Eine konfabulierteKonfabulation ist »die Produktion von objektiv falschen Aussagen« bzw. von Märchen (lat. fabula), wobei der Konfabulierende von der Gültigkeit seiner Aussagen mehr oder weniger fest überzeugt ist. Es kann eine hirn­organische Störung zugrunde­liegen oder auch der bei Gesunden gelegentlich vorkommende Drang, sich an mehr zu erinnern, als tatsächlich der Fall ist (z.B. bei Kindheits­erinnerungen oder bei der Befragung eines Zeugen vor Gericht; es sind sog. provozierte K.).
  Die spontane K. liegt vor, wenn die Fähigkeit gestört ist, eigene Einfälle von realen Sach­verhalten zu unterscheiden. (»Patients with Korsakoff's syndrome characteristically confabulate by guessing an answer or imagining an event and then mistaking their guess or imagination for an actual memory. [Wikipedia]«
Realienkunde, ein Thesaurus, bar jeder Notwendigkeit assoziiert, eine Sammlung von Marginalien, über die im Unklaren zu bleiben, ich nicht auf mich nehmen wollte. Dem geneigten Leser im jeweiligen Kontext unterbreitet, in alphabetischer Ordnung. Anregungen für weitere Stichworte werden gerne entgegengenommen.

Fahrstuhl­geschichten

Die Szene

Die Kabine eines mäßig eleganten Personenaufzugs. An den Wänden eine metallene Verkleidung, an der Rückwand zwei große Spiegel, Licht aus Halogenstrahlern in den Deckenplatten etc. Der Fahrstuhl ist ungewöhnlich groß: er faßt maximal zwanzig Personen. In den Ecken der Kabine sind vom Boden bis zur Decke Lichtleisten eingebaut, die die Fahrtrichtung des Fahrstuhls durch die Laufrichtung von leuchtenden Feldern anzeigen. Der Zuschauer blickt von der Seite her in den Fahrstuhl hinein: links befindet sich der Zugang, rechts die verspiegelte Rückwand.

  • Und weiter, wahlweise:
  • α
  • β
Eine schwarze Frau, stolz und schön, steht mitten in der ansonsten leeren Aufzugkabine. Sie trägt einen feilchenblauen Kittel und ein kunstvoll geknotetes weißes Tuch im Haar. Sie hat die Hände in die Hüften gestemmt, in einer Hand hält sie einen Wischlappen. Neben ihr steht ein Reinigungswagen. — weiter…

Die Putzfrau: So weit, so gut.
Sie blickt sich prüfend in der Fahrstuhlkabine um wie eine Feldherrin.
Die Putzfrau: Hm.

Sie geht zu einer Wand und reibt mit dem Putzlappen an einem bestimmten Punkt. Der Putzlappen erzeugt dabei ein quietschendes Geräusch. Daraufhin kehrt sie auf ihren Spähposten zurück und blickt sich noch einmal prüfend um.

Die Putzfrau: Hm. Hm. Ja, so sollte es gehen.

Sie holt ein Funkgerät aus einer Kitteltasche hervor und spricht hinein.

Die Putzfrau: Im Fahrstuhl alles erledigt.
Eine Stimme aus dem Funkgerät: Roger.
Die Putzfrau: Ich rücke ab.
Die Stimme: Verstanden. Zwei rückt ab. Dazu die Uhrzeit 4Uhr32. Roger und aus.
Die Putzfrau (zu sich selbst oder der Allgemeinheit): Und wieder eine saubere Kabine. Einmal bin ich tatsächlich hier drin gefahren. Das mache ich nicht wieder. Welches Gesetz wohl bewirkt, daß die Menschen für ihre Unreinigkeiten nach einer völlig sauberen Kulisse verlangen? Es würde doch viel weniger auffallen, welchen Schmutz die Leute mit sich herumschleppen, wenn alles andere auch schmutzig wäre. Man sollte sich erstmal bemühen, sich selbst in Ordnung zu bringen – und dann mit dem Putzen anfangen. Na ja. Bis dahin sorgen wir dafür, daß die ganze Angelegenheit nicht aus den Fugen gerät.

Sie wirft den Putzlappen in einen Eimer auf dem Reinigungswagen. Dann nimmt sie ihr Funkgerät zur Hand und tippt etwas ein. Daraufhin schieben sich mit einem pneumatischen Zischen die beiden Spiegelscheiben in der Rückwand des Fahrstuhls auseinander, dahinter wird ein spärlich von Arbeitslampen beleuchteter, schmaler Gang sichtbar, den die Putzfrau betritt. Sie drückt einen Schalter, die Geheimtür schließt sich, der Fahrstuhl bleibt leer und sauber zurück.

[???]
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1 | 14/01/11

Ein junger Mann steigt in den Fahrstuhl. Er trägt sehr einfache, schlecht sitzende und sichtbar abgetragene Kleidung. Er lehnt sich mit ärgerlich verschränkten Armen in eine Ecke und starrt vor sich hin auf den Boden. So fährt er einige Stockwerke und spricht zittrig zu sich selbst.

[Der Ärmliche]

Der Junge: Und das bleibt einem… das hat man dann. Formulare ausfüllen. Irgendwelchen Mist für ein paar Kröten machen. Für nix. Nichts zählt man.

Zwei Männer steigen ein. Der erste ist in mittlerem Alter und wirken wie ein Hausmeister. Der andere ist jünger und sehr smart. Er wirkt müde und abgespannt. Sie sind mitten im Gespräch.

Der Ältere: …und weißt du, was er dann gesagt hat?
Der Jüngere: Dein Sohnemann jetzt?
Der Ältere: Mhh.
Der Jüngere: Na?
Der Ältere: Er hat gesagt: Mami hab ich viel lieber als dich.

Der Mann beißt sich auf die Handknöchel, um plötzlich aufschießende Tränen zurückzuhalten.

Der Jüngere (bestürzt): Na komm schon. Das hat doch nichts zu bedeuten. (Er klopft ihm unbeholfen auf den Rücken.) So sind die Kinder nun mal. Die meinen das nicht so.
Der Ältere (heftig): Ja! Ich weiß ja! Aber… ich geb mir so mühe. Und dann…
Der Jüngere: Na immerhin hast du das alles. Weißt du, wie’s bei mir war?

Der ältere Mann hört nicht zu, er kaut weiter auf seinen Knöcheln herum. Der Jüngere proklamiert in den leeren Raum.

Der Jüngere: Aber ich. Ich bin allein. Sie habe ich getroffen. Und sie? Sie liest ihre Broschüren und telefoniert und dann ist sie müde. Müde. Und ich stehe dann im Treppenhaus, allein. Und sie sagt mir zum Abschied bloß: es ist wichtig, daß man sich bei sich selbst zu Hause fühlt. Wie kann man denn bei sich selbst zu Hause sein, frage ich?

Der Junge hat inzwischen in seiner Ecke stehend einen sehr dicken Filzstift aus der Jackentasche gezogen. Er schreibt damit etwas auf die Blechverkleidung der Aufzugkabine. Nämlich das Wort »Zumutbar«. Da erreicht der Fahrstuhl seine Etage und er steigt aus. Der ältere Mann bemerkt das Graffiti.

Der Ältere (empört): Was soll denn das jetzt? (Er bedenkt sich einen Augenblick, dann, resigniert:) Ach, was soll's auch?
Der Jüngere: Ich weiß nicht…
Der Ältere: Was?
Der Jüngere: Danach fragt ja eigentlich nie einer – was einem überhaupt zugemutet werden dürfte…
Der Ältere: …wenn's eine Gerechtigkeit gäbe.
Der Jüngere: Tja.

Die beiden steigen aus. Der Fahrstuhl ist leer.

Anker 11504
2 | 14/01/11

Etwas Staub rieselt plötzlich von der Fahrstuhldecke. Eine der Deckenplatten bewegt sich. In dem Spalt, der so entstanden ist, taucht ein schwarzes, metallenes Periskop auf. Das Objektiv des Beobachtungsgeräts schwenkt einmal vollständig im Kreis. Dann hört man eine Stimme.

Die Stimme: Niemand da.
Eine andere Stimme: Dann los, sehen wir nach! Wir müssen es finden.

Die Deckenplatte wird vollends beiseitegeschoben. Ein schwarzes Nylonseil fällt hindurch, dann schwingt sich eine ganz in Schwarz gekleidete Gestalt sehr akrobatisch in den Fahrstuhlkorb herab, indem sie sich zuerst kopfüber fallen läßt, dann gerade rechtzeitig, sich am Seil festhaltend, einen halben umgekehrten Salto vollführt und schließlich katzengleich auf den Füßen zum stehen kommt. Die Gestalt ist vermummt. Sie tritt zur Seite und eine zweite, ganz gleich gekleidete Person, betritt auf die nämliche Weise den Fahrstuhl. Während sie miteinander reden, suchen sie die Ecken und Ritzen des Fahrstuhls sorgfältig ab.

Agent #1: Den Fahrgästen fehlt es entschieden an –
Agent #2: – an einem Zielpunkt.
Agent #1: Ja, das wird es wohl sein. An Beherrschung vielleicht auch.
Agent #2: Und an Stille.
Agent #1: Ja. Es fehlt die Stille.

Sie lauschen einen Augenblick der hintergründigen Fahrstuhlmusik.

Agent #1 (erhebt sich, er hatte am Boden gesucht): Es ist hier nicht.
Agent #2: Wo könnte es sein?
Agent #1: Wir werden es herausfinden.
Agent #2: Diese Musik.

Der Fahrstuhl setzt sich in Bewegung. Rasch klettern die beiden Vermummten am Seil aus dem Fahstuhl, ziehen und ziehen es hinter sich hoch. Die Deckenplatte wird zurückgeschoben, gerade in dem Augenblick, als der nächste Fahrgast einsteigt.

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3 | 15/01/11

Zwei Frauen steigen ein. Eine von ihnen verstaut ihren Autoschlüssel in der Handtasche. Die andere macht merkwürdige Bewegungen mit dem Kopf und legt prüfend die Hand in ihren Nacken.

Die Autofahrerin: Und du bist heute mit der Bahn gekommen? Ist das nicht ziemlich anstrengend?

Die Bahnfahrerin wartet, bis von der Fahrstuhltür der Signalton kommt, daß sie wirklich geschlossen sind.

Die Bahnfahrerin (unsicher): Ich denke, mit der Bahn zu fahren war besser.
Die Autofahrerin (prüfenden Blickes): Du siehst aber wirklich nicht gut aus.
Die Bahnfahrerin: In der Nacht ist was sonderbares passiert.
Die Autofahrerin: Sag schon.
Die Bahnfahrerin: Also ich bin so halb aufgewacht, so, daß ich nicht mehr eigentlich geschlafen habe, aber ich war auch nicht ganz dar, ich war im Halbschlaf, als hätte ich was Intus – kennst du das?
Die Autofahrerin: Klar.

Die Bahnfahrerin: Und dann hab ich wie ich da so halbwach im Bett lag plötlich gemerkt, wie mir mein Nacken wehgetan hat. Das war – das war nicht ein Gefühl wie eine Verspannung, sondern mehr so – das wahr irgendwie bedrohlich.
Die Autofahrerin: Wieso bedrohlich? Hattest du einen Krampf im Nacken, oder wie?
Die Bahnfahrerin: Nein, nicht so. Es war, ich dachte, ich hatte Angst, das mir der Kopf gleich abbricht, weißt du? Ich dachte: Wenn ich mich jetzt nurn Bißchen bewege, dann macht es Knacks und irgendwo da zwischen den Wirbeln bricht was und dann is der Kopf ab – oder das Rückenmark durchtrennt – oder was dann passiert.

Die Autofahrerin hält sich, man weiß nicht, ob es gespielt ist oder Ausdruck aufrichtigen Mitgefühls, in einer Geste des Erschreckens die Hand vor den Mund.

Die Autofahrerin: Das klingt ja furchtbar.
Die Bahnfahrerin: Also bin ich still liegengeblieben. Aber ich bin nicht wirklich wach geworden. Ich bin wie in Sirup oder in Erdöl umhergeschwommen mit dem Gefühl, mein Kopf würde gleich abbrechen. Und dann hab ich dieses Gefühl gehabt.
Die Autofahrerin (ist inzwischen unwillkürlich einen Schritt zurückgewichen und wirkt unsicher): Ja was denn? Was für ein Gefühl?

Die Bahnfahrerin: Das ich selbst gar nicht mehr richtig ich selbst bin. Das, das… ich, also ich, das heißt, dieser Punkt in sich selbst, von dem aus man ich sagt – das ich mir nur dabei zusehen kann, wie ich immer weniger ich bin. Wie mein Ich langsam abbröckelt. (Inzwischen spricht sie eigentlich nur noch zu sich selbst, den Blick auf ihre Schuhe gerichtet:) Also das Ich, das man beobachtet, während man noch ein anderes Ich ist. Aber das beobachtende Ich ist ganz eigenschaftslos, es hängt in der Leere, ganz in der Leere. Und das andere Ich, dem das erste Ich zusieht, ist sowas wie, wie der Körper des anderen Ichs; oder der Anker, das Sicherheitsnetz, das verhindert, das das Beobachterich in seine eigene Bodenlosigkeit stürzt. (Wieder zu ihrer Freundin, die inzwischen bis in eine Ecke des Fahrstuhls zurückgewichen ist:) Ich hatte also, während ich dachte ›Gleich bricht dir der Kopf ab‹ das Gefühl, daß mein Ich abbröckelt. Und ich dachte: es wird immer löchriger, dein Ich und wird dir immer Fremder und bald wirst du dich da in etwas ganz merkwürdiges verstrickt haben und wirst am Ende –
Die Autofahrerin: WAS?
Die Bahnfahrerin: – wirst verrückt (sie kiechert hysterisch). Ja, genau: verrückt.

Der Fahrstuhl hält an. Die Autofahrerin geht staksend zur Tür.

Die Autofahrerin: Oh, meine Etage. Na, also, dann bis heute abend. Oder, na, bis später, oder. Viel Spaß.
Die Bahnfahrerin: Ja, klar.

Die Tür des Aufzugs schließt sich, die Bahnfahrerin fährt allein weiter und sagt einzelne Wörter halblaut vor sich hin als würde sie die Wörter selbst nicht mehr ganz verstehen.

Anker 11534
4 | 16/01/11

Als nun der junge Mann in ärmlicher Staffage wieder zusteigt, verstummt die Bahnfahrerin und strafft sich auf, nun wieder eine souveräne Geschäftsfrau.

Der Junge stellt sich wieder in die Ecke, in der er vorhin seine Beschriftung angebracht hatte. Nach einer kurzen Weile beginnt er, wie es offenbar seiner Gewohnheit entspricht, murmelnd und mit zittriger Stimme mit sich selbst zu sprechen.

[Der Ärmliche II]

Der Junge: Wie hätte ich das auch weiter ertragen können? – Ich hätte es ertragen müssen. – Ja, ja: von einem idealen Standpunkt aus betrachtet kann man sagen, ich hätte es ertragen müssen. – Aber wir haben ja die Wirklichkeit, ha! Die Wirklichkeit!

Der Junge zieht wieder seinen Filzstift hervor und zieht die Kappe ab.

Die Frau: Was murmeln sie denn da?

Der Junge überhört die Fraue und murmelt weiter. Die Frau steht, halb ihm zugewand, halb zuhörend.

Der Junge: Armut. Armut. Armut. Immer ist alles knapp. Die Knappheit der Mittel. Pah! Man wird soweit gefüttert von dieser Wirklichkeit das man träumt. Und hat nie genug, um daraus etwas zu machen. Man? Ich! Ich! Weil ich ein Träumer war. Ein Re-a-li-täts-untauglicher Träumer. Man bekommt die Träume gratis gestellt und wenn man sie einlösen will, wird die Rechnung auf den Tisch gelegt und dann…

Er hebt den Stift zur Fahrstuhlwand, um etwas zu Schreiben.

Die Frau (scharf): He! Was soll das?

Der Junge fährt zusammen, er hatte offenbar vergessen, daß er nicht allein in der Fahrstuhlkabine ist. Er steckt rasch seinen Stift wieder in die Jackentasche.

Der Junge: Wie bitte?
Die Frau: Ich habe gefragt, was es da zu murmeln gibt?
Der Junge: Wer hat… habe ich ›gemurmelt‹?
Die Frau: Was ist denn mit ihnen los? Was machen sie hier überhaupt? Das ist kein öffentliches Gebäude.
Der Junge (verächtlich): Ach?
Die Frau: Was fällt dir ein?
Der Junge: Ich bin hier, weil ich hier sein muß. Und glauben sie mir: ich wäre lieber wo anders.
Die Frau: Du arbeitest hier?
Der Junge: Ja. Wenn man das so sagen kann, arbeiten…
Die Frau: Welche Abteilung?
Der Junge: Im Keller. – Und du?
Die Frau: Ganz oben.
Der Junge: Aha. Und darf ich mal was fragen? Machst du das gerne?
Die Frau: Was?
Der Junge: Ich meine, du siehst nicht gerade zufrieden aus, wenn ich so sagen darf. (Er lacht unfroh ein kurzes Lachen.) Vielleicht ungefähr so, wie ich aussehe. Dabei bist du gar nicht bei uns im Keller.
Die Frau: Ach. Ich, ich habe schlecht geschlafen, das ist alles.
Der Junge: Ja, so geht mir das auch.
Die Frau: Ich hatte das Gefühl, das mir der Kopf abbricht.
Der Junge: Oh. Und ich bin arm – und nicht dumm genug, es nicht zu merken.
Die Frau: Oh.
Der Junge: Soll ich mal nachsehen? Ich meine, ob alles in Ordnung ist mit – mit deinem Hals. Ich meine, dann fühlst du dich vielleicht besser.
Die Frau (unsicher): Also… ja, gut.

Der Junge geht zu ihr, nimmt ihr Haar beiseite und untersucht hinter ihr stehend ihren Hals. Er betastet vorsichtig die Wirbel und Sehnen etc.

Der Junge: Du hast ein schönes Hemd. Das war bestimmt sehr teuer?
Die Frau (irritiert): Mein Hemd?
Der Junge: Und schöne Haut. Sie ist ganz weich.

Die Frau macht Anstalten, sich wegzudrehen, bleibt dann aber doch wie sie ist.

Die Frau (zittrig): M-hm. Aber was ist jetzt mit – mit meinem Kopf.
Der Junge: Keine Sorge. Es ist alles ganz so, wie es sein sollte.
Die Frau: Danke. Aber ich glaube nicht ganz, das es so ist – wie es sein sollte, weißt du.

Der Junge beendet die Untersuchung. Sie stehen einen Moment schweigend voreinander, bis der Fahrstuhl ›Pling‹ macht.

Der Junge: Meine Etage. Bis dann.
Die Frau: Warte!

Sie drückt schnell auf einen Knopf und der Fahrstuhl kommt ruckend zum Stehen, noch bevor sich die Türen öffnen konnten.

Die Frau: Was hast du gesagt, vorhin?
Der Junge: Ich? Ach, das war nichts weiter. Das waren bloß Gedanken.
Die Frau: Armut. Das hast du gesagt.
Der Junge: Ja. – Und weißt du, was das wichtigste an der Armut ist?
Die Frau: Nein, weißt du, es tut mir Leid, aber, ich habe damit noch keine Erfahrungen.
Der Junge: Das macht nichts, dafür kannst du nichts. Beziehungsweise sollte es ja auch gerade so sein, oder? Aber ich kann dir sagen, was man über die Armut wissen muß.
Die Frau: Ja?
Der Junge: Sie ist das Allerprivateste. Das, was jeder ganz für sich allein hat und mit niemandem teilen kann. Man sagt, man könne sich gegenseitig beistehen. Aber nicht beim Armsein. Da ist jeder mit sich allein. Das ist nämlich der eigentliche Kern der Armut.

Er drückt auf einen Knopf und der Fahrstuhl setzt sich kurz ruckend in Bewegung, die Türen gehen auf und der Junge steigt wortlos aus.

Die Frau: Warte…

Die Fahrstuhltüren schließen sich.

Anker 11589
5 | 18/01/11

Vorhang.

Die Szene wechselt. Die Fahrstuhlkabine ist jetzt derart unbeleuchtet, daß der Zuschauer nicht wie sonst in sie hineinsehen kann. Überhaupt ist die Bühne sehr dunkel, ausgenommen der Bereich vor den geschlossenen Fahrstuhltüren, vor denen ein Mechaniker und ein Anzugträger stehen. Der Mechaniker wischt sich mit einem Taschentuch Schweiß von der Stirne.

Der Mechaniker: Das ist ein Defekt, der unter uns Fahrstuhlmechanikern bekannt ist wie das Elmsfeuer unter den Seefahrern — habe ich gelesen.
Der Anzugträger: Jetzt verschonen sie mich mit literarischen Bezügen. Irgendwo da drin sind einige meiner Mitarbeiter. Und die haben heute was zu erledigen.
Der Mechaniker: Das ist ein phasenbedingter Ausfall, da läßt sich kaum was machen.
Der Anzugträger: Wozu machen sie den Fahrstuhlkundendienst, wenn sie dann sagen (äfft den Mechaniker hämisch nach:) ›Da ist nichts zu machen.‹ — Machen sie was oder holen sie jemanden her, der sich besser auskennt.
Der Mechaniker (unbeirrt): Ein Mond-Phasen-bedingter Ausfall. Ein Total-Ausfall.
Der Anzugträger: Was bitte?
Der Mechaniker: Wir hatten eine üble astrologische Konstellation in der letzten Nacht…

– in diesem Moment dringt aus der Tiefe des Fahrstuhlschachts ein Rumpeln, das den Anzugträger zusammenzucken läßt –

Der Mechaniker: …für ihre Mitarbeiter sieht's nicht gut aus, fürchte ich.

Der Fahrstuhl setzt sich mit einem plötzlichen Motorenheulen wieder in Bewegung.

Der Anzugträger: Pha! Da sehen sie es. Packen sie ihren Kram zusammen. Und glauben sie nicht, daß ich irgendeine Rechnung bezahlen werde.
Der Mechaniker: Wie sie meinen.

Das Motorengeräusch zeigt, daß sich der Fahrstuhl nähert. Es ist ein falsettartiges Heulen. Man hört auch ein sonderbares Knallen.

Der Anzugträger: Warten sie! Waren das die Stahlseile?
Der Mechaniker: Oh je! Es ist weitaus schlimmer!

Die Fahrstuhltüren machen ihr gewöhnliches ›Pling‹, aber als sie aufgehen, schießt eine Peitsche durch den Türspalt über die Köpfe der beiden Männer. Der Anzugträger flüchtet sich hinter den Rücken des Mechanikers.

Vier bleichgesichtige Büroangestellte staksen steifbeinig aus der Fahrstuhlkabine, sie sehen aus, als wären sie in Trance.

Als alle aus dem Fahrstuhl heraus sind, kommt ein hochgewachsenes Scheusal hintendrein. Es ist sehr mager, trägt einen langen, dürren Bart über dem breiten, fischartigen Mund und die Peitsche in einer Hand mit schwarz lakierten Fingernägeln.

Das Scheusal: Halt, ihr Strohsäcke!

Er läßt die Peitsche durch die Luft knallen und die bleichen Büroangestellten kommen abrupt zum Stehen, als hätte man sie an einem Halsband zurückgerissen.

Das Scheusal (lacht erst keckernd, dann immer lauter, jedes Wort für sich schreiend): Uaaauaaarrrghhh—braahahaha. Euch werde ich die Hirne auswringen. Euch werde ich zu Ader lassen, im Übertragenen und Handgreiflichen Sinne. (Er schlägt sich mit der Faust in die Handfläche.) Eure blödsinnigen Gedanken werde ich auskemmen wie man Flachs auskämmt: über sehr spitzen Nägeln!

Die Büroangestellten sprechen wie betäubt:

Büroangestellte #1: Ich habe nachts nur von Käfern geträumt. Sie waren schimmernd aber hart –

Büroangestellter #1: Ah, ich mußte elektronische Bauteile zu unnützen Wundern zusammenfügen, Stunde um Stunde, es war kein Schlaf –
Büroangestellte #2: Ich dachte, Butter sei mein Leibgericht. Dann habe ich zehn Männer ohne Appetit beschlafen.
Büroangestellter #2: Mein Dasein ist vollkommen Sinnlos! Mein dasein ist vollkommen sinnlos! Aber schlimmer noch ist es zu scheitern!
Büroangestellte #1: Die Käfer sind mir unter die Achselhöhlen gekrochen und es war ein furchtbares Jucken. Ich habe sie verschluckt, aber sie sind wieder hervorgekrochen.
Büroangestellter #1: Ich habe eine ganze Nacht über den kapak-zapatit-kapatizi-kapazitiven Widerstand nachgedacht und mir mehrere elektronische Wunder ausgedacht, und davon gar nichts verstanden.
Büroangestellte #2: – und bin halb erwacht und habe mich vor mir selbst geekelt, geekelt. Ich bin nach wie vor schmutzig, mein Gehirn ist beschmutzt.
Büroangestellter #2: Ich wünsche mir zu scheitern. Ich habe die Wahrheit gesehen. Was ich bin, bleibt folgenlos. Ich fürchte nichts mehr, als zu scheitern. Ich habe eine Familie zu ernähren! (Er bricht in Tränen aus.)
Das Scheusal (lachend): Ha, ihr habt eure Lektionen jeweils gelernt. Ihr habt sie ver-inner-licht, ha, tieeef verinnerlicht. Weiter! (Er läßt die Peitsche knallen.) Weiter!

Die Büroangestellten schlagen sich selbst vor die Stirn, pressen sich gewaltsam die Bäuche, knirschen mit den Zähnen, weinen etc. und setzen sich widerstrebend aber wehrlos wieder in Bewegung. Sie steigen wieder in die Fahrstuhlkabine, deren Türen schließen sich, der Fahrstuhl fährt weiter, während das Lachen des Scheusals immer ferner klingt.

Anker 11629
6 | 20/01/11

Der Anzugträger: Was zum Teufel war denn das?
Der Mechaniker: Tja, ob man da überhaupt noch ›zum‹ sagen muß?
Der Anzugträger: Wie? Ach, ganz egal. Wir müssen hier weg, bevor der wiederkommt!
Der Mechaniker: Sie wollten sagen, daß wir uns beeilen sollten, ihre Mitarbeiter zu retten?
Der Anzugträger: Retten? Wo denken sie hin? Weg hier!
Der Mechaniker: als sie noch an einen alltäglichen Fahrstuhldefekt geglaubt hatten, konnten sie ihre Angestellten nicht schnell genug wiederhaben. Aber wenn sich die defektweise verlängerte Arbeitsunterbrechung erst einmal in einen offenkundigen Höllenschlund verwandelt hat – dann ist’s vorbei mit der Aufsichtspflicht des Vorgesetzten, was?
Der Anzugträger (fast panisch): Mann, hören sie auf zu schwafeln und bringen sie mich hier raus! Raus will ich! Und überhaupt (— sein Berufsinstikt überragt seinen Selbsterhaltungstrieb —), bei der derzeitigen Lage am Arbeitsmarkt, würden sich Heldentaten sowieso nicht rechnen. – Man kann so ziemlich jeden ersetzen, diesen Haufen gewöhnlicher Schreibknechte sowieso. Nur man selbst ist sich selbst unersetzlich. Also…!

Der Mechaniker macht sich, unbeirrt von den Reden des Anzugträgers, am Tastenfeld neben der Fahrstuhltür zu schaffen. Er zieht einige Drähte heraus und schließt einen Stromkreis kurz. Die Tür öffnet sich, so daß aus der Tiefe des Fahrstuhlschachtes sehr leise die Schreie der Gepeinigten heraufdringen.

Der Anzugträger: Sie wollen doch nicht etwa…
Der Mechaniker (schlicht): Ich soll, muß und will, mein Herr. (Beiseite, zu sich:) Man sieht hier wieder, daß Höflichkeit und Wahrheit als Antagonisten am selben Knochen ziehen…
Der Anzugträger: Warum sollen und müssen sie? Ich, ich will-und-werde gleich gehen. Vielleicht wollen sie mir eine Erklärung für ihre Frau-wenn-sie-eine-haben mitgeben?

Der Mechaniker führt das Gespräch mit dem unruhig von einem Bein auf das andere tretenden leitenden Angestellten über die Schulter fort, während er seinen Abstieg in den Fahrstuhlschacht vorbereitet. Er entnimmt seinem Werkzeugwagen ein aufgerolltes, sehr dünnes Seil und ein Klettergeschirr, das er sich anlegt etc.

Der Mechaniker: Ich habe eine Leiche, wenn sie's wissen wollen.

Der ohnehin sehr angegriffene Anzugträger schreckt zurück und macht »Iieeks‹.

Der Anzugträger: Eine Leiche? Sie haben ihre Frau erdolcht?
Der Mechaniker: Nein. Wissen sie, ich war einmal in derselben Lage wie die dort unten. Und da ist mir, in einem Traum, der nachgerade nicht lediglich ein Traum war, eine Leiche erschienen, die, wie sich herausstellte, nicht vollends eine Leiche war. Jedenfalls hat mich diese Leiche durch ihren Übergang vom Leichesein zum Nicht-Leichesein vor der vollständigen Resignation, vor dem Untergang bewahrt. Meine Lebensgeister sind wieder erwacht, der Leiche sei dank! Und nun sind wir befreundet, wenn sie so wollen.
Der Anzugträger (macht wedelnde Handbewegungen): Nun steigen sie schon runter. Da unten sind sie am rechten Platz!
Der Mechaniker: Sie fährt besonders gerne im Auto. Die Leiche. Da ist sie vor Nachstellungen und entrüsteten Blicken sicher. Aber sie versteht es, sich für eine gewisse Zeit zu verstellen.
Der Anzugträger: Erstens: Sie haben von einer Leiche geträumt. Das haben sie doch gesagt. – Zweitens: Die Leiche hat sie gerettet? Vor dem Grausenritt dort unten? In ihrem Traum? Ich träume nicht. Obwohl ich es mir wünschen würde – nein, das wohl doch nicht, bloß nicht träumen. Nicht hier sein! Ah, es verdreht sich alles, und sie machen es nicht besser. – Jetzt sind sie mit der Leiche, von der sie nur geträumt haben und die aber keine wirkliche Leiche war – befreundet.
Der Mechaniker hat seine vorbereitungen fast abgeschlossen, er verknotet das Seil mit seinem Klettergurt.
Der Mechaniker: Nach ihrer Zählung: drittens. Sie haben es korrekt aufgefasst. Also, auf geht es – beziehungsweise abwärts!
Der Anzugträger: Halt!
Der Mechaniker: Was?
Der Anzugträger (zornig vor Verwirrung): Wie, wie kann eine Leiche einen retten? Wie kann eine Leiche lebendig sein?
Der Mechaniker: Die Grenzen zwischen den Sphären sind nicht so fest, wie ihresgleichen denkt. Sie sind fließend, springend, durchlässig. Was man träumt ist manchmal die einzige Rettung. Tot und leben tauschen die Plätze. Ich jedenfalls habe Wiedergutmachung zu leisten.
Der Anzugträger: Jetzt auch das noch.

Er presst die Handflächen an die Schläfen, gruntzt vor lauter Wut und rennt dann davon.

Der Anzugträger (aus der Kulisse, leiser werdend): Der Wahnsinn. Aaargh. Der Wahnsinn!
Der Mechaniker: Nicht unbedingt.

Mit diesen Worten läßt er sich am Seil in den Schacht hinunter, man hört eine Weile nur das Singen des Seils, auch sehr leise die Schreie der gepeinigten Büroangestellten, das Lachen des Scheusals. – Dann die wutverzerrte Stimme des Anzugträgers aus der Kulisse:

Der Anzugträger: Das macht alles überhaupt keinen Sinn! Keinen! Keinen!