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	<title>Rauhfasler &#187; Pflanzen</title>
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	<description>Verbrauchende Versuche mit Wörtern</description>
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		<title>Morgenkaffee</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Nov 2010 11:36:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Janus</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Als sie, mit dem Kaffeebecher an den Lippen, jedoch ohne zu trinken, dem restlichen Geschirr eine Weile beim Trocknen zusah, dessen Formen für einen Sekundenbruchteil hinter dem Dampf, der aus dem Kaffeebecher stieg, sonderbar halbwirklich wirkten, als sie ganz reglos dasaß, mitten in einem Strahlenbündel starker Herbstsonne, die jetzt, am Morgen, noch so stand, daß [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.rauhfasler.de/wp-content/uploads/2010/09/Bonnie-and-Clyde.jpg" class="floatbox" rev="group:9012 caption:`I don't want to do you in. Bonnie Elizabeth Parker und Clyde Chestnut Barrow`"><img src="http://www.rauhfasler.de/wp-content/uploads/2010/09/Bonnie-and-Clyde-207x300.jpg" alt="" title="I don't want to do you in. Bonnie Elizabeth Parker und Clyde Chestnut Barrow" width="207" height="300" class="rand"  /></a></p>
<p>Als sie, mit dem Kaffeebecher an den Lippen, jedoch ohne zu trinken, dem restlichen Geschirr eine Weile beim Trocknen zusah, dessen Formen für einen Sekundenbruchteil hinter dem Dampf, der aus dem Kaffeebecher stieg, sonderbar halbwirklich wirkten, als sie ganz reglos dasaß, mitten in einem Strahlenbündel starker Herbstsonne, die jetzt, am Morgen, noch so stand, daß sie blendete (auf der Tischplatte brannte vor ihren Augen das Sonnenlicht, und mitten in der Lichtfläche spielten dunkle Flecken), als sie staunend die Ruhe bemerkte, die nicht nur um sie war, die sich auch in ihr ausgebreitet hatte, war sie &#8211; allem Anschein nach &#8211; glücklich. </p>
<p style="text-indent:3em;">Im Blumenkasten war ein Unkraut gewachsen, wohl aus einem Samen, der sich in der Erde aus dem Supermarkt befunden hatte, oder in der Hinterlassenschaft von einem jener Vögel, die im Frühjahr an den Meisenknödeln gepickt und dabei den Balkon mit schwer tilgbaren Flecken überzogen hatten. <span id="more-9012"></span>Eine einzelne, sehr gerade Pflanze mit Blättern, die an Pfeilspitzen erinnerten, und oben auf dem Stengel eine, wie nannte man es: eine Dolde aus kleinen Knoten, die, so vermutete sie vom Küchentisch aus, die Samen der Pflanze enthalten mussten; die Sonne jedenfalls durchleuchtete dieses eine, sehr unbeugsam stehende, unerwartet und auch sehr hoch aufgewachsene Unkraut: Und die Blätter strahlten grün und wirkten seidenfein. </p>
<p style="text-indent:3em;">Jetzt kam Wind auf, im Radio ein altes Stück Musik, zwei nicht schöne aber eindringliche Stimmen im Duett: Now I don&#8217;t want to m&#618;&#720;tj&#650;a&#633;k&#688;&#618;n / m&aelig;&#618;kj&#650;sp&#688;&#618;n or do you in / Or select you or dissect you / Or inspect you or reject you. Ihr Kopf ist angefüllt mit zerbrechlichem grünen Licht, im Mund Kaffeebitter wie eine dunkle Intarsie &#8211; und sie denkt: select you / dissect you / inspect you. Und die beiden Stimmen singen: All I really want to do / Is baby, be friends with you / Baby, be friends with you. Und sie runzelt ein wenig die Stirn, in den Fältchen fließt das schwächer werdende Sonnenlicht zusammen; Wolken treiben hinter einem sehr großen Baum hervor und fließen oben über den Innenhof. Sie fragt sich: Wie hängen diese Wörter zusammen: dissectinspectreject? Lauter harte Ces, die ganz chirurgisch klingen. Be friends with you. Noch ein letzes Strahlenbündel, das ihr durch die zum Schutz geschlossenen Lider hindurch die Augäpfel wärmt. Und sie fühlt, wie schön die naiven Stimmen geklungen haben: Be friends with you.<br />
<span style="margin-left:3em;">Etwas Kaffee ist noch</span><br />
<span style="margin-left:3em;">In der Kanne vorhanden</span><br />
<span style="margin-left:3em;">Und im Radio wird jetzt</span><br />
<span style="margin-left:3em;">Und was war es gleich</span><br />
<span style="margin-left:3em;">Das ich gestern dachte</span><br />
<span style="margin-left:3em;">Vor dreizehn Jahren</span><br />
<span style="margin-left:3em;">Und im Kopf steht</span><br />
<span style="margin-left:3em;">Kopfschmerz jetzt und &#8211;</span><br />
<span style="margin-left:3em;">Was?</span></p>
<hr />
<div style="margin-top:3em;text-align:center;"><object width="425" height="344"><param name="movie" value="http://www.youtube-nocookie.com/v/ad_2Lh8VlUU?fs=1&amp;hl=de_DE&amp;rel=0"></param><param name="allowFullScreen" value="false"></param><param name="allowscriptaccess" value="always"></param><embed src="http://www.youtube-nocookie.com/v/ad_2Lh8VlUU?fs=1&amp;hl=de_DE&amp;rel=0" type="application/x-shockwave-flash" allowscriptaccess="always" allowfullscreen="false" width="425" height="344"></embed></object></div>


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</ol></p>]]></content:encoded>
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		<title>Von Gravität</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Mar 2010 11:03:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Janus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Poetischer Apoplex]]></category>
		<category><![CDATA[Begierde]]></category>
		<category><![CDATA[Fliegen]]></category>
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		<category><![CDATA[Heizung]]></category>
		<category><![CDATA[Pflanzen]]></category>
		<category><![CDATA[Schwerkraft]]></category>
		<category><![CDATA[Träume]]></category>
		<category><![CDATA[Wind]]></category>
		<category><![CDATA[Zittern]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Schwere von Gedanken Vor dem Hintergrund Der im Heizungswind Nachdenklich pendelnden Pflanzen; Und im Vergleich auch Mit der kratzenden Unruhe, Dort in der Kehle, bis hinab Tief in den Wurzelballen Des Bronchialen Systems. Aufzufliegen, wie im Traum Man in einem Nu vordringt, Bis in das Hinterland des Ekels Oder auf das Plateau Jener uranfänglichen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.rauhfasler.de/wp-content/uploads/2010/02/Einweghandschuhe.jpg" class="floatbox" rev="group:5831 caption:`Einweghandschuhe`"><img class="rand size-medium wp-image-5836" title="Einweghandschuhe" src="http://www.rauhfasler.de/wp-content/uploads/2010/02/Einweghandschuhe-300x300.jpg" alt="" width="300" height="300" /></a></p>
<p>Die Schwere von Gedanken<br />
Vor dem Hintergrund<br />
Der im Heizungswind<br />
Nachdenklich pendelnden Pflanzen;<br />
Und im Vergleich auch<br />
Mit der kratzenden Unruhe,<br />
Dort in der Kehle, bis hinab<br />
Tief in den Wurzelballen<br />
Des Bronchialen Systems.</p>
<p>Aufzufliegen, wie im Traum<br />
Man in einem Nu vordringt,<br />
Bis in das Hinterland des Ekels<br />
Oder auf das Plateau<br />
Jener uranfänglichen Gier,<br />
Die immer schon Götter zeugte;</p>
<p>Durch die lose Verknüpfung<br />
Symbolischer Chiffren &#8211; oder<br />
Wie man es nennen mag:<br />
Fortzugelangen dorthin,<br />
Wo das Leben mit allen Nerven<br />
Sich von sich selbst fortzittert<br />
Bis über den Ereignishorizont<br />
Der eigenen Zeugung.</p>
<p>Und nun also die Schwere<br />
Von Gedanken, wenn<br />
Einer in der Gruft liegt<br />
Des eigenen Körpers, und<br />
Die bronzene Tür oben<br />
An der aufsteigenden Treppe<br />
In den Angeln knarrt,</p>
<p>Weil ein Pestwind Anlauf genommen hat,<br />
Sie zu schließen.</p>


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</ol></p>]]></content:encoded>
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		<title>Priem und Garbe</title>
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		<pubDate>Wed, 10 Feb 2010 11:38:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Janus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Poetischer Apoplex]]></category>
		<category><![CDATA[Bilder]]></category>
		<category><![CDATA[Geschmack]]></category>
		<category><![CDATA[Kälte]]></category>
		<category><![CDATA[Pflanzen]]></category>
		<category><![CDATA[Tod]]></category>
		<category><![CDATA[Weltbankrott]]></category>
		<category><![CDATA[Zunge]]></category>

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		<description><![CDATA[Bilder des Sterbens Ich kaue sie als Priem Schwarz auf der Zunge Bleibt Speichel Nach Schafgarbe schmeckt, Was der Schnitter mäht Bitterstoff wird Aus Menschenstängeln Getreten im Lauf Der Dinge Daß mir feindlich Frau Welt die Hände Verbrannte So kalt ist nur sie &#8211; Und geduldig Aber da ist Fernwärme Bei meinem Herd Und der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.rauhfasler.de/wp-content/uploads/2010/01/schwarz.jpg" class="floatbox" rev="group:5706 caption:`Schwarz (Sonja Lixl)`"><img class="rand size-medium wp-image-5710" title="Schwarz (Sonja Lixl)" src="http://www.rauhfasler.de/wp-content/uploads/2010/01/schwarz-300x240.jpg" alt="" width="300" height="240" /></a></p>
<p>Bilder des Sterbens<br />
Ich kaue sie als Priem<br />
Schwarz auf der Zunge<br />
Bleibt Speichel</p>
<p>Nach Schafgarbe schmeckt,<br />
Was der Schnitter mäht<br />
Bitterstoff wird<br />
Aus Menschenstängeln<br />
Getreten im Lauf<br />
Der Dinge</p>
<p>Daß mir feindlich<br />
Frau Welt die Hände<br />
Verbrannte<br />
So kalt ist nur sie &#8211;<br />
Und geduldig</p>
<p>Aber da ist Fernwärme<br />
Bei meinem Herd<br />
Und der Überfluß<br />
Wird süß genug<br />
Den Mund mir stopfen</p>
<p>Wie kalt wohl die Kälte<br />
Anderswo ist:<br />
Auf den frisch gepflügten<br />
Beinfeldern jenseits<br />
Der Jetströme</p>
<p>Bitter der fliegende Staub<br />
Aus der Menschenernte<br />
Und zäh der Priem.</p>


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</ol></p>]]></content:encoded>
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		<title>Neubau</title>
		<link>http://www.rauhfasler.de/2009/neubau</link>
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		<pubDate>Tue, 18 Aug 2009 10:12:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Janus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Poetischer Apoplex]]></category>
		<category><![CDATA[Alltag]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Beton]]></category>
		<category><![CDATA[leere Hüllen]]></category>
		<category><![CDATA[Mittag]]></category>
		<category><![CDATA[Pflanzen]]></category>
		<category><![CDATA[Stadtleben]]></category>
		<category><![CDATA[Vegetation]]></category>
		<category><![CDATA[Vögel]]></category>
		<category><![CDATA[Weltbankrott]]></category>

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		<description><![CDATA[Durch das Tal, gegossen Aus Beton geht der Wind: Er geht leise. Und am Mittag hallt Der Tritt der glatten Schuhe und der glatten Gespräche in den Schluchten, Sie scheinen schön. Es ist alles fest gefügt Und Armierungen aus Rotem Stahl halten Unsichtbar die Substanz Des ganzen weiten Baus. Und Armierungen aus Glatter Einfalt oder [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="/wp-content/uploads/2009/08/hafencity002.jpg" class="floatbox" rev="group:4393 caption:`Hafencity, Dalmannkai (W.A.L. Hamburg)`"><img src="/wp-content/uploads/2009/08/hafencity002-300x199.jpg" alt="Hafencity, Dalmannkai (W.A.L. Hamburg)" title="Hafencity, Dalmannkai (W.A.L. Hamburg)" width="300" height="199" class="rand size-medium wp-image-4396" /></a></p>
<p>Durch das Tal, gegossen<br />
Aus Beton geht der Wind:<br />
Er geht leise.</p>
<p>Und am Mittag hallt<br />
Der Tritt der glatten<br />
Schuhe und der glatten<br />
Gespräche in den Schluchten,<br />
Sie scheinen schön.</p>
<p>Es ist alles fest gefügt<br />
Und Armierungen aus<br />
Rotem Stahl halten<br />
Unsichtbar die Substanz<br />
Des ganzen weiten Baus.<br />
Und Armierungen aus<br />
Glatter Einfalt oder höherer<br />
Leere halten die Substanz<br />
Des Ganzen.</p>
<p>Dort hinten hat man Erde<br />
Hingegossen zwischen Bänke.<br />
Befremdlich sprießt dort<br />
In Halmen Chlorophyll,<br />
Grell und eigentlich<br />
Wie ein Kunststoff<br />
Aus der Erde, die<br />
Hat man hingegossen,<br />
Einem Erdrutsch jedoch<br />
Wenig ähnlich.</p>
<p>Vögel sollten auf den Plätzen<br />
Abgespielt werden, auf den<br />
Armierten Plätzen aus Beton<br />
Sprießt in den Fugen unter<br />
Recht zufriedenem Lachen<br />
Leise die Frage, wieviel<br />
Scham pro Quadratmeter der Boden<br />
Unter dem großen, hellen Ganzen<br />
Noch aufbringen kann.</p>


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</ol></p>]]></content:encoded>
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		<title>Severins Erzählung (I)</title>
		<link>http://www.rauhfasler.de/2008/severins-erzaehlung-i</link>
		<comments>http://www.rauhfasler.de/2008/severins-erzaehlung-i#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 15 Oct 2008 20:47:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Janus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Erzählen]]></category>
		<category><![CDATA[Gift]]></category>
		<category><![CDATA[Niedertracht]]></category>
		<category><![CDATA[Pflanzen]]></category>
		<category><![CDATA[Sonderlinge]]></category>

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		<description><![CDATA[Mit dem Gefühl, in einen verbotenen Bereich zu gelangen, machte sich Eklytos auf die Erzählung gefaßt, die Severin nun wohl unweigerlich beginnen würde. Wehmut griff nach ihm. Es war ihm wie einem Kind, daß von seiner Mutter fort muß. Aber die sonderbare Weise, in der Severin von den höchsten Mächten zu sprechen offenbar gewohnt war, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="/wp-content/uploads/2008/10/ecballium-elaterium.jpg" class="floatbox" rev="group:1785 caption:`Ecballium elaterium (Spritzgurke)`"><img class="rand size-medium wp-image-2283" title="Ecballium elaterium (Spritzgurke)" src="/wp-content/uploads/2008/10/ecballium-elaterium-188x300.jpg" alt="Ecballium elaterium (Spritzgurke)" width="188" height="300" /></a></p>
<p>Mit dem Gefühl, in einen verbotenen Bereich zu gelangen, machte sich Eklytos auf die Erzählung gefaßt, die Severin nun wohl unweigerlich beginnen würde. Wehmut griff nach ihm. Es war ihm wie einem Kind, daß von seiner Mutter fort muß. Aber die sonderbare Weise, in der Severin von den höchsten Mächten zu sprechen offenbar gewohnt war, und die unerhörten Anmaßungen, die er bereits von sich gegeben hatte, machten Eklytos doch auch neugierig. Und das verschlimmerte noch die Verfassung, in der er sich befand. Denn diese Neugier kam Eklytos verdreht, widersinnig und so entwürdigend gafferisch vor, daß es ihn in der Seele schmerzte. Aber er konnte trotz allem nicht anders, er mußte zuhören, er wollte hören, was Severin erzählen würde. So also saß Eklytos neben Severin Cyrenus, als der begann, den Verlauf seines Lebens darzulegen.</p>
<p>»Also, mein Freund, wie ich schon erwähnte, war ich einmal ein angesehener Bürger. Dies Haus, an dem wir jetzt lehnen, gehörte einmal mir. Und es hat meiner Familie gehört, über viele Generationen hinweg. Deshalb sind seine neuen Besitzer so großherzig, mir in dieser friedvollen Gasse ein Obdach zu gewähren und es zu ertragen, daß ich hier meinen Schmutz um mich sammle. Sie haben mir sogar diese harte Mauer gebaut, mußt du wissen, damit ich meinen Rücken an sie lehnen kann. Hier, wo einmal der Eingang für die Hausdiener war.« Severin zeigte Eklytos den Torbogen über ihren Köpfen und klopfte mit der flachen Hand auf die beträchtlich helleren und jüngeren Steine, die das Tor nun verschlossen.<br />
»Ja, ja, so großherzig sind die alten Familien Oeas untereinander.« Severin wurde von einem heftigen, zuckenden Lachen ergriffen. »Ich erhalte sogar Tag für Tag eine Schüssel mit Brei, die mir eine Dienerin vor meine Pforte stellt. Manchmal gebe ich dann einige Laute von mir, wie mir meine kranke Brust es ermöglicht, und das arme Mädchen wirft die Schüssel von sich. Du mußt mir zugestehen, daß ich ein ernsthafter Asket bin.«<br />
Eklytos kaute auf seiner Lippe und rang mit den Händen, um sich einigermaßen hinwegzuhelfen über seinen Widerwillen.<br />
»Nun, Bärtiger, ich war also ein reicher Mann und hatte Einfluß überall in der Dreistadt. Aber ich war von einer schweren Krankheit befallen: Ich konnte nicht zufrieden sein. Ich lag zu Tische, ich wandelte in einem Garten, der von kenntnisreichen Dienern mit aller Pracht der Natur ausgestattet worden war. Ich mehrte meinen Besitz, die Menschen standen vor mir mit gebeugtem Haupt und wagten kaum, das Wort an mich zu richten — aber es machte mich nicht froh. Ich blieb leer, wie es der ärmste Tagelöhner und Sklave nicht sein kann, der immerhin noch Zorn verspürt über die Ungerechtigkeit des Lebens, wenn ihm sein Tagewerk überhaupt Zeit läßt dazu. Ich war leer, leer wie die Wüste oder das Gefasel von Propheten. Und ich hatte nichts, was mir über diese Leere hinweggeholfen hätte. Kein Gelage, kein Spiel, nicht die Darbietung eines Dramas. Nichts von dem, was wir feigen, hohlen Menschen erfunden haben, fesselte mich so, daß ich die Leere in mir hätte vergessen können. Oh, ich verstand meine Geschäfte zu führen. Ich verstand, Eindruck zu machen und Einfluß zu gewinnen. Ich meinte, meiner alten Familie schuldig zu sein, daß ich unseren Besitz gut verwaltete und mehre so gut es ging. Aber es war mir doch eigentlich gleichgültig. Kein Erfolg war befriedigend, keine Sorge so tiefgreifend, daß sich mich erfüllt hätte. Ich blieb kalt und wie betäubt. Ich war, mein bärtiger Freund, ich war wie eine leere Vase: kostbar verziert aber unnützer als jede einfache Tonschüssel, die einer mit Speise gefüllt hat. Dieses Leiden war irgendwann ausgebrochen, zunächst ohne daß ich es überhaupt bemerkte. Aber nachdem mir mein Leiden ins Bewußtsein gedrungen war, schwärte es in mir und breitete sich weiter und weiter aus.<br />
Das war meine Lage, als ich auf einen Weisen traf, dessen Füße staubig waren wie deine und der fast nackt durch die Straßen zog. Hier, auf diesem Platz, hatte er sich niedergelassen und sprach zu den Menschen. Und er sprach so, daß schon nach kurzer Zeit eine große Menge zusammengelaufen war. Als es mir gemeldet wurde, schickte ich meine Wachen aus und begab mich selbst auf den Platz, um vor den Weisen Mann zu treten. Und ich sage dir: Er war sogar noch bärtiger und schrundiger als du, furchtsamer Fremder.«<br />
Severin schlug Eklytos in gespielter Freundschaft mit seiner einzelnen Hand auf die Schulter, daß diesem ein kurzer Aufschrei entfuhr.<br />
»Da stand ich nun also, in all meiner furchterregenden Pracht vor diesem Dahergelaufenen. Er sah mich an und sagte mir geradewegs ins Angesicht: ›Der Reiche muß leer bleiben, wenn er nicht den gefunden hat, vor dem sein Knie sich beugt. Dieser ist es, den du suchen mußt. Und vor ihm ist aller Reichtum nur Tand und unnützes Wesen. Er aber sieht, wie es um dich steht, also bewahre deinen Fuß und hüte dein Herz, daß es wohlgefällig sei.‹ Dies waren die Worte, die ich hören mußte, ich erinnere mich an jedes einzelne. Und es fiel mir nicht ein, den Dahergelaufenen schlagen und verjagen zu lassen wie einen Straßenköter. Besser wäre es gewesen!«, jammerte Severin und achtete Eklytos nicht mehr, so sehr war er in seine Erinnerungen versunken. Er sprach weiter, eindringlich wie ein Träumender.<br />
»Ich stand auf dem schmutzigen Platz und wußte nicht aus noch ein. Ich selbst mußte vor diesem alten, abgerissenen Mann den Blick senken und war vor ihm wie ein rechtloser Fremder. Ich floh in mein Haus, daß meine Wächter kaum schnell genug folgen konnten. Ich warf mich auf mein Bett und dachte und sprach mit mir, wie im Fieber. Ich hielt mir selbst wieder und wieder die Worte des Alten vor. Sie erschienen mir als ein Urteil, daß über mich gesprochen worden war zur Verwerfung alles dessen, was ich war. Aber da keimte auch Freunde in mir, unter der Asche meines niedergebrannten Stolzes. Denn ich hielt alles, was der Alte gesagt hatte, für wahr. Es war doch die Antwort auf jene Frage, die ich zu stellen nicht gewagt hatte. Und es ging mir auf, das mit jener scheidenden, brennenden Wahrheit, die ich vom Alten erfahren hatte, die Leere zu füllen wäre. Die Leere, von der ich dachte, sie würde mich langsam zu Grunde richten. Jetzt hatte mich der Alte mit seinen Worten gerichtet  und mir ein Heilmittel in die Hand gegeben. Ich traf auf meinem Lager im Fieber einen Entschluß. Ich wollte mich auf die Suche begeben nach dem Einen, von dem der Alte zu mir gesprochen hatte.«</p>
<p>Ein wahnsinniges Gelächter brach aus Severin hervor, diesmal nicht im Zaum gehalten durch den Zerfall in seiner Brust. Ein klares, hallendes, kaltes Gelächter, schlimmer noch als alles, was bislang aus ihm Gedrungen war. Es hallte von den kahlen Wänden wieder und stieg aus der Gasse empor, daß es den Himmel schmerzen mußte. Eklytos wurde kalt; und kalt war sein Staunen über diesen Menschen.</p>
<p>Als er wieder an sich halten konnte und zu Atem gekommen war, als er sich den Schweiß abgetrocknet hatte und wieder zu wissen schien, wo er sich befand, setzte Severin seine Erzählung fort: »Und, Bärtiger, als ich mich nach langer Zeit von meinem Lager erhob, war um mich alles verändert. Ich dachte, ich sei aus einem üblen Traum erwacht. Jetzt weiß ich, daß ich wie ein Junge im ersten Flaum von einem Betrüger hinters Licht geführt worden war. Aber damals hatte mich Ekel ergriffen, den ich für heilig hielt. Ekel vor mir selbst. Ich sah den marmornen Boden, auf dem meine reinen Füße standen, und er erschien mir wie Kot. Wut ergriff mich gegen mein ganzes Dasein. Tand, hatte der Alte es genannt — und ich wußte, ich würde all diesen Tand auseinanderhauen müssen.<br />
Aber wie soll man Reichtümer loswerden? Sie geben ihren Besitzer nicht kampflos frei. Man bekommt doch nur immer neue Reichtümer dafür. Ich sann auf einen Plan, ich wollte sicher gehen. Es schien mir auch nicht recht zu sein, mich in allem Frieden von jenen Gütern zu trennen, indem ich sie an einen Neffen übergab oder an sonst irgendeinen, der von diesem hinterhältigen Besitz in Gefangenschaft geführt worden wäre, ganz wie ich selbst. Aber wie war es möglich, den ganzen Reichtum meiner Familie in Scherben gehen zu lassen? Wie war es möglich?<br />
Jetzt, Eklytos, oder wie immer du heißt, jetzt kann ich meinen einzigen Besitz, diese Schale, nehmen«, Severin tat es, während er noch sprach, »und kann sie dort hinten in das Dunkel werfen, zu meiner Rinne, wo das andere liegt, was ich besaß, bis es unter Schmerzen meinen Körper verlassen hat.« Und er warf tatsächlich die Schale in die Dunkelheit, von wo ein Klirren als Antwort kam. Wieder erschütterte ein zähes Lachen den gezeichneten Körper. »Aber«, setzte Severin seinen Gedanken fort, als er sich von neuem beruhigt hatte, »wie soll man Häuser, Ländereien, Schiffe und all das, von sich werfen? Es kommt ja doch immer wieder zurückgekrochen.<br />
Mir offenbarte sich aber ein Weg. Ich fand einen Weg, meine Reichtümer loszuwerden und so zugleich zur Läuterung dieser Stadt einzusetzen. Und ich nahm es als einen Fingerzeig des Himmels. Mein sehnlicher Wunsch, den Worten des weisen Alten zu folgen, war den Göttern nicht verborgen geblieben, dachte ich, und sie unterstützten mich nun durch Eingebungen und Weisungen. Also ging ich ans Werk.<br />
Ich hatte nämlich von dem Gewächs Ekballium erfahren. Es ist eine Gurke, deren reife Frucht bei der leisesten Berührung gewaltsam aufbricht und das Fruchtfleisch mitsamt den Samen verspritzt. Die Frucht hat bemerkenswerte Eigenschaften, mein Freund! Bemerkenswerte Auswirkungen auf den Leib eines Menschen vom Haupt bis zu den Fußsohlen. Stuhlfluß verursacht Ekballium zuforderst, aber es vermag auch, das Gedärm in Aufruhr zu versetzen, daß ein Mensch sich windet und sich den Bauch hält vor Schmerzen. Erbrechen folgt auf den Genuß dieser Frucht, Kopfschmerzen, Herzrasen, Feuer im Unterleib und Blutfluß. Das ist doch klangvoll und erschien mir als meine Rettung!<br />
Ich brachte also alles Notwendige über die Aufzucht dieser Pflanze in Erfahrung und wies meine Kapitäne und Händler an, mir nach Kräften die Samen dieser erstaunlichen Pflanze zu beschaffen. Und dann stellte ich meine Ländereien zu einem bestimmten Teil auf die Erzeugung der Spritzgurke um. Spritzgurke: So wird das Gewächs auch genannt, denn die Früchte sehen ganz so aus wie eine behaarte Gurke — haarig wie deine Arme und nackten Beine, nicht aber so, wie dein Gesicht, mein bärtiger Freund!« Severin hatte den ersten Teil des Namens jener giftigen Pflanze mit spitzen Lippen und geradezu zärtlich ausgesprochen. Die Silbe sprizte aus seinem schwarzen, zahnlosen Mund hervor wie Schlangengift.<br />
»Meine Leibeigenen gingen also daran, die haarigen Gurken für mich anzubauen. Vielleicht bemerkten sie, als ihnen der Saft der Früchte die Haut verbrannte, daß es sich um ein besonderes Gewächs handelte. Aber sie brauchten nicht zu wisssen, was sie taten. An ihnen vollzog sich die Läuterung ohne ihr Wissen. Selig hätten sie sich preisen können, hätten sie von ihrer schleichend näherkommenden Seligkeit nur gewußt und davon, daß sie der Läuterung des großen Oea mehr noch dienten als mir selbst. Aber ich tat, was mir eingegeben worden war, nicht, um Ruhmes willen. Ich erzeugte freilich auch Getreide und alle Arten von Feld- und Gartenfrüchten, denn sie benötigte ich für das Gelingen meines Vorhabens. Also würde ich nach Ablauf zweier Jahre eine große Menge des Ekballium zur Verfügung haben. Und während ich ungeduldig auf das Gedeihen meiner Saat wartete und den einen oder anderen unvorsichtigen Sklaven an seine besondere Wirkweise verlor — in aller Verschwiegenheit, wie du dir denken kannst — tat ich vieles, um auch nach eigenen Kräften meiner Reinigung näherzukommen, um Gnade in den Augen der Götter zu erlangen. Ich zog aus um rein zu werden und ich war ein mutiger Anachoret. ›Bewahre deinen Fuß und hüte dein Herz, daß es wohlgefällig sei.‹ Vieles habe ich durchlitten.«</p>
<p>Severin verfiel nach diesen Worten in Schweigen. Die letzten Satz waren ihm nur leise und zögerlich von den Lippen gegangen. Jetzt hatte er einen krummen, schmutzigen Finger in den Mund gesteckt, daß ihm die beiden Teile seiner Oberlippe darüberhingen wie ein Baldachin. Er saugte gedankenverloren an diesem Finger. Eklytos kam darüber wieder zu sich. Er hatte sich in Severins Erzählung fangen lassen und nun, da er es gewahr wurde, schämte er sich dafür. Gleichzeitig war er gespannt zu erfahren, wie der gotteslästerliche Plan Severins sich  in den undeutlichen, kränklichen Worten seiner Erzählung weiter entfaltete. Eklytos wußte sich keinen Rat. Er saß also nur dort, auf der schmutzigen Stufe. Der Mittag war gerade vorüber und über die Stadt hatte sich die Ruhe der heißesten Stunden gelegt.</p>
<p>Severin räusperte sich nach einer Weile und stach Eklytos den speichelfeuchten Finger gebieterisch vor das Gesicht. »Du dreister Dahergelaufener!«, knurrte er. »Du wirst mich jetzt in Frieden lassen. Ich bin ein alter, gezeichneter Mann und nicht in der Lage, deine bodenlose Neugier grenzenlos zu befriedigen. Geh hinaus!« Severin sprang auf und Eklytos schoß erschreckt in die Höhe. Severin packte Eklytos an der Schulter und drängte den Wüstenmann mit erstaunlicher Kraft in Richtung des verschlossenen Gatters. Im Gehen lachte er wieder jenes ungezügelte, irrwitzige Lachen.<br />
»Versäume aber nicht wiederzukommen, in den Morgenstunden nach der kalten, einsamen Nacht, die wir beide zu befürchten haben! Ansonsten wirst du nicht herausbekommen, wie die Götter mit mir verfahren haben. Ich verwette meine Hand, daß es dir eine Offenbarung sein wird!«<br />
Eklytos stammelte abwehrend vor sich hin. Da aber war das Gatter schon offen, er wurde hinausgestoßen und Severin schlug hinter ihm die Pforte zu seiner Behausung wieder zu.</p>
<p>Eklytos stand auf dem Platz, der unter der brennenden Sonne leer geworden war. Fast so, wie er vor Stunden hier eingetroffen war, stand er da. Nur daß jetzt Severin mit seiner Geschichte um ihn war wie ein Gestank.</p>


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