Mokry und Gärtner, alte Freunde, die sich fremd geworden sind, in einem Café.
Mokry: Angst ist eine leichte Bitterkeit auf der Zunge. Sie schmeckt eigentlich wie Kaffee. Und wer wollte darauf verzichten?
Gärtner: Mit klarem Wasser lebt es sich gesünder.
Mokry: Aber von Kaffee wird man wach. Was sie da draußen sehen – ich sehe es klarer.
Gärtner: Ach was. Eine eingebildete Wachheit ist das. Und sie, Mokry, sind fahrig geworden. Ihre Hände Zittern von ihrem bitteren Getränk. Sie brauen es maßlos in ihrem verqueren Inneren und halten sich das noch zugute.
Mokry: Seine Vorlieben kann ein Mensch nicht ändern. Und ihr klares Wasser taugt doch höchstens für Goldfische.
Gärtner lächelt ironisch, zahlt und geht. Mokry bleibt alleine zurück, blickt mit nervösem Gesicht aus dem Fenster. Seine Hände sind in andauernder Bewegung.
Eine Frau, die allein am Nachbartisch sitzt, dreht sich nach einer Weile zu Mokry um.
Die Frau: Der Goldfisch ist ausgeschwommen. Und sie sitzen allein im Glas. Das heißt: Ihr Gedanke ist Spiegelverkehrt gewesen.
Mokry: Ach, das ist doch bloß Haarspalterei. Sie sehen doch, daß auch sie nicht an mir vorbeikommen.
Die Frau: So, wie man nicht an einem Unfall vorbeigehen kann, ohne hinzusehen.
Mokry: Das ist so, weil im Unfall die Wahrheit des Lebens zum Ausdruck kommt. Sie sehen in einen ungetrübten Spiegel, wenn sie auf den Unfall starren.
Mokry lehnt sich zurück, um eine Pose satter Selbstgefälligkeit einzunehmen. Er findet allerdings für seine Hände keinen Halt. Die Frau greift schon wieder nach ihrer Zeitung.
Die Frau: Ich vermute, daß es ihnen ganz unmöglich ist, an irgendetwas nahe heranzukommen. Sie befingern alles mit ihren ruhelosen Händen und sofort entgleitet es ihnen.
Mokry: Nähe ist ein bequemer Irrtum.
Die Frau schüttelt den Kopf und setzt ihre Zeitungslektüre fort. Mokry stiert aus dem Fenster und beginnt, auf einem Fingernagel zu kauen.
Ein Kind geht vorbei, bemerkt Mokry im Fenster des Cafés. Das Kind bleibt stehen, starrt Mokry verwundert an. Dann streckt das Kind Mokry die Zunge heraus und geht weiter.
Mokry (hitzig): Was kann ich denn dafür…?
Er blickt sich hecktisch um, niemand ist mehr da. Er schlägt mit flachen Händen auf den Cafétisch, bis alles heruntergestürzt und in Scherben gegangen ist. Bei jedem Schlag schreit Mokry heiser: Was?
Ein würdiger Kellner in schwarzen Hosen und Weste kommt dazu. Mit Besen und Kehrblech fegt er wortlos die Scherben zusammen. Als er fertig ist, steht er ungerührt vor Mokry.
Der Kellner: Sie wollen zahlen?
Mokry (feindselig): Ja, das will ich. Zahlen, zahlen. Was wollte ich eigentlich hier?
Der Kellner: Es gab schon als sie gekommen sind keinen Grund, warum sie hier sein sollten. Das war mir gleich deutlich. Aber unsereins drängt sich nicht auf, der Herr.
Mokry: Was wissen sie schon von Gründen?
Der Kellner: Ich weiß etwas von Gesichtern. Sie haben ein Zechergesicht, der Herr, von einem, der sich aufspielt und jammert. Oder das von einem gezierten Niedergeschlagenen. Nicht schwer zu erkennen. Solche Leute kommen oft und denken sonst etwas von sich. Stecken die Brust heraus und zucken zusammen, wenn die Tür knallt. Das Trinkgeld ist immer schlecht.
Mokry: Und sie haben das Gesicht eines Dackels.
Der Kellner: Verwenden sie keinen Strick.
Mokry: Was?
Der Kellner: Der letzte Gast, der in mir den Dackel erkannt hat, war ein aufgeplusterter, ins unerbittliche geschminkte Feigling, ganz wie sie. Der kam eines Tages mit einer kreisrunden Schürfwunde am Hals. Und hatte dann große Mühe, sie unter einem Seidentuch zu verstecken. Ich meine also, daß ein Strick sehr unpraktisch ist. Verwenden sie für’s erste Tabletten, das wäre passend für sie.
Mokry schweigt und betrachtet seinen abgekauten Fingernagel. Er fährt mit einer Fingerkuppe darüber.
Mokry (hohl): Ich möchte dann also zahlen.
Der Kellner (dienstbar): Sehr wohl!









Mokrys Peripatien
Aus dem Leben eines vielfältig Verwirrten. In Form von Skizzen für ein Schauspiel.