Szenenwechsel.
Der Mechaniker steigt den Fahrstuhlschacht herab, was dem Publikum durch ein besonderes Bühnenbild vor Augen geführt wird. Im Augenblick, da er in den Fahrstuhlschacht springt, wird der Mechaniker selbst mitsamt den benötigten Kulissen an unsichtbaren Fäden um eine Achse, die parallel zur Rampe verläuft, gekippt, so daß der Zuschauer nun den Mechaniker von seinem Scheitel abwärts beim Abstieg zusehen kann (der Mechaniker läge mit dem Kopf zum Publikum auf der Seite oder dem Bauch, wenn nicht unsichtbare Fäden ihn so in der Luft halten würden, daß er in eben dieser Lage mitten in der Luft hängt, um ihn herum ein aus Stangen oder ähnlichem angedeuteter Fahrstuhlschacht, in dem sich der Mechaniker herab, das heißt vom Publikum Weg in die Tiefe der Bühne hinein, bewegt.)
Der Mechaniker (ritterlich): Ich bin Anton Sorbas der Dritte und ich komme um dir dein Handwerk zu legen, Scheusal!
Seine Worte hallen im Fahrstuhlschacht wieder. Die einzige Reaktion ist, daß die Schreie der Gepeinigten vestummen.
Anton Sorbas klettert schnaufend weiter abwärts. Er ist nun ein Stockwerk vorangekommen, als neben ihm eine der Schachttüren aufgeschoben wird. Jemand streckt neben Anton seinen Kopf in den Fahrstuhlschacht.
Der Verirrte: Gott sei Dank!
Er breitet erleichtert die Arme aus und springt Anton mit derartigem Überschwang an den Hals, daß er dabei ganz vergißt, das der Fahrstuhlschacht keinen Boden hat, auf dem man stehen könnte.
Der Verirrte schreit und hängt an Antons Hals. Er tritt mit den Füßen um sich, auf der Suche nach einem Halt, den er schließlich findet und an Anton emporklettert, bis er auf dessen Nacken sitzt, sich am Seil festhaltend.
Anton: Sie haben da einen reichlich unüberlegten Schritt getan!
Der Verirrte (zerknirscht): 'Tschuldigung.
Anton: Mein Nacken beginnt zu schmerzen.
Der Verirrte: Rühren sie sich nicht von der Stelle. Ich kann hier nicht weg!
Anton (stoisch, aber mit aufkeimender Ironie): Ja, das sehe ich ein.
Der Verirrte: Was machen wir denn jetzt?
Anton: Nun.
Der Verirrte: Wie kommen sie auch darauf, hier herumzuklettern. Ich dachte, da wäre noch ein Fahrstuhl.
Anton: Wie kommen sie darauf, eine Fahrstuhltür aufzustemmen und sich mir blindlinks an den Hals zu werfen.
Der Verirrte (peinlich berührt): Ich hatte Angst.
Anton (brüllt plötzlich): Angst?
Der Verirrte schreit auf, verliert den Halt am Seil, rutscht ab, kann aber noch Antons Klettergurt zu Fassen bekommen und baumelt ihm nun langgestreckt zwischen den Beinen. Anton reagiert prompt, indem er das Seil arretiert und den Verirrten mit Beinen und Händen an sich heraufzieht, bis er ihn in einer Art Umarmung festhalten kann.
Der Verirrte: Was scheien sie denn so!
Anton: Tut mir leid. Aber jetzt (er beginnt am Seil zu schwingen) müssen wir erstmal hier weg.
Er versetzt das Seil immer mehr in Schwung, bis er in der Lage ist, das Seil im rechten Augenblick mit einem Messer zu kappen, so daß er und der Verirrte durch die Fahrstuhltür fliegen. (Eventuell helfen dabei durch schwarze Kleidung unsichtbar gemachte Bühnenarbeiter mit.) Sie rutschen auf den Boden vor der Schachttür und währenddessen kippt die Szenerie wie oben beschrieben wieder zurück zu normalen Verhältnissen.)
Der Verirrte (wimmernd): Ich will nach Hause.
Anton: Wie kommen sie hierher?
Der Verirrte (schluchtzend): Das weiß ich doch auch nicht. (Er reißt sich zusammen:) Ich bin in einen Zug gestiegen, ich wollte eigentlich nur zwei Stationen fahren. Es hätte ein ganz gewöhnlicher Vorortzug sein sollen. Aber dann ist der Zug gefahren und gefahren und sich saß sehr bequem und habe etwas gelesen und habe mir nichts dabei gedacht. Ich verstehe nicht, warum. Es war irgendwie hypnotisch. Und dann war es plözlich Nacht. Der ganze Zug war leer, ohne daß ich bemerkt hatte, wie alle ausgestiegen waren. Das Licht im Waggon wurde ausgeschaltet, niemand war mehr da. Da bin ich ausgestiegen und habe mich plötzlich an einem ganz unbeleuchteten Bahnsteig wiedergefunden. Es war alles stockfinster, nur irgendwoher das Licht einer Arbeitslampe. Der Bahnsteig war auch unterirdisch und kein Mensch war bei mir. Bloß der Stationsname stand in einer völlig fremden Sprache da, auf einem Schild – und ich wollte doch nur nach Hause fahren.
Der Verirrte beginnt fassungslos zu heulen.
Anton (mütterlich): Na, na. Jetzt verstehe ich ihre Unmäßigkeit an der Fahrstuhltür. Aber wie sind sie dann hierher gelangt?
Der Verirrte (schlafwandlerisch): Als ich eine Weile ratlos auf dem unterirdischen Bahnsteig gestanden hatte, tauchten zwei schattenhafte Gestalten auf und gingen auf mich zu. Es waren zwei Burschen, ihre Stimmen klangen gemein und sie fragten mich, ob ich mich verlaufen hätte. Ich hatte Angst um mein Leben, aber da fuhr mit quietschenden Rädern ein sehr alter, schäbiger Zug ein. Er war nur spärlich beleuchtet und wirkte ganz Menschenleer, aber immerhin. Die zwei Burschen wichen einen Schritt zurück und ich habe die Gelegenheit ergriffen und bin in den Zug gesprungen. Da schlugen auch schon die Türen zu und ich war entkommen. Als ich wieder zu Atem gekommen war und mich umblickte, erkannte ich, daß es nun tatsächlich ein Vorortzug war, ein sehr alter zwar. Aber da waren tatsächlich ganz bürgerlich aussehende Leute im Waggon, zu denen ich mich mit dem Gefühl größter Erleichterung gesellte. Sie schienen sich nicht verirrt zu haben. (Er verfällt in Schweigen.)
Anton (ungeduldig, laut): Und dann?
Der Verirrte: Ua!
Er springt zurück und fällt beinahe den Schacht herab, Anton kann ihn aber noch am Kragen packen.
Anton: Ich habe noch etwas zu tun.
Der Verirrte: Nein! – Ich meine, hören sie, ich habe dann plötzlich gedacht: Hier muß ich aussteigen. Ich Dummkopf. Aber es war ja die ganze Zeit wie in einem Traum. Also bin ich aus dem vermeindlichen Vorortzug an der nächsten Haltestelle ausgestiegen, ohne zu wissen, wo ich angekommen war. Ich habe die anderen Reisenden einfach hinter mir gelassen, eine ältere Dame und ihr Gatte mit einem großen Koffer. Sie hatte eine Feder am Hut. (Er schluchtzt.) Ganz normale Leute! (Auf einen scharfen Blick von Anton hin reißt er sich zusammen.) Ich habe mich dann als der Zug abgefahren war in einer Tiefgarage wiedergefunden. Überall waren leere Parkplätze und die Schienen gingen mitten durch das Parkdeck. Ich habe eine Stahltür geöffnet, ratlos wie ich war, bin einige Treppen gestiegen. Und habe mich hier wiedergefunden. Aus dem Fahrstuhl da kamen Geräusche. Schreien und Lachen. Dann war es still. Und dann habe ich gehört, daß sich gekommen wären, um dem Scheusal das Handwerk zu legen. Und da dachte ich, sie wollen mich retten und da habe ich die Türen aufgeschoben und war so dankbar, daß sie da waren. Ich meine, sie sind doch ein Fachmann. Sie haben doch was anständiges gelernt!
Anton (erschöpft): Pffft. Na. Und da sind sie nun.
Der Verirrte (verzweifelt): Ja! Ja! Da bin ich nun!


