Eine konfabulierteKonfabulation ist »die Produktion von objektiv falschen Aussagen« bzw. von Märchen (lat. fabula), wobei der Konfabulierende von der Gültigkeit seiner Aussagen mehr oder weniger fest überzeugt ist. Es kann eine hirn­organische Störung zugrunde­liegen oder auch der bei Gesunden gelegentlich vorkommende Drang, sich an mehr zu erinnern, als tatsächlich der Fall ist (z.B. bei Kindheits­erinnerungen oder bei der Befragung eines Zeugen vor Gericht; es sind sog. provozierte K.).
  Die spontane K. liegt vor, wenn die Fähigkeit gestört ist, eigene Einfälle von realen Sach­verhalten zu unterscheiden. (»Patients with Korsakoff's syndrome characteristically confabulate by guessing an answer or imagining an event and then mistaking their guess or imagination for an actual memory. [Wikipedia]«
Realienkunde, ein Thesaurus, bar jeder Notwendigkeit assoziiert, eine Sammlung von Marginalien, über die im Unklaren zu bleiben, ich nicht auf mich nehmen wollte. Dem geneigten Leser im jeweiligen Kontext unterbreitet, in alphabetischer Ordnung. Anregungen für weitere Stichworte werden gerne entgegengenommen.

Stilübungen

…hat Raymond Queneau einen schmalen Band mit kurzen Texten betitelt. Es wird immer dieselbe, alltägliche Begebenheit erzählt. Verändert wird in jedem Kurztext die Erzählperspektive und eben der Stil. Ich nehme das Vorbild auf und übe öffentlich.

Sprchtlchnphysk // Sprachteilchenphysik

Ohne Verben

Ein Mann hungernd. Er aufgebrochen und jetzt bei Schlachterei. In Schlachterei Frau im Cocktailkleid. Für ihn Staunen. Frage nach Aufschnitt von der Kalbszunge, Gedanken über Frau. Mit einem Paket nach Hause zur Sättigung.

Ohne Substantive

hungrig sucht etwas zum essen nach aufstehen. hungrig geht und kommt dorthin, wo man schlachtet. findet dort, wo geschlachtet wird eine, die schlachtet und sich nicht gekleidet hat dazu. trägt vielmehr was man trägt wenn man abends ausgeht. hungrig steht und wundert sich. fragt nach dem, womit gesprochen wird, daß es aufgeschnitten wird zum sättigen. wundert sich dabei und nimmt von falsch gekleideter mit aufgeschnitten womit man spricht.

Ohne Präpositionen

Ein Mann geht. Er kommt an. Es ist eine Schlachterei. Er will Zungenaufschnitt kaufen, denn er will frühstücken. Er sieht eine Frau. Die Frau trägt ein schwarzes Kleid, keinen grünen Kittel und auch keine Plastikstiefel. Der Mann wundert sich.

Ohne Konjunktionen

Ein Mann geht. Er kommt zum Schlachter. Er bestellt Zungenwurst. Er wundert sich über eine Frau, die das Messer in der Hand hat. Sie ist keine Schlachterin. Sie ist eine Ballbesucherin, der Kleidung nach. Sie schneidet ihm die Zunge, ganz wie eine Schlachterin. Er geht zufrieden.

Ohne Vokale

n mnn wll ws zm frhstck hbn. r ght zm schlchtr. ls r grd bstlln wll, wndrt r sch shr. dnn d stht ncht dr dck schlchtr, dn r rwrtt htt, sndrn n jng fr. schnr ls zngnwrst snd hr schltrn, hnd nd hr mnd. br r bkmmt nr zngnwrst. blß hchzrt zngnwrst s wdrkrs mnd.  Ein Mann will was zum Frühstück haben. Er geht zum Schlachter. Als er grade bestellen will, wundert er sich sehr. Denn da steht nicht der dicke Schlachter, den er erwartet hatte, sondern eine junge Frau. Schöner als Zungenwurst sind ihre Schultern, Hände und ihr Mund. Aber er bekommt nur Zungenwurst. Bloß hauchzarte Zungenwurst aus Wiederkäuers Mund.

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  • Hintergrundklang

Biblisch

1Und es geschah zu dieser Zeit, daß Samson sich erhob. Es war aber früh am Morgen und sein verlangen war groß, seinen Hunger zu stillen, denn in der Nacht war er hart versucht worden. 2Und Samson sprach bei sich: Was hindert’s, daß ich mich erhebe und gehe und suche, meinem Leib sein Bedürfen zu geben? Und er erhob sich und ging. 3Es lag am Wege eine Stätte, die nannten sie: Teilershütte. Denn hier teilte einer die Tiere und bereitete daraus allerlei Speisen. Und Samson freute sich sehr.
4Der da Wohnte, dessen Name war Bar-Tholmai, und er war beliebt bei allen Leuten. Bar-Tholmai hatte aber eine Tochter, die war schön von Gestalt. Und man nannte sie: Noomi (das heißt verdeutscht: die Liebliche).
5Als aber Samson sah, wie Noomi einem Kalb die Zunge herausschnitt, da griff er sich an die Brust und begehrte die Noomi zur Frau. Er sprach zu sich: Ich will ihr nahen und sehen, wie schön sie ist. 6Als aber Samson vor Noomi stand, da entbrannte auch Noomi für Samson. Sie gab ihm die Kalbesszunge, die sie gerade geschnitten hatte und sprach: Nimm dies zum Zeichen, daß ich mich dir verloben will. 7Samson aber und Noomi planten miteinander, wie sie den Bart-Tholmai überreden könnten, daß er Samson seine Tochter zur Frau gebe. Denn sie liebten sich sehr.

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Theatralisch


Verkaufsraum einer Schlachterei. Boden und Wände sind gekachelt Es hängen Würste an den Wänden, in einem Regal steht Teewurst und Senf. Das hintere Drittel des Raumes ist durch einen Kühltresen abgeteilt, in dem Fleischstücke ausliegen, an einem Ende steht eine Kasse. An der Rückwand hinter dem Tresen eine stählerne Arbeitsfläche. Hinter dem Tresen liegt rechts ein Durchgang, der in den Schlachtraum führt. Im Vordergrund links der Eingang zur Schlachterei, durch den ein Mann im Trenchcoat eintritt.

Der Verkaufsraum ist leer. Man hört von den hinteren Räumen eine Frauenstimme, die vergnügt trällert.

Mann (geht zögernd in Richtung Tresen, lauscht): Entschuldigung?

Die Frau trällert unverändert weiter.

Der Mann kratzt sich unentschlossen am Kopf. Er steckt die Hand in eine Tasche seines Trenchcoats und wühlt eine weile darin. Er zieht schließlich ein rosafarbenes Stoffschwein hervor und hält es sich vor das Gesicht.

Mann (zum Schwein): Sie hört mich nicht, Oswald. (Lauscht. In den Raum:) Hallo, entschuldigung? (Wieder zum Schwein:) Nichts. Scheint aber ein fröhlicher Ort zu sein, hier.

Durch leichten Druck auf das Schwein kann der Mann quietschende Töne hervorbringen. Schwein (zustimmend): Quiik.

Aus dem Durchgang hinter dem Tresen taucht plötzlich die trällernde Frau auf. Sie trägt ein knappes, figurbetontes Cocktailkleid. In der Hand hält sie ein Messer. Sie dreht hinter dem Tresen Pirouetten, hat dabei das Messer hoch über den Kopf erhoben.

Frau (singend): Warm ist das Blut,
heiß ist das Sterben
Und bald singt die Säge,
Es soll nichts verderben
In Kehlen und Mägen
Schneide ich Klüften
Ja, das ist mein Leben
Und so lebt sich’s gut!

Sie hält inne, entdeckt den Mann und verstummt. Sie blickt ihn eindringlich-forschend an.

Mann (unsicher): Gibt es hier Fleisch?

Die Frau kiechert. Dann beschwörend: Filet aus dem Nacken und Steak aus der Schulter, Tafelspitz und auch Tartar, Herz für die Pfanne, Lunge haschiert, Wurst deren Pelle den Inhalt kaschiert.

Schwein (ängstlich): Qw-qw-quik.

Frau (blickt interessiert auf das Schwein): Aha.

Mann (unsicher): Ich hätte, ich würde, ich bitte…

Frau: Ich sehe, sie brauchen noch Zeit. (Geht nach hinten, im gehen:) Zeit, ein wenig noch. Und dann zum Schluß besonders lieb, besonders teuer.

Mann (zum Schwein): Was wollte ich haben? Wohin ist der Fleischer verschwunden, der hier sonst am Tresen stand? Diese Frau bringt mich ganz durcheinander. Was will sie. Was tut sie. Und was wollte ich haben?

Schwein (eindringlich): Quieek.

Mann (ungeduldig): Nein, ich brauche etwas für’s Frühstück. Dir wird schon nichts passieren. Soll ich denn mein Brot nur mit Butter essen? (Hat das Regal entdeckt.) Vielleicht Teewurst, ich könnte das Geld auf den Tresen. Und dann schnell hier raus – –

Die Frau kommt zurück, energisch ausschreitend. Ihre Arme sind bis zu den Schultern blutverschmiert, auch im Gesicht sind Spritzer. Sie trägt jetzt hohe, weiße Gummistiefel, an denen Blut klebt.

Frau (beschwörend): Rippen knacken, wenn sie springen und ins dunkel fällt das Licht. Aus der Höhle grab das Herze, grab es aus und mach es frei!

Mit einem Herz in der Hand entdeckt sie den Mann.

Frau: Ach, da sind sie ja noch. Was wollen sie haben? Heraus mit der Sprache!

Mann: Ich, ach, also. (In seiner Hand zittert quietschend das Schwein.) Ich, Corne-Koch-Räucher… (Die Frau macht anstalten, hinter dem Tresen hervorzukommen.) Roast-Roß-Ziege-Zunge! Zungenwurst! Ich will unbedingt Zunge! Aufschnitt. Ja! Scheiden sie, schneiden sie eine Zunge. Schneiden sie Scheiben ab, zarte Scheiben. Das will ich!

Frau (sehr freundlich): Gern, der Herr.

Sie greift in die Theke, wendet dem Mann den Rücken zu und man hört, wie sie mit dem Messer hantiert.

Das Schwein macht sehr aufgeregte Geräusche.

Mann (zum Schwein): Jetzt gib Ruhe! Ruhe sag ich! Hab dich nicht so. Ich bekomme jetzt Zunge, Zunge habe ich noch nie gegessen. Jetzt werde ich sehen, wie Zunge auf der Zunge zergeht. (Er lacht schallend – die Frau stimmt mit ein.)

Die Frau ist fertig und hat den Aufschnitt schon eingepackt.

Frau (gezuckert): Also, der Herr, ihre Zunge, bittesehr!

Sie geht zur Kasse und beugt sich aufreizend etwas vor.

Mann: Ja, danke, dankesehr. Wissen sie, es ist das erste mal, das erste mal, daß ich Zunge – –

Frau: Das geht jedem so. Es wird ihnen gefallen. Das kann ich ihnen versprechen, oh ja.

Mann: Nun gut. Also was kann ich ihnen geben. Ich meine, was macht das?

Frau (sachlich): Das Schwein!

Schwein (erstickt): Quiek!

Mann: Nein!

Frau (streicht ihm mit einem blutigen Finger zärtlich über die Wange): Das ist mein Lohn,
Das ist mein Verlangen,
Ich weiß, es ist schwer,
Doch geb es nur her,
Du wirst es mir geben,
Das sehe ich schon.

Der Mann steht reglos. Nur die Hand, in der das Schwein steckt, zittert. Nach einer Weile streckt er mechanisch den Arm vor und hält der Frau das Schwein auf seiner Handfläche hin. Die Frau schnappt das Schwein und lächelt ihn mädchenhaft-schelmisch an. Sie hält sich das Schwein vor’s Gesicht.

Frau (zum Schwein): Sch-sch-sch. Brauchst keine Angst zu haben.

Sie fängt an zu trällern und geht tanzend nach hinten ab.

Der Mann steht noch einen Moment am Tresen. Er nimmt sein blutverschmiertes Paket an sich, geht langsam zur Ladentür.

Mann: Aufschnitt von der Zunge, sehr zart. (In den leeren Raum:) Leb wohl!

Er verläßt den Laden schweigend.

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2. Ausgangstext, Variante b
3. Sprchtlchnphysk // Sprachteilchenphysik
4. Fast Frieden
5. Persephone am Tresen
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