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	<title>Rauhfasler &#187; Offenbarungen in der S-Bahn</title>
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	<description>Verbrauchende Versuche mit Wörtern</description>
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		<title>Halb hinterm Licht</title>
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		<pubDate>Tue, 09 Jun 2009 10:29:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Janus</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Es ist fr&#252;her Morgen, von drau&#223;en nur halbes Licht, nur einsame Menschen, v&#246;llige Abwesenheit von Gespr&#228;chen, von bewu&#223;t igendwohin gerichteten Regungen. So haben wir uns eingefunden und warten gemeinsam. Von den anderen ist nichts zu sehen, au&#223;er einem Paar F&#252;&#223;en, dazu noch die Unterschenkel bis zu den Knien hinauf. Wildlederne Sportschuhe, recht gepflegt, nicht teuer, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.thomasadank.com/"><img src="/wp-content/uploads/2009/06/tuerblut-300x225.jpg" alt="Arbeit von Thomas Adank" title="Arbeit von Thomas Adank" width="300" height="225" class="rand size-medium wp-image-3799" /></a></p>
<p>Es ist fr&uuml;her Morgen, von drau&szlig;en nur halbes Licht, nur einsame Menschen, v&ouml;llige Abwesenheit von Gespr&auml;chen, von bewu&szlig;t igendwohin gerichteten Regungen. So haben wir uns eingefunden und warten gemeinsam. Von den anderen ist nichts zu sehen, au&szlig;er einem Paar F&uuml;&szlig;en, dazu noch die Unterschenkel bis zu den Knien hinauf. Wildlederne Sportschuhe, recht gepflegt, nicht teuer, helles Braun. W&auml;hrend sich um uns der Stillstand immer weiter vertieft, beginnen diese F&uuml;&szlig;e zu scharren, zuckend auszutreten und Schritte in die Luft zu machen. Dazu gelegentlich rascheln von Zeitungen wie auffliegende V&ouml;gel. Irgendwer seufzt schwer, inbr&uuml;nstig und hinf&auml;llig. Die F&uuml;&szlig;e halten still. Umbl&auml;ttern. Wieder ein Seufzen. Die Wildlederschuhe klatschen auf den kunststoffbelegten Boden. Stille. Jetzt, da alle diese Instrumente schweigen, schwillt langsam aus dem Hintergrund das Rauschen der Klimaanlage an und f&uuml;llt die Leere mit einem unruhigen Strom. Und da: ein entkleideter Rhythmus, der sich in engen Schleifen ewig wiederholt; ohne Melodien, denn sie bleiben in den Geh&ouml;rg&auml;ngen irgendwo dort hinten stecken. Jetzt f&uuml;hle ich mich wie ein Voyeur: was ich h&ouml;re, geht mich nichts an; ich h&ouml;re dabei zu, wie sich ein mir g&auml;nzlich fremder Kopf mit mechanischer Musik f&uuml;llt, vielleicht, weil er die Klimaanlage nicht h&ouml;ren will und das nutzlose Seufzen. Und tats&auml;chlich klingt der Rhythmus nach Flucht, nach der Lust an der Angst vor dem Raubtier, das nicht mehr kommen will, das uns alleingelassen hat in einem gefahrlosen, ausweglosen Zwischenraum. Ich stelle mir jemanden im Halbschlaf vor, sein Kopf zur Seite gesunken, der Mund spaltbreit ge&ouml;ffnet, stelle mir sein Herz vor, das den Takt der elektrischen Trommel aufnimmt und die Wachtr&auml;ume stelle ich mir vor, deren Bilder schnell wechseln und in halbdunkle Regionen absinken, wo Z&auml;hne und Schwei&szlig; warten, rasch dahingleitende Schemen, stechende, kurze Atemz&uuml;ge. Die Klimaanlage fl&uuml;stert dazu in ihrer unverst&auml;ndlichen und kalten Sprache, ebenm&auml;&szlig;ig, m&ouml;nchisch, sie h&auml;lt Wacht &uuml;ber uns und wird uns bald in einen Zustand g&auml;nzlicher Unbeweglichkeit und D&uuml;rre verwandelt haben. Wieder raschelt die Zeitung, und nun bekomme ich eine Hand, eine halbe Seite zu sehen. Wei&szlig;e, eindringliche Buchstaben auf schwarzem Grund: &#0187;Wie nur f&uuml;hrt er uns hinters Licht?&#0171;</p>


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		<title>Im rechten Licht</title>
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		<pubDate>Fri, 29 May 2009 10:03:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Janus</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="/wp-content/uploads/2009/05/manikuere-300x200.jpg" alt="Manik&uuml;re" title="Manik&uuml;re" width="300" height="200" class="rand size-medium wp-image-3732" /></p>
<p>Ein Mann in der S-Bahn. Nicht irgendein Mann: einer, an dem alles ins rechte Licht ger&uuml;ckt ist. Er tr&auml;gt Kleidungsst&uuml;cke in beeindruckenden Schattierungen von schwarz, grau und dunkelblau. Ein Jackett nat&uuml;rlich, trotz der W&auml;rme, die hier, in der dahingleitenden Backr&ouml;hre, noch &uuml;ber das Ma&szlig; der Au&szlig;enwelt hinaus eskaliert. Sein Hemd ist, eine l&auml;&szlig;liches Zugest&auml;ndnis, nein, vielmehr eine ironische Anspielung an die Hitze, am Hals etwas aufgekn&ouml;pft. Man sieht an ihm allerdings keinen Schwei&szlig;. Die Haare kleben auch nicht an der Stirn, sondern sind in einem genau getroffenen, richtigen Mischungsverh&auml;ltnis zugleich ordentlich und unordentlich. Das bemerkenswerteste Einzelst&uuml;ck in diesem wandelnden Ensemble der Geschmackssicherheit ist aber der d&uuml;nne, dunkelblau-graumelierte Pullover, den er &uuml;ber dem Hemd und unter seinem Jackett tr&auml;gt. Bemerkenswert ist die komplexe Farbe der Wolle und nat&uuml;rlich das tiefgr&uuml;ndige Verh&auml;ltnis dieser Farbe zu den Tonwerten von Hemdkragen und Hals.</p>
<p>Er wei&szlig;, dieser an allen Enden ins rechte Licht ger&uuml;ckte Mann, da&szlig; geschmackvolle Kleidung und gutes Aussehen, da&szlig; Ma&szlig;nahmen, die auf die eigene, imposante Figur beschr&auml;nkt sind, einen Hang zum Autismus haben. Was hilft es, sich selbst zu modellieren, wenn man nur als Skulptur herumstehen darf? Also hat er seine gef&auml;llige Erscheinung ausgedehnt auf die Tat, in die Dingsph&auml;re, in den Bereich der Werkzeuge, die uns mit der Welt in Verbindung setzen. Er hat ein Rennrad dabei. Also wei&szlig; der Betrachter: Hier ist einer, der sich sportlich bet&auml;tigt, der schnell ist und das Risiko nicht scheut. Das Rennrad hat einen Rahmen, der in energischem Rot lakiert ist. Nat&uuml;rlich hebt sich diese Farbe von der dunklen Erscheinung des Rennfahrers fulminant ab. Erstaunlich. Das Fahrradschlo&szlig;, ein praller, fester Schlauch, unter dessen schwarzer Plastikhaut sich eine Metallschlange windet, das Fahrradschlo&szlig; fesselt mich: Das schwarze Plastik ist genau auf die richtige Weise abgerieben. Die abgeriebenen Stellen sind heller, spielen vom Schwarzen ins Graue: sie bilden auf der Oberfl&auml;che ein komplexes Muster aus Andeutungen.</p>
<p>Als ich mich von diesem Anblick allm&auml;hlich, wiederstrebend, erwachend aus einem Traum, losrei&szlig;e (gleich werde ich aussteigen m&uuml;ssen), bemerke ich, da&szlig; auf dem Pullover des Mannes-im-rechten-Licht, der l&auml;ssig Kaffee aus einem Pappbecher trinkt (das hatte ich bislang tat&auml;schlich &uuml;bersehen), da&szlig; in diesem Gesamtentwurf aus Farben und Oberfl&auml;chen, auf seinem Pullover n&auml;mlich, ausgerechnet auf dem Pullover, ein kleines Rinnsal aus versch&uuml;ttetem Kaffee tr&auml;ge nach unten flie&szlig;t. Die milchig-braune Fl&uuml;ssigkeit bildet zwischen den einzelnen Wollf&auml;den dicke, wulstige Tropfen, die in Richtung des Lederg&uuml;rtels ziehen. Als ich das sehe, greift meine Hand ganz von selbst, ohne irgendeinen bewu&szlig;ten Entschlu&szlig; abzuwarten, nach einem Taschentuch. Ein solcher Makel darf nicht bestehen.</p>


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		<title>Gedanken eines Frosches beim Anblick einer Landschaftsmalerin</title>
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		<pubDate>Thu, 28 May 2009 11:36:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Janus</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Eine junge, blonde Gesch&#228;ftsfrau f&#252;hrt im sachlichen Ton eine Unterredung. Sie und ihr Mobiltelefon, ihre beigefarbene Handtasche, ihre Sommerkleidung, die ins Haar zur&#252;ckgeschobene Sonnenbrille: Alles macht einen sehr aufger&#228;umten Eindruck. Ich staune sie an, aus dem dunklen Bezirk heraus, in den mich meine Tr&#228;ume gef&#252;hrt haben, wie ein Frosch vom T&#252;mpel her eine spazierengehende Landschaftsmalerin [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://1x.com/member/11238/latoday/"><img src="/wp-content/uploads/2009/05/echo-of-silence-latoday-216x300.jpg" alt="the echo of silence von latoday (via 1x.com)" title="the echo of silence von latoday (via 1x.com)" width="216" height="300" class="rand size-medium wp-image-3725" /></a></p>
<p>Eine junge, blonde Gesch&auml;ftsfrau f&uuml;hrt im sachlichen Ton eine Unterredung. Sie und ihr Mobiltelefon, ihre beigefarbene Handtasche, ihre Sommerkleidung, die ins Haar zur&uuml;ckgeschobene Sonnenbrille: Alles macht einen sehr aufger&auml;umten Eindruck. Ich staune sie an, aus dem dunklen Bezirk heraus, in den mich meine Tr&auml;ume gef&uuml;hrt haben, wie ein Frosch vom T&uuml;mpel her eine spazierengehende Landschaftsmalerin anstaunen w&uuml;rde.  Nun, auch ich bin frisch geduscht, wahrlich: aber Reinlichkeit in dieser Vollkommenheit zu erreichen, ich gestehe es mir ein, w&auml;hrend ich meinen Blick schamhaft verberge, ist f&uuml;r mich ausgeschlossen. </p>
<p>Die Landschaftsmalerin scheint sich in einer Auseinandersetzung zu befinden. Aber weder erhebt sie ihre Stimme, weil sie zornig werden w&uuml;rde, noch f&auml;ngt sie an zu fl&uuml;stern &#8211; warum auch, denn eine Auseinandersetzung mit ihr zu haben, kann doch nur den jeweiligen Gegner ins Unrecht setzen: als w&uuml;rde ein krummer Baum darauf beharren, nicht in einem so dramatischen Licht gemalt zu werden. Wenn sie ihn so malen wollte, dann geh&ouml;rt jeder Baum in ein dramatisches Licht. Aber nein, sie wird nicht dramatisch malen, sondern in vollendeter Klarheit: Fr&uuml;hlingslandschaften nach dem letzten Wintersturm, reingewaschen von der Schneeschmelze, mit zierlichen, gelben Blumen, die aus der Erde sprie&szlig;en. Oder den Winter, der alles auf Linien und Fl&auml;chen reduziert, unter einem vollkommen kalten, blauen Himmel. </p>
<p><em>Ich mu&szlig; doch</em>, sagt sie gerade. Dann eine Pause. Und jetzt: <em>Wir hatten doch. Du hast gefragt. Dann frag mich nicht.</em> Und pl&ouml;tzlich fliegt ihre feine Hand mit dem Telefon darin vom Ohr. Und der Daumen vollf&uuml;hrt eine winzige, kaum zu erkennende Bewegung: Sie hat mitten im Satz aufgelegt. Ihr Gesicht bleibt reglos. Vielleicht gl&auml;nzen ihre Augen mehr als vordem? Sonst ist nichts zu erkennen. Das Gespr&auml;ch hat nicht stattgefunden, ich habe es mir eingebildet, somnambul wie ich bin.</p>
<p>Da: sie steckt einen elfenbeinernen Zeigefinger in gerade das Ohr, an dem noch eben das Telefon gelegen hat und bohrt energisch darin. Sie scheint das gesagte, das geh&ouml;rte, das Mi&szlig;verst&auml;ndnis oder den v&ouml;llig angemessenen Vorwurf aus ihrem Geh&ouml;rgang kratzen zu wollen. So sitzt sie eine Weile, dann sinkt die Hand wieder auf den sommerlich gekleideten Scho&szlig; und sie erstarrt.</p>
<p>Ich, der Frosch, springe mit einem Satz zur&uuml;ck in meinen T&uuml;mpel, zu meinem mir vertrauten Schlamm und zu den Schwebeteilchen, die mir durch Herz und Seele gehen. Zufrieden mit der Einsamkeit, die ich an dieser &auml;therischen Landschaftsmalerin entdeckt habe, die ich eingefangen habe wie eine wohlgen&auml;hrte Fliege. Ich bin ges&auml;ttigt. Sie wird schweigen &#8211; und ich, vor der n&auml;chsten schweren Nacht, werde tapfer den Mond anquaken.</p>


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</ol></p>]]></content:encoded>
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		<title>Notwendigkeit</title>
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		<pubDate>Tue, 05 May 2009 10:08:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Janus</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="/wp-content/uploads/2009/05/halle-ausschnitt.jpg" class="floatbox" rev="group:3522 caption:`Eine Industriehalle`"><img class="rand size-medium wp-image-3529" title="Eine Industriehalle" src="/wp-content/uploads/2009/05/halle-ausschnitt-300x168.jpg" alt="Eine Industriehalle" width="300" height="168" /></a></p>
<p>Als ich an einer l&auml;ngst verlassenen Werkshalle die gesprungenen Fensterscheiben bemerkte. Als mir die Farbe deutlich wurde, in der die Backsteine im Licht der niedersinkenden Sonne aufloderten, soda&szlig; es den Anschein hatte, sie w&uuml;rden noch immer, trotz langer Jahrzehnte, eine w&auml;rmende Erinnerung an den Brennofen in sich tragen. Und als ich die sanfte Fahrt des Zuges wie eine Atmosph&auml;re um mich wahrnahm, das allm&auml;hliche Ansteigen auf der weit geschwungenen Br&uuml;cke, mitten hinein in die klare, blaue Luft. Und mir in den Augen eines eigenschaftslosen Mannes j&auml;h der stille Humor sympathisch wurde, wie ich es im Voraus niemals h&auml;tte ahnen k&ouml;nnen. In jenem Augenblick, als dann auch die H&auml;user und Stra&szlig;en in meinen Besitz &uuml;bergingen und ich mich daran freute, unverhofft so reich geworden zu sein: an aufgespr&uuml;hten geheimen Botschaften, an Balkonen, in denen sich das Leben wie in einem Setzkasten versammelt hatte, nur um mir eine Vorstellung von der Gr&ouml;&szlig;e der M&ouml;glichkeiten zu geben; reich an unersch&uuml;tterlichen Mauern, auf ihnen Ornamente aus l&auml;ngst &uuml;berholten Zeiten, ein letztes Reservat f&uuml;r zierliche Schatten, lebend im schr&auml;gen Licht. Da nun all dies mir zuteil wurde und ich blo&szlig; reglos bleiben mu&szlig;te, um zu sp&uuml;ren, wie mit unersch&uuml;tterlicher Notwendigkeit sich alles ineinanderf&uuml;gt: so, da&szlig; es gut ist. Und da ich tastete und unter meinen Fingern die Ruhe sp&uuml;rte, mit der deine Hand gleich neben mir lag &#8211; da war ich der M&ouml;glichkeit g&auml;nzlich beraubt, noch etwas zu vermissen.</p>


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</ol></p>]]></content:encoded>
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		<title>22 Uhr 48</title>
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		<pubDate>Sun, 19 Apr 2009 10:54:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Janus</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Dem Mann dort auf dem Bahnsteig geh&#246;rt alles hier drau&#223;en. Soweit das Auge reicht macht ihm niemand die nachtbeschienene Welt streitig. Solange weitere Z&#252;ge ausbleiben: nur Bier aus der Flasche, die in der Faust liegt, zu trinken und pflichtentledigt rauchend in das Nichts hinein Ausschau zu halten &#8211; darin besteht seine K&#246;nigsw&#252;rde. Er herrscht, um [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="rand size-medium wp-image-3261" title="Warnjacke" src="/wp-content/uploads/2009/03/warnjacke-300x258.gif" alt="Warnjacke" width="300" height="258" /></p>
<p>Dem Mann dort auf dem Bahnsteig geh&ouml;rt alles hier drau&szlig;en. Soweit das Auge reicht macht ihm niemand die nachtbeschienene Welt streitig. Solange weitere Z&uuml;ge ausbleiben: nur Bier aus der Flasche, die in der Faust liegt, zu trinken und pflichtentledigt rauchend in das Nichts hinein Ausschau zu halten &#8211; darin besteht seine K&ouml;nigsw&uuml;rde. Er herrscht, um 22 Uhr 48, &uuml;ber ein verg&auml;ngliches Reich. Er,  in neonfarbenem Ornat, das, von jenseits der Grenzen dieser Stunde, noch mit dem Abrieb seiner Arbeit gef&auml;rbt ist. Aber er herrscht und seine Herrschaft steigt mit dem Zigarrettenrauch unter das lackbl&auml;tternde Gew&ouml;lbe, das &Uuml;berdach, und es regnet nicht.</p>
<p>Auch ich bin, mein Freund, verm&ouml;gend. Denn mir allein geh&ouml;rt (im gro&szlig;en und ganzen) der Vorortzug. Du wirst mir freies Geleit geben. Und siehe, niemand macht meinen lang vorgestreckten F&uuml;&szlig;en mehr streitig den Platz am Heizk&ouml;rper. Wir sind, wisse wohl, von gleichem Stande; und dein Blick, blank hervor aus deinen lang offenen Augen, geht vom Gel&auml;nder zu mir. Er enth&auml;lt dein Verstehen. Es reden die Gro&szlig;en &uuml;ber beliebige Distanzen und durch Fenster und &uuml;ber Pflastersteine hinweg miteinander in der wortlosen Sprache.</p>
<p>Was wohl fl&uuml;stert man dir aus dem nichts jenseits der Lampen zu, dort drau&szlig;en? Gleiches wie hier, in meiner Dom&auml;ne, mir die knarrenden W&auml;nde und gurgelnden Stutzen erz&auml;hlen? Von der Wahrheit der verglimmenden Gegens&auml;tze nach getanem und abgetanem Werk. Von der Klarheit der wunden Augen, bestrichen mit vergorenem Wachsein. Von der Einsamkeit der Herrscher, unter einem wolkenverschlungenen Mond, unter dem besonderen Strahl von Neonr&ouml;hren; geboren wird sie aus der alleinverantwortung f&uuml;r die zur&uuml;ckgelassene Welt.</p>
<p>Was lie&szlig;e sich aber in Erfahrung bringen, deutete uns einer die Konstellationen der Lampen aus, die &uuml;ber die leere Nacht hinwegsehen? Die Lampen unter deinem gew&ouml;lbten und meinem  gebogenen Dach, die Lampen hinter Hecken und &uuml;ber den leeren Stra&szlig;en, die zu den Schlafenden in die Schlafzimmer hineinschauen, soweit keine Vorh&auml;nge in den Fenstern sind und von au&szlig;en die Tr&auml;ume beleuchten &#8211; oder es nicht verm&ouml;gen. Was lie&szlig;e sich erfahren, vielleicht von dir, Konmagnifizenz, der du g&auml;nzlich frei und alleingelassen, mit altem Schmutz und Bier staffiert, aus den Windungen des Rauches, die dir zu H&auml;upten steigen, reglos, unbeeindruckt lie&szlig;t?</p>


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</ol></p>]]></content:encoded>
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		<title>Sturzwehen</title>
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		<pubDate>Sun, 08 Mar 2009 10:40:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Janus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Offenbarungen in der S-Bahn]]></category>
		<category><![CDATA[Poetischer Apoplex]]></category>
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		<category><![CDATA[Hand]]></category>
		<category><![CDATA[Stille]]></category>
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		<description><![CDATA[Wie bist du leicht gesessen, Freund, doch ich kenn dich nicht. Und z&#228;rtlich, da&#223; ich&#8217;s kaum verstehe, Liegt irgendeine bleiche Hand In deinem Nacken, unbekannt Bleibt dir wohl auch der eigentliche Grund F&#252;r die wei&#223;e Traurigkeit um deinen Mund. Du h&#246;rst, es kann kaum anders sein, Auf Stimmen, die den leeren Raum Bewohnen, der sich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="/wp-content/uploads/2009/03/holzhand.jpg" class="floatbox" rev="group:2872 caption:`Holzhand (Teil einer Photographie der deviantART-Benutzerin WhispersOfImola)`"><img class="rand size-medium wp-image-2883" title="Holzhand (Teil einer Photographie der deviantART-Benutzerin WhispersOfImola)" src="/wp-content/uploads/2009/03/holzhand-219x300.jpg" alt="Holzhand (Teil einer Photographie der deviantART-Benutzerin WhispersOfImola)" width="219" height="300" /></a></p>
<p>Wie bist du leicht gesessen,<br />
Freund, doch ich kenn dich nicht.<br />
Und z&auml;rtlich, da&szlig; ich&#8217;s kaum verstehe,<br />
Liegt irgendeine bleiche Hand<br />
In deinem Nacken, unbekannt<br />
Bleibt dir wohl auch der eigentliche Grund<br />
F&uuml;r die wei&szlig;e Traurigkeit um deinen Mund.</p>
<p>Du h&ouml;rst, es kann kaum anders sein,<br />
Auf Stimmen, die den leeren Raum<br />
Bewohnen, der sich um uns zieht,<br />
Jetzt, hier, weil wesentliches nicht geschieht<br />
In deinen Ohren singt sein altes Lied &#8211;<br />
Dein Blut.</p>
<p>Da steigen, als die bleiche Hand dich wieder pre&szlig;t<br />
Wehen in dein wartendes Gesicht<br />
(Und, ist es so: Es ging darauf dein Warten?)<br />
Im Sturz, so wie Spinnenweben rei&szlig;en &#8211;<br />
Freund, du sollst mir Mutter hei&szlig;en!<br />
Und ich trockne dir den Schwei&szlig; mit Blicken,<br />
Der dir von deinen d&uuml;nnen Wimpern rinnt.</p>


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</ol></p>]]></content:encoded>
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		<title>Drachengeburt</title>
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		<pubDate>Thu, 15 Jan 2009 14:30:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Janus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Offenbarungen in der S-Bahn]]></category>
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		<description><![CDATA[Eine kleine, geb&#252;ckte Gestalt sitzt auf einem Absatz an einer gekachelten Wand. Sie zeichnet: sehr konzentriert, v&#246;llig herausgerissen aus der Umgebung. Eine Umgebung, die nicht f&#252;r Sitzen und Konzentration oder gar f&#252;r Mu&#223;e und Zeichnen gemacht ist; aber die Eile um sie herum, den Umstand, da&#223; hier niemand sehen will oder an Kunst denken k&#246;nnte, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="/wp-content/uploads/2009/01/dragonhead_big.png" class="floatbox" rev="group:2227 caption:`Dragonhead, ein Bier`"><img class="alignright size-medium wp-image-2229" title="Dragonhead, ein Bier" src="/wp-content/uploads/2009/01/dragonhead_big-141x300.png" alt="Dragonhead, ein Bier" width="141" height="300" /></a>Eine kleine, geb&uuml;ckte Gestalt sitzt auf einem Absatz an einer gekachelten Wand. Sie zeichnet: sehr konzentriert, v&ouml;llig herausgerissen aus der Umgebung. Eine Umgebung, die nicht f&uuml;r Sitzen und Konzentration oder gar f&uuml;r Mu&szlig;e und Zeichnen gemacht ist; aber die Eile um sie herum, den Umstand, da&szlig; hier niemand sehen will oder an Kunst denken k&ouml;nnte,  nimmt diese Gestalt nicht wahr. Sie ist dabei so unscheinbar, so verschmolzen mit dem Stra&szlig;enschmutz auf dem Boden, den dreckig braunen Kacheln, da&szlig; es mir erst, als ich schon l&auml;ngst vor&uuml;ber bin, klar wird, da&szlig; da jemand tats&auml;chlich versuchte, etwas hervorzubringen.</p>
<p>Aber die Gestalt auf dem Absatz hatte doch wirklich gezeichnet; und was sie gezeichnet hatte, war ja wohl ein Drache, der, schon weit gediehen, das Blatt ausf&uuml;llte. Eine breite, kn&ouml;chrig-geh&ouml;ckerte Schnautze, Barteln, Klauen, ein wirbelnder Schwanz, ausgebreitete Schwingen, schuppige Haut, drohende Augen &#8211; das habe ich doch wohl gesehen.</p>
<p>Von der Rolltreppe aus blicke ich zur&uuml;ck, und diese merkw&uuml;rdige zeichnende Randerscheinung taucht noch einmal auf. Ob da ein Mann oder eine Frau sitzt, ist keineswegs zu entscheiden, bei den sich &uuml;berlappenden Kleidungsschichten, unter den zwei Kapuzen, die den Kopf verbergen, wegen der konzentrierten Anstrengung, mit der die Gestalt ihren Blick auf Zeichenblock heftet. Links steht auf dem Absatz, den sich der Jemand  zum Sitzen ausgesucht hat, eine ge&ouml;ffnete Bierdose, rechts liegt ein Paket Tabak und halb vor ihr zum Schutz ein Abfalleimer.</p>
<p>Die zeichnende Hand ist schmal, kn&ouml;chern wie die Drachenschnautze und schon blau angelaufen. Wer sollte sagen k&ouml;nnen, warum irgendwer hier, in der K&auml;lte, als ein offenbarer Sonderling an einem unwahrscheinlichen Platz in einer Bahnstation sitzen sollte, nur um zu zeichnen. Warum sich dem Frost aussetzen, da&szlig; die Finger hart und blau werden; warum derart kleingefaltet und in sich selbst versteckt neben den steif schreitenden, dahinstr&ouml;menden Sch&uuml;ben von Berufspendlern sitzen?</p>
<p>Ich versuche, mir den Drachen vorzustellen, der dort unten auf dem Zeichenblock entsteht. In dem kurzen Moment bis ich vor&uuml;ber war, habe ich an ihm nichts von der mehrfachen Kuriosit&auml;t seines Enstehungsortes gesehen. Nichts, was in ihn hineingeflossen w&auml;re von dem Schmutz und den Kacheln und der Eile; nichts, was daraus das h&auml;tte verwandeln oder verstehen oder gar daraus h&auml;tte erl&ouml;sen k&ouml;nnen. Au&szlig;er vielleicht die absolute Festigkeit, mit der dieser Drache im Klischee von hundert und tausend Oberarmen und Unterschenkeln ruht. Dieser Drache ist die Verneinung und Abschaffung alles Sonderbaren gewesen: eine Reproduktion des schalgewordenen Dracheseins.</p>
<p>Vielleicht ging es darum: mit der gesammelten K&auml;lte des getrunkenen Biers und der gefrorenen Finger etwas Belangloses erscheinen zu lassen an einem unwirklichen Ort.</p>


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		<title>Blutsturz</title>
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		<pubDate>Thu, 11 Dec 2008 20:41:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Janus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Blendungen]]></category>
		<category><![CDATA[Offenbarungen in der S-Bahn]]></category>
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		<category><![CDATA[Bahnfahren]]></category>
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		<description><![CDATA[…auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen H&#228;nden empfangen. Das Bemerkenswerte an jenem v&#246;llig ebenm&#228;&#223;igen Mosaik, jenem Wunderwerk aus gleichen Proportionen und verborgenen mathematischen Entsprechungen, das Bemerkenswerte an jenem Mosaik, das die W&#228;nde und B&#246;den unserer allt&#228;glichen Verrichtungen auskleidet, das Bemerkenswerte daran ist, da&#223; es trotz der Unersch&#252;tterlichkeit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><img class="aligncenter" title="But, spritzend" src="/wp-content/uploads/2008/12/blut_tropfen.jpg" alt="But, spritzend" width="269" height="269" /></p>
<p style="margin-left: 25em; font-variant: small-caps; font-size: 120%; text-align: right;">…auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen H&auml;nden empfangen.</p>
<p>Das Bemerkenswerte an jenem v&ouml;llig ebenm&auml;&szlig;igen Mosaik, jenem Wunderwerk aus gleichen Proportionen und verborgenen mathematischen Entsprechungen, das Bemerkenswerte an jenem Mosaik, das die W&auml;nde und B&ouml;den unserer allt&auml;glichen Verrichtungen auskleidet, das Bemerkenswerte daran ist, da&szlig; es trotz der Unersch&uuml;tterlichkeit der kalkigen H&auml;nde, die es im Halbdunkel gef&uuml;gt haben, trotz der Hegemonie des Ebenma&szlig;es, die in ihm herrscht — da&szlig; trotz allem in diesem Mosaik immer wieder Kacheln fehlen, verschrammt und zerborsten sind oder an der falschen Stelle sitzen. Die St&ouml;rung in ihrer Unaustilgbarkeit: sie ist vielleicht sogar der eigentliche Inhalt des Mosaiks Alltag, jedenfalls dasjenige, wor&uuml;ber sich &uuml;berhaupt irgendetwas sagen l&auml;&szlig;t.</p>
<p>Deshalb, und nur deshalb, ist es bemerkenswert, da&szlig; neulich, als ich in der S-Bahn Platz genommen hatte, in einem Zug, der seine Reise an eben jener Haltestelle beginnen sollte, da&szlig; also in diesem Zug fast alle anderen — verkehrtherum sa&szlig;en. Als der Zug anfuhr, wurde es offenbar: sieben von zehn Fahrg&auml;sten sa&szlig;en falsch, blickten gegen die Fahrt, kehrten dem Forw&auml;rts ihren R&uuml;cken zu (und riskierten vielleicht &Uuml;belkeit und immerhin, da&szlig; sie einen nur recht eingeschr&auml;nkten Ausblick hatten) Eigentich gibt es doch nur eine vern&uuml;ftige, allt&auml;gliche Weise, sich zu setzen: auf eine leere Bank, sofern es eine gibt, und, solang es irgendwie m&ouml;glich ist, in Fahrtrichtung.</p>
<p>Sie sa&szlig;en also verkehrtherum, in schweigender &Uuml;bereinstimmung. Eine derartig eindeutige Abweichung, eine derart verf&auml;rbte und blindgefallene Kachel im Mosaik, die jedem sofort ins Auge springt, bringt einen, der sich recht zu setzen wei&szlig; und die Regeln kennt, sogleich zum Stolpern. Es darf so etwas nicht grundlos geschehen, ein Grund mu&szlig; anzugeben sein — und meistens liegt er in den tieferen und schl&uuml;pfrigeren Schichten unserer selbst. In den Schichten, vor deren st&auml;ndigem Anblick uns gerade das sauber und kunstfertig verlegte Mosaik: der Alltag also bewahren soll.</p>
<p>Der Grund f&uuml;r das Verkehrtherumsitzen um mich herum in der S-Bahn offenbarte sich mir schnell, als ich den Kopf drehte, um zu sehen, worauf die anderen blickten: es war da ein &uuml;ppiger Strom, der sich &uuml;ber den Gang des Waggons ausbreitete. Ein Strom der sich auf seinem Weg quer durch den Waggon in zwei, drei Arme teilte und schlielich hinter einer unbesetzten Bank verschwand.</p>
<p>Und, siehe, es war dies: ein Strom Blutes. Oder ein Strom altgewordenen Kakaos, der sich aus einer umgest&uuml;rzten, hinter einer Stange festgekeilten Flasche ergossen hatte. Aber doch: Es war Blut, dick, z&auml;h und geronnen, dunkel und gl&auml;nzend. Und es war dieser Anblick, der die anderen bewogen hatte, sich gegen alles Angemessene r&uuml;cklings zu setzen.</p>
<p>Wer sollte es auch &uuml;ber sich bringen, auf einen solchen Anblick zu verzichten? Das langsame Dahinflie&szlig;en von Blut, ein Flu&szlig;, der sich ohne Hoffnung auf l&auml;ngere Dauer ausbreitet, fort von einer versiegenden Quelle, ein Flu&szlig;, der einem Sturzregen geschuldet ist, einer pl&ouml;tzlich angebrochenen, brakigen Quelle, der unterirdisch kein Nachschub mehr erw&auml;chst. Ein Flu&szlig;, der sonderbar, absto&szlig;end, anziehend, schillernd und gl&auml;nzend ist und ganz allm&auml;hlich immer z&auml;her wird; der dampfen w&uuml;rde in der K&auml;lte, aber sonderbar: diesen Dampf bekommt man nicht zu sehen. Der Kakao, der restlos aus seinem Gef&auml;&szlig; verflossen ist, war nie w&auml;rmer als irgendein lauer, &ouml;ffentlicher Raum. Wir sind es doch wohl, w&auml;rmer als die laue &Ouml;ffentlichkeit, und auch das w&uuml;rde man gern zu Gesicht bekommen. Aber dies Rinnsal, schon dunkel, schon versiegt, dampfte nicht mehr. Doch immerhin: Es war Blut.</p>
<p>Hier also gab es einen Blutstrom zu sehen. Beinahe jedenfalls — und dem kleinen Unterschied zwischen Traum und Wahrheit konnte die Phantasie aushelfen. Und wie anders sollten die verkehrt Sitzenden beim Anblick des Rinnsals am Waggonboden gedacht haben, was sonst h&auml;tte sie fesseln k&ouml;nnen, wenn nicht jener stille, lauernde Wunsch: endlich Blut beim Versch&uuml;ttetwerden zuzusehen.</p>
<p>Es lauert dies Bed&uuml;rfnis &uuml;berall; und dann: erf&uuml;llt es sich — an seinem unbedeutenderen Ende vielleicht blo&szlig; zum Schein — mitten im unschuldigen Alltag. Und eines der Mosaiksteinchen bekommt auf diese Weise mit einem Mal eine interessante Farbe, eine derart klebrige Konsistenz, da&szlig; man, wenn man den Fu&szlig; darauf gesetzt hat, eine ganze Weile gehen mu&szlig;, bevor die Spuren sich verlaufen.</p>
<p>So also verhielt es sich an jenem Morgen, als in der S-Bahn der Alltag von einem pl&ouml;tzlichen Rinnsal Blut durchflossen wurde.</p>


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		<title>Mancherlei Stille</title>
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		<pubDate>Sat, 22 Nov 2008 21:28:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Janus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Offenbarungen in der S-Bahn]]></category>
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		<description><![CDATA[»Es gibt vielerlei L&#228;rm«, mu&#223; ich lesen, »aber es gibt nur eine Stille«. &#220;ber diesen Worten h&#228;ngt im ewigen Eis ein orangegl&#252;hendes Zelt. Auch dort drau&#223;en schneit es, und einzelne Flocken sind am Waggonfenster geschmolzen und haben Schmutzspuren auf dies Fenster gemalt. Drau&#223;en schneit es und vielleicht hat sich tats&#228;chlich irgendeine Stille im Schnee in [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="/wp-content/uploads/2008/11/parka.jpg" class="floatbox" rev="group:1834 caption:`Parka eines Arktisreisenden`"><img class="rand size-medium wp-image-2187" title="Parka eines Arktisreisenden" src="/wp-content/uploads/2008/11/parka-223x300.jpg" alt="Parka eines Arktisreisenden" width="223" height="300" /></a></p>
<p>»Es gibt vielerlei L&auml;rm«, mu&szlig; ich lesen, »aber es gibt nur eine Stille«. &Uuml;ber diesen Worten h&auml;ngt im ewigen Eis ein orangegl&uuml;hendes Zelt. Auch dort drau&szlig;en schneit es, und einzelne Flocken sind am Waggonfenster geschmolzen und haben Schmutzspuren auf dies Fenster gemalt. Drau&szlig;en schneit es und vielleicht hat sich tats&auml;chlich irgendeine Stille im Schnee in die Stadt geschlichen.</p>
<p>In dem Dunst, der aus den Schornsteinen w&ouml;lkt und sich an einer kaum wahrnehmbaren Grenze mit dem unschl&uuml;ssig schwebenden Schnee vermischt, in dem Dunst, in seinem Mittelpunkt, sitzt die Stille. Und im Ger&auml;usch, das der sch&uuml;ttere Schnee unter den Schuhen gemacht hat an diesem kalten Morgen, im Ger&auml;usch, das er gemacht hat, als er fiel, ein umfassendes, kaum h&ouml;rbares Rauschen von &uuml;berall und eigentlich von nirgendwo. (Ein &auml;hnliches Rauschen mag es, so stelle ich mir vor, w&auml;hrend das orangegl&uuml;hende, spitze Zelt mir vor Augen schwebt und fast der Schlaf mich wieder in sich h&uuml;llt, so ein Rauschen mag es auch im ewigen Eis geben; und wie mag die M&ouml;rderk&auml;lte klingen?)</p>
<p>Stille schweigt aus den Gespr&auml;chen an diesem j&auml;hen Wintermorgen, die leiser sind als sonst. Und da ist schon wieder ein schmaler Strich, mit dem die Stille sich in den Alltagslauf zeichnet: als der Sekundenzeiger der Bahnsteiguhr stillsteht, zwei Herzschl&auml;ge, bis dann die letztvergangene Minute fast h&ouml;rbar den gr&ouml;&szlig;eren Zeiger umschl&auml;gt. Und hinein in die Stille dringt naive Ukulelenmusik aus den Kopfh&ouml;rern eines scharfgeschnitzten, harten Mannes. Und es zischt aus einem verborgenen Ventil unter einem doppelten Boden dieses Waggons, ein diskretes Zischen, eine heimliche Aufforderung offenbar.</p>
<p>Und in der Ecke, auf der letzten Bank, sitzt eine Frau, in durchscheinende Traurigkeit geh&uuml;llt. Sie tr&auml;gt ihren Schal als ein Ger&uuml;st f&uuml;r ihren Kopf, der weich ist, man mu&szlig; zweifeln, da&szlig; das Leben schon an ihr geschnitzt hat. Aus einem Rucksack zieht sie eine Trinkflasche, darin eine milchige Fl&uuml;ssigkeit. Sie saugt an ihr wie ein S&auml;ugling, dem es zu kalt ist auf der Welt au&szlig;erhalb der Mutterh&ouml;hle. Und ihr entgleiten dabei, w&auml;hrend sie die Flasche mit beiden H&auml;nden umklammert, noch die letzten deutlichen Z&uuml;ge. Jetzt verstrickt sie sich zusehends in traurige Betrachtungen, w&auml;hrend wir die Br&uuml;cke &uuml;ber einen eisigen Flu&szlig; befahren. Sie bleibt mit den Augen an den vorbeiwischenden Br&uuml;ckenpfeilern h&auml;ngen. Und noch in diesem Zucken liegt weichwangige Traurigkeit.</p>
<p>Jenseits einer Spiegelachse, die &uuml;ber den Mittelgang des Waggons verl&auml;uft, genau der weich Wehen gegen&uuml;ber sitzt ein junger Mann, dunkel und haarig, gesammelt und fest, unersch&uuml;ttert und lesend: in der Landschaft, die ihn nur wenig interessiert. Er tr&auml;gt, im &Uuml;berschu&szlig; von W&auml;rme, die Jacke offen und seine Wangen mahlen langsam, still und bereit, sich in das n&auml;chste, was sich bietet, zu verbei&szlig;en.</p>
<p>Und dann l&ouml;st sich ein einzelnes Gleis von dem breiten Strang, den wir befahren. Es taucht zwischen Hecken ein und verliert sich im Schnee: zwei dunkle Kerben, die ins offene f&uuml;hren; durch das &Auml;stegew&ouml;lk hindurch ist ein kein Ziel mehr zu sehen</p>


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		<title>Hafenviertel</title>
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		<pubDate>Wed, 12 Nov 2008 21:34:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Janus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Offenbarungen in der S-Bahn]]></category>
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			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="/wp-content/uploads/2008/11/plastiktute.jpg" class="floatbox" rev="group:1848 caption:`Plastiktute`"><img class="rand size-medium wp-image-2123" title="Plastiktute" src="/wp-content/uploads/2008/11/plastiktute-300x248.jpg" alt="Plastiktute" width="300" height="248" /></a></p>
<p>Ich bin &uuml;ber zwei Fl&uuml;sse gefahren, da war noch D&auml;mmerung. Ich habe ratlos am Busbahnhof gestanden, w&auml;hrend sich Gestalten mit m&uuml;den Gesichtern in den einen, viel zu kleinen Bus dr&auml;ngten, M&auml;nner und Frauen mit Kinderwagen und Kinder, auch sie schon abgek&auml;mpft. Einer, er sah aus, als w&uuml;rde er zum Zeitvertreib Knochen brechen, wollte den Busfahrer nicht fahren lassen, bis ich eingestiegen w&auml;re. Es war reine, unverlangte Freundlichkeit — ich habe mich nicht ger&uuml;hrt. Und so ist der Bus abgefahren und es war auch schon Nacht, bestickt mit gelben Lichtern vom Hafen her.</p>
<p>Dann habe ich doch gewagt, meinen zuf&auml;lligen Stand zu verlassen, habe Platz gefunden im n&auml;chsten, diesmal leeren Bus. An einem hohen Zaun entlang, gekr&ouml;nt mit Stacheldraht und dann hinein in die Siedlung, gelegen wie ein Pesthaus. Der Bus hat mich entlassen, auf einen &ouml;den Platz.</p>
<p>Mitten auf dem Platz pr&uuml;geln sich zwei Kinder, Hosen wie Soldaten und K&ouml;pfe zur H&auml;lfte kahlgeschoren, zwei gerade noch entsprungene Novizen. Sie packen sich und einer schl&auml;gt die H&auml;nde des anderen weg; sie packen sich wieder, am Nacken, um die H&uuml;ften, die Beine, Arme, H&auml;nde. Sie treten nach einander in die Luft und schlagen sich mit offener Hand. Ich h&ouml;re ihr Schnaufen und Knurren, wie es hallt &uuml;ber den Platz.</p>
<p>Der Wind frischt j&auml;h auf, w&auml;hrend ich l&auml;ngst den lebendigen Teil dieses Viertels hinter mir gelassen habe. Vertrocknete Bl&auml;tter tanzen mir vor den F&uuml;&szlig;en. Es ist Nacht und dunkel in den H&auml;usern. Da hinten: schwebt wei&szlig;, zart, wehrlos rund eine Plastikt&uuml;te, in die der Wind gefahren ist, &uuml;ber die Stra&szlig;e. Sie ist: eine reine Jungfer, ein makellos gleitender Schwan. Sie schwebt f&uuml;r einen Moment enthoben — dann ger&auml;t sie zu nah an eine rauhe Hauswand, verf&auml;ngt sich, st&uuml;rzt ab.</p>
<p>Gerade noch — habe ich etwas gedacht und es war vielleicht entscheidend. Aber spurlos ist jede Vermutung von mir abgetrieben. Vom Hafen her dringt heiser ein Schiffshorn und ich mu&szlig; den Ton noch lange kauen, bis er fade geworden ist.</p>


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