Eine konfabulierteKonfabulation ist »die Produktion von objektiv falschen Aussagen« bzw. von Märchen (lat. fabula), wobei der Konfabulierende von der Gültigkeit seiner Aussagen mehr oder weniger fest überzeugt ist. Es kann eine hirn­organische Störung zugrunde­liegen oder auch der bei Gesunden gelegentlich vorkommende Drang, sich an mehr zu erinnern, als tatsächlich der Fall ist (z.B. bei Kindheits­erinnerungen oder bei der Befragung eines Zeugen vor Gericht; es sind sog. provozierte K.).
  Die spontane K. liegt vor, wenn die Fähigkeit gestört ist, eigene Einfälle von realen Sach­verhalten zu unterscheiden. (»Patients with Korsakoff's syndrome characteristically confabulate by guessing an answer or imagining an event and then mistaking their guess or imagination for an actual memory. [Wikipedia]«
Realienkunde, ein Thesaurus, bar jeder Notwendigkeit assoziiert, eine Sammlung von Marginalien, über die im Unklaren zu bleiben, ich nicht auf mich nehmen wollte. Dem geneigten Leser im jeweiligen Kontext unterbreitet, in alphabetischer Ordnung. Anregungen für weitere Stichworte werden gerne entgegengenommen.

Unter Albdruck

Es ist später Abend. Cornelius setzt einen Fuß auf die Treppe, zieht den anderen nach vorn. Klammert sich an die Stange, an der Stange irgendein zäher Schmutz, ein üppiger Tropfen, der so langsam herabläuft, daß man es nicht sehen kann. Beeilen sie sich, ich will aussteigen! durchschneidet einer die Beobachtung. Cornelius setzt seinen Fuß auf den Bahnsteig. Die Nacht ist kalt und ein Windstoß verursacht, daß Cornelius seinen Mantel schließt. Und nun, wohin? Es braucht immer eine Richtung, immer, auch jetzt, auch hier. Aber Cornelius hat sich entschlossen zu fallen und ist gesegnet wegen seines Entschlusses, das Stolpern nicht fürchten zu müssen. Also geht Cornelius am Bahnhofsgebäude vorbei, hinein in die breiteste Straße und geradeaus, denn immer kommt man irgendwo an. Denn leider ist die Welt eine Kugel und es gibt keinen Rand und mich vom Haus zu stürzen habe ich nicht die Unverfrorenheit, denkt Cornelius.

Langsam wechseln die Häuser an der Straße die Plätze, ein Spiel, sich über ihn Lustig zu machen. Häuser, die sie zu einem ärmlichen Landstrich gehören. Eine Kreissäge auf dem Hof, ein gewaltiger Hammer und dort, eine Egge abgestellt, der Mond hat sein Licht auf die Dolche gegossen, die Pflöcke aus Stahl, die scharfen Zähne. Der Wanderer kann seinen Blick nicht lassen vom Silberglanz und stellt sich vor, wie die Egge den Schoß der Erde zerreißt, wie sie sich hineinwühlt in den Boden mit ihren tausend Klauenfingern.

Und da ist auch dieser Hof vorbeigezogen und es wird immer einsamer um ihn, noch ein Licht dort hinten. Jetzt neben ihm und nun ist schon sein Schatten vor ihn hingestreckt und hebt zugleich mit Cornelius schlurfend die Füße. Die Straße macht eine Biegung und dahinter verschwindet das letzte Licht. Es ist über seiner Wanderung tiefe Nacht geworden und der Asphalt vor ihm ist vom Himmel nur durch die Abwesenheit von Sternen unterschieden. So schwarz ist alles, aber man ist ja erwachsen, denkt Cornelius und gibt dem letzten Wort einen galligen Klang.

Er zieht sich weiter vorwärts, er, der Esel und der Treiber zugleich, und findet Genugtuung, sich zu schinden, sich am Rand der Klippe gehen zu lassen, genießt es, an sich die Zeichen der Furcht zu entdecken. Noch weiter will er hinaus, an den Rand, auf den Grat, an den Abgrund, um sich selbst zittern zu sehen. Solches erwägt Cornelius und, als sich ein Waldweg zur rechten auftut, treibt er sich hinein. Hier machen seine Füße kein Geräusch. Der Wanderer freut sich darüber, wie sich der Waldboden an ihn schmiegt, hinterhältig zärtlich. Moos und Holzfasern, Nadeln und Asseln federn seinen Schritt und nach drei mal dreihundert Schritten steht er tief im Wald. Cornelius bestaunt mit angehaltenem Atem die Stille. Er hat seinen Kopf bis zum äußersten nach hinten gebogen und starrt ohne Fassung an den Stämmen empor. Über ihm ein Meer aus Dunkelheiten und nur dort hinten sticht der Mond hinein, er hat die Farbe frischer Knochen.

Und um den Wanderer erstreckt sich eine Kathedrale mit verschlungenen Seitenschiffen und Kreuzgängen, die einander überlagern und umzingeln, die durcheinandergehen in der Absicht, unentdeckt zu bleiben. Wohin er den Kopf dreht, verwirrt sich Cornelius Blick zwischen den Stämmen im Labyrith der Gänge. Und da ist eine dunkle Wand, ein Umriß bloß, dessen Grenze in die Dunkelheit verschwimmt, ein Altar vielleicht, wenn dies eine Kathedrale ist. Der Wind fährt unter das Gewölbe und von überallher flüstert es dem Wanderer zu: Falscher Weg. Irrtum. Du versinkst. Du kommst nicht heraus. So klingt es ihm in den Ohren und er spricht mit lauter Stimme darüber hinweg, er mahnt sich zur Ruhe, er geht hart ins Gericht mit sich, das ist nur der Wind.

Eine zarte Hand fährt Cornelius über den Nacken mit spitzen Fingern. Es ist eine bleiche Erinnerung, die ihn nach langer Zeit hier wiederfindet, er ist hier leicht zu finden. Er denkt an die Ängste eines längst vergangenen Kindes. Er stellt sich vor: dort hinten ist ein Schatten, der sich bewegt. Und der Wanderer sieht, weit hinten in einem der Gänge, dort, wo er gerade nichts mehr sehen kann, er sieht den Schatten, der noch reglos steht. Aber dort ist nichts, nur Dunkelheit. Aber doch: dunkler an einer Stelle, weiter links nun und es kommt auf ihn zu. Aber war da nicht hinter ihm ein Knurren? Cornelius will es nicht glauben, aber er rennt. Und hält sich an mit Gewalt. Das Kind bin ich nicht mehr und hier ist nichts als ein Wald. Aber Cornelius hat gespürt: wie die bleiche Hand in seinen Nacken gelegt ist, wie sie die Nägel ihm, zurückhaltend noch, in die Haut gräbt. Wenn er nachgibt, dann wird ihn hier nichts retten. Die Mutter ist längst tot. Und er ist weiter gegangen, als ein Kind es könnte. Da hinten ist der Schatten, er springt von Baum zu Baum. Und in den Beinen, den Beinen des Wanderers, ist plötzlich ein Rennen und auf seiner Haut ist die Angst.

Cornelius hört ein Schluchzen, das ihm aus dem Halse dringt. Er hört, wie jeder Atemzug ihm schrill in die Lungen springt. Und die Schatten springen hinter jedem Stumpf hervor. Cornelius wird am Fuß gepackt und niedergerissen. Bevor er es weiß, steht er wieder und rennt, rennt an Bäume, rennt in Büsche und ritzt sich die Haut. Er hört an der Grenze seiner Sicht ein Heulen und er ist es selbst, der heult. Es ist niemand bei ihm als bloß das Kind, das er war und das ihm jetzt von der Dunkelheit flüstert und ihm eingibt, was sie enthält. So geht seine Flucht bis irgendwann der Schatten ihn stellt. Er sieht ihn vor sich, eine Umarmung entfernt. Der Schatten springt und Cornelius verliert sich selbst.

Am Morgen dann, als er auf dem klammen Moos erwacht: sieht er die Sonne. Und findet sich selbst doch nicht wieder. Und von seinem Weinen hört er nichts.

Veröffentlicht in Stilübungen | Getagged , , , , , | Kommentieren
-->
  • Hintergrundklang

Dialog

»Guten Morgen, Herr Strasser«, begrüßte ihn die Sprechstundenhilfe und Edwin war angenehm überrascht. Sonst war sie viel weniger freundlich. Es lag wohl daran, daß er so häufig in die Praxis gekommen war in den letzten Wochen. Er hatte hier wohl endlich einen Eindruck hinterlassen, sogar bei dieser sonst so barschen Person. Edwin beeielte sich, sehr artig mit dem Kopf zu nicken. »Ja, guten Morgen, guten Morgen ihnen auch!«
»Wenn sie bitte noch im Wartezimmer Platz nehmen würden.«
Da war doch wieder diese Ungeduld bei der dicken, pockennarbigen Frau hinterm Tresen. Ihre fleischige Hand, vor der sich Edwin ekelte, wies in Richtung des Wartezimmers. Gut nur, daß sie nicht bei den Untersuchungen dabei war.

Edwin öffnete die Tür zum Wartezimmer. Sie war verzogen und Edwin versuchte bei jedem neuen Arzttermin wieder, sie geräuschlos zu öffnen. Das war schlichtweg nicht möglich. Auch heute gab es ein Knirschen, als er die Klinke drückte und dann ein Knallen, als die durchgebogene Tür aufsprang. Edwin hatte sich schon sein »Guten Morgen« zurechtgelegt, kam aber nicht dazu. Die zwei Patienten, die auf den braunen Plastikstühlen saßen, waren mitten im Gespräch. Edwin wagte nur zu nicken; es gehörte sich schließlich nicht, ein Gespräch zu stören.

»Und wissen sie«, sagte eine magere, weißhaarige und offenbar sehr alte Frau, »dann ist da immer dieser Schwindel.«
»Oh, oh!« Ein sehr kleiner Mann, der seinen Hut aufbehalten hatte, nickte sehr eifirg, als er diese Geräusche produzierte. »Das ist eine schlimme Sache, das kenne ich,« fuhr er mit krächzender Stimme fort.
»Und sie?«, war nun die Frage, von der Alten an das Männchen gerichtet. Edwin setzte sich ganz langsam, um keine störenden Geräusche zu machen, auch wenn er sich wünschte, jemand würde den beiden den Mund verbieten.
»Ach, wissen sie, das ist ja so ein Männerproblem…«, das Männchen schwieg und fummelte an seinen Fingern, unschlüssig, ob er weitererzählen dürfe. Edwin räusperte sich. Solche Distanzlosigkeiten waren ihm verhaßt. Soetwas kann man doch mit dem Arzt besprechen, dachte er und knirschte ein bißchen mit den Zähnen, das muß man doch nicht allen ins Gesicht sagen. Aber keiner der beiden laß seine Gedanken oder die sparsam dosierte Verstimmung in seinem Gesicht.
Das Männchen hatte sich ein Herz gefaßt und erzählte von seiner Vorsteherdrüse. Edwin wollte gerade nervös nach irgendeinem Magazin greifen, als der Arzt persönlich mit Knirschen und Knallen in der Tür des Warteraums auftauchte.
»Herr Strasser bitte!«
Edwin lächelte dem Männchen und der Alten giftig seinen Triumpf entgegen. Er war zuerst dran. Tja, wenn man immer pünktlich war. Und ich werde von Doktor Tobler persönlich abgeholt. Das will ich auch meinen, der Mann weiß ein angenehmes Gegenüber zu schätzen.

Der Arzt führte Ediwn in sein Sprechzimmer und Edwin nahm vor dem schwarzen Schreibtisch platz. Er mochte diesen Schreibtisch: er war immer vorbildlich aufgeräumt. Doktor Tobler ließ sich in seinen Ledersessel fallen und erzeugte dabei ein organisches Zischen, das aus den Polstern drang und Edwin jedesmal wieder unangenehm war.
»Nun, Herr Strasser.«
Edwin faßte sich ein Herz. »Also, Herr Doktor, nochmal wegen der Tabletten.«
»Herr Strasser…«
»Ich wollte ja nur sagen, meistens geht es mir ja ganz prächtig.« Edwin lachte verlegen. »Vielleicht nur für die Tage, an denen mein Kopf mir solche Beschwerden macht – es gibt doch bestimmt etwas stärkere Kopfschmerztabletten. Sowas wie Aspirin vielleicht? Wenn sie mir sowas verscheiben würden?« Der Arzt machte ein abweisendes Gesicht und Edwin verstummte.
»Herr Strasser, wir haben ja schon einige Untersuchungen gemacht…«
»Ja, ich danke ihnen auch sehr für ihre Bemühungen, Herr Doktor.«
»Es ist doch besorgniserregend.«
Edwin fühlte es wie eine Welle durch seinen Körper gehen. Was machte dieser Arzt für ein unnötiges Aufsehen um Kopfschmerzen? Das konnte doch mal vorkommen.
»Ja, Herr Doktor, man muß ja nicht gleich.«
Der Arzt machte eine ungeduldige Handbewegung und Edwin wurde wieder still.
»Mit ihren Symptomen sollte man keine Scherze machen.«
»Aber ich mache keinen Scherz, Herr Doktor, niemals. Aber es waren doch jetzt schon so viele Untersuchungen.«
»Ich versuche ihnen ja gerade zu sagen, daß…« hatte der Arzt begonnen, davor hatte er tief Luft geholt. Er hatte Edwin damit eine leichte Übelkeit verursacht.
»Also machen wir noch eine Untersuchung?«, beeilte sich Edwin vorzuschlagen.
Nun trat eine Pause ein. Der Arzt starrte Edwin an und trommelte dabei mit seinem Bleistift auf den Schreibitsch. Edwin hatte etwas Schmutz unter einem Fingernagel entdeckt und widmete sich ganz seiner Entdeckung.
»Ja, wie sie meinen,« brach der Arzt das Schweigen. Ihn hatte der Mut verlassen. »Dafür müssen sie aber ins Krankenhaus.«
»Ja, Herr Doktor, wie sie meinen. Sie sind ja der Arzt. Ich will da gar nichts sagen.«
»Herr Strasser, wollen sie denn gar nichts über die Ergebnisse erfahren?«
»Nein!« kam es aus Edwin hervor mit einer Heftigkeit, die ihn überraschte. Der Arzt beobachtete Edwin. Edwin hielt dem Blick einen Herzschlag stand, starrte dann auf seinen Fingernagel und setzte seine Säuberung fort. So vergingen einige Sekunden. Edwin bemerkte ein sonderbares Zucken in seinem Augenwinkel.
»Wissen sie, ich habe gar keine Kopfschmerzen,« sagte Edwin wie ein Schüler, der gerade in einer Prüfung durchgefallen ist. »Vielleicht gibt es sich ja von selbst.«
Doktor Tobler seufzte bloß geschlagen. Mit einem Knacken zog er die Kappe von seinem Füller und kratzte etwas auf ein Formular.
»Hier«, lassen sie sich von Frau Warnke einen Stempel geben, »das ist eine Einweisung für eine Fachklinik.«
Edwin erhob sich halb, verharrte in dieser Position, starrte dem Arzt ins Gesicht, klappte den Mund auf.
»Nun?«, fragte der Arzt plötzlich unwirsch.
»Zu Frau Warnke, danke, sicherlich. Danke. Guten Tag auch.«

Als Edwin vor der Praxis auf dem Bürgersteig stand, bemerkte er, daß er seinen Mantel im Wartezimmer vergessen hatte. Er hatte sich schon umgedreht und den Finger auf zum Klingelbrett gehoben. Dann aber drehte ihn etwas wieder fort von der Tür. Seine Beine gingen los, ohne das er es recht wollte, etwas schneller als es seine Gewohnheit war, und schlugen den Weg ins Büro ein. Dort wenigstens würde er sicher sein.

Veröffentlicht in Stilübungen | Getagged | Kommentieren
-->

Redundant

Ein Mann. Ein Mann geht. Er geht um einzukaufen. Ein Mann erreicht nach einiger Zeit des Gehens einen Laden, in dem er einkaufen möchte. Ein Mann betritt eine Fleischerei, um einzukaufen, ein kurzer Fußweg liegt hinter ihm. In einer Fleischerei tritt ein Mann vor den Ladentresen, in dem die Waren ausliegen, auf die das Kaufinteresse des Mannes gerichtet ist. Ein Mann, der schon auf dem Weg seinen Kaufentschluss gefasst hatte, will Zungenwurst kaufen und steht vor dem Tresen. Ein Mann, mit dem Sinn auf Zungenfleisch gerichtet, sieht eine Frau. Der Mann sieht hinter den Wurstwaren, über die er bislang nachgedacht hatte, eine Frau in einem schwarzen Kleid. Der Mann sieht, weil das Kleid sehr kurz ist, die Beine der Frau hinter den Würsten. Der Mann bestellt, obwohl er nun anderes im Sinn hat, Aufschnitt von der Zunge. Der Mann beobachtet die Frau, die nur mit einem schwarzen Cocktailkleid bekleidet ist, wie sie mit einem langen Messer Scheiben von einer Kalbszunge abtrennt, die der Mann kaufen wollte und deshalb einen Fußweg bis zur Fleischerei gemacht hat. Dem Mann, der Zungenaufschnitt kaufen wollte, wird ein Paket mit über den Tresen gereicht von einer schmalen Frauenhand. Ein Mann, den Blick auf einen bloßen Frauenarm gerichtet, steckt die Zungenwurst ein. Ein Mann, der nur schnell Zungenwurst kaufen wollte, steht unschlüssig in einer Fleischerei, in der eine wenig bekleidete Frau hinter einer Ecke verschwindet. Ein Mann, der an eine Frau im Cocktailkleid denkt, trägt Zungenwurst nach Hause.

Veröffentlicht in Stilübungen | Getagged | Kommentieren
2. Sprchtlchnphysk // Sprachteilchenphysik
3. Theatralisch
4. In tenebris
5. Persephone am Tresen
-->