwischen hinzugetreten und berät sich mit Leimbach, Roßfäller und der Schwester. Er kratzt sich nachdenklich am Kinn.</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Der Doktor:</span> Er scheint ein gewisses medizinisches Interesse zu haben.</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Eklytos</span> (<em>über die Schulter zum Doktor</em>): Er ist Pathologe im großen Stile.</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Perhel:</span> Die Ungerechtigkeit wird aufstehen und wird die Meerengen durchschwimmen. Sie wird diejenigen vor sich her treiben, die von euch Unrecht erlitten haben. Die Menge der Entrechteten wird an eure Festungsmauern branden. Lange und geduldig, bis die Leichen wie Schlamm sich an euren Mauern und Deichen auftürmen. Dann wird das Fundament nachgeben und ihr werdet ungeschützt dastehen. Und die Ungerechtigkeit, eure Erfindung, wird groß umhehrgehen mitten unter euch, und wird euch gegeneinanderwerfen, daß ihr allesamt in Scherben geht.</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Die alte Frau im Publikum:</span> Das ist ja wiederlich!</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Der Doktor:</span> Gut, Schwester, sie können ihn haben. Roßfäller, Leimbach!</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Roßfäller:</span> Sehr gern, Herr Doktor.</p>
<p class="regie">Sie machen sich langsam auf den Weg, ohne es offenbar allzu eilig damit zu haben, der Vorstellung ein Ende zu setzen.</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Der Doktor:</span> Er wird ein interessantes Exemplar in unserer Sammlung. Epiglotter hier kann sein Podest werden.</p>
<p class="regie">Eklytos schlägt Epiglotter beglückwünschend auf die Schulter.</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Epiglotter:</span> Aber!</p>
<p class="regie">Er will aufspringen. Die Schwester dreht ihm behende den Arm auf den Rücken.</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Die Schwester:</span> Na, na. Freuen sie sich, es wird sehr lehrreich. Und amüsant.</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Perhel:</span> Was wird von euch bleiben? Von Perhel wird keine Spur bleiben. Die Geschichtsforscher einer entlegenen Zukunft &#8211; wenn es eine solche Zukunft, trotz eurer gierigen Blindheit, trotz eures blinden Hungers überhaupt noch geben wird! &#8211; zukünftige Geschichtsforscher werden eure Zeitungen, Erklärungen, Beschlüsse und Tagebücher lesen. Und sie werden erkennen, daß ihr schon lange bankrott gewesen seit und das die Lüge die Wurzel eures Daseins und jedes Gedankens geworden war. Einst werden sie es deutlich erkennen, wenn man auf euch zurückblickt. Aber da wird ja kaum einer bleiben, um zurückzublicken. Kaum nur einer!</p>
<p class="regie">Roßfäller und Leimbach sind jetzt am Fuß der Treppe angekommen.</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Eklytos:</span> Ich möchte ihm gerne meine Briefmarkensammlung zeigen.</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Perhel</span> <em>zeigt auf die beiden Pfleger; feierlich</em>: Sehet, Mitmenschen, Lügner, Mörder: Hier kommen die, die kommen müssen. Perhel hat euch die Zukunft offenbart. Jetzt nimmt man ihn weg, damit ungestört geschehen kann, was geschehen muß.</p>
<p class="regie">Perhel hebt sein Jackett auf und zieht es an, richtet Hose und Hemd und steigt vom Podest herunter. Die Menge weicht zurück und bildet eine Gasse für Roßfäller und Leimbach.</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Roßfäller:</span> Ich nehme nicht an, daß sie Gepäck haben?</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Perhel:</span>Sie kommen bei der Patientengruppe an.</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Perhel:</span> Schwester, ein Glas Wasser bitte. Ich bin heiser. Dann können wir gehen.</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Der Doktor:</span> Aber&#8230;</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Perhel</span> (<em>zum Doktor, sehr würdevoll</em>): Ah, Dr. Ephebrämius, wenn ich nicht irre? Ein passionierter Sammler, wie man hört.</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Der Doktor</span> (<em>geschmeichelt</em>): Nun&#8230;</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Perhel:</span> Aber haben sie auch das Zeug &#8211; zum <em>Jäger</em>?</p>
<p class="regie">Der Doktor schweigt irritiert.</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Eklytos</span> (<em>schiebt Epiglotter zu Perhel</em>): Ihr neues Podest, Herr Kollege.</p>
<p class="dialogtext"><span style="font-variant:small-caps;">Perhel:</span> Ich bin gespannt, es auszuprobieren. Gehen wir.</p>
<p class="regie">Die ganze Gruppe folgt Perhel wie eine Entourage, während er zum unweit abgestellten Anstaltsbus vorangeht.</p>


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</ol></p>]]></content:encoded>
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		<pubDate>Wed, 09 Sep 2009 13:01:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Janus</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Epiglotter liegt noch immer dort, wo er wegen der von Eklytos geäußerten Behauptung, er selbst wäre Epiglotters Vater, zusammengebrochen war. Es ist alles still im Raum. Nur eine große Pendelleuchte in der Raummitte schwingt in eingebildetem Seegang gemächlich hin und her. Auf hohen Absätzen, die auf dem Linoleumboden deutlich zu hören sind, betritt die Schwester [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="/wp-content/uploads/2009/09/Craniometer.jpg" class="floatbox" rev="group:4826 caption:`Ein `"><img class="rand size-medium wp-image-4830" title="Ein " src="/wp-content/uploads/2009/09/Craniometer-240x300.jpg" alt="Ein " width="240" height="300" /></a></p>
<p><em>Epiglotter liegt noch immer dort, wo er wegen <a title="nachlesen..." href="/2009/kuemmerlich/" target="_blank">der von Eklytos geäußerten Behauptung</a>, er selbst wäre Epiglotters Vater, zusammengebrochen war. Es ist alles still im Raum. Nur eine große Pendelleuchte in der Raummitte schwingt in eingebildetem Seegang gemächlich hin und her. Auf hohen Absätzen, die auf dem Linoleumboden deutlich zu hören sind, betritt die Schwester den Raum. Sie muß immer wieder einen Schritt zur Seite machen, als werde das ganze Sanatorium von einer besonders großen Welle getroffen.</em></p>
<p><span style="font-variant: small-caps;">Die Schwester</span> (im Selbstgespäch): Na so was! Kann mich überhaupt nicht erinnern, wann wir das letzte Mal in einen solchen Sturm geraten sind.<br />
<em>Sie überprüft die Gegenstände im Raum daraufhin, ob sie nach wie vor fest auf den Tischen und Regalborten verankert sind.</em><br />
<span style="font-variant: small-caps;">Die Schwester</span>: Das sie nicht gleich beim Abholen darauf achten können.<br />
<em>Sie klettert auf einen Beistelltisch, um auf ein Regal schauen zu können, und gerät dabei fast aus dem Gleichgewicht.</em><br />
<span style="font-variant: small-caps;">Die Schwester</span>: Roßfäller und Leimbach sollten doch in der Lage sein, eine gefährlich phantastische Konstitution an einem Patienten zu erkennen.<br />
<em>Sie ist mit ihrerem Kontrollgang durch den Raum fertig und setzt sich außer Atem auf einen der Sessel.</em><br />
<span style="font-variant: small-caps;">Die Schwester</span>: Und <em>ich</em> muß es ausbaden! Auch die Patienten geraten in Unruhe. Aus dem Affenkäfig hört man bloß noch panisches Schnattern. Das Männchen reißt die Stricke aus der Wand. Daran hätten sie denken sollen! Aber sie holen irgendwen hierher, der sich darauf versteift, daß der Boden schwanken müsse. Daß wir uns in einem Sturm befinden. Ja, ja, natürlich schwankt der Boden. Eine Zumutung, von diesem Boden zu behaupten, er würde nur ruhig und ordentlich daliegen, wie irgendein anderer Boden auch. Es handelt sich offenbar um einen gemeingefährlichen, morbiden Romantiker. Und ich muß es ausbaden!<br />
<em>Jetzt erst bemerkt die Schwester den am Boden liegenden Epiglotter.</em><br />
<span style="font-variant: small-caps;">Die Schwester</span>: Huch!&#8211;  Aha! Ja, das ist er ja wohl. <span id="more-4826"></span><br />
<em>Sie geht näher heran und unterzieht Epiglotter einer genauen Betrachtung.</em><br />
<span style="font-variant: small-caps;">Die Schwester</span> (spitz): <em>Ich</em> hätte es gleich erkannt. Auf den ersten Blick. Aber die Herren fragen ja nicht.<br />
<em>Sie setzt sich bei Epiglotter auf den Boden und nimmt seinen Kopf in den Schoß wie irgendeinen interessanten Gegenstand. Sie dreht Epiglotters Kopf nicht besonders sanft von Seite zu Seite, hebt ihn an, so daß sie das Hinterhaupt betrachten kann usw.</em><br />
<span style="font-variant: small-caps;">Die Schwester</span> (grübelnd): Oho. <em>(Sie fährt mit dem Finger über sein Gesicht.)</em> Eine stark ausgeprägte Nasenwurzel. Allerdings liegt gleich darüber, schon zwischen den Brauen beginnend, eine auffällige Abflachung. Da sieht man es schon! Ich habe ja gesagt, daß man es auf den ersten Blick sehen kann: Dieses Subjekt ist ganz außergewöhnlich aus dem Gleichgewicht geraten! Starker Formital bei zugleich unterentwickeltem Factital und Realital. <em>(Dozierend in den leeren Raum:)</em> Ein ausgeprägter Sinn für Formen, allerdings wenig Verständnis für die Wirklichkeit oder überhaupt nur für das Gegenständliche der Gegenstände. (Sie kichert.) Sozusagen.<br />
<em>Sie biegt Epiglotters Kopf nach vorne, um sein Schädeldach zu untersuchen. Sie fährt tastend mit den Fingern durch die Haare.</em><br />
<span style="font-variant: small-caps;">Die Schwester</span>: Da haben wir ja eine formidable Delle im Scheitelbein, auf halber Strecke zum Hinterkopf. Das war durchaus zu erwarten: Ein mangelndes Wahrnehmungsvermögen für Festigkeit und Beständigkeit. Es fehlt ihm eindeutig die organische Grundlage dafür. <em>(Sie tastet Weiter an Epiglotters Schädel herum.)</em> Aber dafür, klassisch ausgeprägt, wie zwei Kufen für einen Schlitten, der ins Tal schießt, auf dem Os frontale, fast schon an der Sutura coronalis, zwei Erhebungen. <em>(Als würde sie Wundersalben anbieten:)</em> Hier dringen ihm seine Phatasmagorien ins Hirn, hier liegt der wunderliche Miraculital, der Sinn für das Wunderbare und Unableitbare nämlich. &#8211; Pah! Der Sinn für wundersam in schwere See abtreibende Sanatorien. – Und nun&#8230;!<br />
<em>Sie macht die Geste eines Zauberers, packt Epiglotter bei den Schultern und dreht ihn unsanft wie einen Fisch auf den Bauch, so daß nun sein Gesicht in ihrem Schoß liegt. Epiglotter murmelt undeutlich und ohne zu erwachen. Sie streichelt ihm den Hinterkopf.</em><br />
<span style="font-variant: small-caps;">Die Schwester:</span> Ein prächtiges Exemplar! Die niederen Geisteskräfte sind allerdings in schöner Deutlichkeit und Harmonie ausgeprägt: Eine starke, männliche Wulst am Nacken und – ein klar erkennbarer Amicatal. Man müßte diesem jungen Herrn nur Zaumzeug anlegen, dann wäre er, jedenfalls nach dem Befund an seinem Hinterkopfes, eine gute Partie.<br />
<em>Epiglotter stöhnt. Allmählich kehrt er aus der Bewußtlosigkeit zurück.</em><br />
<span style="font-variant: small-caps;">Epiglotter</span>: I-haab-s&#8249;fehr-loor. Ll&#8217;s-nuur-fl-flächen. Mein Faah. Mein Faah&#8230; Nein!<br />
<em>Immer noch ist Epiglotters Gesicht in die Schürze der Schwester gepresst, so, wie sie ihn hingelegt hat. Er tastet mit den Händen nach seiner Umgebung.</em><br />
<span style="font-variant: small-caps;">Epiglotter</span> (schwerfällig): Was &#8211; was ist? Alles ist dunkel. Sind wir gekentert?<br />
<em>Er schreit und zappelt, kann sich aber nicht aus den Falten von Schürze und Kleid der Schwester befreien.</em><br />
<span style="font-variant: small-caps;">Epiglotter:</span> Ich bin gefangen.<br />
<span style="font-variant: small-caps;">Die Schwester</span> (belustigt): Na, na.<br />
<span style="font-variant: small-caps;">Epiglotter</span> <em>liegt wieder still und spricht in den Stoff</em>: Ich verstehe. Ja, ich verstehe sehr wohl! Die Bewohner des Zwischenreichs verspotten mich. Blind und gefesselt liege ich am Boden der Finsternis und ihr habt euren Spaß mit mir.<br />
<em>Die Schwester blickt zur Pendellampe auf. Sie hängt jetzt still.</em><br />
<span style="font-variant: small-caps;">Die Schwester</span>: Ah, der Sturm ist abgezogen. Das wenigstens.<br />
<span style="font-variant: small-caps;">Epiglotter</span>: Ich habe das Schwanken gefürchtet &#8211; jetzt sehe ich ein, daß die Ruhe noch schrecklicher ist.<br />
<span style="font-variant: small-caps;">Die Schwester</span> <em>zwickt Epiglotter neckisch ins Ohr</em>: Trage es wie ein Mann.<br />
<span style="font-variant: small-caps;">Epiglotter</span>: Wer bist Du? Was soll diese Heimsuchung?<br />
<span style="font-variant: small-caps;">Die Schwester</span>: Vermutlich werden dich die schlichten Tatsachen nicht überzeugen?<br />
<span style="font-variant: small-caps;">Epiglotter</span>: In dieser vollkommenen Dunkelheit von Tatsachen zu sprechen, ist schamlos. Alle Einbildungen brauchen Licht, auch die eingebildeten Tatsachen. Im Dunklen ist man nackt. Das ist alles.<br />
<span style="font-variant: small-caps;">Die Schwester</span>: Jetzt wird es allmählich interessant!<br />
<span style="font-variant: small-caps;">Epiglotter</span>: Deine Worte verraten dich, Dämonin. Etwas interessant zu finden heißt, hungrig zu sein. Und der Hunger macht den Fresser.<br />
<span style="font-variant: small-caps;">Die Schwester</span>: Ja, vielleicht eignest du dich als Beute&#8230;<br />
<span style="font-variant: small-caps;">Epiglotter</span> (brüllt in den Schoß der Schwester): Wann haben die Nachstellungen ein Ende?<br />
<em>Die Schwester streicht zärtlich über Epiglotters Haar.</em><br />
<span style="font-variant: small-caps;">Die Schwester:</span> Ein so schön ausgeprägter Hinterkopf. Mannhaftigkeit im Gefängnis einer grämlichen Phantasie. Vielleicht muß man dich nur etwas mehr erschrecken, damit es zu einer reinigenden Krise kommt? Damit deine völlig unbrauchbaren höheren Geisteskräfte abhanden kommen und die intakten Fundamente hervortreten?<br />
<em>Man hört die Stimmen von Roßfäller und Leimbach aus einem der Anstaltskorridore.</em><br />
<span style="font-variant: small-caps;">Roßfäller</span>: Gut, daß man die Lenzpumpen im Keller nicht demontiert hat.<br />
<span style="font-variant: small-caps;">Leimbach</span>: &#8230;und daß der Doktor noch wußte, wo sich der Schalter befindet.<br />
<em>Die Schwester schreckt zusammen und befördert Epiglotter unsanft von ihrem Schoß auf den Boden. Er ringt um Atem.</em><br />
<span style="font-variant: small-caps;">Epiglotter</span> (erleichtert): Licht! Hier ist Licht!<br />
<em>Die Schwester ordnet ihre Kleidung.</em><br />
<span style="font-variant: small-caps;">Die Schwester:</span> Aber nicht mehr für lang, mein Süßer, nicht mehr für lang.<br />
<em>Sie wirft ihm eine Kusshand zu. Wiegenden Schrittes und pfeifend &#8211; ab.</em></p>


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</ol></p>]]></content:encoded>
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