Eine konfabulierteKonfabulation ist »die Produktion von objektiv falschen Aussagen« bzw. von Märchen (lat. fabula), wobei der Konfabulierende von der Gültigkeit seiner Aussagen mehr oder weniger fest überzeugt ist. Es kann eine hirn­organische Störung zugrunde­liegen oder auch der bei Gesunden gelegentlich vorkommende Drang, sich an mehr zu erinnern, als tatsächlich der Fall ist (z.B. bei Kindheits­erinnerungen oder bei der Befragung eines Zeugen vor Gericht; es sind sog. provozierte K.).
  Die spontane K. liegt vor, wenn die Fähigkeit gestört ist, eigene Einfälle von realen Sach­verhalten zu unterscheiden. (»Patients with Korsakoff's syndrome characteristically confabulate by guessing an answer or imagining an event and then mistaking their guess or imagination for an actual memory. [Wikipedia]«
Realienkunde, ein Thesaurus, bar jeder Notwendigkeit assoziiert, eine Sammlung von Marginalien, über die im Unklaren zu bleiben, ich nicht auf mich nehmen wollte. Dem geneigten Leser im jeweiligen Kontext unterbreitet, in alphabetischer Ordnung. Anregungen für weitere Stichworte werden gerne entgegengenommen.

Anker 4359
7 | 05/08/09

Schlafbrille

Mokry träumt. Er steht auf einer leeren Bühne vorne an der Rampe. Über seinem Affenkostüm trägt Mokry einen gestreiften Schlafanzug. Die Affenmaske fehlt nach wie vor. Aber Mokry hat seine Augen nun mit einer geblümten Schlafbrille bedeckt.

Mokry deklamiert schlafwandlerisch: Erstens. Die Welt ist alles, was der Fall ist.

Eklytos betritt die Bühne. Er trägt einen dunkelgrauen Arbeitskittel und zieht einen Reinigungswagen hinter sich her. Er beginnt, die Bühne zu fegen.

Mokry: Zweitens. Das logische Bild der Tatsache ist der Gedanke.
Eklytos (bei sich): Nur daß die Tat meistens recht mager ausfällt.
Mokry: Drittens. Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.

Eklytos weist mit einem Kehrbesen, den er gerade aus seinem Wagen gekramt hatte, triumphierend auf Mokry.

Eklytos: Aha! Da haben wir es ja. Und man ›muß‹ nicht nur. Nein, man sollte. Und man sollte auch wollen!
Mokry (nimmt keine Notiz von Eklytos): Daraus folgt: Worüber man nicht schweigt, davon kann man auch sprechen.
Eklytos: Wenn sie träumen, werden die Leute unordentlich. Tagsüber grunzt und knurrt er wie ein anständiger Primat und jagt die Läuse in seinem Fell. Aber sobald er die Augen geschlossen hat, faselt er von Logik.
Mokry (weiterhin deklamierend an der Rampe): Der Satz ist eine Wahrheitsfunktion der Elementarsätze. Der Elementarsatz ist eine Wahrheitsfunktion seiner selbst.

Eklytos hat unterdessen weitergefegt. Jetzt wirft er ärgerlich seinen Besen von sich.

Eklytos: He! Heda!
Mokry: Pe überstrichen Komma Ksi überstrichen Komma En in Klammern Ksi überstrichen.
Eklytos (erbost): Jetzt wird er vermessen! Das lasse ich mir nicht länger bieten.

Eklytos geht entschlossenen Schrittes zu seinem Reinigungswagen zurück. Er holt ein Kehrblech hervor und dann stracks zu Mokry.

Mokry: Alle Sätze lassen sich durch wiederholte Anwendung der Wahrheitsfunktion – nämlich: höchstens eins, nicht beides – auf die Elementarsätze darstellen.
Eklytos (laut): Jetzt reicht mir dieser Unsinn aber!

Er versetzt Mokry mit dem Kehrblech einen Hieb auf den Hinterkopf. Der macht einen Satz nach vorne und stürzt in den Bühnengraben.

Eklytos: Ha! Das hast du nun davon. Mir ist schwindlig von deinem Gerede – und du liegst auf der Nase!

Mokry klettert schnaufend und fluchend mühselig wieder auf die Bühne. Als er sich aufrappelt, ist ihm die Schlafbrille auf das Kinn gerutscht. Als er Eklytos erkennt, droht er ihm mit dem Zeigefinger.

Mokry: Sie! Sie schon wieder. Sie aufdringlicher, bärtiger Kauz. Lassen sie mich in Frieden! Ich schlafe.
Eklytos: Trotzdem ist ihr Gefasel nicht zu ertragen.
Mokry: Was meinen sie?
Eklytos (ahmt Mokrys Tonfall nach): Das logische Bild der Tatsache ist der Gedanke. Unsinn! Schweigen sollten sie allerdings. Das ist der einzige wahre Satz in ihrem Vortrag gewesen, sie Phrasendrescher.
Mokry (drohend): Ach so ist das. Zwischen ihnen und mir verläuft der Schäffer’sche Strich, mein Lieber!

Er unterstreicht seine Worte, indem er sich umständlich von der Schlafbrille befreit und sie dann energisch auf den Boden wirft.

Eklytos: Es ist mir lieber, wenn sie auf ihre Brust trommeln. Das ist immerhin allgemeinverständlich.
Mokry: Sie haben doch keine Ahnung! Es gibt Sätze und es gibt Gedanken. Und sie sind entweder wahr oder falsch. Wollen sie das bestreiten?
Eklytos (hinterhältig): Was sollte man daran in Frage stellen können?
Mokry (unsicher) Na also, da haben wir’s.
Eklytos: Ja, da haben wir es.
Mokry: Und sie werden doch wohl nicht bestreiten, daß alles darauf ankommt, die wahren Sätze zu finden.
Eklytos: Sie meinen so, wie ein vollwertiger Affe mit seinem Finger in einem Termitenbau nach dessen Bewohnern stochern würde?
Mokry: Wollen sie mir unterstellen…
Eklytos: Und wenn er sich mit seinem Finger lange genug abgemüht hat, kommt er darauf, ein Stöckchen zu benutzen.
Mokry: Was wollen sie damit sagen?
Eklytos: Nichts, der Herr, nichts.
Mokry: Jetzt reden sie schon.
Eklytos: Schweigen soll man, wenn andernfalls nur Gerede entsteht.
Mokry: Sie reden allerdings wirr.
Eklytos: Was ich ihnen vermitteln will…
Mokry: Ja?

Eklytos holt mit dem Kehrblech aus und schlägt Mokry geräuschvoll vor die Stirn. Mokry schreit erschreckt auf und weicht zurück.

Mokry (außer sich): Was soll das, sie irrer. Wenn ich sie…

Mokry stürzt sich auf Eklytos, der elegant ausweicht. Mokry verfolgt Eklytos und beide umkreisen sich eine Weile wie Boxer im Ring. Dann baut Mokry sich breitbeinig auf und trommelt nach Affenmanier auf seine Brust.

Eklytos: Na endlich! Sie finden zu ihrer alten Form zurück.
Mokry reißt sich zusammen. Verwirrt: Aber?
Eklytos: Je wortkarger sie werden, desto mehr kann man mit ihnen anfangen.
Mokry: Sie wollen mich in die düstere Sprachlosigkeit zurückschleudern, sie Teufel.
Eklytos: Die Sprache kommt ihnen jedenfalls nur dazwischen.
Mokry (rezitativ): Der Gedanke ist das Bild der Tatsache. – Und von ihnen kann man nur sagen, daß sie nicht im Bilde sind.

Eklytos tritt dicht an Mokry heran.

Eklytos: Halten sie sich an die Tatsachen und faseln sie nicht von irgendwelchen Bildern. Sie produzieren doch nur Kitsch.
Mokry: Was?
Eklytos: Wenn sie zu ihrem Fell stehen könnten, würden sie nicht so eine alberne Figur abgeben.
Mokry blickt an sich herab. Entrüstet: Das ist doch wohl…
Eklytos: Wissen sie, was der Fall ist?
Mokry (herausfordernd): Nun?

Eklytos holt mit seinem Kehrblech aus und schlägt es Mokry noch einmal scheppernd auf den Kopf. Mokry sinkt bewußtlos zusammen.

Eklytos: Das.

Eklytos geht zu seinem Wagen, verstaut das Kehrblech, nimmt den Besen wieder an sich und setzt seine Arbeit fort.

Eklytos (beiläufig): Ob eine geträumte Bewußtlosigkeit wohl als logischer Widerspruch zu gelten hat?

Anker 4674
8 | 01/09/09

Ein Flötenspieler (Tübinger Hausbuch, Universitätsbibliothek Tübingen, Md 2, fol. 324r)

Die Szene zeigt wieder den Aufenthaltsraum der Anstalt. In einem der alten, abgewetzten Sessel, einem Exemplar mit umfangreichen Ohren, erholt sich Eklytos von seiner nächtlichen Arbeit. Er trägt jetzt wieder die übliche Anstaltskleidung. Außer ihm ist befindet sich niemand im Raum.

Eklytos zieht aus einer Hosentasche eine zierliche Blechflöte und spielt darauf eine hüpfende Melodie. Nach einer Weile unterbricht er sein Flötenspiel um in einer Phantasiesprache zu singen. Er trägt die erste Strophe wiederholt vor, indem er abwechselnd singt und spielt:

⌊Raumklang⌉1

Eklytos: Ja-dam-da-ta-ta ra-dam-tra-da
Da-di-di-do La-ta-fa-so
Tadadeldida-latatatera
Damdam-deldadelda-dada.

Zu Eklytos Musik treten Leimbach und Roßfäller durch verschiedene Türen in den Aufenthaltsraum. Stehend hören sie eine Weile zu. Dann setzt sich Roßfäller in einen der Sessel und beginnt mit den flachen Händen auf ihm zu Trommeln als wäre er ein Cajón, womit er einen beachtlichen Effekt erzielt. Eklytos unterbricht seinen Gesang und spielt nun mit Roßfäller. Dann tritt Leimbach mit einer kleinen Verbeugung zu Eklytos, bittet mit einer Geste um die Flöte, bekommt sie ausgehändigt und übernimmt Eklytos‘ Part mit viel Temperament. Zum Schluß kommt die Schwester mit einer Fiedel aus ihrem Dienstraum. Jetzt beginnt Eklytos zu dieser Begleitung wiederum mit seinem Gesang.

Eklytos: Dudeldidi-dudeldida,
Die Sicht ist lang schon nicht mehr klar.
Der Nebel fällt, die Achse knarrt,
Dem alten Mann sitzt Moos im Bart,
Dem Alten, dem sitzt Moos im Bart.

Alle: Dudeldidi-dudeldida,
Dudeldidi-dudeldida!

Eklytos: Die Zeit spinnt immer ihren Zwirn,
Der Nüchterne schürzt seine Stirn,
Seit ich durch Spiegelscherben schau
Erscheint die Welt mir reichlich grau:
Dadideldu-dudeldidau!

Alle: Dadideldu-dudeldidau!
Dadideldu-dudeldidau!

Ein Arzt, dessen Stimme man bislang nur durch einen Lautsprecher gehört hat, springt mit federnden Schritten zu Eklytos und beide tanzen, begleitet von frenetischer Musik, eine Steppeinlage. Dann geht der Arzt ab und Eklytos singt die letzten Strophen.

Eklytos: Ta-rat-tat-tat Ta-tatelti-tick
Sie spinnt, die Zeit, an einem Strick
Sie legt ihn uns um das Genick
Tateteltita-Tateteltitck!

Wer daran denkt, ist faul und dumm
Er kaut an trocknen Brocken
Ta-rat-tat-tat Ta-tatelti-tick
Und kommt schon bald ins Stocken
Und das nimmt man ihm krumm.
Dadadeldi-dideldidum!

Die Musik geht zu Ende und die Musiker gratulieren sich mit Händeschütteln gegenseitig zum gelungenen Auftritt. Eklytos steckt seine Flöte wieder ein und setzt sich in den Ohrensessel. Roßfäller reibt sich die Hände, strafft seineweiße Pflegeruniform und geht ab. Während Leimbach bei Eklytos Sessel Stellung bezieht und die Arme vor der Brust verschränkt. Eklytos beachtet ihn nicht. Die Schwester hat unterdessen ihre Fiedel im Schwesternzimmer verstaut und kommt mit einer Nierenschale wieder hervor, in der eine Spritze liegt. Als sie bei Eklytos angelangt ist und er aufspringen will, packt ihn Leimbach bei den Schultern und drückt ihn in den Sessel zurück. Die Schwester rammt ihm die Spritze kurzerhand in den Arm. Nach kurzer Gegenwehr wird Eklytos schlaff und schläft ein.

Leimbach (charmant): Schwester.

Er nimmt ihre Hand und küsst sie. Die Schwester kichert. Beide ab.

  1. »The Lark in the Morning/The Wandering Minstrel« von James Morrison (1893-1947) aufgenommen im März 1926 (Quelle: freemusicarchive.org)
Anker 4692
9 | 03/09/09

Die "mechanische Ente" des Jacques de Vaucanson (1738)

Der schlafende, durch eine Spritze betäubte Eklytos ist allein im Aufenthaltsraum; man hört ihn laut Schnarchen. Dann tritt Roßfäller polternd ein. Er schiebt einen schmalen, blassen Jüngling vor sich her, der die Arme um sich geschlungen hat, als hätte man ihm eine Zwangsjacke angelegt.

Roßfäller: Schwester!
Die Schwester kommt aus dem Dienstzimmer.
Schwester: Ja?
Roßfäller: Holen sie doch bitte Dr. Ephebrämius.
Schwester: Sehr wohl. – Ab.
Roßfäller (zum Neuankömmling): Nun, da wären wir also.
Der Neue (mit dünner, ironischer Stimme): Meinen sie?
Roßfäller (verbindlich): Ja, ich meine durchaus. Wissen sie, sie werden sich hier wohlfühlen. Nehmen sie zum Beispiel jenen Herrn Zagler dort hinten…
Der Neue (unterbricht ihn): Wenn sie sagen, daß wir nun also da wären – was, meinen sie, macht ein bloßes ›hier‹-sein zu einem wirklichen ›Da‹-sein. Meinen sie wirklich, daß wir nun da sind?
Roßfäller (verwundert): Wie bitte?
Der Neue (unbeirrt): Und was macht unser rein zufälliges Nebeneinanderstehen, das nur dadurch über die Dauer reinen Zufalls hinaus ausgedehnt wurde, daß sie gewaltsam in mein Leben eingedrungen sind – was also macht unser Nebeneinanderstehen zu einem ›wir‹?
Roßfäller: Nun, wir…
Der Neue (entrüstet): Und wie kommen sie schließlich dazu, unser Sein in den Konjunktiv zu setzen? Einfach so: ›Da wären wir‹ – und schwupps, sind wir zur einer bloßen Möglichkeit herabgestuft. Ihnen würde es tatsächlich zu Gute gereichen, eine Weile im Konjunktiv zu leben. Aber ich, ich habe nicht die Absicht, diese Operation an mir durchführen zu lassen!
Roßfäller (ratlos): Warten sie hier. – Ab.

Der Neuankömmling wandert unschlüssig zwischen den Sesseln umher. Die Arme hat er dabei unverändert um sich geschlungen, als wären sie ihm auf den Rücken gebunden. Er spricht zu sich selbst.
Der Neue: Nicht einfach. Nicht einfach so. Es ist nicht einfach so. Nichts ist einfach so.
Der Neuankömmling gelangt zu Eklytos, bleibt vor ihm stehen und betrachtet ihn, wobei sich stille Erschütterung in seinem Gesicht abzeichnet.
Der Neue: Wie furchtbar schlafende Menschen sind. Wenn sie wach sind und umhergehen und miteinander sprechen, sind es immerhin ihre Äußerungen, die man nicht zu versteht. Aber wenn sie schlafen, dann geht die Unverstehbarkeit von ihrem Schweigen aus. Eine ungeheuerliche Potenzierung. Wie sollte ein vernünftiger Mensch damit zurechkommen?
Eklytos schmatzt im Schlaf. Der Neuankömmling schreckt zurück und nimmt dann seine Wanderung wieder auf.

Roßfäller kommt in Begleitung von Leimbach und Dr. Ephebrämius zurück, ohne daß der Neue sie bemerkt. Sie bleiben in der Tür stehen und hören ihm zu.
Der Neue (erschüttert): Oh. Oh je! Der Boden scheint fest zu stehen. Aber vielleicht schwankt er doch! Vielleicht habe ich einen defekten Gleichgewichtssinn. Vielleicht sind die Gegenstände hier an die Tischplatten geleimt, damit sie nicht herunterfallen. Wer kann das wissen? Wenn sie hier die Menschen mit unsichtbaren Stricken fesseln – warum sollten sie nicht überall Klebstoff verstreichen und insgeheim Schrauben durch harmlose Gegenstände drehen, um das Schwanken des ganzen Raumes zu verbergen?
Roßfäller und Leimbach schieben Dr. Ephebrämius vor. Er räuspert sich verlegen. Der Neue schreckt zusammen und starrt Ephebrämius feindselig an. Er löst seine Arme aus der unsichtbaren Fesselung, um mit dem Finger auf Ephebrämius zu deuten.
Der Neue: Sagen sie es rundheraus!
Ephebrämius weicht zurück, bis er gegen Leimbach und Roßfäller stößt
Ephebrämius: Ja, was denn?
Der Neue: Geben sie zu, daß der Boden schwankt. Sie haben Magnete in den Schuhsolen!
Ephebrämius: Oh, ich verstehe. (Er reißt sich zusammen.) Vorerst wird hier von niemandem irgendetwas zugegeben. Roßfäller!
Roßfäller reicht dem Arzt ein Klemmbrett, das Ephebrämius eingehend studiert.
Ephebrämius:: Hier steht ja allerhand!
Der Neue: Wie sie das sagen: Es stehe da. Pha! Sie unterstellen damit soetwas wie Festigkeit, Unveränderlichkeit. Als ob es ›fest‹ stehe. Aber nichts steht fest. Nur dadurch, daß meine Wahrnehmung fehlerhaft ist, kommt es mir so vor, als stehe hier alles an seinem Platze. Aber das wird sich schon noch klären!
Ephebrämius (geschäftlich): Sie heißen Julius Epiglotter?
Epiglotter (erschrocken): Wer sagt das?
Ephebrämius: Ihre Mutter.
Epiglotter: Ich habe keine Mutter.
Ephebrämius: …was die ehrenwerte Frau aber doch nicht davon abhält, ihre Unterbringung in diesem Institut für anratenswert zu halten.
Epiglotter: Es war in einem Traum.
Ephebrämius (lacht): Ich darf ihnen versichern, daß sie wach sind. Ich bin es auch, und es nützt gar nichts, daran zu zweifeln. Und von Roßfäller hier wage ich zu behaupten, daß er ohnehin niemals träumt.
Roßfäller (plaudert): Oh, gerade gestern ist mir ein künstlicher Affe im Traum erschienen. Und, stellen sie’s sich vor, er…
Epiglotter (inbrünstig): Ich habe meine Mutter in einem Traum verloren.
Eklytos ist unterdessen unbemerkt aufgewacht; er ruft vom Sessel herüber: Ich kenne jemanden, der hat in einem Traum sein Bewußtsein verloren. Glauben sie mir, Herr Doktor, dieser junge Mann ist auch nicht paradoxaler als andere.
Leimbach: Zagler, nun halten sie doch an sich! Dem armen Jungen hier ist nicht nach ihren Tänzen zumute. Es schwankt ihm ja ohnedies schon alles unter den Füßen. – (Er schaut unsicher zu Ephebrämius:) Wenn man so will.
Epiglotter (wie schlafend; er spricht mit verstellten Stimmen die unterschiedlichen Rollen): In diesem Traum hat meine Mutter gesagt: ›Wasch dir den Hals.‹ Soetwas sagte sie häufig. Auch: ›Putz dir die Zähne.‹ Oder: ›Wie siehst du denn wieder aus?‹ Aber in jenem Traum war es dann, als hätte jemand zwei Spiegel voreinander gestellt. Ich sah, wie meine Großmutter hinter meiner Mutter erschien und zu ihr ebenfalls sagte: ›Wasch dir den Hals.‹ Und dann sagte die Mutter meiner Großmutter, meine Urgroßmutter, wieder dasselbe: ›Wasch dir den Hals.‹ Und es ging immer so weiter, bis in eine Zeit, wo die Hälse ganz pelzig wurden und man sich überhaupt nicht wusch. Und aus meinem Mund kam schließlich die Frage: ›Warum?‹ Und meine Mutter und alle Spiegelbilder schwiegen, dann hörte man ein lautes ›Peng‹ (alle zucken zusammen) und die Spiegel barsten in tausend Stücke. Und da hatte ich die Erkenntnis, daß es immer nur Sätze gibt, die von Mund zu Ohr und Ohr zu Mund weitergeben werden – und nichts weiter! Und nie wußte jemand, warum man sich den Hals waschen soll. Was es überhaupt bedeuten soll, sich den Hals zu waschen. Solange man ihn sich wusch, den Hals, wußte es niemand. Es sind alles bloß Vorstellungen und Einbildungen, bloß Oberflächen. Und nun weiß ich, daß ich keine Mutter habe. Warum sollte ich eine Mutter haben. Da ist eine willkürlich festgelegte Frau; man nennt sie ›Mutter‹; und das allein sollte ihr ein Anrecht auf mich geben? Vielleicht gibt es überhaupt nirgendwo Mütter… haben sie denn eine Mutter? Doch wohl nicht.
Epiglotters Monolog verebbt. Alle schweigen verwundert.
Leimbach (gedankenverloren): Mama.
Eklytos: Sag ich’s doch!
Leimbach: Was nun noch?
Eklytos: Der junge Mann dort hat offenbar eine interessante Diät gehalten.
Leimbach: Eine Diät? Sollen wir seine Mutter…
Eklytos: Er hat sich geradezu die Ausdehnung aus dem Leib gefastet. Insbesondere am oberen Ende scheint es um ihn recht Mager zu stehen. – Er lacht.
Roßfäller: Wie meinen sie das?
Eklytos: Oh, wenn man sich zu lange damit aufhält, irgendetwas sinnvoll oder unsinnig oder sonst irgendwie finden zu wollen, verliert man letzten Endes den Appetit an allem.
Leimbach: Das wäre ja auch noch schöner! Sinn und Bedeutung, nicht wahr? Was sollte das auch sein? Solche Brocken, ich sage es ihnen, quellen einem derart im Mund auf, das es kein Vor oder Zurück mehr gibt.
Roßfäller: So, wie das Butterbrot, das du freundlicherweise heute Morgen mit mir geteilt hast?
Epiglotter (beginnt zu schwanken, triumphierend): Ha! Jetzt komme ich wieder zu Sinnen. Der Raum, er schwankt!
Ephebrämius (beobachtet ihn skeptisch): Aha.
Epiglotter: Der Boden schwankt! Jetzt spüre ich es deutlich.
Eklytos: He, heda! – Er steht auf.
Alle, auch Epiglotter, der leicht in den Knien schwankt, blicken zu Eklytos. Eklytos kommt langsam herüber.
Leimbach: Er erträgt es nicht, wenn außer ihm noch jemand ins Fabulieren gerät.
Roßfäller: Man muß ihm zugutehalten, daß er mit dem Verrücktsein kaum weniger Erfahrung hat als der Herr Doktor.
Ephebrämius (anerkennend): Und er macht eine gute Figur dabei. Ein anständiger Verrückter. Nicht so blaß und mager, wie sie heutzutage alle sind.
Epiglotter: Es sinkt, das Schiff, es sinkt; und das Meer ringsum, es…
Eklytos steht jetzt dicht vor Epiglotter. Er breitet die Arme aus.
Eklytos (gefühlvoll): Ich bin dein Vater!
Epiglotter gibt einen langgezogenen, gutturalen Laut von sich und fällt sehr theatralisch in Ohnmacht. Keiner der Umstehenden läßt sich davon beeindrucken.
Roßfäller (ungläubig): Sie machen einen Scherz.
Eklytos: Oh, wie man es nimmt.
Ephebrämius: Oho! – blickt konzentriert in die Luft – Kommen sie, bei einem solchen Seegang sollte man nicht einfach so herumstehen.

Die Pfleger, Eklytos und Ephebrämius verlassen leicht taumelnd gemeinsam den Aufenthaltsraum. Sie halten sich dabei gegenseitig und an den Tischen fest. Epiglotter bleibt am Boden liegend zurück.

Anker 4826
10 | 09/09/09

Ein

Epiglotter liegt noch immer dort, wo er wegen der von Eklytos geäußerten Behauptung, er selbst wäre Epiglotters Vater, zusammengebrochen war. Es ist alles still im Raum. Nur eine große Pendelleuchte in der Raummitte schwingt in eingebildetem Seegang gemächlich hin und her. Auf hohen Absätzen, die auf dem Linoleumboden deutlich zu hören sind, betritt die Schwester den Raum. Sie muß immer wieder einen Schritt zur Seite machen, als werde das ganze Sanatorium von einer besonders großen Welle getroffen.

Die Schwester (im Selbstgespäch): Na so was! Kann mich überhaupt nicht erinnern, wann wir das letzte Mal in einen solchen Sturm geraten sind.
Sie überprüft die Gegenstände im Raum daraufhin, ob sie nach wie vor fest auf den Tischen und Regalborten verankert sind.
Die Schwester: Das sie nicht gleich beim Abholen darauf achten können.
Sie klettert auf einen Beistelltisch, um auf ein Regal schauen zu können, und gerät dabei fast aus dem Gleichgewicht.
Die Schwester: Roßfäller und Leimbach sollten doch in der Lage sein, eine gefährlich phantastische Konstitution an einem Patienten zu erkennen.
Sie ist mit ihrerem Kontrollgang durch den Raum fertig und setzt sich außer Atem auf einen der Sessel.
Die Schwester: Und ich muß es ausbaden! Auch die Patienten geraten in Unruhe. Aus dem Affenkäfig hört man bloß noch panisches Schnattern. Das Männchen reißt die Stricke aus der Wand. Daran hätten sie denken sollen! Aber sie holen irgendwen hierher, der sich darauf versteift, daß der Boden schwanken müsse. Daß wir uns in einem Sturm befinden. Ja, ja, natürlich schwankt der Boden. Eine Zumutung, von diesem Boden zu behaupten, er würde nur ruhig und ordentlich daliegen, wie irgendein anderer Boden auch. Es handelt sich offenbar um einen gemeingefährlichen, morbiden Romantiker. Und ich muß es ausbaden!
Jetzt erst bemerkt die Schwester den am Boden liegenden Epiglotter.
Die Schwester: Huch!– Aha! Ja, das ist er ja wohl.
Sie geht näher heran und unterzieht Epiglotter einer genauen Betrachtung.
Die Schwester (spitz): Ich hätte es gleich erkannt. Auf den ersten Blick. Aber die Herren fragen ja nicht.
Sie setzt sich bei Epiglotter auf den Boden und nimmt seinen Kopf in den Schoß wie irgendeinen interessanten Gegenstand. Sie dreht Epiglotters Kopf nicht besonders sanft von Seite zu Seite, hebt ihn an, so daß sie das Hinterhaupt betrachten kann usw.
Die Schwester (grübelnd): Oho. (Sie fährt mit dem Finger über sein Gesicht.) Eine stark ausgeprägte Nasenwurzel. Allerdings liegt gleich darüber, schon zwischen den Brauen beginnend, eine auffällige Abflachung. Da sieht man es schon! Ich habe ja gesagt, daß man es auf den ersten Blick sehen kann: Dieses Subjekt ist ganz außergewöhnlich aus dem Gleichgewicht geraten! Starker Formital bei zugleich unterentwickeltem Factital und Realital. (Dozierend in den leeren Raum:) Ein ausgeprägter Sinn für Formen, allerdings wenig Verständnis für die Wirklichkeit oder überhaupt nur für das Gegenständliche der Gegenstände. (Sie kichert.) Sozusagen.
Sie biegt Epiglotters Kopf nach vorne, um sein Schädeldach zu untersuchen. Sie fährt tastend mit den Fingern durch die Haare.
Die Schwester: Da haben wir ja eine formidable Delle im Scheitelbein, auf halber Strecke zum Hinterkopf. Das war durchaus zu erwarten: Ein mangelndes Wahrnehmungsvermögen für Festigkeit und Beständigkeit. Es fehlt ihm eindeutig die organische Grundlage dafür. (Sie tastet Weiter an Epiglotters Schädel herum.) Aber dafür, klassisch ausgeprägt, wie zwei Kufen für einen Schlitten, der ins Tal schießt, auf dem Os frontale, fast schon an der Sutura coronalis, zwei Erhebungen. (Als würde sie Wundersalben anbieten:) Hier dringen ihm seine Phatasmagorien ins Hirn, hier liegt der wunderliche Miraculital, der Sinn für das Wunderbare und Unableitbare nämlich. – Pah! Der Sinn für wundersam in schwere See abtreibende Sanatorien. – Und nun…!
Sie macht die Geste eines Zauberers, packt Epiglotter bei den Schultern und dreht ihn unsanft wie einen Fisch auf den Bauch, so daß nun sein Gesicht in ihrem Schoß liegt. Epiglotter murmelt undeutlich und ohne zu erwachen. Sie streichelt ihm den Hinterkopf.
Die Schwester: Ein prächtiges Exemplar! Die niederen Geisteskräfte sind allerdings in schöner Deutlichkeit und Harmonie ausgeprägt: Eine starke, männliche Wulst am Nacken und – ein klar erkennbarer Amicatal. Man müßte diesem jungen Herrn nur Zaumzeug anlegen, dann wäre er, jedenfalls nach dem Befund an seinem Hinterkopfes, eine gute Partie.
Epiglotter stöhnt. Allmählich kehrt er aus der Bewußtlosigkeit zurück.
Epiglotter: I-haab-s‹fehr-loor. Ll’s-nuur-fl-flächen. Mein Faah. Mein Faah… Nein!
Immer noch ist Epiglotters Gesicht in die Schürze der Schwester gepresst, so, wie sie ihn hingelegt hat. Er tastet mit den Händen nach seiner Umgebung.
Epiglotter (schwerfällig): Was – was ist? Alles ist dunkel. Sind wir gekentert?
Er schreit und zappelt, kann sich aber nicht aus den Falten von Schürze und Kleid der Schwester befreien.
Epiglotter: Ich bin gefangen.
Die Schwester (belustigt): Na, na.
Epiglotter liegt wieder still und spricht in den Stoff: Ich verstehe. Ja, ich verstehe sehr wohl! Die Bewohner des Zwischenreichs verspotten mich. Blind und gefesselt liege ich am Boden der Finsternis und ihr habt euren Spaß mit mir.
Die Schwester blickt zur Pendellampe auf. Sie hängt jetzt still.
Die Schwester: Ah, der Sturm ist abgezogen. Das wenigstens.
Epiglotter: Ich habe das Schwanken gefürchtet – jetzt sehe ich ein, daß die Ruhe noch schrecklicher ist.
Die Schwester zwickt Epiglotter neckisch ins Ohr: Trage es wie ein Mann.
Epiglotter: Wer bist Du? Was soll diese Heimsuchung?
Die Schwester: Vermutlich werden dich die schlichten Tatsachen nicht überzeugen?
Epiglotter: In dieser vollkommenen Dunkelheit von Tatsachen zu sprechen, ist schamlos. Alle Einbildungen brauchen Licht, auch die eingebildeten Tatsachen. Im Dunklen ist man nackt. Das ist alles.
Die Schwester: Jetzt wird es allmählich interessant!
Epiglotter: Deine Worte verraten dich, Dämonin. Etwas interessant zu finden heißt, hungrig zu sein. Und der Hunger macht den Fresser.
Die Schwester: Ja, vielleicht eignest du dich als Beute…
Epiglotter (brüllt in den Schoß der Schwester): Wann haben die Nachstellungen ein Ende?
Die Schwester streicht zärtlich über Epiglotters Haar.
Die Schwester: Ein so schön ausgeprägter Hinterkopf. Mannhaftigkeit im Gefängnis einer grämlichen Phantasie. Vielleicht muß man dich nur etwas mehr erschrecken, damit es zu einer reinigenden Krise kommt? Damit deine völlig unbrauchbaren höheren Geisteskräfte abhanden kommen und die intakten Fundamente hervortreten?
Man hört die Stimmen von Roßfäller und Leimbach aus einem der Anstaltskorridore.
Roßfäller: Gut, daß man die Lenzpumpen im Keller nicht demontiert hat.
Leimbach: …und daß der Doktor noch wußte, wo sich der Schalter befindet.
Die Schwester schreckt zusammen und befördert Epiglotter unsanft von ihrem Schoß auf den Boden. Er ringt um Atem.
Epiglotter (erleichtert): Licht! Hier ist Licht!
Die Schwester ordnet ihre Kleidung.
Die Schwester: Aber nicht mehr für lang, mein Süßer, nicht mehr für lang.
Sie wirft ihm eine Kusshand zu. Wiegenden Schrittes und pfeifend – ab.

Anker 8261
11 | 13/02/11

Die Insassen der Anstalt befinden sich auf einem Ausflug. Das Personal hat sie bis zu einen Platz geführt. Dort lagern nun alle auf einer Freitreppe, die zu einem großen Sandsteingebäude (wahrscheinlich ein Museum, vielleicht auch ein Gericht) hinaufführt. Die Schwester vertreilt Eis am Stiel und Buletten.

Mitten auf dem Platz steht das Bronzedenkmal eines Berittenen auf einem weit ausladenden Podest, das wiederum mit einem hüfthohen, schmiedeeisernenen Zaun umfriedet ist. Hier hinauf klettert zu Beginn des Geschehens schnaufend und umständlich ein nicht besonders alter Mann. Er bleibt zunächst unbeachtet von den Passanten. Allein Eklytos kichert beim Anblick des Kletternden derart enthusiastisch in sich hinein, daß er seinen Bart mit Eiscreme verschmiert.

Als der Mann es bis auf das Podest geschafft hat, blickt er unruhig in alle Richtungen, postiert sich vis à vis zu dem Backsteingebäude vor dem die Anstaltsinsassen lagern, tut einige tiefe Atemzüge und beginnt zur Allgemeinheit zu sprechen. Seine ersten Sätze sind noch unsicher und vage.

Der Mann: Mitmenschen, Mitmenschen!

Eklytos stößt Mokry mit dem Ellenbogen in die Seite. Der verschluckt sich an seiner Bulette und gestikuliert unwirsch.

Der Mann: Bürger, Landsleute!

Eklytos weist Mokry fingerzeigend auf den Redner hin. Mokry zuckt die Achseln.

Mokry: Leute, die von Statuensokeln herab Reden schwingen, nehmen es der Allgemeinheit übel, daß ihnen selbst keine Statue errichtet worden ist.

Eklytos: Schhht! Hören sie doch zu.

Mokry: Nein.

Mokry stopft sich Krumen aus seiner Bulette in die Ohren und schmollt.

Der Mann: Vernunftwesen, Gierwesen, Mörder!

Eine alte Dame mit Haarnetz und Pudel bleibt kurz vor dem Mann stehen und schüttelt tadelnd den Kopf. Eklytos ist aufgeregt und kann kaum noch stillsitzen.

Der Mann (jetzt mit einer Donnerstimme): Hört mich an, ihr Sünder!

Ein Kind beginnt zu weinen, ein Fahrradfahrer stürzt von seinem Fahrrad. Eine kleine Gruppe Schaulustiger versammelt sich zu Füßen der Statue und des Redners.

Der Mann wirft sein Jackett von den Schultern. Darunter trägt er ein grobes, sackartiges Leinenhemd, das seine hagere Brust freiläßt und in merkwürdigem Kontrast zu seiner Anzughose steht.

Der Mann (kommt in Fahrt): Hört mich an, denn es soll über euch der Stab gebrochen werden. Das Urtheil steht fest vor dem hohen Throne des Richters.

Aus dem Publikum am Fuße der Statue, das sich stetig vergrößert, sind Hohngeräusche zu hören, vereinzelte Buh-Rufe. Eklytos applaudiert und stibizt sich einen Bulettenkrumen aus Morkys Ohr.

Eine schaulustige Frau: Bloß veraltete Begriffe!

Ein junger Mann: Ihre Äußerungen spiegeln eine vordemokratische Sichtweise.

Der Mann: Wisset, mich hat der Ölschlamm am Ende des Flusses zu seinem Gesandten erwählt. Der Heilige Geist des Erstickens führt mir die Zunge.

Eklytos: Ein Nachwuchsprophet. Er scheint sich ein romantisches Verhältnis zu den Verhältnissen zu erlauben.

Der Mann: Wisset, ich bin Perhel, und ich bin aufgestanden, daß ihr mich mißverstehet.

Epiglotter: Aber das ist ja nun doch ein recht interessantes Konzept.

Perhel: Und wenn ihr bis zuletzt mißverstanden habt, wird die Trauer um euch viel geringer sein, denn der Tiger, wenn er zur Jagd geht, läßt nur einmal sein Brüllen hören. Der Wasserbüffel, der dann noch unbekümmert seinen Schweif nach den Fliegen schlägt – er ist ein verdientes Opfer. Über einen solchen Büffel wird nur kurze Trauer sein unter dem Firmament.

Mokry: Bah. Sein Stil ist unverschämit schwülstig, mehr nicht. (Mokry winkt der Schwester.) Eine Bulette, bitte, rasch.

Die schaulustige Frau: Was denn für ein Wasserbüffel? Sieht hier irgendwer einen Wasserbüffel?

Der alte Frau: Da oben, auf dem Podest! (Das Publikum lacht.)

Perhel: Wißt, daß Perhel euch aufgegeben hat. Deswegen spricht er zu euch. Damit späterhin, wenn die großen Wehen beginnen, Perhel vor sich selbst die Entschuldigung haben wird, nicht geschwiegen zu haben.

Der junge Mann: Oh Mann, Schweigen ist auf jeden Fall besser!

Perhel: Also hört und mißversteht…

Eklytos entnimmt den nächsten Bulettenbrocken aus Mokrys Ohr und führt ihn sich zu Gemüte, wie man im Kino Popcorn ißt.

Eklytos (flüsternd): Ich muß sagen, er steigert sich von Satz zu Satz. Schreiben sie mit Mokry, wir können es als Anhang zu seiner zukünftigen Krankenakte an den Doktor verkaufen.

Perhel (dessen Worte man über Eklytos Flüstern hinweg nicht gut verstehen konnte): …und eure Gier, von der ihr heute nicht wissen wollt, wird bald nackt vor eure Augen treten und wird häßlich sein und schrundig…

Nun wird die Krankenschwester auf Perhel aufmerksam.

Die Schwester: Wer ist nackt?

Perhel: Ich wißt aber heute schon, wovon ihr morgen bedauren werdet, es nicht gethan zu haben. Eure Unthätigkeit ist eine Folge der Diktatur. Ihr legt euch vor dem großen Diktator auf den Rücken. Ihr selbst aber, ihr selbst seid…

Epiglotter: Ah, eine fürchterlich klassische Rhetorik.

Die Schwester: Wir sind auch nackt. Jedenfalls meistens. Oder nicht? Leimbach – können wir den nicht mitnehmen?

Leimbach: Nun…

Roßfäller: Ich weiß nicht, ob wir noch ein passendes Podest im Lager haben.

Leimbach: Oh, die Podeste haben wir doch allesamt verschrottet.

Roßfäller: Ob er sich dann wohlfühlt?

Die Schwester: Er könnte sich auf den Rücken eines Mitpatienten stellen, wenn er bei uns in der Klinik Reden schwingen will. Also ich finde ihn ganz reizend. Nackt! Sehr gut!

Leimbach: Gute Idee. Ich gehe zum Doktor.

Perhel: …und ihr werdet unter üblen Katarrhen leiden, wenn ihr die Luft verbraucht habt, die über Äonen der Gemeinschaft der Lebenden genug war. Und ihr werdet trocken werden und Geschwülste haben, wenn die Sonne euch brennt.

Der Doktor ist inzwischen hinzugetreten und berät sich mit Leimbach, Roßfäller und der Schwester. Er kratzt sich nachdenklich am Kinn.

Der Doktor: Er scheint ein gewisses medizinisches Interesse zu haben.

Eklytos (über die Schulter zum Doktor): Er ist Pathologe im großen Stile.

Perhel: Die Ungerechtigkeit wird aufstehen und wird die Meerengen durchschwimmen. Sie wird diejenigen vor sich her treiben, die von euch Unrecht erlitten haben. Die Menge der Entrechteten wird an eure Festungsmauern branden. Lange und geduldig, bis die Leichen wie Schlamm sich an euren Mauern und Deichen auftürmen. Dann wird das Fundament nachgeben und ihr werdet ungeschützt dastehen. Und die Ungerechtigkeit, eure Erfindung, wird groß umhehrgehen mitten unter euch, und wird euch gegeneinanderwerfen, daß ihr allesamt in Scherben geht.

Die alte Frau im Publikum: Das ist ja wiederlich!

Der Doktor: Gut, Schwester, sie können ihn haben. Roßfäller, Leimbach!

Roßfäller: Sehr gern, Herr Doktor.

Sie machen sich langsam auf den Weg, ohne es offenbar allzu eilig damit zu haben, der Vorstellung ein Ende zu setzen.

Der Doktor: Er wird ein interessantes Exemplar in unserer Sammlung. Epiglotter hier kann sein Podest werden.

Eklytos schlägt Epiglotter beglückwünschend auf die Schulter.

Epiglotter: Aber!

Er will aufspringen. Die Schwester dreht ihm behende den Arm auf den Rücken.

Die Schwester: Na, na. Freuen sie sich, es wird sehr lehrreich. Und amüsant.

Perhel: Was wird von euch bleiben? Von Perhel wird keine Spur bleiben. Die Geschichtsforscher einer entlegenen Zukunft – wenn es eine solche Zukunft, trotz eurer gierigen Blindheit, trotz eures blinden Hungers überhaupt noch geben wird! – zukünftige Geschichtsforscher werden eure Zeitungen, Erklärungen, Beschlüsse und Tagebücher lesen. Und sie werden erkennen, daß ihr schon lange bankrott gewesen seit und das die Lüge die Wurzel eures Daseins und jedes Gedankens geworden war. Einst werden sie es deutlich erkennen, wenn man auf euch zurückblickt. Aber da wird ja kaum einer bleiben, um zurückzublicken. Kaum nur einer!

Roßfäller und Leimbach sind jetzt am Fuß der Treppe angekommen.

Eklytos: Ich möchte ihm gerne meine Briefmarkensammlung zeigen.

Perhel zeigt auf die beiden Pfleger; feierlich: Sehet, Mitmenschen, Lügner, Mörder: Hier kommen die, die kommen müssen. Perhel hat euch die Zukunft offenbart. Jetzt nimmt man ihn weg, damit ungestört geschehen kann, was geschehen muß.

Perhel hebt sein Jackett auf und zieht es an, richtet Hose und Hemd und steigt vom Podest herunter. Die Menge weicht zurück und bildet eine Gasse für Roßfäller und Leimbach.

Roßfäller: Ich nehme nicht an, daß sie Gepäck haben?

Perhel:Sie kommen bei der Patientengruppe an.

Perhel: Schwester, ein Glas Wasser bitte. Ich bin heiser. Dann können wir gehen.

Der Doktor: Aber…

Perhel (zum Doktor, sehr würdevoll): Ah, Dr. Ephebrämius, wenn ich nicht irre? Ein passionierter Sammler, wie man hört.

Der Doktor (geschmeichelt): Nun…

Perhel: Aber haben sie auch das Zeug – zum Jäger?

Der Doktor schweigt irritiert.

Eklytos (schiebt Epiglotter zu Perhel): Ihr neues Podest, Herr Kollege.

Perhel: Ich bin gespannt, es auszuprobieren. Gehen wir.

Die ganze Gruppe folgt Perhel wie eine Entourage, während er zum unweit abgestellten Anstaltsbus vorangeht.

Anker 8454
12 | 11/05/11

Epiglotter sitzt im leeren Aufenthaltsraum mit geschlossenen Augen auf einem Sessel. Von Zeit zu Zeit brummt er halblaute, unverständliche Worte.

Mokry betritt den Raum. Er hat einen Eierkarton bei sich. Unter dem Arm trägt er ein umfangreiches Tablett, in der Hand einen abgegriffenen Fleischklopfer.

Mokry rückt sich einen Beistelltisch vor einem der Sessel zurecht, stellt das Tablett darauf und nimmt dann Platz. Den Eierkarton stellt er auf den Boden. Eine Weile betrachtet er, den Fleischklopfer in der Hand, das leere Tablett. Dann holt er aus und schlägt mit dem Küchengerät auf das Tablett, daß es knallt.

Epiglotter schreckt auf, schaut desorientiert um sich, entdeckt Mokry, der nun wieder reglos auf das Tablett starrt. Nach einer Weile lehnt sich Epiglotter seufzend zurück und schließt wieder die Augen.

Erneut schlägt Mokry lautstark mit dem Fleischklopfer zu. Epiglotter springt auf.

Epiglotter: Ja, ist es denn zu glauben!

Mokry erschrickt. Der Fleischklopfer fliegt ihm dabei im hohen Bogen aus der Hand.

Mokry (empört): Was fällt ihnen ein, sich so an mich heranzuschleichen?
Epiglotter: Aber davon kann doch überhaupt keine Rede sein.
Mokry: Sie! Sie sitzen hier wie eine Spinne in der Grube und fallen mich plötzlich an.
Epiglotter: Nichts da! Sie, sie sind es doch, der hier – ja was tun sie eigentlich? Ein Fleischklopfer? Wie das?
Mokry (verlegen): Das… geht sie nichts an.
Epiglotter (betrachtet das Tablett): Wendet sich ihre verschrobene Garstigkeit nun also gegen ein Stück Hausrat?
Mokry: Davon, davon verstehen sie nichts. Er handelt sich hierbei um – –
Epiglotter: Was immer. Ich jedenfalls habe mich gerade mitten in einem hochempfindlichen Experiment befunden. Und da kommen sie, sie Simpel und schlagen alles in Scherben.
Mokry (höhnisch): Ein Experiment also. Nun, ich sehe nichts?
Epiglotter: Das Experiment – –

Ephebrämius hat unterdessen den Raum betreten. Gut gelaunt unterbricht er Epiglotter.

Ephebrämius: Aha! Was ist das? Ein Experiment? In meinem, wenn sie entschuldigen, in meinem Gemeinschaftsraum?
Epiglotter: Und ob! Aber wenn es ihr Raum ist, wie kann es dann ein Gemeinschafts… lassen wir das, lassen wir das. (Zu Mokry:) Da sehen sie, was sie mit ihrer Holzklopferei angerichtet haben. Da bin ich schon wieder mitten hineingestürzt in die vertrakte Begriffsmünzerei. Dabei hatte ich schon die Thetagrenze erreicht, um von dort womöglich unverstellt die Gammaphänomene beobachten zu können.
Ephebrämius: Das höre sich einer an. Jetzt werden meine Patienten ihre eigenen Enzephalographen.
Mokry (heftig): Ja, bin ich denn nur von Irren umgeben. Aber natürlich. Das ist ja die ganze Misere. Nur Wahnsinnige!

Mokry hat sich inzwischen den entflogenen Fleischklopfer wiedergeholt und schlägt, um seine letzte Feststellung zu unterstreichen, beherzt auf sein Tablett. Ephebrämius und Epiglotter erschrecken unisono. — Ephebrämius kommt aber, unerschütterlich gut gelaunt, verbindlich und interessiert wie ein Insektensammler, einem erneuten Wutausbruch Epiglotters zuvor.

Ephebrämius (zu Epiglotter): Theta also. Sie sprachen von einem Experiment.
Epiglotter: Aber gerade das nicht.
Ephebrämius: Wie bitte?
Epiglotter: Gerade darin bestand das Experiment, keine Aussagen oder Mutmaßungen oder Behauptungen zu tätigen, anzustellen oder aufzustellen (— er presst sich mit den flachen Händen die Schläfen —) ah, es ist unerträglich, nie kommt man davon los.
Mokry (brüllt): Aber wovon denn?
Epiglotter (qualvoll): Vom Denken! Vom Denken!
Ephebrämius (unbekümmert): Tja, tja, so ist es wohl.

Er klopft Epiglotter versöhnlich auf die Schulter und begiebt sich in den Hintergrund des Raumes, um dort in einem Schrank zu kramen. Dabei pfeift er vergnügt. Unterdessen tritt Eklytos schleichend aus seiner Warte in einer halb geöffneten Tür hervor, von wo aus er allem zugehört hatte. Er kommt etwas näher heran und kauert sich hinter eine Sessellehne. Man sieht, wie er tonlos in sich hineinlacht.

Epiglotter (zur Allgemeinheit, publizistisch): Es erscheint uns für gewöhnlich so, als ob da ein Zusammenhang besteht, ein fundamentaler Zusammenhang, nämlich zwischen uns und dem, was wir denken. Der durchschnittliche Mensch vermutet wahrscheinlich, daß er selbst in seinen Gedanken, wie dürftig sie immer sein mögen, vollständig zum Ausdruck kommt, auch wenn er den größten Teil davon für Gewöhnlich verschweigt — was ja immerhin ein Glück ist.

Mokry hat den Eierkarton zur Hand genommen. Er nimmt ein Ei heraus und positioniert es sorgfältig auf dem Tablett. Dabei beruhigt hat er sich merklich beruhigt.

Mokry (zu Epiglotter): Sie machen erstaunlich lange Sätze. Besonders, wenn man deren Inhalt besieht.
Epiglotter: Sie, sie sind ein Kretin.
Mokry (ironisch): Mit einem Meister des Denkens-über-das-Denken kann ich mich wohl nicht messen.
Epiglotter (läßt sich nicht beirren): Das Problem ist, daß wir überhaupt nicht selbst in unseren Gedanken enthalten sind. Vielmehr drängen uns diese Gedanken an die Seite — bis wir in uns Selbst kaum noch Platz finden.

Mokry schüttelt bloß den Kopf. Jedoch hat Ephebrämius seine Hantiererei am Schrank beendet und setzt sich zu Epiglotter. Eklytos nutzt die allgemeine Bewegung, um sich einen Sessel weiter heranzupirschen.

Ephebrämius (begütigend): Wo finden wir Platz?
Epiglotter: Nein, eben das nicht.
Ephebrämius: Nein?
Epiglotter: Nicht wir! Wir nicht, kaum noch, viel weniger von uns, als irgendwo verstummt schlummert.
Ephebrämius: Wer schlummert, redet ja für gewöhnlich nicht. Außer natürlich, man leidet unter Schlafstörungen. Damit kann eine Neigung zur Schlafwandelei einhergehen.
Epiglotter (rauft sich die Haare): Man fängt mich in einem Netz aus Gerede.

Mokry läßt den Fleischklopfer auf sein Tablett knallen. Diesmal zersplittert dabei das rohe Ei. Sein Inhalt spritzt bis zu dem Arzt und Epiglotter herüber. Mokry atmet tief ein und starrt großäugig auf das zerfetzte Ei vor ihm. — Er reibt sich die Hände.

Mokry: Wunderbar. Fulminant. So, wie ich es erwartet hatte.

Ephebrämius zieht ein gemustertes Stofftaschentuch hervor und säubert sein Gesicht. Seine gute Laune ist verflogen.

Ephebrämius (wütend): Was zum Teufel treiben sie da, junger Mann?
Mokry (unbeeindruckt): Ich stelle Erkundigungen an.
Epiglotter: Sie schlagen mit einem Fleischkopfer um sich. Und nicht nur, daß sie die Leute schamlos erschrecken. Jetzt werden wir von ihnen auch noch ungefragt besudelt.
Ephebrämius: Was soll denn der Unfug? Ein Ei. Eier brät man. Ein Steak muß geklopft werden. Aber in jedem Falle nicht von ihnen.
Mokry: Es zeigt sich immer wieder, daß allzu strikte Spezialisierung und Aufgabenteilung dem Ganzen abträglich ist. Könnte denn die schwitzende Köchin meine Beobachtungen anstellen? Sicherlich nicht. Es käme dabei nur Rührei heraus, und zwar zu wenig gesalzen. Ah. Rührei und Rühr-ei. Eine Frage des Stimmansatzes.
Ephebrämius (brüllt): Sie werden hier nicht sinnlos Eier zerschlagen!

Über die Lautsprecher ist die Stimme der Schwester zu hören.

Die Schwester: Doktor Ephebrämius bitte auf Station C melden.
Ephebrämius: Na gut. Wir sprechen uns noch!
Mokry (jovial): Gern, Herr Doktor. (Zu sich:) Die wahre Wissenschaft hat immer mit dem Establishment zu kämpfen. (Er legt sich ein weiteres Ei auf dem Tablett zurecht.)
Epiglotter: Nein — jetzt — Stopp!

Mokry schlägt zu. Epiglotter hebt die Arme, wie um sich vor einer Explosion zu schützen.

Mokry: Aaah! Ja, es bestätigt sich. Großartige Doppelbödigkeit der einfachsten Vollzüge.
Epiglotter: Sie Wahnsinniger.

Epiglotter erhebt sich schwer atmend. Er reibt mit gebogenem Rücken an seinem beschmutzten Hosenbein.

Epiglotter: Warum zerschlagen sie Eier? Und wenn sie es schon tun müssen, gehen sie dazu doch auf die Toilette. Da hat derartige Obszönität ohnehin ihren geborenen Platz.
Mokry: Es handelt sich um Phä-no-menlogie.
Epiglotter: Was war das? (Er lacht nervös.) Vielleicht sollte ich mich am Ende noch freuen, in den Streubereich ihres Irrsinns geraten zu sein. (Er lacht über das Wortspiel.) Denn sie geben ja hervorragendes Anschauungsmaterial für die These meines Experimentes ab.
Mokry (gelangweilt): Und die wäre?
Epiglotter: Das die Worte eine verderbliche Kraft haben. Sie übertünchen die reale Belanglosigkeit der Lebenssachverhalte. Und sie, ja sie sind ein hervorragendes Beispiel dafür. Sie zertrümmern Eier und benutzen dazu großspurige Worte. Und noch während die Eigelbtropfen sich im Flug befinden, sozusagen, kommt es zu einer Emulgation zwischen ihren Worten und jenen Tropfen. Und beim unvoreingenommenen Betrachter entsteht, wenn die Emulsion ihn trifft, der Eindruck, es müsse hier etwas beachtliches Geschehen. Dabei ist es doch nur schmutziger Irrsinn. Ich lasse mich nicht täuschen. (Er geht schrittweise auf Mokry zu und stößt seinen Zeigefinger nach vorne:) Ich spieße sie auf – mit einer Nadel – wie einen Käfer – und studiere sie – unter der Lupe. Sie Eigelbkleckerer!
Mokry: Ach ja? Und das haben sie herausgefunden, als sie hier wie ein Greis im Sessel eingedöst sind? Hoch interessant war das wohl! Das konnte man ja sehen!
Epiglotter: Im Gegenteil. Ich habe äußerst empfindliche Selbstbeobachtungen durchgeführt.
Mokry: Der typisch solipsitische Fehler.
Epiglotter: Was?
Mokry: Ich beschäftige mich nicht mit mir selbst. Was soll dabei schon herauskommen? Ich untersuche das Leben an seiner Wurzel.
Epiglotter: Wurzel?
Mokry: Und ob!

Er hat sich ein Ei zur Hand genommen und schleudert es nun Epiglotter mit einem geschickten Wurf genau an die Stirne.

Mokry: Sehen sie?

Epiglotter heult wild auf und stürzt auf Mokry zu. Der weicht stolpernd zurück und flieht hinter ein Sitzgruppe.

Epiglotter: Bleibt stehen! Komm her!
Mokry: Warten sie. Lassen sie uns reden!
Epiglotter (wild): NEIN! Nicht reden. Jetzt werde ich ihnen die Sprache nehmen!
Mokry: Hilfe!

Epiglotter verfolgt Mokry mordlustig zwischen den Sesseln. Auch Eklytos huscht lebhaft hinter den Sesseln hin und her, um sich in die richtige Position zu bringen. Dann stellt er Mokry ein Bein. Der stolpert und fällt. Epiglotter stürzt über den hingestreckten Mokry und landet ebenfalls auf dem Boden.

Da betreten Roßfäller und Leimbach das Zimmer.

Leimbach: Was ist hier los?

Eklytos weist auf die übereinanderliegenden Männer.

Eklytos: Oh, es gab einen kleinen Streit. Aber jetzt versöhnen sie sich.
Roßfäller: Sieht nicht wie eine Versöhnung aus.
Eklytos (verschwörerisch): Verhaltenstherapie… Sie wissen doch…
Roßfäller: Oh. Verstehe.

Leimbach klopft Roßfäller auffordernd auf die Schulter. — Beide ab.

Mokry liegt zum größten Teil unter einem Couchtisch. Er stöhnt. Epiglotter ist weicher gelandet und rappelt sich auf. Er ist aus dem Konzept.

Eklytos: Na also.
Epiglotter: Warum haben sie… ihn…
Eklytos (plötzlich feierlich-donnernd): Und es wird dein Feind sein, der dich zu Fall bringt. Und siehe: es wird dein Feind sein, so, wie es deiner Weisheit einen Hohn dünkt, der dein Halt sein wird, wenn du fällst. Und du wirst wandeln und unverletzt sein, dein Feind aber wird mit seinem Stöhnen Schuld in dein Herz geben. Wirst du, wenn das geschieht, zu deiner Seele sagen: Höre, Seele, das Wehklagen deines Feindes; siehe, er ist deinesgleichen?
Epiglotter (weicht einen Schritt zurück): Muuahh.
Mokry (wieder alltäglich): Aber was hatten sie gleich noch einmal über die Qualität der Sprache gesagt?

Das Licht geht aus. Kurz darauf ein zurückhaltender Gongton und rauschen in den Lautsprechern.

Der Lautsprecher: Liebe Patienten. Aufgrund einer technischen Störung im Kraftwerksblock mußte vorübergehend der elektrische Strom abgeschaltet werden. Bitte begeben sie sich auf ihre Zimmer.

Im Hintergrund sagt jemand: Aber wie soll das den gehen?

Der Lautsprecher: …oder bleiben sie wo sie sind, am besten regungslos. Wir beheben das Problem schnellstmöglich. Sprechen sie nicht miteinander, um die Gefahr zu vermeiden, daß sie sich gegenseitig in Angst versetzen. Eine Panik ist bei völliger Lichtlosigkeit schwer zu bekämpfen. Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit.

Eklytos kichert. Mokry stöhnt. Man hört jemanden gegen Tische und Stühle stoßen. Dann:

Epiglotter: Ein Sessel. Alles ruhig. Endlich.

Aus Eklytos’ Richtung hört man sehr bald ein leises Schnarchen.