
Verkaufsraum einer Schlachterei. Boden und Wände sind gekachelt Es hängen Würste an den Wänden, in einem Regal steht Teewurst und Senf. Das hintere Drittel des Raumes ist durch einen Kühltresen abgeteilt, in dem Fleischstücke ausliegen, an einem Ende steht eine Kasse. An der Rückwand hinter dem Tresen eine stählerne Arbeitsfläche. Hinter dem Tresen liegt rechts ein Durchgang, der in den Schlachtraum führt. Im Vordergrund links der Eingang zur Schlachterei, durch den ein Mann im Trenchcoat eintritt.
Der Verkaufsraum ist leer. Man hört von den hinteren Räumen eine Frauenstimme, die vergnügt trällert.
Mann (geht zögernd in Richtung Tresen, lauscht): Entschuldigung?
Die Frau trällert unverändert weiter.
Der Mann kratzt sich unentschlossen am Kopf. Er steckt die Hand in eine Tasche seines Trenchcoats und wühlt eine weile darin. Er zieht schließlich ein rosafarbenes Stoffschwein hervor und hält es sich vor das Gesicht.
Mann (zum Schwein): Sie hört mich nicht, Oswald. (Lauscht. In den Raum:) Hallo, entschuldigung? (Wieder zum Schwein:) Nichts. Scheint aber ein fröhlicher Ort zu sein, hier.
Durch leichten Druck auf das Schwein kann der Mann quietschende Töne hervorbringen. Schwein (zustimmend): Quiik.
Aus dem Durchgang hinter dem Tresen taucht plötzlich die trällernde Frau auf. Sie trägt ein knappes, figurbetontes Cocktailkleid. In der Hand hält sie ein Messer. Sie dreht hinter dem Tresen Pirouetten, hat dabei das Messer hoch über den Kopf erhoben.
Frau (singend): Warm ist das Blut,
heiß ist das Sterben
Und bald singt die Säge,
Es soll nichts verderben
In Kehlen und Mägen
Schneide ich Klüften
Ja, das ist mein Leben
Und so lebt sich’s gut!
Sie hält inne, entdeckt den Mann und verstummt. Sie blickt ihn eindringlich-forschend an.
Mann (unsicher): Gibt es hier Fleisch?
Die Frau kiechert. Dann beschwörend: Filet aus dem Nacken und Steak aus der Schulter, Tafelspitz und auch Tartar, Herz für die Pfanne, Lunge haschiert, Wurst deren Pelle den Inhalt kaschiert.
Schwein (ängstlich): Qw-qw-quik.
Frau (blickt interessiert auf das Schwein): Aha.
Mann (unsicher): Ich hätte, ich würde, ich bitte…
Frau: Ich sehe, sie brauchen noch Zeit. (Geht nach hinten, im gehen:) Zeit, ein wenig noch. Und dann zum Schluß besonders lieb, besonders teuer.
Mann (zum Schwein): Was wollte ich haben? Wohin ist der Fleischer verschwunden, der hier sonst am Tresen stand? Diese Frau bringt mich ganz durcheinander. Was will sie. Was tut sie. Und was wollte ich haben?
Schwein (eindringlich): Quieek.
Mann (ungeduldig): Nein, ich brauche etwas für’s Frühstück. Dir wird schon nichts passieren. Soll ich denn mein Brot nur mit Butter essen? (Hat das Regal entdeckt.) Vielleicht Teewurst, ich könnte das Geld auf den Tresen. Und dann schnell hier raus – –
Die Frau kommt zurück, energisch ausschreitend. Ihre Arme sind bis zu den Schultern blutverschmiert, auch im Gesicht sind Spritzer. Sie trägt jetzt hohe, weiße Gummistiefel, an denen Blut klebt.
Frau (beschwörend): Rippen knacken, wenn sie springen und ins dunkel fällt das Licht. Aus der Höhle grab das Herze, grab es aus und mach es frei!
Mit einem Herz in der Hand entdeckt sie den Mann.
Frau: Ach, da sind sie ja noch. Was wollen sie haben? Heraus mit der Sprache!
Mann: Ich, ach, also. (In seiner Hand zittert quietschend das Schwein.) Ich, Corne-Koch-Räucher… (Die Frau macht anstalten, hinter dem Tresen hervorzukommen.) Roast-Roß-Ziege-Zunge! Zungenwurst! Ich will unbedingt Zunge! Aufschnitt. Ja! Scheiden sie, schneiden sie eine Zunge. Schneiden sie Scheiben ab, zarte Scheiben. Das will ich!
Frau (sehr freundlich): Gern, der Herr.
Sie greift in die Theke, wendet dem Mann den Rücken zu und man hört, wie sie mit dem Messer hantiert.
Das Schwein macht sehr aufgeregte Geräusche.
Mann (zum Schwein): Jetzt gib Ruhe! Ruhe sag ich! Hab dich nicht so. Ich bekomme jetzt Zunge, Zunge habe ich noch nie gegessen. Jetzt werde ich sehen, wie Zunge auf der Zunge zergeht. (Er lacht schallend – die Frau stimmt mit ein.)
Die Frau ist fertig und hat den Aufschnitt schon eingepackt.
Frau (gezuckert): Also, der Herr, ihre Zunge, bittesehr!
Sie geht zur Kasse und beugt sich aufreizend etwas vor.
Mann: Ja, danke, dankesehr. Wissen sie, es ist das erste mal, das erste mal, daß ich Zunge – –
Frau: Das geht jedem so. Es wird ihnen gefallen. Das kann ich ihnen versprechen, oh ja.
Mann: Nun gut. Also was kann ich ihnen geben. Ich meine, was macht das?
Frau (sachlich): Das Schwein!
Schwein (erstickt): Quiek!
Mann: Nein!
Frau (streicht ihm mit einem blutigen Finger zärtlich über die Wange): Das ist mein Lohn,
Das ist mein Verlangen,
Ich weiß, es ist schwer,
Doch geb es nur her,
Du wirst es mir geben,
Das sehe ich schon.
Der Mann steht reglos. Nur die Hand, in der das Schwein steckt, zittert. Nach einer Weile streckt er mechanisch den Arm vor und hält der Frau das Schwein auf seiner Handfläche hin. Die Frau schnappt das Schwein und lächelt ihn mädchenhaft-schelmisch an. Sie hält sich das Schwein vor’s Gesicht.
Frau (zum Schwein): Sch-sch-sch. Brauchst keine Angst zu haben.
Sie fängt an zu trällern und geht tanzend nach hinten ab.
Der Mann steht noch einen Moment am Tresen. Er nimmt sein blutverschmiertes Paket an sich, geht langsam zur Ladentür.
Mann: Aufschnitt von der Zunge, sehr zart. (In den leeren Raum:) Leb wohl!
Er verläßt den Laden schweigend.










