Eine konfabulierteKonfabulation ist »die Produktion von objektiv falschen Aussagen« bzw. von Märchen (lat. fabula), wobei der Konfabulierende von der Gültigkeit seiner Aussagen mehr oder weniger fest überzeugt ist. Es kann eine hirn­organische Störung zugrunde­liegen oder auch der bei Gesunden gelegentlich vorkommende Drang, sich an mehr zu erinnern, als tatsächlich der Fall ist (z.B. bei Kindheits­erinnerungen oder bei der Befragung eines Zeugen vor Gericht; es sind sog. provozierte K.).
  Die spontane K. liegt vor, wenn die Fähigkeit gestört ist, eigene Einfälle von realen Sach­verhalten zu unterscheiden. (»Patients with Korsakoff's syndrome characteristically confabulate by guessing an answer or imagining an event and then mistaking their guess or imagination for an actual memory. [Wikipedia]«
Realienkunde, ein Thesaurus, bar jeder Notwendigkeit assoziiert, eine Sammlung von Marginalien, über die im Unklaren zu bleiben, ich nicht auf mich nehmen wollte. Dem geneigten Leser im jeweiligen Kontext unterbreitet, in alphabetischer Ordnung. Anregungen für weitere Stichworte werden gerne entgegengenommen.

Anker 11676
7 | 21/01/11

Szenenwechsel.

Der Mechaniker steigt den Fahrstuhlschacht herab, was dem Publikum durch ein besonderes Bühnenbild vor Augen geführt wird. Im Augenblick, da er in den Fahrstuhlschacht springt, wird der Mechaniker selbst mitsamt den benötigten Kulissen an unsichtbaren Fäden um eine Achse, die parallel zur Rampe verläuft, gekippt, so daß der Zuschauer nun den Mechaniker von seinem Scheitel abwärts beim Abstieg zusehen kann (der Mechaniker läge mit dem Kopf zum Publikum auf der Seite oder dem Bauch, wenn nicht unsichtbare Fäden ihn so in der Luft halten würden, daß er in eben dieser Lage mitten in der Luft hängt, um ihn herum ein aus Stangen oder ähnlichem angedeuteter Fahrstuhlschacht, in dem sich der Mechaniker herab, das heißt vom Publikum Weg in die Tiefe der Bühne hinein, bewegt.)

Der Mechaniker (ritterlich): Ich bin Anton Sorbas der Dritte und ich komme um dir dein Handwerk zu legen, Scheusal!

Seine Worte hallen im Fahrstuhlschacht wieder. Die einzige Reaktion ist, daß die Schreie der Gepeinigten vestummen.

Anton Sorbas klettert schnaufend weiter abwärts. Er ist nun ein Stockwerk vorangekommen, als neben ihm eine der Schachttüren aufgeschoben wird. Jemand streckt neben Anton seinen Kopf in den Fahrstuhlschacht.

Der Verirrte: Gott sei Dank!

Er breitet erleichtert die Arme aus und springt Anton mit derartigem Überschwang an den Hals, daß er dabei ganz vergißt, das der Fahrstuhlschacht keinen Boden hat, auf dem man stehen könnte.

Der Verirrte schreit und hängt an Antons Hals. Er tritt mit den Füßen um sich, auf der Suche nach einem Halt, den er schließlich findet und an Anton emporklettert, bis er auf dessen Nacken sitzt, sich am Seil festhaltend.

Anton: Sie haben da einen reichlich unüberlegten Schritt getan!
Der Verirrte (zerknirscht): 'Tschuldigung.
Anton: Mein Nacken beginnt zu schmerzen.
Der Verirrte: Rühren sie sich nicht von der Stelle. Ich kann hier nicht weg!
Anton (stoisch, aber mit aufkeimender Ironie): Ja, das sehe ich ein.
Der Verirrte: Was machen wir denn jetzt?
Anton: Nun.
Der Verirrte: Wie kommen sie auch darauf, hier herumzuklettern. Ich dachte, da wäre noch ein Fahrstuhl.
Anton: Wie kommen sie darauf, eine Fahrstuhltür aufzustemmen und sich mir blindlinks an den Hals zu werfen.
Der Verirrte (peinlich berührt): Ich hatte Angst.
Anton (brüllt plötzlich): Angst?

Der Verirrte schreit auf, verliert den Halt am Seil, rutscht ab, kann aber noch Antons Klettergurt zu Fassen bekommen und baumelt ihm nun langgestreckt zwischen den Beinen. Anton reagiert prompt, indem er das Seil arretiert und den Verirrten mit Beinen und Händen an sich heraufzieht, bis er ihn in einer Art Umarmung festhalten kann.

Der Verirrte: Was scheien sie denn so!
Anton: Tut mir leid. Aber jetzt (er beginnt am Seil zu schwingen) müssen wir erstmal hier weg.

Er versetzt das Seil immer mehr in Schwung, bis er in der Lage ist, das Seil im rechten Augenblick mit einem Messer zu kappen, so daß er und der Verirrte durch die Fahrstuhltür fliegen. (Eventuell helfen dabei durch schwarze Kleidung unsichtbar gemachte Bühnenarbeiter mit.) Sie rutschen auf den Boden vor der Schachttür und währenddessen kippt die Szenerie wie oben beschrieben wieder zurück zu normalen Verhältnissen.)

Der Verirrte (wimmernd): Ich will nach Hause.
Anton: Wie kommen sie hierher?
Der Verirrte (schluchtzend): Das weiß ich doch auch nicht. (Er reißt sich zusammen:) Ich bin in einen Zug gestiegen, ich wollte eigentlich nur zwei Stationen fahren. Es hätte ein ganz gewöhnlicher Vorortzug sein sollen. Aber dann ist der Zug gefahren und gefahren und sich saß sehr bequem und habe etwas gelesen und habe mir nichts dabei gedacht. Ich verstehe nicht, warum. Es war irgendwie hypnotisch. Und dann war es plözlich Nacht. Der ganze Zug war leer, ohne daß ich bemerkt hatte, wie alle ausgestiegen waren. Das Licht im Waggon wurde ausgeschaltet, niemand war mehr da. Da bin ich ausgestiegen und habe mich plötzlich an einem ganz unbeleuchteten Bahnsteig wiedergefunden. Es war alles stockfinster, nur irgendwoher das Licht einer Arbeitslampe. Der Bahnsteig war auch unterirdisch und kein Mensch war bei mir. Bloß der Stationsname stand in einer völlig fremden Sprache da, auf einem Schild – und ich wollte doch nur nach Hause fahren.

Der Verirrte beginnt fassungslos zu heulen.

Anton (mütterlich): Na, na. Jetzt verstehe ich ihre Unmäßigkeit an der Fahrstuhltür. Aber wie sind sie dann hierher gelangt?

Der Verirrte (schlafwandlerisch): Als ich eine Weile ratlos auf dem unterirdischen Bahnsteig gestanden hatte, tauchten zwei schattenhafte Gestalten auf und gingen auf mich zu. Es waren zwei Burschen, ihre Stimmen klangen gemein und sie fragten mich, ob ich mich verlaufen hätte. Ich hatte Angst um mein Leben, aber da fuhr mit quietschenden Rädern ein sehr alter, schäbiger Zug ein. Er war nur spärlich beleuchtet und wirkte ganz Menschenleer, aber immerhin. Die zwei Burschen wichen einen Schritt zurück und ich habe die Gelegenheit ergriffen und bin in den Zug gesprungen. Da schlugen auch schon die Türen zu und ich war entkommen. Als ich wieder zu Atem gekommen war und mich umblickte, erkannte ich, daß es nun tatsächlich ein Vorortzug war, ein sehr alter zwar. Aber da waren tatsächlich ganz bürgerlich aussehende Leute im Waggon, zu denen ich mich mit dem Gefühl größter Erleichterung gesellte. Sie schienen sich nicht verirrt zu haben. (Er verfällt in Schweigen.)
Anton (ungeduldig, laut): Und dann?
Der Verirrte: Ua!

Er springt zurück und fällt beinahe den Schacht herab, Anton kann ihn aber noch am Kragen packen.

Anton: Ich habe noch etwas zu tun.
Der Verirrte: Nein! – Ich meine, hören sie, ich habe dann plötzlich gedacht: Hier muß ich aussteigen. Ich Dummkopf. Aber es war ja die ganze Zeit wie in einem Traum. Also bin ich aus dem vermeindlichen Vorortzug an der nächsten Haltestelle ausgestiegen, ohne zu wissen, wo ich angekommen war. Ich habe die anderen Reisenden einfach hinter mir gelassen, eine ältere Dame und ihr Gatte mit einem großen Koffer. Sie hatte eine Feder am Hut. (Er schluchtzt.) Ganz normale Leute! (Auf einen scharfen Blick von Anton hin reißt er sich zusammen.) Ich habe mich dann als der Zug abgefahren war in einer Tiefgarage wiedergefunden. Überall waren leere Parkplätze und die Schienen gingen mitten durch das Parkdeck. Ich habe eine Stahltür geöffnet, ratlos wie ich war, bin einige Treppen gestiegen. Und habe mich hier wiedergefunden. Aus dem Fahrstuhl da kamen Geräusche. Schreien und Lachen. Dann war es still. Und dann habe ich gehört, daß sich gekommen wären, um dem Scheusal das Handwerk zu legen. Und da dachte ich, sie wollen mich retten und da habe ich die Türen aufgeschoben und war so dankbar, daß sie da waren. Ich meine, sie sind doch ein Fachmann. Sie haben doch was anständiges gelernt!
Anton (erschöpft): Pffft. Na. Und da sind sie nun.
Der Verirrte (verzweifelt): Ja! Ja! Da bin ich nun!

Anker 11980
8 | 13/02/11

Anton Sorbas III wendet sich zum gehen, während Der Verirrte ratlos am Fleck stehen bleibt. Anton ist einige Schritte weit gekommen, da bricht ein neues Unglück über Den Verirrten herein. Er wird schlagartig ohnmächtig, der Schlag allerdings und der Inhalt der Ohnmacht wird dem Publikum durch eine sehr komplizierte Einrichtung deutlich gemacht.

Es fällt nämlich plötzlich aus der Oberbühne eine zweite Bühneneinrichtung herab, die so verankert ist, daß sie Den Verirrten niederschlägt und dann knapp über seinem für das Publikum sichtbaren, reglosen Körper in der Luft schwebt.

Auf dieser zweiten Bühne wird das folgende von Puppen dargestellt, die ziemlich groß, wenigstens halb lebensgroß sind. Das Publikum sieht über der Puppenbühne auch die Puppenspieler agieren, die möglichst brutale Kostüme tragen sollen. Der übrige Bühnenraum (der eigentlichen Bühne, auf der Anton Sorbas eingefroren stehenbleibt), liegt im Dunklen.

Die Puppenbühne ist zweigeteilt. Sie zeigt eine schäbige, aber nicht schmutzige öffentliche Toilette samt ihrem Vorraum mit Handwaschbecken etc. An einem Pissoir steht die Puppenfigur, die den Verirrten darstellt, und schlägt plätschernd ihr Wasser ab.

Der Verirrte: Ah. Ah. Das war dringend. (Er furzt.) Hahaha. Eine feine Würze. Ah, da ist man ein freier Mensch, wenn man so alles aus sich herauslassen kann.

Ein (Puppen-)Mann betritt die Toilette und durchschreitet fröhlich pfeifend den Vorraum. Sofort versiegt der plätschernde Fluß, mit dem sich der Verirrte erleichtert hatte und der Verirrte fährt unangenehm zusammen. Der Mann kommt in den Raum mit Toiletten und Pissoirs und stellt sich an das Pissoir neben Dem Verirrten. Nun plätschert es bei ihm, während Der Verirrte unverrichteter Dinge mit verhaltenem Urin stehen bleibt. Er macht Anstalten, zusammenzupacken, wendet sich dann aber wieder dem Pissoir zu. Es drückt ihn noch zu sehr. Der pinkelnde Mann blickt zum Verirrten herüber.

Der Mann: Na, gehts nicht?
Der Verirrte: Ach…
Der Mann: Sebastian, bist du das?
Der Verirrte: Ja… Herr Müller? Sie?
Herr Müller: Ja, Mensch, Sebastian. Wie kommst du denn hierher?
Sebastian: Ich mußte mal!

Herr Müller besieht sich Sebastians nutzlos dahängendes Glied.

Herr Müller: Aber da passiert ja gar nichts.
Sebastian: Tja…
Herr Müller (kernig): Verstehe. (Er schüttelt die letzten Tropfen ab.) Ich warte dann draußen.

Her Müller geht in den Vorraum. Sobald die Zwischentür sich hinter ihm geschlossen hat, beginnt es bei Sebastian wieder zu fließen. Er spricht in kindlichem Beleidigtsein zu sich selbst.

Sebastian: Ich kann halt nicht, wenn mir einer zusieht. Ach, dieser blöde Müller! Wo kommt er auch her? Was will er denn hier? Warum kann ich auch nicht, wenn mir jemand zusieht? Bin ich denn kein Mann? Ach, wie unerträglich. Und jetzt wartet er auf mich. Ich mache mir einfach zu viele Gedanken. Ich sollte es mal fließen lassen! Fließen!

Er ist fertig, packt grimmig ein und geht in den Vorraum, wo Herr Müller inzwischen lässig an einer Wand lehnt. Sebastian wäscht sich die Hände, Herr Müller steckt sich eine Zigarette an.

Herr Müller: Ja, jetzt sag mal. Du bist also hier? Ich dachte, du wolltest was ganz anderes machen?
Sebastian: Hat nicht geklappt.
Herr Müller: Aber du warst so vielversprechend.
Sebastian: Ich bin nicht so vorangekommen, wie ich wollte.
Herr Müller: Na, Junge, so ist das halt…
Sebastian: Ich habe da so einen Hang zum Grundsätzlichen. Das, das steht mir wohl machmal im Weg. Ich kann nicht so, so einfach darauf los.
Herr Müller: Du machst dir immer noch so viele Gedanken, was? Dazu hattest du Talent.
Sebastian (ironisch): Ja, das stimmt wohl. Gebracht hat’s nichts.
Herr Müller: Du hast wohl nicht bloß nur beim Pinkeln diese Sache mit der Verhaltung, was?
Sebastian: Wie?
Herr Müller (lachend): Na, es gibt halt die steiferen Typen. So ist das mit dem Grübeln, da kommen halt die Sachen nicht in Fluß. Verstehst du?

Er klopft Sebastian kumpelhaft auf die Schulter. Der ist noch beim Händewaschen und der Schlag auf die Schulter wirbelt seine Puppenglieder so durcheinander, daß er sich mit dem Wasser, das er gerade zwischen den Händen gestaut hatte, den Schoß seiner Hose einnässt.

Sebastian: Nein! Nein! Jetzt sehen sie sich das an.
Herr Müller (lacht schallend): Na, sowas. Jetzt sind die Fluten aber in Bewegung geraten, was?

In diesem Augenblick knallt die Tür auf und das Scheusal betritt schrecklicherweise den Vorraum der Toilette. Herr Müller und Sebastian weichen zurück. Das Scheusal lacht sein wütendes Dämonenlachen und knallt mit der Peitsche durch die Luft.

Das Scheusal: Hahahaha! Seid ihr bereit, den duftenden Wald des Schreckens zu betreten?
Sebastian: Hilfe! Er ist mir in meinen Kopf gefolgt!
Herr Müller (hat sich gefangen, raucht betont lässig): Wer ist das?
Das Scheusal (wittert): Mh, ich rieche Ausdünstungen. Soll ich den Augenblick mit dir würzen, Müller?
Herr Müller: Bah, ich glaube, sie sehen die falschen Filme, mein Herr.

Das Scheusal wirft die Peitsche von sich und zieht ein Katana hervor. Er fährt damit betont zärtlich vor Müller durch die Luft und an dessen Kehle entlang.

Das Scheusal: Mhh, empfindest du den Geruch des Stahls? Spürst du das sanfte Vibrieren der Klinge? Ich hatte immer das Gefühl, daß ein Schwert wie dieses eine große Zärtlichkeit besitzt.
Müller: Ja, ich kann es spüren.

Zensierter Textabschnitt!

Bewerbungen auf Zulassung als Leser nimmt der Autor (janus@rauhfasler.de) entgegen.

Perhel und Eklytos eröffnen das Feuer. Das Scheusal wird in Stücke zerrissen. Seine ölig-schwarzen Innereien spritzen durch den Raum.

Eklytos: Ego te absolvo a peccatis tuis.

Er zieht eine Handgranate hervor, zieht den Sicherungsstift ab und legt sie auf den Boden.

Sebastian: Aber ich hätte noch eine ganze Weile durchgehalten.
Müller (zu Sebastian): Nimm ich zu dir, mein Schatz.

Sebastian versucht, sich am Waschbecken, in dem Müller noch imemr liegt, hochzuziehen, um zu ihm zu gelangen. Blut läuft ihm aus dem Hintern. Eklytos schüttelt den Kopf, er und Perhel verlassen langsam und nachdenklich den Raum.

Perhel: Amen.

Die Granate explodiert und die gesamte Puppenbühne fängt Feuer. Die Puppenspieler (wirkliche Menschen) fliehen vor den Flammen, indem sie an Seilen in Richtung Schnürboden klettern. Die Puppen von Eklytos und Perhel, die von der Puppenbühne auf die wirkliche Bühne gesprungen sind, eröffnen mit ihren Sturmgewehren das Feuer auf die Puppenspieler, die getroffen abstürzen. Nun wird die Puppenbühne hochgezogen, ebenso fliegen Eklytos und Perhel zur Oberbühne. Neben dem noch bewußtlosen, lebensechten Sebastian liegen die Leichen von drei Puppenspielern. Anton Sorbas III. rührt sich und kommt hinzu.

Vorhang.


→ Vgl. zur Vertiefung des Themas den Artikel Thirteen Ways of Looking at a Severed Head im Cabinet Magazine.