Es ist später Abend. Cornelius setzt einen Fuß auf die Treppe, zieht den anderen nach vorn. Klammert sich an die Stange, an der Stange irgendein zäher Schmutz, ein üppiger Tropfen, der so langsam herabläuft, daß man es nicht sehen kann. Beeilen sie sich, ich will aussteigen! durchschneidet einer die Beobachtung. Cornelius setzt seinen Fuß auf den Bahnsteig. Die Nacht ist kalt und ein Windstoß verursacht, daß Cornelius seinen Mantel schließt. Und nun, wohin? Es braucht immer eine Richtung, immer, auch jetzt, auch hier. Aber Cornelius hat sich entschlossen zu fallen und ist gesegnet wegen seines Entschlusses, das Stolpern nicht fürchten zu müssen. Also geht Cornelius am Bahnhofsgebäude vorbei, hinein in die breiteste Straße und geradeaus, denn immer kommt man irgendwo an. Denn leider ist die Welt eine Kugel und es gibt keinen Rand und mich vom Haus zu stürzen habe ich nicht die Unverfrorenheit, denkt Cornelius.
Langsam wechseln die Häuser an der Straße die Plätze, ein Spiel, sich über ihn Lustig zu machen. Häuser, die sie zu einem ärmlichen Landstrich gehören. Eine Kreissäge auf dem Hof, ein gewaltiger Hammer und dort, eine Egge abgestellt, der Mond hat sein Licht auf die Dolche gegossen, die Pflöcke aus Stahl, die scharfen Zähne. Der Wanderer kann seinen Blick nicht lassen vom Silberglanz und stellt sich vor, wie die Egge den Schoß der Erde zerreißt, wie sie sich hineinwühlt in den Boden mit ihren tausend Klauenfingern.
Und da ist auch dieser Hof vorbeigezogen und es wird immer einsamer um ihn, noch ein Licht dort hinten. Jetzt neben ihm und nun ist schon sein Schatten vor ihn hingestreckt und hebt zugleich mit Cornelius schlurfend die Füße. Die Straße macht eine Biegung und dahinter verschwindet das letzte Licht. Es ist über seiner Wanderung tiefe Nacht geworden und der Asphalt vor ihm ist vom Himmel nur durch die Abwesenheit von Sternen unterschieden. So schwarz ist alles, aber man ist ja erwachsen, denkt Cornelius und gibt dem letzten Wort einen galligen Klang.
Er zieht sich weiter vorwärts, er, der Esel und der Treiber zugleich, und findet Genugtuung, sich zu schinden, sich am Rand der Klippe gehen zu lassen, genießt es, an sich die Zeichen der Furcht zu entdecken. Noch weiter will er hinaus, an den Rand, auf den Grat, an den Abgrund, um sich selbst zittern zu sehen. Solches erwägt Cornelius und, als sich ein Waldweg zur rechten auftut, treibt er sich hinein. Hier machen seine Füße kein Geräusch. Der Wanderer freut sich darüber, wie sich der Waldboden an ihn schmiegt, hinterhältig zärtlich. Moos und Holzfasern, Nadeln und Asseln federn seinen Schritt und nach drei mal dreihundert Schritten steht er tief im Wald. Cornelius bestaunt mit angehaltenem Atem die Stille. Er hat seinen Kopf bis zum äußersten nach hinten gebogen und starrt ohne Fassung an den Stämmen empor. Über ihm ein Meer aus Dunkelheiten und nur dort hinten sticht der Mond hinein, er hat die Farbe frischer Knochen.
Und um den Wanderer erstreckt sich eine Kathedrale mit verschlungenen Seitenschiffen und Kreuzgängen, die einander überlagern und umzingeln, die durcheinandergehen in der Absicht, unentdeckt zu bleiben. Wohin er den Kopf dreht, verwirrt sich Cornelius Blick zwischen den Stämmen im Labyrith der Gänge. Und da ist eine dunkle Wand, ein Umriß bloß, dessen Grenze in die Dunkelheit verschwimmt, ein Altar vielleicht, wenn dies eine Kathedrale ist. Der Wind fährt unter das Gewölbe und von überallher flüstert es dem Wanderer zu: Falscher Weg. Irrtum. Du versinkst. Du kommst nicht heraus. So klingt es ihm in den Ohren und er spricht mit lauter Stimme darüber hinweg, er mahnt sich zur Ruhe, er geht hart ins Gericht mit sich, das ist nur der Wind.
Eine zarte Hand fährt Cornelius über den Nacken mit spitzen Fingern. Es ist eine bleiche Erinnerung, die ihn nach langer Zeit hier wiederfindet, er ist hier leicht zu finden. Er denkt an die Ängste eines längst vergangenen Kindes. Er stellt sich vor: dort hinten ist ein Schatten, der sich bewegt. Und der Wanderer sieht, weit hinten in einem der Gänge, dort, wo er gerade nichts mehr sehen kann, er sieht den Schatten, der noch reglos steht. Aber dort ist nichts, nur Dunkelheit. Aber doch: dunkler an einer Stelle, weiter links nun und es kommt auf ihn zu. Aber war da nicht hinter ihm ein Knurren? Cornelius will es nicht glauben, aber er rennt. Und hält sich an mit Gewalt. Das Kind bin ich nicht mehr und hier ist nichts als ein Wald. Aber Cornelius hat gespürt: wie die bleiche Hand in seinen Nacken gelegt ist, wie sie die Nägel ihm, zurückhaltend noch, in die Haut gräbt. Wenn er nachgibt, dann wird ihn hier nichts retten. Die Mutter ist längst tot. Und er ist weiter gegangen, als ein Kind es könnte. Da hinten ist der Schatten, er springt von Baum zu Baum. Und in den Beinen, den Beinen des Wanderers, ist plötzlich ein Rennen und auf seiner Haut ist die Angst.
Cornelius hört ein Schluchzen, das ihm aus dem Halse dringt. Er hört, wie jeder Atemzug ihm schrill in die Lungen springt. Und die Schatten springen hinter jedem Stumpf hervor. Cornelius wird am Fuß gepackt und niedergerissen. Bevor er es weiß, steht er wieder und rennt, rennt an Bäume, rennt in Büsche und ritzt sich die Haut. Er hört an der Grenze seiner Sicht ein Heulen und er ist es selbst, der heult. Es ist niemand bei ihm als bloß das Kind, das er war und das ihm jetzt von der Dunkelheit flüstert und ihm eingibt, was sie enthält. So geht seine Flucht bis irgendwann der Schatten ihn stellt. Er sieht ihn vor sich, eine Umarmung entfernt. Der Schatten springt und Cornelius verliert sich selbst.
Am Morgen dann, als er auf dem klammen Moos erwacht: sieht er die Sonne. Und findet sich selbst doch nicht wieder. Und von seinem Weinen hört er nichts.



