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	<title>Rauhfasler &#187; Wegkreuzungen</title>
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	<description>Verbrauchende Versuche mit Wörtern</description>
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		<title>Augenblicksklang</title>
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		<pubDate>Tue, 21 Jul 2009 10:16:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Janus</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Der Augenblick, für den ich denke, ein bestimmtes trippelndes Klacken müßte zu der Musik gehören, die gerade leise vor meinen Ohren zu spielen beginnt. Währenddessen die ganz deutliche Einsicht in die symphonische Qualität, die sogar Beiläufigkeiten haben können. Dann fast Bedauern, als die wirkliche Musik den Raum behauptet. Und die lapidare Richtigstellung, die alles das [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="/wp-content/uploads/2009/07/erschuetterung.jpg" class="floatbox" rev="group:4220 caption:`Erschütterungsimmissionen in der Nachbarschaft einer Weberei`"><img src="/wp-content/uploads/2009/07/erschuetterung-300x134.jpg" alt="Erschütterungsimmissionen in der Nachbarschaft einer Weberei" title="Erschütterungsimmissionen in der Nachbarschaft einer Weberei" width="300" height="134" class="rand size-medium wp-image-4222" /></a></p>
<p>Der Augenblick, für den ich denke, ein bestimmtes trippelndes Klacken müßte zu der Musik gehören, die gerade leise vor meinen Ohren zu spielen beginnt. Währenddessen die ganz deutliche Einsicht in die symphonische Qualität, die sogar Beiläufigkeiten haben können. Dann fast Bedauern, als die wirkliche Musik den Raum behauptet. Und die lapidare Richtigstellung, die alles das letztenendes erfährt, als ein gewöhnlicher Anzugträger mit seinem Koffer jenes Geräusch hinter sich her zurück in die bloße Zufälligkeit zieht.</p>
<p>Der Moment einer sehr kleinen Veränderung im einschneidenden Klang einer Baustelle, als zwischen den einzelnen Salven mechanisch präziser Schläge von Metall gegen Metall (so rasch schlagen sonst nur die kleinsten Vögel ihre Flügel gegen Luft) sich allmählich eine Schwebung bildet, ein körperloser, feiner Diskant, der bleibt, bis er sich in den Ohren zu Schmerz verwandelt hat.</p>
<p>Und schließlich ein Reim in den unausgesprochenen Ich-Sätzen, die zwischen den Wartenden in der Gewitterluft liegen, ein Reim, der vom einen zum anderen verkniffenen Mund umhergeht. Ein Reim, abzulesen an Auge und Mund, an einer klammernden Hand und einem ruckendem Kopf.</p>


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</ol></p>]]></content:encoded>
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		<title>Schneetreiben</title>
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		<pubDate>Sat, 14 Feb 2009 12:15:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Janus</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die Stadt liegt unter Schnee. Den nehmen fünf Jungen auf und werfen ihn von einem Parkdeck aus auf die Köpfe der unter ihnen gehenden Passanten. Sie treffen meistens nicht. Die Schneebälle fliegen an den Wangen der Beworfenen vorbei und zerspritzen auf dem Boden. Sonderbar, daß nicht einer den Blick von den eigenen Fußspitzen hebt &#8211; [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignright size-medium wp-image-2667" title="Gehstock" src="/wp-content/uploads/2009/02/gehstock-210x300.jpg" alt="Gehstock" width="210" height="300" />Die Stadt liegt unter Schnee.</p>
<p>Den nehmen fünf Jungen auf und werfen ihn von einem Parkdeck aus auf die Köpfe der unter ihnen gehenden Passanten. Sie treffen meistens nicht. Die Schneebälle fliegen an den Wangen der Beworfenen vorbei und zerspritzen auf dem Boden. Sonderbar, daß nicht einer den Blick von den eigenen Fußspitzen hebt &#8211; die Angriffe bleiben vollkommen unbemerkt. Dann aber wird eine alte Frau um eine Handbreit verfehlt und springt mit der Behendigkeit des Schreckens zur Seite. Einmal entronnen, dreht sie hektisch den Kopf hin und her, entdeckt die Rotte auf dem Parkdeck und droht mit ihrem Stock. Auch das scheint keiner zu bemerken. Und auch das Johlen und Spotten der Rotte dort oben hört offenbar nur die alte Frau.</p>
<p>Ein älterer Herr, in Strickjacke und Hut, fegt um sein Auto herum die Fahrbahn. Warum die Fahrbahn? Unter dem Auto ist ein Loch in der Schneedecke, wie bei den anderen Autos. Bei den anderen Autos setzt sich der Schnee auch über das Auto hinweg fort. Das Auto des alten, besenwetzenden Herren aber ist auf wundersame Weise völlig unbedeckt und trocken, wie an einem Frühlingstag. Warum fegt der Alte jetzt auch noch die Fahrbahn &#8211; er bewirkt dabei gar nichts. Auf einem großen, stählernen Behälter, denke ich nun, war ein Wahlspruch angebracht, übertrieben grandios: Denn Zukunft braucht Leistung. Welche Zukunft aber &#8211; und welche Leistung?</p>
<p>Als ich stehe und warte, tauchen Gesichter aus der geduckten Menge auf. Ein Maler, sein Overall ist vielfarbig bunt, ist aschgrau im Gesicht. Ein anderer, grobknochiger Mann riecht süßlich nach Malz. Er schiebt die Unterlippe ein wenig vor, als hätte man ihn, ein kleines Kind eigentlich, ungerecht, schrecklich ungerecht behandelt. Zwei Adoleszenten hingegen ist alles gleichgültig. Ihre Unterhaltung geht zischend zwischen ihnen, ein Lichtbogen mühsam gezügelter Wut, der ihnen auch die raschen, harten Armbewegungen auflädt. Sie stehen an einer Bank, dort sitzt ein dicker Mensch. Der sieht ängstlich und mißgünstig zu, wie der eine zornige, junge Mann seinen Fuß auf den Sitz neben ihm stellt, um zärtlich seinen Schuh mit einem Taschentuch von Schneeresten zu befreien. Ein weiterer Wartender beobachtet, wie der Sitz mit Schnee besudelt wird aus der Ferne, und aus ihm lodert Verachtung, um die sich niemand, er selbst auch nicht, schert.</p>
<p>In dem Bus, der endlich kommt, sitzt ein würdiger Alter, den Gehstock zwischen den Beinen. Nun bricht eine Schulklasse herein, womöglich die obere Klasse einer Grundschule, lärmend und mit ihren wilden Kinderspielen beschäftigt. Da sind drei, vier kleine Jungs, die im Wettstreit versuchen, einander die Hosen herunterzuziehen. Sie rufen dabei im Triumph &#0187;Männerstrip&#0171;<em> </em>und &#0187;Peepshow&#0171;. Zwei Mädchen, am anderen Ende des Wagens, drücken zart ihre Nasen aneinander.</p>
<p>Jetzt weitet sich der Kreis, in dem die vier Jungen spielen und umschließt auch noch den Sitzplatz des würdigen Alten. Er faßt seinen Stock fester und macht &#8211; still, zweifelnd &#8211; eine kurze Geste in die Luft. Er hat sich entschieden, es zu ertragen. Seine Augen sind dunkel von irgendeiner Trauer und die Lippen zeigen selbstverständliche Würde. Unser Blick trifft sich und ich bemühe mich, durch drei Falten, die ich mühsam durch Anspannung der Gesichtsmuskeln zustande bringe, ihm meine Anerkennung auszudrücken.</p>
<p>Draußen die Landschaft liegt unter Schnee. Sie ist still, reglos, friedlich. Und mitten im Schnee steigt zwischen uns zusammengedrängten Menschen die Müdigkeit als ein unsichtbarer Dunst in den froststarren Himmel. In der Ferne steht unbewegt ein hoher Kran, erhaben über alles.</p>


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</ol></p>]]></content:encoded>
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		<title>Persephone am Tresen</title>
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		<pubDate>Thu, 18 Dec 2008 12:43:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Janus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wegkreuzungen]]></category>

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		<description><![CDATA[In einem abgesunkenen Stadtteil, einem Ballungsraum für diejenigen, die von der Gesellschaft nichts gutes zu erwarten haben: Dort steht in einem dunklen, angeschmutzten Café, am frühen Morgen, zu der Zeit, wo anderswo die Arbeit beginnt, hinter dem Tresen eine Frau. Sie ist in dem Raum ganz allein und das einzige Licht, aus einer Deckenleuchte, fällt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="/wp-content/uploads/2008/12/berniniplutopresephine.jpg" class="floatbox" rev="group:1706 caption:`Bernini, Pluto und Persephone`"><img class="rand size-medium wp-image-1707" title="Bernini, Pluto und Persephone" src="/wp-content/uploads/2008/12/berniniplutopresephine-216x300.jpg" alt="Bernini, Pluto und Persephone" width="216" height="300" /></a></p>
<p>In einem abgesunkenen Stadtteil, einem Ballungsraum für diejenigen, die von der Gesellschaft nichts gutes zu erwarten haben: Dort steht in einem dunklen, angeschmutzten Café, am frühen Morgen, zu der Zeit, wo anderswo die Arbeit beginnt, hinter dem Tresen eine Frau. Sie ist in dem Raum ganz allein und das einzige Licht, aus einer Deckenleuchte, fällt schräg von oben auf sie. Sie ist eine Lichtung mitten in melancholischer Düsternis.</p>
<p>Ihr Gesicht aber streitet mit dem Lichtkegel: Es versucht ihn zu verfinstern. Sie ist der Inbegriff des Mißmuts, wie sie dort mit verschränktem Armen steht. Die samtene Abendgarderobe, die sie trägt, würde sie offenbar lieber mit einem Leinensack vertauschen.</p>
<p>Es wird nicht lang dauern, bis die ersten haltlosen Männer kommen, um den Glückspielautomaten zu bedienen, um in halbherziger Gesellschaft auf den riesigen Fernsehschirm zu starren; um sich, so scheint es berechnet zu sein, durch das tiefe Dekollete aufmuntern zu lassen, das über den verschränkten Armen der Frau in ihr ungewolltes Abendkleid geschnitten ist.</p>
<p>Persephone, entführt in eine fremde Region. Woran geht es einem auf, daß man in die untere Welt geraten ist? Und wie steigt man wieder heraus? Vielleicht wüßte zögerlich Persephone Rat. Aber dann wird der erste Gast eintreffen. Sie wird die Arme herabfallen lassen, um die an sie gestellten Wünsche zu erfüllen. Das Licht wird sie wohl erst dann einschalten, wenn es ausdrücklich gewünscht wird. Was würde sie schützen, wenn nicht, daß das einzige Licht auf sie fällt.</p>
<p>Die Straßen sind leer und der Tag verbirgt sich noch. Hinter einzelnen Fenstern blitzt es bläulich fahl. Ein Mann geht mit suchenden Augen umher. Vielleicht will er in das dunkle Café, um nicht allein zu sein mit sich auf dieser trüben Straße</p>


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		<title>istniklausabendda</title>
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		<pubDate>Sun, 07 Dec 2008 20:57:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Janus</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Über die Stadt ist früh die Dunkelheit hereingebrochen. Ein dünner Nebel ist zwischen die Häuser gekrochen und versieht alle Lichter mit einem blassen, verfrorenen Hof. Menschen drängen sich in der Innenstadt, quellen aus den glänzenden Geschäften. Jeder trägt in beiden Händen Tüten aus Papier und Plastik, bunt bedruckt mit sehr verbindlichen Wünschen für die nächste Zeit. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="/wp-content/uploads/2008/12/advent_mann.jpg" class="floatbox" rev="group:1801 caption:`Knecht Ruprecht, oder: Der Nikolaus`"><img class="rand size-medium wp-image-2263" title="Knecht Ruprecht, oder: Der Nikolaus" src="/wp-content/uploads/2008/12/advent_mann-196x300.jpg" alt="Knecht Ruprecht, oder: Der Nikolaus" width="196" height="300" /></a></p>
<p>Über die Stadt ist früh die Dunkelheit hereingebrochen. Ein dünner Nebel ist zwischen die Häuser gekrochen und versieht alle Lichter mit einem blassen, verfrorenen Hof. Menschen drängen sich in der Innenstadt, quellen aus den glänzenden Geschäften. Jeder trägt in beiden Händen Tüten aus Papier und Plastik, bunt bedruckt mit sehr verbindlichen Wünschen für die nächste Zeit. Die nächste Zeit ist das Kauffest – und heute, am Tag des fröhlichen Wirdswasgeben, heute wurde sie offenbar ernsthaft eingeläutet.</p>
<p>Im Zentrum des stillen Tumults stehen einige provisorische Verschläge, gespickt mit Tannenzweigen, eng aneinandergebaut, eine Kleinstadt aus einem illusionären »Früher« mitten in die eigentliche, größere Stadt gesetzt. In ihr, in der improvisierten Früherstadt, drängen sich die Menschen noch enger als zwischen den Kaufhäusern und Fachgeschäften. Der Strom der einigermaßen Sehnsüchtigen wird hier ganz zähflüssig, gelegentlich kommt es zu Rempeleien. Wenn die Schlagermusik vom Glühweinstand zwischen zwei Liedern kurz verstummt, sind schlurfende Schritte zu hören. Mit diesem Geräusch ist die Prozession umgeben, wie die Laternen oben vom Nebel umgeben sind.</p>
<p>Da kommt Bewegung in die Menge. Die Ursache scheint irgendwo in der Nähe eines gewaltigen Drahtgitters zu liegen, das, wie eine riesige Tanne geformt, über allem Aufragt. Dies Drahtgitter ist mit myriaden von kleinen Lichtern besetzt. Die meisten von ihnen, ins Netz gegangene Sterne, leuchten dauerhaft. Einige andere blitzen hell auf und verlöschen gleich wieder. Stroboskoplichter, die dafür sorgen, daß die Gitterkonstruktion in Form einer Tanne schlechthin unübersehbar ist.</p>
<p>Dort, zu Füßen dieser imposanten Erscheinung, ist nun ein Aufsehen unter den Leuten entstanden. Eine Glocke schlägt, große Lautsprecher spucken metallisch eine weihnachtliche Melodie aus. Ein Motor surrt und an zwei straff gespannten Stahltrossen setzt sich ein Schlitten aus Kunststoff in Bewegung. Vorn angespannt sind sechs Kunststoffrentiere; im Schlitten sitzt ein dicker, regloser Mann im roten Mantel, auch aus Kunststoff natürlich, und wird in den Himmel getragen. Die Menschen raunen.</p>
<p>Nach einer Weile hat die Schlittenrequisite den höchsten Punkt erreicht, hängt für einen Augenblick fast schon im Drahtbaum still in der Luft. Dann surren die Motoren wieder und der Schlitten fährt rückwärts wieder der Erde entgegen. Die Rentiere laufen mühelos mit dem Hinterteil voran. Anscheinend zieht jetzt der dicke Mann in Rot den Schlitten und die Rentiere müssen sich anstrengen, um hinterherzukommen. Zum Abschluß ist ein elektrisches »Klack« zu hören, als die Stromversorgung des Motors unterbrochen wird — die Vorstellung ist aus.</p>
<p>Vor einem besonders reich geschmückten, großen Warenhaus, ein wenig entfernt vom Platz mit den Buden, steht ein Chor. Es sind an die zwölf Personen, junge und alte. Sie singen in die ungeschützte Flanke des marschierenden Heeres der Käufer hinein. Sie singen:</p>
<p>»Ich sehe dich mit Freuden an<br />
Und kann mich nicht satt sehen;<br />
Und weil ich nun nichts weiter kann,<br />
Bleib ich anbetend stehen.<br />
O daß mein Sinn ein Abgrund wär<br />
Und meine Seel ein weites Meer,<br />
Daß ich dich möchte fassen!«</p>
<p>Ein einsamer, junger Mann ist bei ihnen stehengeblieben. Er kauert sich an einen Laternenpfahl und macht ein verschlossenes Gesicht. Es ist nicht zu sagen, ob er zuhört, ob er hier aus Gründen oder nur bloß zufällig steht. Eine schlaffe Plastiktüte baumelt am kraftlosen Arm. Die Wangen und Stirn sind von jugendlicher Akne gezeichnet.</p>
<p>Vielleicht steht er hier wegen der Schaufensterpuppen. Im Fenster gleich neben dem Chor werden aufwendige Negligés präsentiert. Rüschen, durchscheinende Stoffe, Stumpfbänder, Mieder, knappe Büstenhalter, gefüllt mit prallen, strahlend weißen Plastikbrüsten. Die Puppen sind alle sehr ansehnlich proportioniert — und haben alle, anstatt eines Gesichtes, eine aufgedunsene Fläche oberhalb des Halses, aus der gerade noch andeutungsweise eine Nase ragt. Abstrakte, künstlich aufreizende Frauengestalten, zu denen — vielleicht — der einsame junge Mann verstohlen herüberlugt.</p>
<p>Der Chor singt unterdessen weiter, Jung und Alt, und es geht weiterhin um jemanden, der Hoffnungsvoll erwartet wird. Aus der Richtung der Bretterverschläge kommt auf’s Neue die Glocke, die die Himmelsreise des dicken Plastikmannes ankündigt. Auch der picklige Junge setzt sich in Bewegung, wirft einen letzten, verstohlenen Blick über die Schulter — und wird vom Strom der Passanten, wird zwischen den gefüllten Plastik- und Papiertüten verschluckt.</p>


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</ol></p>]]></content:encoded>
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		<title>Visceralmantik</title>
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		<pubDate>Fri, 05 Dec 2008 20:56:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Janus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wegkreuzungen]]></category>
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		<description><![CDATA[Im Bus, den ich mit großer Mühe erreicht habe, stehe ich im Feierabendgedränge. Ich versuche gerade, zu erkennen, wo ich eigentlich hingeraten bin und wer die dunklen, gebeugten und still schnaufenden Gestalten sein könnten, die mich umstehen. Da höre ich einige getragene, etwas weibische Männerstimmen singen: »Please, Mister Postman«, mitten hinein in die schweigende Versammlung. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="/wp-content/uploads/2008/12/renoir-la_lecture.jpg" class="floatbox" rev="group:1799 caption:`Renoir, La Lecture`"><img class="rand size-medium wp-image-2265" title="Renoir, La Lecture" src="/wp-content/uploads/2008/12/renoir-la_lecture-300x250.jpg" alt="Renoir, La Lecture" width="300" height="250" /></a></p>
<p>Im Bus, den ich mit großer Mühe erreicht habe, stehe ich im Feierabendgedränge. Ich versuche gerade, zu erkennen, wo ich eigentlich hingeraten bin und wer die dunklen, gebeugten und still schnaufenden Gestalten sein könnten, die mich umstehen. Da höre ich einige getragene, etwas weibische Männerstimmen singen: »Please, Mister Postman«, mitten hinein in die schweigende Versammlung. »Waitaminute-waitaminute.«</p>
<p>Aber da ein grollen. »Ähj-wassndaswidder«, knurrt eine Stimme am unteren Ende der hörbaren Frequenzen. Und es geht mir einschneidend auf: Das kann nur ein Troll sein. Der Troll ist offenbar wenig erfreut über den süßlichen Singsang, den die androgynen Elfen in froher Erwartung des Postmannes unbekümmert und glockenhell immer noch fortsetzen.</p>
<p>Ich befürchte das Schlimmste und bemühe mich, zur Besinnung zu kommen. Ich bin doch wohl in einem Bus. Es ist recht muffig und wenig Luft vorhanden zwischen den klammen Leibern. Und von dort, ja mitten aus dem Bus, gleich beim Ziehharmonikagelenk, das ihn in zwei ebenmäßige Teile teilt, tönen die Elfenstimmen und von dort kommt auch das Knurren.</p>
<p>Ich beuge mich sehr vorsichtig ein wenig vor. Ich bemühe mich, daß niemand diese unangemessene Bewegung bemerkt, am wenigsten noch der Troll, Oger, Menschenfresser, der im Ziehharmonikagelenk zu lagern und lauern scheint. Die frisch Plastinierten um mich herum, bleiben reg- und reaktionslos.</p>
<p>Und da sehe ich: eine ungeheuer dicke, bärtige und grobe Gestalt in roter Hose und Tarnfleckjacke. Vielleicht eine Frau, die umständlich in ihrer Hosentasche kramt. »Wassollndassnuwidder« grollt sie wiederum. Jetzt hat sie ein Telefon hervorgeholt, das wie ein zarter Schmetterling, wie ein leuchtendes Feenwesen in ihrer Pranke liegt. Sie starrt die surrende, drei- bis vierstimmige, unbekümmert fröhliche mannfrauliche Lichtgestalt zwischen ihren kraftstrotzenden Fingern an. Sie starrt das kleine Ding mißgünstig und verdrießlich an. »Aaah-dänävt-dänävtdochächt.«</p>
<p>Der Gesang ist jetzt plötzlich verstummt. Ich habe nicht gesehen, was geschehen ist. Aber da sitzt die halb zum Kampf gekleidete Frau, starrt den leuchtenden Schirm des Telefons an, als würde sie ein Eingeweideorakel befragen. Das bläuliche Licht schneidet ihre hölzernen, quellenden Züge scharf aus dem Zwielicht heraus.</p>
<p>Sie ist sehr konzentriert und bewegt brummend die Lippen. Sie liest, schnaufend, angestrengt und giftig-andächtig. Jedes zweite Wort spricht sie beinahe aus. Sie liest eine, zwei Minuten, ohne einen einzigen Finger zu rühren. Offenbar an dem, was ihr der leuchtende Schirm, das Elfeneingeweide, mitzuteilen hat. — Dann muß ich aussteigen.</p>
<p>Und ich denke mir beim Weitergehen allmählich, jenseits der Grenze des feierabenddunkeln Waldes: So müßte man schreiben können! So, daß man diese Anspruchsvollste unter allen möglichen Lesern zu erreichen weiß. So müßte man schreiben können, daß beim Lesen Brummen und Lippenklappen entsteht.</p>


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</ol></p>]]></content:encoded>
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