Eine konfabulierteKonfabulation ist »die Produktion von objektiv falschen Aussagen« bzw. von Märchen (lat. fabula), wobei der Konfabulierende von der Gültigkeit seiner Aussagen mehr oder weniger fest überzeugt ist. Es kann eine hirn­organische Störung zugrunde­liegen oder auch der bei Gesunden gelegentlich vorkommende Drang, sich an mehr zu erinnern, als tatsächlich der Fall ist (z.B. bei Kindheits­erinnerungen oder bei der Befragung eines Zeugen vor Gericht; es sind sog. provozierte K.).
  Die spontane K. liegt vor, wenn die Fähigkeit gestört ist, eigene Einfälle von realen Sach­verhalten zu unterscheiden. (»Patients with Korsakoff's syndrome characteristically confabulate by guessing an answer or imagining an event and then mistaking their guess or imagination for an actual memory. [Wikipedia]«
Realienkunde, ein Thesaurus, bar jeder Notwendigkeit assoziiert, eine Sammlung von Marginalien, über die im Unklaren zu bleiben, ich nicht auf mich nehmen wollte. Dem geneigten Leser im jeweiligen Kontext unterbreitet, in alphabetischer Ordnung. Anregungen für weitere Stichworte werden gerne entgegengenommen.

Anker 9187
13 | 14/05/11

Ein sehr beleibter Herr mittleren Alters, geziert mit einem walroßartigen Oberlippenbart, betritt den Aufenthaltsraum. Roßfäller führt das Walroß am Oberarm, während Leimbach eine merkwürdige Konstruktion hintendrein trägt: Ein Lattengestell, das auf einer Seite mit Stoff behangen ist. Das Walroß selbst trägt einen Beutel in seiner freien Hand. Roßfäller schiebt den Patienten auf ein neu aussehendes, sehr breites Sofa zu, das auf einem Podest steht. Dort läßt sich der beleibte Herr nieder, neben ihm stellt Leimbach das merkwürdige Lattengestell ab. Unterdessen führen Mokry und Epiglotter eine Unterhaltung.

Mokry: Bah!
Epiglotter: Damit haben sie recht!
Mokry: Und die Allgemeinheit…
Epiglotter: Ach, hören sie auf!
Mokry: Ja, die Allgemeinheit denkt…
Epiglotter: Denkt sie!
Mokry: Als ob sie das jemals wirklich täte.
Epiglotter: Da ist der Konjunktiv nur angebracht.
Mokry: Wohlsein!

Er hebt ein bloß eingebildetes Glas. Epiglotter prostet ihm mit leerer Luft freundlich zu.

Epiglotter: Wozu sollte man noch destillierte Flüssigkeiten brauchen…
Mokry: Der hohle Dunst ist dieser Tage weit genug davon entfernt…
Epiglotter: …nüchtern zu sein – sie haben recht…
Mokry: …also dann…
Epiglotter: Prost!

Epiglotter und Mokry heben ihre unsichtbaren Gläser an die Lippen und leeren sie mit einem tiefen, kämpferischen Zug.

Epiglotter und Mokry (unisono): Aah!
Epiglotter: Das tut gut.

Das Walroß lacht prustend aus dem Hintergrund. Epiglotter und Mokry wenden sich um.

Epiglotter: Aha!
Mokry: Stör uns nicht, Dickerchen!
Epiglotter: Wo waren wir stehengeblieben?
Mokry: Wir hatten von der vollständigen und abschließenden Beliebigkeit allen Problembewußtseins gesprochen.
Epiglotter: Das ist eine druckreife Zusammenfassung.

Die beiden prosten sich wieder zu.

Epiglotter: Nachschub ist reichlich vorhanden.

Das Walroß wühlt in seinem Beutel. Dann nimmt er das merkwürdige Gestell zur Hand, schraubt und schiebt daran herum. Mokry und Epiglotter sehen kurz zu.

Mokry: Am Ende ist es doch so: Wo immer einer sich hinwendet, er kann sich nicht sicher sein, ob er sich nicht doch eigentlich viel eher in die entgegengesetzte Richtung hätte wenden sollen.
Epiglotter: Und Meinungen sind ohnehin Makulatur. Wer könnte schon von sich behaupten, etwas zu meinen?

Das letzte Wort spuckt Epiglotter wie einen Frosch aus. Mokry und er lachen schallend. Das Wahlroß stimmt mit ein – und setzt sich daraufhin das Gestell auf die Schultern. Es ist eine kleine Bühne, mit Rampe und Vorhang. Das Walroß sitzt nun mit geschlossenem Vorhang ruhig auf dem Sofa. Die Diskutanten im Vordergrund machen sich nichts daraus.

Mokry: Im Grunde ist eine Meinung für uns doch bloß eine Art Kleidungsstück. Man geht ja schließlich nicht nackt vor die Tür…
Epiglotter: …und bemüht sich um einen gewissen Stil…
Mokry: …aber ob jemand nun das eine oder andere anzieht…
Epiglotter: …danach kräht kein Hahn.
Das Walroß (von hinter dem Vorhang vor seinem Gesicht): Kiekeriki!
Epiglotter: Es wird ja ohnehin alles immer unsichtbarer.
Mokry: Ja, so ist es, und da ist Gleichgültigkeit nur folgerichtig.
Epiglotter: Es kann einem ja alles wichtig sein, und also… (er übergibt Mokry mit einer Geste das Wort)
Mokry: …ist am Ende nichts wichtig.
Epiglotter: Allein das zu bemerken ist schon albern.
Mokry: Prost!
Epiglotter: Wohl bekomm's!

Das Walroß hat nunmehr seine Vorbereitungen abgeschlossen. Er hat mittlerweile seine Hände beiderseits vor seinem Kopf von unten durch zwei Öffnungen in den Kasten gesteckt. Der Vorhang öffnet sich. Im Hintergrund der kleinen Bühne prangt das Walroßgesicht, allerdings jetzt leuchtend rot geschminkt. Auf seinen Händen stecken zwei nackte und magere androgyne Puppen, eine stehend, die andere kniend. Die knieende Puppe schreit mit der verstellten Stimme des Walrosses: TÖTE MICH! woraufhin die andere Puppe diesen Wunsch mit verschiedenen, vom Walroß anschaulich gemachten Mitteln entspricht.

Währenddessen machen Mokry und Epiglotter eine Aufzählung, als würden sie ein Gesellschaftsspiel spielen.

Epiglotter: Was gäbe es denn da. Hm. Zum Beispiel: Hungersnot.
Walroß: Töte mich!
Mokry: Wasserknappheit.
Die Puppe wird erstochen.
Epiglotter: Atomkraft.
Walroß: Töte mich!
Mokry (in päpstlichem Singsang): Ein-Computervirus-der-sämtliche-Bankkonten-der-Welt-auf-Null-stellt.
Wird erwürgt.
Epiglotter: Das Aussterben der Bienen.
Mokry: Ha, ha – eine kleine Ursache…
Epiglotter: …mit großer Wirkung.
Walroß: Töte mich!
In der Tür erscheint die Krankenschwester.
Mokry: Terroranschläge mit Atomsprengsätzen.
Epiglotter: Aber »Atom« hatten wir schon.
Mokry: Na gut, eine Pandemie des schwarzen Todes.
Epiglotter: Das ist aber ziemlich romantisch.
Das Walroß zersägt die knieende Puppe mit einer Motorsäge.
Epiglotter: Der Einschlag eines Asteroiden.
Walroß: Töte mich!
Epiglotter: Ein Rachefeldzug ausgebrochener Versuchs-Schimpansen.
Die Puppe wird auf einem elektrischen Stuhl gebraten.
Mokry: Äh… die Klimaerwärmung.
Epiglotter: Veto! Viel zu allgemein.
Mokry: Na gut…
Die Krankenschwester hält sich grimmig die Ohren zu und tritt vom einen Bein auf das andere.
Mokry: Das globale Zusammenbrechen der landwirtschaftlichen Erträge.
Epiglotter: So wird ein Schuh draus!
Das Walroß (sehr schrill): Bitte, töte mich!
Die Schwester macht ein paar zögerliche Schritte auf das Walroß zu.
Epiglotter: Der Zusammenbruch der Demokratie.
Mokry droht Epiglotter ironisch mit dem Zeigefinger.
Mokry: Oh-ho, sie wollen weit hinaus.
Geschickt spielt der Dicke die stehende, mordende Puppe derart, daß sie nun ein Seil unter dem Bühnendach verknotet. Es taucht ein Stuhl auf, die knieende Puppe erhebt sich, um, bedrängt von ihrem mehrfachen Mörder, auf den Stuhl zuzuwanken. Ihr wird daraufhin von der anderen Puppe das Seil um den Hals gelegt.
Epiglotter: Eine neue Völkerwanderung aus Klimaflüchtlingen! Die Straße von Gibraltar wird, trotz der vehementen Gegenwehr europäischer Grenztuppen, spätestens wenn sie mit Leichen aufgefüllt ist, passierbar werden. Und dann…
Mokry gibt eine eigenwillige Interpretation von Chopins Trauermarschzum Besten.
Die Schwester hat sich hinter das Sofa geschlichen, auf dem das Walroß sitzt. Glutäugig, als wäre sich eine der Erinnyen, rauft sie sich tonlos die Haare und scheint einen inneren Ringkampf auszustehen.
Epiglotter: Dann wird das Unrecht, das sich über Generationen jenseits des Wohlstandszauns aufgestaut hat – es wird durchbrechen und wird die fette Pfründe überschwemmen, daß kein Stein auf dem anderen bleibt.
Die Mörderpuppe im Theaterkasten des Walrosses tritt den Stuhl weg: die Opferpuppe baumelt am Seil und zuckt mit den sterbenden Gliedmaßen.
Mokry (verneigt sich vor Epiglotter): Ich habe nichts hinzuzufügen.
Die Schwester zieht aus einer Tasche ihres Kittels einen armlangen, aufgerollten Metalldraht hervor. An seinen Enden befinden sich zwei Griffschlaufen, die die Schwester nun ergreift. Sie wirft dem wohlbeleibten Mann auf dem Sofa diesen Würgedraht mit einem Schwung aus den Handgelenken um den Hals und zieht fest zu.
Das Walroß: Aaargh-Roaaa-Grrrch.
Epiglotter und Mokry werden auf das Spektakel aufmerksam.
Mokry: Nanu…
Epiglotter: Es sieht ganz so aus, als würde sein gespielter Wunsch nun Lebenswirklichkeit.
Das Walroß: H-hilfe.
Mokry: Er bestitz offenbar keinen Humor.
Epiglotter: Dabei ist die Ironie ganz offensichtlich.
In seinem Todeskampf führen die Puppen auf den Händen des Walrosses, eine davon weiterhin von dem modellhaften Deckenbalken hängend, wilde Tänze auf.
Epiglotter: Was ist nun aber Wirklichkeit…
Mokry: …und was ist das Schauspiel?

Das Walroß röchelt und stirbt.
Während der füllige Leib auf dem Sofa zusammensinkt, fällt vor der Kastenbühne der Vorhang.

Die Schwester (deklamiert zornig-erregt):
»So ist gestürzt ein Haus; doch nicht war wert zu verderben
Eines allein: wo Erde sich dehnt, herrscht wilde Erinnys.
Jeder, so dächte man, schwor zum Vergehn. Auf alle denn falle
Ohne Verzug – so steht der Entschluss – die verwirkete Strafe!«
Iupiters Worte lobt ein Teil, und des Grollenden Ingrimm
Stacheln sie an; ein Teil stimmt zu durch Zeichen des Beifalls.
Allen jedoch weckt Schmerz der Verlust des Menschengeschlechtes:
Welch Aussehen hinfort, so fragen sie, werde die Erde
Zeigen, von Sterblichen leer? wer Weihrauch auf die Altäre
Streuen? ob reißendes Wild denn solle verheeren die Länder?
Doch den Besorgten verbietet – er werde des Weiteren walten –,
Bang zu verzagen, das Haupt der Unsterblichen, und er verheißet
Ungleich früherem Volk ein Geschlecht seltsamer Entstehung. ()

Mokry und Epiglotter heben ihre imaginierten Gläser

Beide: Sehr zum Wohle, Schwester Teisiphone!

Die Schwester macht einen Schritt in ihre Richtung, Mokry und Epiglotter schleunigst – ab.

Die Schwester: Laut schreit der Mord
Und auf eiligen Schwingen
Kommt, den er herbeigerufen, der Mord
Mordet den Mörder zuletzt.

Die Schwester rollt sorgfältig ihr Würgewerkzeug auf, richtet sich die Haare, zieht den Lippenstift nach, lächelt probeweise – ab.


Chopins »Trauermarsch« Op 35, no. 2 kann sich der geneigte Leser, exempli gratia, vor Ohren führen in einer Klavierfassung.
Sie wurde eingespielt durch Vladimir de Pachmann (1848-1933), und zwar eine Schellack-Pressung mit einer Aufnahme aus dem Jahre 1912. [↑ zurück]

(∗) Die Schwester führt eine Passage aus Ovids »Metamorphosen« im Munde, nämlich den »Götterbeschluss, die Menschen auszurotten« (Buch I, 240-252). [↑ zurück]

Anker 12221
14 | 15/05/11

Das Auge hat sein Dasein dem Licht zu danken. Aus gleichgültigen tierischen Hilfsorganen ruft sich das Licht ein Organ hervor, das seinesgleichen werde, und so bildet sich das Auge am Lichte fürs Licht, damit das innere Licht dem äusseren entgegentrete. (∗)

Dr. Ephebrämius hat Besuch von seinem erprobten Weggefährten und Kollegen Schmidt erhalten. Er führt Schmidt in das düstere, zweite Kellergeschoß der Anstalt, wo sich sein Kuriositätenkabinett befindet. Unter anderem gehört dazu die Zelle, die dem Publikum nun vor Augen steht.

Sie enthält einen Mann, der noch nicht alt ist und durchaus trainiert zu sein scheint, dessen Haut aber eine merkwürdig ledrige Beschaffenheit aufweist. Die Dres. Ephebrämius und Schmidt sind im Begriff, dieses Subjekt durch eine Klappe in einer Zellentür zu betrachten, die ganz konventionell wuchtig-stählerne Qualität besitzt.

Das Innere der Zelle ist gleißend hell erleuchtet, das Licht geht von myriaden von kleinen Strahlern aus, die überall in die Decke und die Wände eingelassen sind. Alle Gegenstände und Oberflächen haben eine makellos weiße Oberfläche. Auch der Insasse dieser strahlenden Zelle trägt durchgehend weiße Kleidung.

Ephebrämius (weist auf die Zellentür; wie ein Zirkusdirektor): Das hier also ist Herr Foebus.

Schmidt (öffnet die Klappe der Zellentür und schreckt prompt zurück): Ah, das sticht in die Augen.

Ephebrämius: Oh, entschuldigen sie, mein Bester, ich hätte sie warnen sollen.

Schmidt (wieder gefasst): Aber nein, aber nein! Man muß die Dinge, sage ich immer, zuallererst unvoreingenommen auf sich wirken lassen. Was einen Sticht, das durchdringt die thalamidale Zensur, sage ich immer.

Ephebrämius: Ha ha ha! Sehr richtig, sehr richtig. – Schmidt stimmt in das Lachen mit ein.

Schmidt: Aber was soll es denn? Eine solche Zelleneinrichtung bläht doch sicherlich die Stromkosten auf. Und so eine Investition für ein einzelnes Exemplar? Äußerlich ist es nicht sonderlich bemerkenswert, meine ich?

Ephebrämius: Aber es handelt sich hier um ein durchaus unterhaltsames Exemplar. In einem freilich eher platonischen Sinne. (Im Tonfall des Weinkenners:) Zu anderen Exemplaren, bei denen, sagen wir, eher die somatische Ästhetik im Vordergrund steht, zu dem straffen, durch die ungestalte Psyche erfreulich verwilderten Fleisch – kommen wir dann gleich.

Schmidt (leckt sich die Lippen): Ja, sehr gut, sehr gut. Zuerst der Geist, dann der Körper. Und es handelt sich hier, in diesem Fall, bei diesen Lichtverhältnissen – um einen Wunsch des Patienten?

Ephebrämius: Fragen sie ihn doch selbst, ganz frisch heraus bitte, nur keine Scheu. Der junge Herr Foebus spricht gerne über seine sonderlichen Abneigungen. Sie müssen nicht besonders rücksichtsvoll sein.

Schmidt (verbindlich): Wenn ich darf?

Ephebrämius: Sie müssen bloß diesen Knopf hier drücken, die Sprechanlage.

Schmidt drückt den Knopf, räuspert sich und spricht umständlich in das Mikrophon, auf das Eephebrämius ihn ebenso umständlich hingewiesen hat.

Schmidt: Ähäm, ja, guten – nun, man muß hier wohl sagen –: Guten Tag.

Foebus starrt wie ein witterndes Tier den Lautsprecher an, in einer halb geduckten, halb zur Flucht gewendeten Haltung.

Foebus (mißtrauisch): Ist es Tag?

Ephebrämius schaltet eilig die Gegensprechanlage aus; dann, an Schmidt gewandt: Sie müssen unter allen Umständen darauf beharren, daß es Tag sei, obwohl es ja strenggenommen Nacht ist. Aber dieses Eingständnis hätte vielleicht ganz unabsehbare Folgen.

Schmidt (zu Ephebrämius): Nun gut, natürlich. (Wieder in die Gegensprechanlage:) Ja, Herr Foebus, es ist natürlich Tag.

Foebus (mißtrauisch): Was heißt hier ›natürlich‹.

Schmidt (wie ein ertappter Junge): Tag, es ist Tag!

Foebus: Pfah. (Er beginnt, durch seine Zelle zu tigern wie ein sehr erregter Professor hinterm Katheder.) Ich hasse die Nacht. Ich kann sie nicht ertragen. Es gibt nichts schlimmeres. Es gab nie etwas schlimmeres. Aber hierher wird sie niemals gelangen. Das wurde mir versprochen. Ich bin geschützt durch elektrischen Strom. Ich bin gesichert. Ich befinde mich in Sicherungsverwahrung. – Die Nacht. Und der Schlaf. Der Schlaf und die Nacht. Sie dürfen nicht hierhergelangen. Die Nacht, die das Licht auffrisst und Schatten ausspruckt; die Nacht gebiert die Schatten. Oder vielleicht wachsen die Schatten im Maul der Nacht heran, wie bei diesem Fisch, der seine Nachkommen in seinem Maul ausbrütet. Dann Spuckt die Nacht die Schatten aus. Und die Schatten kommen und fressen an meiner Seele wie an einem aufgeweichten Brötchen. Licht! Licht!

Die letzten beiden Worte schreit Foebus derart laut und dringlich, daß die andächtig lauschenden Ärzte aufschrecken und mit den Köpfen aneinanderstoßen. Sie entschuldigen sich umständlich beieinander.

Foebus (horcht auf): Was war das für ein dumpfes Pochen?

Ephebrämius (reibt sich den Kopf): Die Sinneswahrnehmungen dieses Subjektes sind offenbar außerordentlich verfeinert. Das scheint eine Wirkung des dauerhaften Schlafentzugs zu sein.

Schmidt (hält sich noch etwas benommen den Kopf; in die Gegensprechanlage): Lassen sie sich bitte nicht stören…

Foebus: Einerlei, was die elektrische Stimme sagt. Sie gibt sich künstlich souverän. (Hört auf zu horchen; beginnt wieder zu tigern.) Das war ein menschliches Pochen. Es klang wie – es klang nach zwei Kopfschwarten, unter denen die Schädelknochen aneinanderknallen. Das dumpfe Geräusch dumpfer menschlicher Hirne. Ich verachte Menschen. Es gibt kaum etwas widerwärtigeres, abgesehen von der Nacht. Weil die Menschen, weil die Menschen – sich davonstehlen, immer haben sie sich davongestohlen. Sie verschwinden entweder in die Abwesenheit, sobald sie merken, daß man sich an sie gewöhnt hat. Der Hinterhältigste aller Angriffe. – Oder sie zerfließen mir durch ihren Hang zur Selbstentwertung. (Er lacht irre.) Wenn sie ihre mühsam verhüllte Dürftigkeit entblößen und dann nurnoch unbrauchbar und eklig sind. Man ist am Ende bloß allein. Und deshalb will ich lieber von vornherein allein sein. Ha! ich bin allein. Allein mit dem immerwährenden Licht. Hier, hierher kann kein Ekel und keine Niedertracht und die Nacht erst recht! die Nacht! nicht gelangen.

Ephebrämius schaltet die Gegensprechanlage stumm. Man sieht, wie sich der Mund des internierten Herrn Foebus eifrig, aber nun völlig tonlos weiterbewegt.

Ephebrämius: So geht das jetzt noch eine nicht unbeträchtliche Zeitspanne weiter. Darüber würde es glatt Nacht werden – wenn das möglich wäre.

Die Doktoren lachen ausgiebig, halten sich schließlich die Bäuche, wischen sich Tränen aus den Augen und stoßen, unter einem gemeinsamen, besonders argen Heiterkeitskrampf, wiederum hart mit den Köpfen aneinander. Es macht ein hohles Geräusch. Man sieht, wie in der Zelle Foebus Zeigefinger triumphierend in die Luft sticht, von seinen Lippen ist ein »Aha« deutlich abzulesen. – Als sich die Ärzte wieder gefangen haben, tritt Schmidt zur Gegensprechanlage.

Schmidt: Sie hatten wohl keine einfache Kindheit?

Foebus: Meine Kindheit geht sie nichts an!

Schmidt: Na, aber wie kommen sie denn zu einer so düsteren Einschätzung ihrer Mitmenschen?

Foebus: Ist es denn nicht so?

Ephebrämius (beugt sich neben Schmidt zum Mikrophon): Na, aber keineswegs. Man muß miteinander auskommen. Wir sind doch…

Schmidt: …wir sind doch alle Menschen…

Ephebrämius: …und der Mensch ist ein geselliges Wesen.

Schmidt: Und diese Sache mit dem Licht…

Foebus: Sie sind doch bloß dumpf! Dumpf und so mittelmäßig, daß sie sich an einem wie mir ihre abgeschmackte Unterhaltung verschaffen. Als ob es uns, sie und mich, in ein klares Verhältnis stellen würde, daß sie auf der anderen Seite dieser Zellentür stehen.

Ephebrämius (gönnerhaft): Nun ja…

Foebus: Nein! Es gibt einen absoluten Maßstab! Und sie haben sich bloß in alles eingewöhnt! Sie nehmen allen Verlust und alle schale Mittelmäßigkeit problemlos hin. Leute wie sie…

Schmidt (deutlich verstimmt): Na, jetzt sind wir aber gespannt auf ihre Diagnose!

Foebus: Leute wie sie es sind, sind doch eigentlich eingesperrt. Ihre Wahrnehmung endet irgendwo im leeren, kalten Raum. Darauf gehe ich jede Wette ein. Wann haben sie schon einmal einen anderen Begriffen?

Ephebrämius: Herr Foebus, das hatten wir doch schon alles.

Foebus: Aber wenn sie jemals einen anderen Menschen begriffen hätten – wie sollten sie dann weiterleben, nachdem er ihnen verlorengegangen ist. Und ständig gehen die Menschen verloren, verlieren sich, verlaufen sich, werden getrennt durch den ungerechten Zufall, der einen hierhin, den anderen dorthin gehen läßt – und plötzlich ist das Labyrinth um einen derart gewachsen, daß man zum anderen nicht mehr zurückfindet.

Schmidt (sarkastisch): Oho, fast schon poetisch.

Foebus: Deshalb bleibe ich hier. Ich werde nicht schlafen, ich werde nichts träumen, ich werde mir nicht durch Dunkelheit künstliche Lider auf die Augen legen lassen. Ich werde mir nichts vorstellen. Denn das wahre Gesicht der Dinge ist schrecklich!

Ephebrämius (zu Schmidt): Ein unterhaltsames Exemplar, nicht war.

Schmidt (gähnt etwas): Ja, aber am Ende etwas ermüdend.

Ephebrämius: Na, dann wollen wir nach dem verwirrten Geist nun das verwilderte Fleisch in Augenschein nehmen?

Schmidt: Das ist ein Wort!

Ephebrämius (lässig in das Mikrophon): Machen sie's gut, Herr Foebus.

Ephebrämius klappt das Sichtfenster in der Zellentür zu – beide Doktoren ab.


∗ Der Sinnspruch stammt von Goethe: Entwurf einer Farbenlehre (Goethes Naturwissenschaftliche Schriften [Kürschner] Bd. 3, S. 88).